Dominikanische Republik Alleinerziehend im Macho-Land

Der Eimer und der Wasserhahn in Kniehöhe sagen mehr über Melissas Leben aus als ihr Job im Internet-Café in der für Touristen herausgeputzten Altstadt von Santo Domingo. Viel mehr auch als ihr Faible für schicke Klamotten.

Melissa, mit schulterlangen Haaren und einer winzigen Zahnlücke wie bei Madonna, trägt einen Shakira-Hüftgürtel aus Patchwork-Leder. Wie all die anderen jungen hübschen Hauptstädterinnen auch. In der Fußgängerzone El Conde werden solche Accessoires an Straßenständen verkauft. "Lass uns bummeln gehen", sagt die immer gut gelaunte Melissa und zieht ihre Freundin Diurie in den Abend hinaus.

Es ist 18 Uhr, adrett sehen die beiden aus, nach einem anstrengenden Arbeitstag. Nie würde jemand ahnen, dass Melissa Dolores nur diesen Eimer unter freiem Himmel und den Wasserhahn in Kniehöhe hat, um sich morgens zu waschen. Die Waschgelegenheit befindet sich in einem schmuddeligen Durchgang zwischen dem Colmado, dem Tante-Emma-Laden ihres Vaters, und dem Verschlag, den sie mit vier Geschwistern und ihrer fünfjährigen Tochter Jessica teilt.

Melissa ist eine typische Dominikanerin: 26, ledig, Mutter. Sie hat nicht nur ihr Kind zu versorgen, sondern auch die arbeitslose Hälfte ihres Familienclans. Melissa, der gute Geist aus dem Internet-Café, der für amerikanische Studentinnen Referate und für deutsche Touristen Heimatgrüße tippt, Datenträger formatiert, CDs brennt.

Es gibt zwei Seiten im Leben einer modernen, jungen Frau in Santo Domingo: den schönen Schein und die verdammte Mühe, die es kostet, ihn ohne soziales Stützkorsett und unter widrigsten Umständen aufrechtzuerhalten. Melissa ist clever, hat einen Oberschulabschluss, eine technische Zusatzausbildung, Erfahrung in einer Rechtsanwaltspraxis und in einem Schreibbüro. Aber wenn sie ihr für Landesverhältnisse durchaus ansehnliches Gehalt von 4000 Pesos (220 Euro) durch die Anzahl der Familienmitglieder dividiert, die sie damit unterstützt, dann reicht es hinten und vorne nicht.

Sie jammert nicht, aber es macht sie wütend, wenn andere, die mehr haben, auf sie herabschauen. Sie kennt einen Deutschen, der Freund einer Freundin, "der schimpft den ganzen Tag über die Leute hier". Abends sieht sie die Touristen in der Altstadt und in den Bars. Warum sprechen manche so schlecht über die Frauen, die sie dort treffen? Und wenn sie die Armut so schrecklich finden, warum sind sie dann nicht großzügiger?

Melissa wischt die Gedanken vom Tisch. Sie muss für den nächsten Tag planen, Spaghetti kaufen, Tomatensauce vorkochen. Das Essen bringt sie der Tagesmutter, bei der ihre Tochter die Woche über lebt. Jessicas Vater ist auf der Suche nach einem Job in die USA emigriert. Wie mehr als eine Million Landsleute. Immerhin bezahlt er die Tagesmutter.

Selbst Melissas Mutter gehört zu den "Wirtschaftsflüchtlingen". Ihr Weggang war für die Tochter besonders schmerzlich, aber sie kann die Entscheidung verstehen: "Immer nur Streit mit Papi, schreckliche Kämpfe. Und weil wir sieben Kinder waren, konnte sie uns nicht mitnehmen." Vor sechs Jahren verließ die Mutter endgültig das Haus, da war auch das jüngste Kind 15, also überlebenstüchtig.

Häusliche Gewalt ist nach Erhebungen von Frauengruppen in 40 Prozent der dominikanischen Familien an der Tagesordnung. Die Fußgängerzone El Conde ist voller Einkäufer. Noch einen Espresso mit Milch, dann rennen Melissa und ihre Freundin Diurie mit einem neuen T-Shirt für Melissas Tochter auf die andere Straßenseite, wo hupend schon das überfüllte Sammeltaxi wartet. Es wird sie nach Hause bringen, nach Villa Consuelo, einem Viertel, vor dem Taxifahrer Fremde warnen.

