Berlin Das chaotischste Theater der Hauptstadt

Man kommt kaum hinterher: Schauen, Zuhören, Staunen, Agieren. Ständig geht es von vorn nach hinten, von der Bühne auf die Leinwand, auf den Monitor, ins Publikum, in die Garderobe. Eine Nummer jagt die andere - eine schnelle, eine lustige, eine laute, eine wilde. Es herrscht Chaos. Gewolltes Chaos. Relevanz-Show heißt das Stück der Gruppe She She Pop.

Was auf der Bühne an diesem Abend im Hebbel am Ufer, kurz HAU, passiert, muss man nicht relevant finden. Lustig ist es allemal, und wichtig: Die Probleme der großen Theater - hier Materialschlachten aus Textruinen, weil neue Autorenstücke fehlen, dort gute, aber folgenlose Abendunterhaltung - überwindet das HAU mit Frechheit: bunt, hysterisch, quirlig, laut. Nicht immer besser als die anderen. Aber anders.

Chaotisch wollte Matthias Lilienthal den Betrieb halten, als er ihn 2003 als Geschäftsführer und künstlerischer Leiter übernahm. Die vorläufige Bilanz: Es ist ihm gelungen. Wahrscheinlich verliert der Chefdramaturg manchmal selbst den Überblick: 120 verschiedene Projekte, 420 Vorstellungen - Theater, Tanz, Musiktheater - sind pro Jahr auf den Bühnen des freien Theaters und an anderen Orten in der Stadt zu sehen. Nicht schlecht für eines der jüngsten Theater an der Spree.

Vor gut vier Jahren beschloss die Berliner Kulturverwaltung, drei Bühnen zusammenzulegen: Das traditionsreiche Hebbeltheater (heute HAU 1), das Theater am Halleschen Ufer (heute HAU 2), wo einst Peter Stein mit seiner Schaubühne beheimatet war, und die Hinterhofbühne Theater am Ufer (heute HAU 3). Letztere hatte der polnische Regisseur Andrej Woron nach dem Mauerfall bespielt. Drei renommierte, aber eher schlecht besuchte Bühnen. Gemeinsam sollten sie stark werden. Der neue Name: Hebbel am Ufer.

Bei einer solchen Firmenfusion bleiben die "Human Resources" normalerweise auf der Strecke. Doch Lilienthal, aufgewachsen in Berlin-Neukölln und ehemals Chefdramaturg an der Volksbühne, ist weder Unternehmensberater noch Kulturschreck. Er gab die Aufgabe einfach weiter: "Das ist euer Theater, macht was draus!", schmetterte er der unüberschaubaren Menge bei der Eröffnung entgegen. Das taten die Schauspieler, Tänzer und Choreografen auch. 2004 wurde das HAU, das ohne eigenes Ensemble auskommt, von der Zeitschrift Theater heute zum Theater des Jahres gekürt.

Ein Drittel internationale Gruppen, die auf Einladung kommen, ein Drittel freie Produktionen, ein Drittel Tanzprojekte bestreiten den Spielplan - um die Grundfinanzierung müssen sich die Ensembles größtenteils selbst kümmern. Zwar bekommt das HAU mittlerweile fast viereinhalb Millionen Euro jährlich von der Stadt, doch reicht das bei Weitem nicht aus. Da müssen Förderanträge geschrieben, Stiftungen angesprochen werden und trotzdem kann es sein, dass spätestens im Dezember das Geld alle ist. Aber irgendwie haben sie es bisher immer geschafft. "Ich mag die Programmüberforderung", sagt Matthias Lilienthal, "die Schnelligkeit, das Risiko, das man mit jedem neuen Regisseur eingeht. Das ist urbanes Lebensgefühl."

Mit ungeheurer Kraft die toteste Ecke Kreuzbergs beleben

Lilienthal ist ein wuchtiger Mann. Ein Macher mit der Physiognomie und dem Gemüt eines Grizzlybären. Er strahlt wenig aus von der Arroganz, mit der erfolgreiche Szenekreative sonst durch Berlin zu schlendern pflegen.

