Budapest Persönliche Ansichten einer Stadt

Bald nach den ersten freien Wahlen musste ich an einem Morgen des Jahres 1990 feststellen, dass meine Adresse nicht mehr Lenin körút 101 lautete, sondern dass ich neuerdings am Teréz körút 47 wohnte, ohne dass ich zuvor die Strapazen eines Umzugs auf mich genommen hätte. Die Veränderung der Nummer meines Geburts- und Wohnhauses ergab sich allein aus der Tatsache, dass die Habsburgerinnen Theresia und Elisabeth ("Sisi") vor dem Krieg diesen Teil des Großen Budapester Ringes zu zweit beherrscht hatten, solange sie nicht, was 1949 der Fall war, von Wladimir Uljanow enteignet worden waren - eine kleine Sensation meiner Kindheit.

Nun also sprach man wieder vom sechsten Bezirk als Terézváros (Theresienstadt) und vom siebten als Erzsébetváros (Elisabethstadt). Fast alle Hauptstraßen und Plätze der beiden Bezirke waren von der Weltgeschichte heimgesucht worden. Am abenteuerlichsten ist die Geschichte jener Hauptverkehrsader, die einst nach dem Außenminister der Doppelmonarchie benannt worden war. Die kommunistischen Wiedertäufer widmeten die Andrássy-Straße, in der sich unter anderem meine Hauptschule befand, im Sommer 1945 dem Generalissimus Stalin.

Nach Enthüllung der kriminellen Tätigkeit des solcherart Geehrten erschien es den geläuterten Machthabern opportun, den Namen der Straße wieder zu ändern. Ein Namenswechsel wurde in den Tagen des Oktoberaufstands 1956 zunächst von den Revolutionären vollzogen, die sich zum Gedenken an die Opfer des Aufstands für die Bezeichnung "Straße der ungarischen Helden" entschieden. Nach der Niederwerfung der Volkserhebung fanden die Herrschenden eine Verlegenheitslösung, aber die Bezeichnung "Straße der ungarischen Jugend" hielt sich nur wenige Monate. Sobald die neuen Machtstrukturen etabliert waren, befand sich der Staatsbürger, ob er wollte oder nicht, in der "Straße der Volksrepublik". Ungarisch heißt das Népköztársaság útja, ein Zungenbrecher für alle ausländischen Touristen. Nun heißt die Straße zur Abwechslung wieder einmal Andrássy út.

Die Zeit meiner Kindheit und Pubertät verbrachte ich, abgesehen vom Jahr 1954, als ich mich wegen einer Lungenkrankheit in einem Sanatorium in den Bakony-Bergen aufhielt, in den Bezirken Teréz- und Erzsébetváros. Jeden Morgen fuhr ich mit dem Trolleybus 73 zur Schule. Die Nummer steht im Zusammenhang mit Stalin: Zu dessen 70. Geburtstag 1949 war die erste Linie eröffnet worden (Nummer 70), und jedes Jahr kam eine neue hinzu. Nach dem Unterricht fuhr ich mit einer der ältesten U-Bahn-Linien Europas zum Platz des 7. November, der zu früheren Zeiten Oktogon hieß und auch heute wieder so heißt, machte Zwischenstation im Restaurant Savoy und holte dort in einem Henkelmann das diätetische Essen für meine Mutter ab, die wiederum als Pförtnerin bei einer Baufirma im siebten Bezirk arbeitete. Ein Foto von einem Aluminiumgefäß dieser Art kann man heute noch an der U-Bahn-Station Oktogon betrachten. Dort gibt es eine ständige Ausstellung, die "Fingerabdruck des Jahrhunderts" heißt.

Auf dem Rückweg ließ ich mir meist Zeit und ging zu Fuß über die Wesselényi oder Dob utca, den verkommen-romantischen Gozsdu-Hof, durch das ehemalige Getto-Viertel, in dem ich zusammen mit meiner Familie zwischen Oktober 1944 und Januar 1945 zwangsweise ein paar Monate verbrachte und damit ein provisorischer "Einwohner" von Erzsébetváros wurde. Als Schüler mochte ich diesen Bezirk wegen seiner kleinen Läden, Werkstätten, Konditoreien und dem großen Markt am Klauzál-Platz (heute ein Kaiser's-Supermarkt), wo wir trotz des chronischen Warenmangels der fünfziger Jahre "beim Bauern" all das erwerben konnten, was im staatlichen Handel nicht erhältlich war. Allerdings machten wir von diesem Luxus - frisches Gemüse, Hühnerfleisch, Eier statt Eipulver - nur an Wochenenden Gebrauch, sofern Ausschweifungen dieser Art unserer finanziellen Lage entsprachen. Ganz selten, etwa zu Geburtstagen, ging ich mit Mutter und Großmutter in das Restaurant Abbázia gegenüber dem Savoy am Oktogon und bestellte dort das billigste Menü.