Kleider waschen, Sachen für den nächsten Tag herauslegen, bügeln - die Abende vergehen schnell. Auch die Sonntage, an denen Melissa mit ihrer Tochter zum Strand fährt. Sie bereut ihre frühe Schwangerschaft, Folge einer Teenager-Liebe, nicht. "Jessica ist doch mein Lebensgrund", sagt sie. Melissa hält Kontakt zu Jessicas Großeltern väterlicherseits. Tennisschuhe Größe 28 haben sie ihr diesmal mitgebracht, von einem Besuch in Amerika.

Die Übergabe - freundlich, aber distanziert - findet auf einer gemütlichen Holzveranda mit grünen Hängepflanzen statt. Die Fünfjährige sieht mit ihren Zöpfchen und ihrem knallgelben Kleid wie eine Latina-Version von Pippi Langstrumpf aus. Melissas kleiner Seufzer ist kaum zu vernehmen: Sie weiß, sie wird noch vielen, vielen Internet-Kunden helfen oder einen anderen Mann kennenlernen müssen, bis sie ihrem Kind ein solches Heim bieten kann.

So bleiben ihr im Moment nur kleine Fluchten: Manchmal stiehlt sie sich morgens eine Stunde aus ihrem eigenen Leben. Nimmt das Sammeltaxi schon um 7 Uhr und setzt sich mit einem Kaffee und einem Buch in den Kolumbuspark im Herzen der Altstadt. Fast wie eine Touristin kommt sie sich dann vor, eine Besucherin im eigenen Land. Nur, dass Touristen meist nicht so früh aufstehen.

Darlin: Nachtschicht im Rotlichtmileu

Eine bessere Ausrede ist kaum vorstellbar: Ich fahre mal eben das Auto waschen. Bei d'Osema zum Beispiel, zwischen der Küstenstraße und der Avenida Winston Churchill, keine schlechte Gegend. Einzelhäuser, Gärten, Apartments, ein Geschäft mit Auto-Ersatzteilen. Und mittendrin das schönste Lächeln Santo Domingos: das von Darlin, am Tresen in der Bar hinter der Autowaschanlage. Die Kombination aus Car Wash und Animierlokal ist ein Hit im Nachtleben der Dominikanischen Republik. Eine Geschäftsidee, die boomt.

Hundert Pesos (fünf Euro) kostet der Cuba Libre, den Darlin ihren Stammkunden serviert. 50 Pesos sind für die Autowäsche fällig, die ein paar Halbwüchsige per Hand erledigen, innen und außen eine halbe Stunde. 2400 Pesos (120 Euro) verdient eine Bardame exklusive Trinkgeld, was in etwa dem dominikanischen Mindestlohn entspricht. Nach Definition der Vereinten Nationen leben noch 20 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Mit Trinkgeldern kommt Darlin allerdings auf bis zu 14.000 Pesos - Dominikaner sind keine Pfennigfuchser. Grund genug für die alleinerziehende Mutter von drei kleinen Kindern, täglich außer dienstags von 16 bis 24 Uhr oder von 18 bis 3 Uhr ihre Barschicht anzutreten.

Im gedämpften Licht des auf Kühlschrank-Temperatur klimatisierten Etablissements reicht sie Señor Monti um 17 Uhr den ersten Cuba Libre, randvoll mit Eis und sorgfältig mit einer Papierserviette umwickelt. "Ich prostituiere mich nicht", sagt Darlin. Sie ist der Typ Frau, der allein durch seine Gegenwart beglückt. Schon ihr Anblick entspannt Stammkunden wie Señor Monti. Doch auch wenn sie nur lächelt - die 24-Jährige ist der Lockvogel, die reina de la noche, eine Königin der Nacht, das Aushängeschild von d'Osema.