Lilienthals Büro liegt wie alle drei HAU-Bühnen in einer trostlosen, von Wohnsilos geprägten Gegend - das Kreuzberger Nachtleben tobt einige Straßen weiter. Hier wohnen Hartz-IV-Empfänger mit und ohne Migrationshintergrund. Nicht die beste Ecke für ein freies Theater, das auf viele Besucher angewiesen ist. Umso erstaunlicher, dass das HAU im Schnitt zu 75 Prozent ausgelastet ist: Das Publikum passt sich den Aufführungen an. In der Regel kommen 18- bis 35-Jährige. "Aber wir hatten auch mal ein polnisches Stück zum Thema Vertriebene. Da standen hauptsächlich 60- bis 80-Jährige vor der Tür", sagt Matthias Lilienthal. Als Feridun Zaimoglus schmerzhaft realistisches Doku-Drama "Schwarze Jungfrauen" lief - Monologe junger Musliminnen in Deutschland über ihr Leben, ihre Religion, Sex und Traditionen - war der Zuschauerraum voller Deutsch-Türken und anderer Migranten.

Überhaupt ist Migration ein Dauerthema. Da inszenieren Choreografen Tanzstücke mit jungen Libanesen, Arabern, Serben, Polen aus Neukölln oder veranstalten Theater-Abende in Privatwohnungen. Andere verlagern ihre Bühnenarbeit mitten auf die Straße, so dass der alte Mann auf dem Weg zum Café ebenso an der Aufführung vorbei muss wie die Jugendlichen von der Ecke und das zahlende Publikum.

Ein wenig werden Lilienthal und seine Truppe damit zu Sozialarbeitern. Es macht ihnen Spaß, "die Robin-Hood-Kiste mit Ästhetischem stylisch zu verbinden", wie der Theatermann es ausdrückt.Wenn sich "Musikfuzzis" mit dem so genannten Prekariat mischen, dann ist Lilienthal zufrieden. Eine Auseinandersetzung mit Sprache, wie sie an den klassischen Theatern stattfindet, ist ihm "wurscht". "Unsere Qualität ist, soziale Aspekte und Ästhetik zusammen zu denken."

Und das verspricht etwas, was nicht neu, aber selten ist:Theater, das den Blickwinkel ändert, eingreift und damit im besten Falle politisch ist. Das will Lilienthal mit seinen 24 Mitarbeitern fördern. Immer wieder arbeitet das HAU mit dem Autoren-Regie-Team "Rimini Protokoll" von Helgard Haug, Stefan Kaegi, Daniel Wetzel zusammen, die im Frühjahr 2007 den Mühlheimer Dramatikerpreis gewannen und damit eine heftige Debatte auslösten. Rimini Protokoll erarbeiten ihre Stücke mit "Experten des Alltags", also Laien, die zum jeweiligen Thema einen persönlichen Bezug haben. Im Gegensatz zum Amateurtheater spielen die Experten keine Rolle - sondern sich selbst. Zusammen mit einem Trauerredner, einem Steinmetz, einem Krematoriumsbetreiber, einer Krankenschwester etwa führten sie 2003 ihr Stück "Deadline" zum Thema Tod auf. Dieses Realityoder Dokumentartheater passt perfekt zu Lilienthals viel zitierter "hysterischer Sehnsucht nach Realität".

Und weil sich diese Realität nun mal nicht einsperren lässt, geht das HAU regelmäßig nach draußen. Man schafft Installationen und Performances in sozial schwachen Gebieten wie etwa das Open- Air-Projekt La Marea auf dem Wrangelkiez. Alle werden mit einbezogen - das Publikum, die Anwohner, Theaterfreunde. Und manchmal holt sich der Zuschauer ein blaues Auge, wie auf den Werbeplakaten vom HAU. Dann hat das Chaos mal zugeschlagen.

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Autor:
Susanne Strätz