Später, in meinen Jugendjahren, wurde ich Stammgast dieses Restaurants, und zwar meistens in einer Clique. 1967 trank ich dort die in Ungarn erstmalig ausgeschenkte Coca-Cola, früher ein verachtetes Symbol des US-Imperialismus, und führte mit meinen linksradikalen Kommilitonen, die später alle zu Menschenrechtsaktivisten wurden, politische Gespräche.

Wir ahnten wohl, dass der Inhalt unseres Gedankenaustausches nicht im Kreise der hier Beteiligten bleiben würde, denn es gab in dem Lokal gewiss auch solche, die speziell zur Beobachtung ausgebildet waren, und im Verlauf der wissenschaftlich-technischen Revolution wurden vielleicht sogar Abhörgeräte installiert. Hätte ich dies damals nicht nur geahnt, sondern gewusst, so hätte mich dieses Wissen wohl nicht sonderlich beeinträchtigt. Das Abbázia war in seiner Unaufgeräumtheit und mit seinen ramponierten bürgerlichen Relikten der heimeligste Ort der Welt für mich. Heute könnte ich dort weder ein billiges noch ein teures Menü bestellen. In dem Etablissement, das die Zeit des bösen Kommunismus überdauert hatte, befindet sich inzwischen eine große Bank, und die stolze Lokalität gegenüber heißt auch nicht mehr Savoy, sondern Burger King. Ich muss zugeben, selbst wenn ich mich dadurch als Nostalgiker verdächtig mache, dass mir weder das hoffentlich gewinnträchtige Geldinstitut noch die Fresshalle gegenüber als befriedigender Ersatz vorkommen.

Ein gewisses Unbehagen ereilt mich bereits in dem Mietshaus, in dem ich wohne und wo meine Familie seit 1928 ansässig ist. In dem 1897 errichteten dreistöckigen Gebäude, leicht vergammelt, aber elegant, kenne ich immer weniger Leute persönlich. Die Nachbarn sind zumeist gestorben oder verzogen, und viele Wohnungen werden nicht mehr ihrer ursprünglichen Bestimmung gemäß genutzt. Allein auf unserer Etage residieren drei Büros, teilweise von ausländischen Firmen. Dazu kommt eine merkwürdige Einrichtung namens Blue Love, deren Empfangszeit exakt um 23 Uhr beginnt. Auch auf den anderen Etagen des Wohnhauses scheint das Geschäft zu blühen. Kein Wunder, dass das altmodische Tor unten keinen Schlüssel mehr hat, sondern auf einen vierstelligen Code reagiert - Sicherheit muss sein. Schade ist nur, dass diese einleuchtende Notwendigkeit offensichtlich die wenigen Mitbewohner, die sich überhaupt noch gegenseitig kennen, davon abhält, miteinander wie früher auf dem Gang zu plaudern. Auch standen einstmals die auf den Hof hinausgehenden Fenster fast immer offen, heute bleiben sie geschlossen - bis auf die Minuten, wenn gelüftet wird. Ohnehin wurden sie bereits in den achtziger Jahren alle mit stabilen Gittern versehen.

So geht es heute in Teréz- und Erzsébetváros zu, beide gehörten einst zur Außenstadt von Pest. Aus meinem Bezirk Terézváros wanderten von 1960 bis 1990 von den 120.000 Einwohnern rund 30.000 ab, der benachbarten "Sisi-Stadt" kehrten im selben Zeitraum etwa 40.000 Bürger den Rücken. Die Ursachen sind unterschiedlich: Einige störte die wachsende Lautstärke des Verkehrs, andere die immer schlechter werdende Luft oder die Baufälligkeit der Häuser, und es gab alte Leute, die einfach nicht mehr im Stande waren, die größeren Wohnungen zu halten. Der kommunistische Staat verkaufte diese nationalisierten Mietskasernen den Bewohnern bereits 1988 zu Billigpreisen, um schnell an Geld zu kommen und sich der Verantwortung für die Instandhaltung zu entziehen.

