China Reiseabenteuer Peking

Kennen Sie den Moment auf einer Reise, an dem man umkehren möchte? An dem man sich fragt, warum man denn ausgerechnet die eigene, wunderschöne Wohnung im geliebten Heimatort verlassen muss? Warum man sich den Strapazen (und Risiken) eines langen Fluges aussetzen sollte? Was man eigentlich an diesem anderen Ort überhaupt will oder verloren hat, wo die Menschen eine andere Sprache sprechen und vollkommen anderes frühstücken? Ich bin überzeugt, dass jeder, der den unverschämten Luxus genießt, überhaupt verreisen zu können, diesen Moment genau kennt. Manche kennen ihn so gut und erleben ihn so stark, dass sie ihre Stadt, womöglich sogar ihre Wohnung niemals verlassen. Andere wiederum fürchten ihn so, dass sie, einmal auf Reisen, nicht wieder damit aufhören können. Sie haben Angst, dass sie es nach der Rückkehr in ihre Heimat nicht wieder schaffen könnten, noch einmal aufzubrechen. Und so bleiben sie auf dem Weg, zwischen Ländern, Menschen und Umständen, wie Blätter im Herbstwind.

Die Stärke des genannten Moments hängt von vielem ab: Von der Dauer der Reise, der momentanen Verbindung zum Heimatort, der Wahl des Reisepartners und sehr stark auch vom Ort. Und wenn einem die Reise mit dem Ehepartner nach Hiddensee oder Garmisch vielleicht wirklich nicht besonders viel Kopfzerbrechen bereitet, so wird die Reise nach Peking doch einigen Respekt abverlangen.

Was kann man tun, um die Sorgen zu mindern? Für die Reise nach Italien oder sogar nach Südamerika greift man sich ein dünnes Bändchen: "Die Landessprache in 30 Tagen." Auch wenn diese Bücher natürlich nur Illusionen verkaufen, so hat kaum einer die Hoffnung, auch nur in dreihundert Tagen Chinesisch zu erlernen. Zu grundlegend unterschiedlich scheinen die Sprachen. Und dann die Schrift! Während wir ungefähr Wörter aus 26 Buchstaben bilden, haben die Chinesen mehr als 50.000 Schriftzeichen. Mal abgesehen von den uns unbekannten Lauten.

Die Chinesen kennen sieben Arten zu lächeln und bestimmt hundert Arten, etwas abzulehnen. Vielleicht versucht man sich damit zu trösten, dass man schließlich daheim gern chinesisch essen ginge, aber viele dieser Restaurants werden nicht von Chinesen betrieben und in nahezu keinem gibt es Essen, das man so auch in China finden kann. Also bleibt einem nur der Sprung ins kalte Wasser, das Ignorieren der nagenden Zweifel, das Abtun der inne- ren Stimmen. Aber, ganz nebenbei sind diese Sprünge die Voraussetzung für großartige Reisen. Und so findet man sich im Flugzeug nach Peking und wählt von den angebotenen Aluminiumschalen das europäische Menü, begleitet von der Befürchtung, dass dieses Hühnchen, auch wenn grausam zerkocht und schrecklich versalzen, womöglich das letzte Genießbare sein wird, was man in absehbarer Zeit vorgesetzt bekommt, und dass man sich genau nach diesem Huhn in den nächsten Tagen verzehren wird. Schließlich läuft man irgendwie übermüdet und durch das lange Herumsitzen in engen Stuhlreihen auch mehr oder weniger bewegungsunfähig über den Flughafen, der so schön und anheimelnd wie alle Flughäfen dieser Welt ist.

In diesem trance-artigen Zustand wundert man sich vielleicht noch darüber, warum vor dem Schalter des den Pass kontrollierenden Grenzsoldaten ein elektronisches Kästchen mit zwei lachenden und zwei weinenden Gesichtern hängt. Unmissverständlich wird man in vier verschiedenen Sprachen aufgefordert, die Leistung des Soldaten per Knopfdruck zu bewerten. Aber man wird diese Aufforderung geflissentlich ignorieren, schließlich hat man nicht allzu viel Gutes über das chinesische Rechtssystem gehört.

Wenn man nicht vom Flughafen abgeholt wird, kann man sich nun Geld an einem Automaten ziehen und mit dem Taxi zu seinem Hotel fahren, vorausgesetzt, man hat sich den chinesischen Schriftzug des Hotels irgendwo ausgedruckt. Denn Sie können einem Pekinger Taxifahrer noch so oft "Golden Paradise" ins Ohr brüllen, ohne die Zeichen werden sie nicht weiter kommen, oder Sie werden viel weiter kommen, als Sie sich das wünschen würden.

Endlich sitzen Sie in einem staatlich lizenzierten Taxi und haben darauf geachtet, dass der Fahrer das Taxameter angestellt hat, damit es nicht hinterher zu Preisverhandlungen kommt, aus denen meist derjenige mit den besseren Chinesischkenntnissen als Sieger hervorgeht und denken, dass es nun losgehen könne. Aber während sich Peking den Besuchern früherer Tage als ein Panorama hunderter riesiger, teilweise goldverzierter Holzdächer, von Tempelanlagen und Parks präsentierte, se- hen die meisten Besucher heute zunächst den Stau jenseits des fünften Autobahnrings, während der Blick über einfallslose Betonbauten schweifen kann. Und das, der Moment, wo man verzweifeln, wieder zurückfahren, aufhören möchte, ist genau der Zeitpunkt, den es zu überwinden gilt. Denn wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag sso nah wie nie.