Was das Animiermädchen und ihre Kolleginnen mit den Kunden über den Barservice hinaus vereinbaren, ist Privatsache. Wenn man die Mitarbeiterinnen der Frauenorganisation Modemu (Movimiento de Mujeres Unidas) fragt, warum so viele Dominikanerinnen in zwielichtigen Bars arbeiten oder sich prostituieren, fällt die Antwort eindeutig aus: "Es ist die Armut", sagt Marina Torres, 49, Vorsitzende von Modemu. Einerseits wirkt das Rotlichtmilieu in der Dominikanischen Republik vergleichsweise harmlos, Zuhälter sind weitgehend unbekannt. Andererseits musste eigens ein Gesetz gegen Schlepper erlassen werden.

Abertausende von Frauen wurden, oft mit falschen Versprechungen, ins Ausland gelockt. Darlin hat in ihrem früheren Leben in einer Bank gejobbt, dann als Sekretärin: "Gerade da aber war ich ziemlich verzweifelt, das Geld reichte einfach nicht." Die Car-Wash-Stelle hat sie über eine Freundin ihrer Mutter bekommen. "Der Club ist okay", sagt Darlin. "Ich setze mich nicht hin und sage, ich bin arm und kann nichts. Da mache ich lieber so was." Am Dienstag, ihrem einzigen freien Tag, hat Darlin Zeit für ihre Kinder: Amanda, 6, Edgar, 3 Jahre alt, und die einjährige Astrid. Sie toben durch ein helles Apartment mit gekachelten Böden und viel Luft zum Atmen. Der Nachteil: Es liegt eine halbe Weltreise vom Zentrum entfernt an der nördlichen Peripherie der Stadt. Wenn Darlins Mutter Rosa hier die Enkelkinder betreut, wird das Babysitten schnell zum Full-Time-Job. Der Weg vom Car Wash zur Oma ist so weit, dass Darlin ihn nicht täglich bewältigen kann.

Manchmal übernachten die Kinder aber auch bei ihr in der Zweizimmerwohnung, die sie im Westen der Stadt gemietet hat: "Sie brauchen mich doch", sagt Darlin. Wenn sie nach vier Stunden Schlaf Amanda in den Kindergarten und die Kleinen zu einer Freundin bringt, packt sie ihr Outfit für den Abend gleich ein. Der alltägliche Kampf hat sie nicht bitter gemacht. Es scheint einfach das Normalmaß an Anstrengung zu sein, das Frauen wie sie in der Dominikanischen Republik bewältigen müssen. Ihr Leben: ein Dauerlauf gegen die Zeit. Ihr Netzwerk: Verwandte und Freundinnen, die sich gegenseitig helfen und begleiten.

Darlins Mutter frittiert Bananen. Die Chips, tostones genannt, verkauft sie an einen Laden. Davon lebt die 50-Jährige, seit ihr Mann, ein Soldat, vor zwei Jahren starb. Weil sie damals bereits getrennt von ihm war, bemächtigten sich prompt seine Schwestern der Familienkasse. Der Vater von Darlins Kindern wiederum ist Zementverkäufer, die Beziehung, die nie eine eheliche war, vorbei. "Finanziell hilft er ein wenig", sagt Darlin höflich.

Will sie nicht heiraten, sehnt sie sich nicht nach einer bürgerlichen Existenz, einem neuen Mann? "Heiraten? Auf keinen Fall", sagt sie entschieden. Doch es klingt wie: Wer soll mich denn nehmen mit drei Kindern? Da findet sie ihren verrückten Plan fast noch realistischer: Noch drei bis vier Jahre im Car Wash arbeiten, eisern sparen, dann studieren. Sie hat sich bereits als Gasthörerin im Vorsemester für Medizin eingeschrieben.

Seit einem Autounfall vor dreieinhalb Jahren, als sie 16 Tage im Koma lag, möchte sie Ärztin werden: "Ich habe die Aufopferung der Mediziner damals bewundert." Krankenschwester will sie nicht sein, "auf keinen Fall etwas Untergeordnetes", nein: Ärztin. Vielleicht hat sie eine Außenseiterchance, vielleicht braucht sie die Träume aber auch nur, um den Car Wash auszuhalten. Abrupt bricht sie das Gespräch ab, sie muss sich beeilen. Wer zu spät an seinem Arbeitsplatz hinter der Bar erscheint, wird gefeuert. Möglich auch, dass Señor Monti schon wartet.

Autor:
Andrea Tapper