Trotzdem verwandelten sich die beiden Stadtteile keineswegs in Abbruchbezirke. Besonders der Große und der Kleine Ring (Bajcsy-Zsilinszky út, ehemals Kaiser-Wilhelm-Straße, der Karlsring mit dem Rathaus und der Museumsring) erleben derzeit wahrhaft eine Blütezeit - vor allem als Standort des Konsums. Am Westbahnhof-Platz (früher Karl-Marx-Platz) wurde ein grandioses Trade Center eröffnet, am einstigen Lenin-Ring und in den Seitenstraßen befinden sich westliche Firmen wie McDonald's, die Schuh-Kette Bata, italienische Boutiquen für elegante Kleidung, Geschäfte für Computer, Elektronik oder Swatch-Uhren, Peepshows und nicht zuletzt Dutzende von Restaurants. Die größte Dichte von Kneipen gibt es im Theaterviertel an der Grenze der beiden Bezirke, wo man versucht, die Gegend um den Franz-Liszt-Platz als eine Art Broadway in Szene zu setzen - allerdings sind die Bühnen hier bettelarm.

Ich höre das Getöse der sowjetischen Panzer

Offensichtlich trifft dies auch auf die Kinos meiner Kindheit zu, denn sie sind nach und nach aus den beiden Bezirken verschwunden: Allein auf dem Großen Ring sind von den sieben Filmtheatern noch zwei übrig geblieben. Die kleinen Tabakläden, in denen man früher die Stollwerckschen Karamellbonbons oder einzelne Zigaretten kaufen konnte, sind ebenso geschlossen wie die Espresso-Bars, in denen man sich kurz verabredete oder bei einem Kaffee stundenlang sitzen und plaudern konnte. Die Kunstgattung "Literarischer Treffpunkt" ist fast völlig ausgestorben und wird noch am ehesten durch das Café Eckermann in der Andrássy út repräsentiert, ein Trostpflaster für all jene, die in den siebziger und achtziger Jahren Stammgäste des Cafés Hungária im New-York-Palais waren.

Dieses Haus wiederum steht auf der Grenze zwischen dem siebten und achten Bezirk und war bereits vor dem Zweiten Weltkrieg ein beliebter Standort des intellektuellen Milieus. In der ersten Etage wurde das legendäre Literaturjournal "Nyugat" redigiert, im Erdgeschoss saßen Journalisten, Schauspieler, aber auch Börsenmakler, und in einem offenen Kellerraum, dem sogenannten Tiefwasser, wurden Speisen serviert. Nach der Verstaatlichung wurde das New York eine Art Pressehaus, das viele Redaktionen und literarische Verlage beherbergte. Ich arbeitete damals als Übersetzer an der ungarischen Ausgabe sowjetischer Zeitschriften, und es kam mir sehr gelegen, dass sich die Honorarkasse gleich in der zweiten Etage befand.

1990 versuchte die neue Kulturzeitschrift "2000" die Tradition des literarischen Kaffeehauses neu zu beleben. Die Redakteure empfingen die Autoren regelmäßig an der alten Stelle und produzierten dort auch die aktuellen Nummern. Die Stammgäste bekamen Rabatt auf ihren Verzehr. Gleichzeitig wählte die jüdische Kulturzeitschrift "Múlt és Jöv" (Vergangenheit und Zukunft) das Café Lukács an der Andrássy út zum Hauptquartier. Beide Bestrebungen sind inzwischen durch die endlos erscheinenden Umbauarbeiten im Hungária sowie durch die Belegung des größten Teils vom Lukács mit einer neuen Bankfiliale gescheitert. Ich denke aber, dass bei diesen Veränderungen nicht nur Geld eine bedeutende Rolle spielte. Nach 1990 wurde auch in Ungarn die Zeit immer kostbarer, und für die Kommunikation zwischen der Zunft der Schreibenden und ihren Verlagen waren in den neunziger Jahren zunehmend die neuen Medien zuständig.

Ursprünglich waren die beiden Bezirke durch einen besonders hohen Anteil der jüdischen Bevölkerung gekennzeichnet - vor dem Krieg erreichte dieser etwa 25 Prozent. Im sechsten Bezirk wohnten die armen, im siebten die noch ärmeren Kleinbürger, umgeben einerseits von der vornehmen und modernen Leopoldstadt (Lipótváros), andererseits von der proletarischen Josef- (Józsefváros) und Franzenstadt (Ferencváros). Die auf den Ring hinausgehenden Wohnungen waren größer und komfortabler, die in den Nebenstraßen kleiner und ohne Komfort. So ließ ich in meiner Wohnung erst 1972 ein Badezimmer und 1976 die Gasheizung einbauen.

