Berlin
Kreuzberg mutiert
Von Ralf Niemczyk
Der Blick durch die Fensterfront ist perfekt. Die Spree fließt gemächlich vorbei. Die Oberbaumbrücke mit ihren Ritterburg-Türmchen aus roten Backsteinziegeln wirkt wie eine majestätische Filmkulisse. Es ist eine der schönsten Aussichten, die man in Berliner Musikclubs genießen kann. Seit fast zehn Jahren residiert an dieser prominenten Stelle das Watergate. Einst der Paradeplatz für die hektischen Beats des Drum'n'Bass, nun innovative Stätte für Club-Elektronik aller Art. Direkt gegenüber haust die Plattenfirma Universal Music in einem ungebauten DDR-Eierspeicher.
Showrooms und Modefirmen haben sich hier auf der Friedrichshainer Uferfront angesiedelt. Einige Hausnummern weiter versuchen MTV und Viva in der harten Wirklichkeit des Nischen-TV zu überleben. Eine wasserseitige Kreativmeile wie aus dem Bilderbuch und eine Toplage für die Clubszene.
Graffiti-Safari für Bob und Jane aus Idaho
In besagter Motzki-Sitzung schossen die bekannten Gentrifizierungs-Phänomene wild durcheinander: Mietsteigerungs-Erfahrungen und die Angst vor der Vertreibung alteingesessener Geschäfte mischten sich mit einem kruden Junge-Leute-Bashing. Auch die Grünen, die in Kreuzberg-Friedrichshain das Bezirksparlament anführen, bekamen ihr Fett weg. Keine neuen Hostels mehr, war zumindest eine Parole, auf die sich alle einigen konnten. "Unfreundlicher werden!" lautete ein bewährtes Berliner Rezept zum aktiven Selbstschutz.
In der Falckensteinstraße kommt man sich zuweilen wirklich vor wie auf einem Freiluft-Rave. Vor der - wirklich guten - Pizzabude nebenan bilden sich babylonische Menschentrauben. Gelegentlich gestört von alternativen Fahrradtouren, die unter kundiger Anleitung eines behelmten Reiseführers die wilden Ecken einer wilden Stadt erkunden. Graffiti-Safari für Bob und Jane aus Idaho.
Kein Wunder, dass auch moderate Menschen wie ich sich manchmal ein Laserschwert wünschen um die Bürgersteige frei zu räumen. Etwa, wenn man wirklich eilig zur S-Bahn-Station an der Warschauer Straße möchte und auf der Brücke Dauerstau durch Handy-knipsende Kate-Perry-Darstellerinnen herrscht.
Nicht nur einmal habe ich die Bahn verpasst, weil internationales Ausgehpublikum im Dutzend sich nicht entschließen kann, auf welchem Bahnsteig sie jetzt ihre Beck's-Flaschen zu leeren gedenken. Diese Aktion "Blockierte Treppe" wird sich in den kommenden Sommermonaten sicherlich vervielfachen.
An warmen Wochenenden herrscht auf der nahen Zentralachse Schlesische Straße internationaler Dauerpartybetrieb. Spanier, Skandinavier, Engländer und Franzosen fliegen per Billigjet ein, bleiben ein, zwei Wochen oder auch mal ein ganzes Jahr und glühen mit Wodka vom Kiosk und polnischem Bier vor, bis es Zeit wird in die Clubs zu gehen. Auch der Mann vom Watergate kommt sich zuweilen vor, als würden die Traditionsclubs vom hektischen Strom des Kreuzberg-Booms in einen Strudel hineingerissen. Die relaxte Kreuzberger Mischung läuft Gefahr aus dem Ruder zu laufen. "Hier im Watergate herrscht eine angenehme und grundsätzlich friedliche Stimmung. Sonst macht das Ganze keinen Spaß mehr", sagt Steffen Hack. "Doch wie lange das noch so bleibt, weiß kein Mensch. Wir müssen jedenfalls viel mehr dafür tun als früher. So haben wir das Eintrittsalter auf 21 Jahre herauf gesetzt haben. Das bedeutet weniger Teenager-Stress und Komabesoffene!"



