Bayern Wellness-Schloss im Allgäu

Der Baron hat Ärger mit dem Knie. Nachdem ein Sturm durch den Illerwinkel gefegt war und eine Fichte über eine Straße gelegt hatte, schnappte sich der Schloss- und Forstbesitzer Kettensäge und Traktor mit Seilwinde und machte sich an die Beseitigung des gefährlichen Hindernisses. Ganz zum Schluss ein banaler Sturz und als Folge eine komplizierte Verletzung. Das dauert, doch Theo Freiherr von Vequel-Westernach führt schon wieder Gäste durch die herrschaftlichen Säle seiner .

Der massive helle Vierflügelbau, von kupferhaubenbesetzten runden Ecktürmen flankiert, erhebt sich wirklich wie eine Krone in 752 Meter Höhe über sattem Grün auf einem eiszeitlichen Moränenhügel im Allgäuer Voralpenland. Eben dieses Grün, und nicht die Krone, erklärt der Baron, sei einst namengebend für die Kronburg gewesen: Grünburg, Burg im Grünen, 1227 erstmals urkundlich genannt.

Das Allgäu ist gut möbliert mit Burgen, Schlössern und Burgruinen, etwa 60 sollen es sein. Weil hier schon seit mehr als tausend Jahren bedeutende Verkehrswege in alle Himmelsrichtungen und mehrere Alpenpässe reichlich Handelsprofit garantierten, waren die Bauwerke auch eher Zeichen von Macht und Herrschaft als Schutz- und Trutzanlagen. Burg oder Schloss, das ist Ansichtssache. Auch bei der Kronburg, die von 1490 bis 1536 ihr heutiges Aussehen erhielt und als eines der schönsten Renaissanceschlösser von Bayerisch-Schwaben gilt.

Wer je im zähen Stau vor Neuschwanstein stand, wird die Kronburg preisen - als ein Schloss ohne Warteschlangen. Selbst dann nicht, wenn große Veranstaltungen stattfinden, wie die renommierten Kammer- und Schlosskonzerte, das bunte Gartenfestival, der stimmungsvolle Weihnachtsmarkt der Kunsthandwerker. Dies sind die kulturellen und touristischen Höhepunkte eines Jahres, deren Planung und Ablauf in nur zehn Händen liegen, denen des Freiherrn, seiner Gattin Freifrau Ulrike, der Kinder Carolin und Maximilian, die noch Teenager sind, und des Hausmeisters. Weiteres Personal gibt es nicht, weswegen die Selbsthilfeaktion des Barons nach dem Sturm im Wald auch nicht weiter verwundert.

Vom Dorf Kronburg wandert man bergauf zu der typischen Kastellburg, Sitzbänke und Laternen säumen den asphaltierten Weg, auf der Seite hangabwärts stehen Rosen, Lavendel und Rhododendren. Nach vier Minuten tritt man durch die Bögen der mit Wappen und knapp 500 Jahre alten Wandmalereien geschmückten Toranlage in den Innenhof. In der Mitte ein Brunnen mit Ziergitter, 22 Meter tief, viel Oleander, nach Norden eine Arkadenmauer mit Wehrgang, an den hellen Wänden klettern Rosen, Wilder Wein und Clematis empor. Die Haustür des Westflügels öffnet Freiherr von Vequel-Westernach, Schlossherr in zwölfter Generation, dem Besucher persönlich.

Ehe der Baron im gemütlichen Bibliothekszimmer im Südwestturm beim Tee über die Kronburg, seine Familie und die Obliegenheiten eines heutigen Schlossbesitzers erzählen kann, nimmt der Ausblick von hier aus der Höhe alle Aufmerksamkeit des Gastes in Anspruch: Das klare Wetter erlaubt eine unglaubliche Panoramasicht auf die Alpenkette zwischen Säntis und Zugspitze. Weitere Ausschweifungen des Auges verhindert das ziegelrote Dach.

Das Dach. Ach was, eine ganze Dachlandschaft mit nagelneuen Biberschwanzziegeln auf 3500 Quadratmetern Fläche, die in den neunziger Jahren zu einer Erfolgsgeschichte im Clinch mit der Bürokratie der Landesdenkmalpflege wurde. Obwohl damals 40 Wannen das Regenwasser unter ebenso vielen Leckstellen auffingen, wollten die Münchner Beamten bei der Sanierung dennoch die alten Ziegel wiederverwendet sehen. Die aber, sagt der Baron, seien durch sauren Regen porös wie ein Schwamm gewesen. Erst mit der Sonderanfertigung des 19 Millimeter dicken "Kirchenbibers" unter seiner Überwachung habe er die Sturheit der Bürokraten überwinden können. Der Schlossherr ist Ingenieur für Holztechnik und technischer Betriebswirt, kennt sich in allen möglichen Techniken gut aus.

"Junge, du bekommst das Haus nicht, wenn du es verludern lässt", hatte Vorbesitzer Franz Freiherr von Vequel-Westernach mit erhobenem Finger zu seinem Neffen Theo gesagt, "jetzt ist hier alles in Schuss!" Der alte Herr irrte. Der Renovierungsbedarf war noch groß. Und so machte der Nachfolger seiner Verpflichtung als Erbe alle Ehre. Seit 1986 wurde mithilfe von Investitionen in Millionenhöhe allein zur Substanzerhaltung aus der Kronburg ein Kleinod, das jedes Jahr einige tausend Menschen besuchen.