Gerade wenn Sie sich fragen, ob der Taxifahrer Sie irgendwo hinfährt oder ob Sie womöglich in einem neuzeitlichen Geisterschiff zu einer ewigen Fahrt durch den Pekinger Stau verdammt sind, biegt er rechts, und dann zweimal links ab und fährt vor ein Hotel, das genau richtig aussieht. Und dann präsentiert er Ihnen die Rechnung für die einstündige Fahrt, die nach Ihrem groben Überschlag weniger als zehn Euro beträgt, aber Sie denken sich, man muss ja auch einmal Glück haben und fragen nicht weiter nach. Das Hotel sieht größer aus, als Sie sich das vorgestellt haben und für den Übernachtungspreis haben Sie auch nichts Besonderes erwartet und sicher nicht die Zwei-Raum-Suite mit Bad, für die man Ihnen den Schlüssel aushändigt. Langsam, ganz langsam erwacht in Ihnen die Ahnung, dass diese Reise wohl doch nicht die schlechteste Ihres Lebens werden wird.

Jetzt dürfen Sie keine Fehler machen! Dieser Moment ist kostbar. Wenn Sie sich jetzt zu früh hinlegen, noch im Hotelrestaurant ein Sandwich essen und sich dann vor den Fernseher Ihres Schlafzimmers zurückziehen, um mal zu hören, wie die Darsteller Ihrer heimischen Lieblingssendungen auf Chinesisch oder Englisch klingen, dann graben Sie sich womöglich ein Loch, aus dem Sie nicht mehr herauskommen. Dann besteht die Gefahr, dass Sie viel zu lange unter Schlafstörungen, schlechten Sandwichs und der Illusion leiden werden, dass es nicht mehr viel besser werden kann.

Nach einer kurzen Ruhepause muss man jetzt raus in das Getümmel. Anfangs sollte man nur eine kleine Tour machen, vielleicht einen der zahlreichen Tempel der Stadt in der Nähe des Hotels besichtigen, ein bisschen herumlaufen, ein Gefühl dafür bekommen, wie die Stadt sich anfühlt. Und wenn Ihnen plötzlich einfällt, dass Sie doch eigentlich längst schon hungrig sein müssten, dann schauen Sie, ob Ihr Reiseführer ein Restaurant in der Nähe empfiehlt, oder machen Sie einfach die Augen auf und suchen nach essenden Chinesen. Und wenn es gut von dort duftet, dann denken Sie sich nichts dabei, dass die Tische äußerst klapprig und die Stühle wie ein Flohmarktsammelsurium aussehen.

Der einzige Fehler, den Sie jetzt machen könnten: in einem Touristenlokal zu landen, das grausame Pizza-Imitationen bietet. Nein, lassen Sie Ihre Nase entscheiden, gehen Sie zwei beherzte Schritte auf das Restaurant zu, zeigen Sie der geschäftig umherschwirrenden Kellnerin auf dem Teller eines anderen Gastes, was sie essen wollen und lassen Sie es sich schmecken. Die anderen Restaurantgäste werden keineswegs pikiert über so ein Verhalten sein, sondern Ihnen im Gegenteil mit dem vergnügtesten Lachen ihre Teller hinhalten und weitere Gerichte empfehlen. Dann gewöhnen Sie sich an das, was kommen wird, wenn das ganze Restaurant Ihnen neugierig beim Essen zusieht, der eine oder andere vielleicht ein Foto von Ihnen macht. Man zeigt sich erstaunt, wenn Sie mit Stäbchen essen können, noch größer ist die Freude aber, wenn Sie es nicht perfekt können, ohne dass das etwas mit Schadenfreude zu tun hätte.

Hier in Peking kann selbst der deutsche Tourist endlich von seinem verzweifelten Versuch ablassen, nicht wie ein Tourist aussehen zu wollen. Nein, mit dieser langen Nase sind Sie kein Einheimischer und deswegen heißt die Devise:Fotografieren und fotografieren lassen! Für jedes Foto, das man von Ihnen macht, können Sie dafür zurückfotografieren: die drei Chinesen auf dem abenteuerlichen Campingfahrrad, die alte Frau mit den Heilkräutern, die Schulklassen bei ihrer Mittagsgymnastik. Schließlich kommen Sie gesättigt und stolz zurück in Ihr Hotel und belächeln die langweiligen Westler, die ein schlechtes Clubsandwich an der Hotelbar essen. Sie freuen sich auf die nächsten Tage, denn jetzt haben Sie keine Zweifel mehr daran, dass Sie Peking für sich entdecken werden mit Rikschafahrten, Bootstouren und Spaziergängen in den kaiserlichen Palästen und Parks. Bitte keine Blauäugigkeit!

Die chinesischen Auffassungen von Recht und Gerechtigkeit weichen erheblich von unseren Auffassungen ab. Aber abgesehen davon, dass diese Aussage unter anderem wohl auch auf die amerikanische Regierung zutrifft, ist die eigentliche Frage vielleicht doch eine andere. Aber so wie es unwahrscheinlich ist, dass sich ohne Begegnungen etwas ändert, ist es ebenso unwahrscheinlich, dass das Aufeinandertreffen mit anderen Menschen keine Spuren hinterlässt. Und eben das ist es, was Sie selbst in der Hand haben. Während Sie also rechtschaffen müde in die Kissen sinken, ahnen Sie auch, dass am Ende der Reise ein Moment kommen wird, an dem Sie sich fragen werden, warum Sie denn ausgerechnet jetzt schon wieder zurückfahren sollen, der Moment, der am Ende jeder großartigen Reise steht.

Autor:
Jakob Hein