Bauerbach Zuflucht für Friedrich Schiller

"Endlich bin ich hier, glücklich und vergnügt, daß ich einmal am Ufer bin. Ich traf alles noch über meine Wünsche. Keine Bedürfnisse ängstigen mich mehr, kein Querstrich von außen soll meine dichterischen Träume, meine idealischen Täuschungen stören."

Schiller, der träumende und flüchtende Dichter, kam am 7. Dezember 1782 zu Fuß die knapp 20 Kilometer von Meiningen her. Auf welchem Weg? Vielleicht am Bergrand entlang. Es dunkelte bereits, aber er konnte das tief verschneite Bauerbach, sein Exil für die nächsten Monate, wie sorgsam hineingelegt ins Tal zwischen Thüringer Wald und bayerischer Rhön wohl sehen. Das mag sein von Nöten wie Verfolgungsängsten bedrücktes Gemüt ein wenig vergnügt gestimmt haben. Heute noch ist der Blick von der Anhöhe hinab auf die Handvoll Häuser schlicht und anmutig.

Vielleicht näherte er sich dem Ort aber auch von der gegenüber liegenden Seite: Dann war es der für eine kleine Landgemeinde mit gerade mal 300 Einwohnern große jüdische Friedhof am Waldrand, der seine erste Aufmerksamkeit erregte. Ein Jude übrigens, der Bürger Mattich, war die nächste Zeit einer der wenigen Menschen, mit denen Schiller hier in der Einöde enger in Kontakt kam, als er sich zurückzog, um "nur Dichter" zu sein. Die Grabsteine stehen jetzt in ihren Reihen krumm zwischen den Bäumen; in Bauerbach gibt es keine Juden mehr.

Oder lief Schiller auf der Straße, die heute bequem asphaltiert Bauerbach mit dem Rest der Welt verbindet? Wäre er links in einen Waldweg kurz vor dem Dorf abgebogen, hätte er einen idyllischen Platz gefunden, eine kleine versteckte Lichtung, die vielleicht auch ihm wie eine ideale Naturbühne vorgekommen wäre. Zwei Jahrhunderte später spielen die Dorfbewohner genau dort seine Stücke.

Seine Stücke: Er hatte ja erst zwei fertig geschrieben. Und das erste hatte ihm zunächst einmal zwar rauschenden Beifall, aber dann auch eine Menge Ärger eingebracht: "Die Räuber" waren der Grund, warum er den Weg in diese gottverlassene Gegend hatte antreten müssen, gejagt von der Obrigkeit, die sich verunglimpft sah, angewiesen auf Wohlwollen und Geld der Herzogin von Wolzogen. In Bauerbach konnte er durchatmen: "Alle Bequemlichkeiten, Kost, Bedienung, Wäsche, Feuerung, und all diese Sachen" waren von den Leuten des Dorfes "auf das vollkommenste" besorgt worden. Dabei wussten die gar nicht, wen sie vor sich hatten - der Dichter reiste unter Pseudonym, nannte sich "Dr. Ritter".

Sie konnten nicht ahnen, dass mit dem richtigen Namen des schweigsamen Gastes später einmal Geschäfte zu machen sein würden. Immerhin nennt sich Bauerbach, noch immer ein 300-Seelen-Dorf, stolz "Schiller-Ort": in der Mitte das stattliche Fachwerkhaus, in dem der Dichter wohnte. Es ist heute Museum. Im Gasthof gibt es Schiller- Menüs (Suppe, Kohlrüben, Kompott); an den Fassaden hängen Plakate mit Schillerzitaten statt einstiger Parolen zum SED-Parteitag ("Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit", "Die ganze Welt ist ein Klagehaus"); und jeder Mensch hier ist Künstler. Denn fast jeder Bauerbacher hat in seinem Leben mindestens einmal eine Rolle in irgendeinem Schiller-Stück übernommen und stand vor den Zuschauerreihen auf dem Waldboden. Was den Oberammergauern Jesus und Judas, sind den Bauerbachern Tell und Moor.

Oder Johanna. Die kommt ein wenig verspätet zur Probe mit dem Auto, doch fast aufs Stichwort. "Das Mädchen!", ruft ein junger Mann, der ein gelbes Reclam-Heftchen in der Hand hält, noch ins Leere. Und außer Atem findet Katja Lüdicke, die die Jungfrau von Orleans spielt, sofort drohend in ihren Text: "Du bist des Todes!" Nette Begrüßung.

Der Waldboden, der die Welt bedeutet

Es ist kalt an diesem Abend im Theater. Die wenigen Schauspieler, die sich zu einem Szenen-Durchlauf eingefunden haben, wirken in der Dämmerung wie ein verschworener Haufen: Man raunt sich Sätze zu, die der dichte Wald ringsum schluckt - so muss es gewesen sein, als Schiller seinen Freunden auf einer versteckten Lichtung erste Proben seiner Dichtungen vortrug. "Johanna", "Talbot" und "Lionel" tragen heute dicke Jacken und mühen sich mit den französischen Namen ab, an ein freies Spiel ist kaum zu denken, der Text sitzt noch nicht. "Früher", sagt Regisseur Peter Kunath, "wurden die Rollen im Winter gelernt. Und wenn der Schnee geschmolzen war, konnten die Bauerbacher sie auswendig. Heute haben die Leute einfach nicht mehr so viel Zeit."