Selbst von Experten ist die originale Anlage der Burg kaum noch zu identifizieren. Der Baron hält es für denkbar, dass von hier schon Roms Legionäre das Land überwachten. Reste eines im Mauerwerk verborgenen Burgus, eines kleinen Beobachtungsturms, sprechen dafür. Später kamen Staufer, Habsburger und das chronisch finanzschwache Reich vergab die Kronburg mehrmals als Pfand, Kaiserliche, Schweden und Franzosen saßen als Besatzer auf dem Hügel, man riss nieder und baute wieder auf. Bereits 1619 war dem kaiserlichen Berater und späteren Hochmeister des Deutschen Ritterordens, Johann Eustachius von Westernach, die Herrschaft samt Burgschloss übertragen worden. Die 1841 männlicherseits ausgestorbene Linie der Westernach lebt seit 1852 durch Heirat in der Verbindung derer von Vequel fort. Einige der Herrschaften sind in der Ahnengalerie des Schlossmuseums zu betrachten.

Was die Besucher jedoch vor allem entzückt, ist die reiche originale Innenausstattung aus der Zeit vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. Im Deutschmeistersaal bewundern sie die kunstvollen Stuckaturen der bayerischen Barockmeister Elias Zimmermann und Mang und Simpert Kraemer. Ein Deckengemälde zeigt die vier weltlichen Tugenden. Während im Roten Saal die Kassettendecke (um 1550) mit Arabes-kenmalereien und ein prachtvoller zweigeschossiger Ofen von 1699 beeindrucken, staunt man in drei weiteren Räumen über die per Hand bedruckten und bemalten Leinwandtapeten aus dem 18. Jahrhundert: Ihre Farben wirken so frisch, als seien sie gerade gestern aufgezogen worden. Aus dem kostbaren Porzellan- und Fayencenbestand zeigt der Baron mit sichtlichem Vergnügen eine Anzahl nicht minder wertvoller Nachtgeschirre.

Freude an Schönheit, Stil und historischem Ambiente möchten auch ganz besondere Kronburg-Gäste genießen, und zwar am schönsten Tag ihres Lebens: Brautpaare. In der wunderschönen Kapelle des Schlosses können sie sich kirchlich trauen lassen, im Roten Saal auch zivil. "Anschließender Sektempfang oder ein Bankett - alles ist möglich", sagt Ulrike Freifrau von Vequel-Westernach, "in der neu ausgebauten Remise, im Deutschmeistersaal oder im Jagdzimmer."

Die Herrin in einem Haus mit hundert Räumen studierte Betriebswirtschaft, ist Managerin, Gastgeberin und Hausfrau, führt einen vollgeschriebenen Jahreskalender. Ihre Tage fangen meistens um 5.30 Uhr an. Mit einem Schrittzähler hat sie mal ihre Bewegungsleistung ermittelt: "Glauben Sie mir, zehn Kilometer am Tag sind keine Ausnahme!" Die Baronin hat auch das unterhalb der Kronburg gelegene Gästehaus zu versorgen und zuallererst ein Frühstücksbuffett herzurichten. Viele der Gäste in den zwölf großen, elegant ausgestatteten Apartments mit Blick auf die Alpenkette kommen seit Jahren hierher in den idyllischen Illerwinkel. Sie schätzen den Blumen- und Rosenblütenzauber im 5000 Quadratmeter großen Garten, den kürzlich angelegten Quellwasser-Naturschwimmteich, die Wellness-Oase mit Solarium, Sauna und Infrarotkabine.

Die Freude über einen gut laufenden Wirtschaftsbetrieb ist dem Ehepaar der seelische Ausgleich zur täglichen Plackerei. "Wir sind zwar eine Art Gemischtwarenladen", beschreibt es die Baronin, "mit Schlossmuseum, Hotellerie, Forstwirtschaft, als Ort für Seminare und Bankette, mit Gartenfestival und Märkten im Schlosshof, aber in jedem Bereich setzen wir auf höchste Qualität. Die hat man nicht irgendwann einmal erreicht, sondern sie muss immer wieder neu erarbeitet werden."

Dem Baron ist es wieder gelungen, in der Reihe der seit gut 20 Jahren veranstalteten Schlosskonzerte unter anderen mit dem "Concilium musicum Wien" und dem "Wiener Glasharmonika Duo" hochkarätige und international bekannte Interpreten klassischer Musik, mit den "Allgäu-Böhmischen" beste volkstümliche Blasmusik auf die Kronburg zu holen - und begeisterte die Konzertbesucher. Bei festlichen Anlässen repräsentieren Freiherr und Freifrau dann auch ausgesprochen gern. Ihr heutiges Selbstverständnis als Adelsfamilie? "Wir tun alles, um unser Erbe zu erhalten und an die Kinder weiterzugeben", sagt er. Und sie: "Für mich sind im Zweifelsfall die Gummistiefel wichtiger als das Ballkleid."

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Tibor Ridegh