Die Elisabethstadt ist heute immer noch sichtlich ärmer als die Theresienstadt. Und dennoch: In diesem Meer von verfallenden, trostlosen Häusern kam es nach 1990 zu einer kleinen Renaissance der jüdischen Tradition. Hier befinden sich die wichtigsten Institutionen der Budapester Juden, deren Zahl auf 80.000 geschätzt wird, und die meisten der 17 funktionierenden Synagogen, so die prächtige, 1859 eingeweihte Synagoge der Neologen in der Dohány utca, und gleich nebenan, wo einst Theodor Herzls Geburtshaus stand, eines der reichsten jüdischen Museen Mitteleuropas. Der Ort, wo 1947 die erste Holocaust-Ausstellung eröffnet wurde. Damals lebten noch 190.000 Juden in Ungarn.

Einige hundert Meter entfernt, in der engen Kazinczy utca, residiert die Orthodoxe Gemeinde mit ihrer frisch restaurierten Synagoge und dem einzigen rituellen Bad. In diesem Bezirk gibt es außerdem die zentrale jüdische Gemeinde, den Kulturverein, das Hilfswerk Joint, die Redaktion des jüdischen Journals "Szombat", das Büro des Jüdischen Weltkongresses, mehrere koschere Restaurants und Garküchen, Buchläden und verschiedene Geschäfte für Judaika.

Am Heldenplatz grenzen die beiden Bezirke an den Stadtpark. Vom Oktogon bis hierher weitet sich die Andrássy út zu einer Allee, und die berühmten Palais' der Theresienstadt - Musikakademie, Hochschule für Bildende Künste und andere - gehen über in ein kleines Villenviertel, wo viele ausländische diplomatische Vertretungen ihr Zuhause haben. Der Heldenplatz repräsentiert ein Stück ungarischer Geschichte. Neben dem stolzen Millenniumsdenkmal von 1896 mit den sieben ungarischen Stammesfürsten stand eine katholische Kirche, die 1951 zugunsten eines Stalin-Monuments gesprengt wurde. Am 1. Mai mussten die Werktätigen obligatorisch an einer großen Tribüne mit der Staats- und Parteiführung vorbei defilieren. Ich war 1955 zum ersten Mal dabei und marschierte später jahraus, jahrein mit meinen Klassenkameraden vom Gymnasium über den Platz. Allerdings mussten wir da schon nicht mehr dem Georgier ins Auge blicken.

Das Stalin-Denkmal war am 23. Oktober 1956 gestürzt worden. Zwei Tage später wurde die Imre-Nagy-Regierung gebildet. Sowjetische Panzer unterdrückten den Aufstand, und der Regierungschef flüchtete mit einigen Mitgliedern seines Kabinetts samt Familien in die jugoslawische Botschaft am Heldenplatz. Als ihnen das Asyl aufgekündigt wurde, verließen sie das Gebäude und wurden von sowjetischen Militärs verhaftet. So kam es zu dem berüchtigten Prozess, dessen Hauptangeklagte am 16. Juni 1958 zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden.

31 Jahre später fand die offizielle Trauerzeremonie für Imre Nagy und seine Schicksalsgefährten ebenfalls auf dem Heldenplatz statt. Durch Terézváros und Erzsébetváros strömten Zehntausende, um daran teilzunehmen. Mit diesem Ereignis begann die Wende.

Von den Tagen des Aufstands habe ich viele Bilder in meinem Gedächtnis bewahrt. Ich sehe die friedlichen Demonstranten und höre das Getöse der sowjetischen Panzer, die über den Lenin-Ring hinweg die Kilián-Kaserne unter Feuer nahmen. Wir waren erleichtert, dass unsere Wohnung in einer Nebenstraße lag.

Mitte November ging ich zum ersten Mal auf die Straße. Es sah nach Krieg aus, eine Szenerie, wie ich sie aus sowjetischen Filmen kannte. An der Ecke Lenin-Ring/Majakowski-Straße (heute wieder Király-Straße), also bereits in der Elisabethstadt, sah ich plötzlich ein Gebäude, dessen vorderer Teil völlig zerstört war. Man konnte in die Wohnungen hineinschauen, sogar die Familienfotos hingen noch an den Wänden. In einem Raum im dritten Stock stand ein altmodisches Klavier, ein Bein in die Luft gestreckt. Als ich einige Jahre später zum ersten Mal ein Gemälde von Salvador Dalí sah, war ich von dessen Surrealismus nur wenig beeindruckt.