Sonia Lüdicke, die die Königin Isabeau spielt, kommt mit der Situation noch am besten zurecht. Sie ist eine der dienstältesten Darstellerinnen des Laientheaters, war schon die Millerin in "Kabale und Liebe", die Amalia in den "Räubern". In den Wochen vor den Festspielen ist die leibliche Mutter der diesjährigen "Jungfrau von Orleans" aber so richtig im Schiller- Stress: Nachmittags führt sie Besucher durch das Schiller- Museum, erklärt geduldig, wie der Dichter in den beiden kleinen Räumen, die man ihm überließ, wohnte, und ärgert sich, dass auch Neuverfilmungen von Schillers Biografie das kleine Bauerbach übergehen: "Es war doch die existentiell wichtigste Zeit für ihn." Ein Leben für Schiller - da nimmt Sonia Lüdicke auch die Proben- Bedingungen unter freiem Himmel in Kauf.

Solche Idealisten allein aber können nicht für den Fortbestand des Dorftheaters garantieren und Regisseur Kunath ist froh, dass sich in diesen Zeiten überhaupt genügend Darsteller finden lassen: "Die Sorge um den Job hat hier in der Gegend, wo die Arbeitslosigkeit sehr hoch ist,Vorrang. Die Leute stehen unter einem enormen psychischen Druck. Da ist es schwierig für sie, sich in der spärlichen Freizeit auch noch auf die Schauspielerei einzulassen."

Vor gar nicht langer Zeit war das noch ganz anders: In der DDR galt das unter anderem mit dem "Vaterländischen Verdienstorden in Silber" ausgezeichnete "Arbeiterund Bauern-Theater" als Vorzeigeprojekt, die Bauerbacher rissen sich um die Rollen: In Spitzenzeiten, 1962 etwa, spielten unter anderem "57 Arbeiter, 26 Genossenschaftsbauern und Traktoristen, 3 Angehörige der bewaffneten Kräfte?" Zu den Schiller-Festspielen im Sommer strömten die Zuschauer aus der Republik ins sonst nur schwer zugängliche Sperrgebiet am Grenzrand, sogar Westbürger durften einreisen. Für die Ortsansässigen war das nicht nur ein Kulturfest, sondern vor allem eine willkommene Zeit, Besuch zu empfangen: Oft war Schiller Alibi für minutiös geplante Familienzusammenkünfte. Das Dorf platzte aus allen Nähten, der Staat wurde misstrauisch: Nach Bauerbach führte nur noch eine Straße, Kontrollpunkte wurden eingerichtet, der Ort im Tal war hermetisch abgeriegelt. Auf den Hügeln ringsum versteckten sich zur Festspielzeit Hundertschaften von Soldaten und bewachten die Gegend mit Gewehren im Anschlag. Schillersche "Freiheit" herrschte hier nicht und aus dem "Tell" wurde der Satz von dem "einzig Volk von Brüdern" gestrichen.

Aber Schiller war ja auch keine DDR- Erfindung und in Bauerbach spielte man ihm sowieso schon seit 1905. Zunächst mit Schülern, dann kamen richtige Schauspieler vom Meininger Theater, seit 1959 ist es die Bevölkerung, die sich der Dramen annimmt. Auf alten Amateurfilmen sieht man Heerscharen von Statisten, die sich auf der Szene drängen: Frauen, Männer, kleine Kinder und Greise in historischen Kostümen bejubeln den Rütli-Schwur, formieren sich zur Räuberbande; wer nicht spielte, besorgte die Technik oder bewirtete die Gäste. So ist das heute noch. Schiller dankte es schon mal vorab in einem Brief von 1783: "Bauerbach ist gewiß keine Barberei. Ich habe schon manche Feinheit an den Leuten entdeckt, die mir um so schätzbarer war, je weniger ich sie der rohen Natur zugetraut hätte. Vielleicht sind diese Menschen von den übrigen sich besser dünkenden nur wie die Gipsfigur von dem Gemälde zu unterscheiden."

Heute ist der Ort herausgeputzt, wie gemalt, die alten Häuser sind renoviert, die Gärten dekoriert, als wolle man einen Schönheitswettbewerb gewinnen, Horden von Gartenzwergen grüßen grinsend. Seit der Wende setzt man hier ganz auf Kulturtourismus. In Bussen werden die Besucher schubweise herangebracht, auf der Naturbühne klassisch unterhalten, selbstbewusst durch das Schiller-Museum geführt und stilecht verköstigt im Gasthaus "Zum braunen Roß", wo der Dichter beim überstürzten Aufbruch im Juli 1783 die Zeche prellte - unter anderem 145 Eier und vier Eimer Bier. Wer den Wirt fragt, darf sogar mal auf der garantiert echten Schiller-Bank sitzen. Im Museum, das zur Stiftung Weimarer Klassik gehört (und dessen Zukunft nicht gesichert scheint), muss man dagegen die originalen Objekte aus der Zeit von Schillers Aufenthalt suchen: zeittypische Möbel und Bilder in den kleinen Zimmern sind von überall her zusammengetragen, vermitteln lediglich die Atmosphäre, in der der Exilant sich anscheinend so wohl und befreit fühlte: "Nunmehr bin ich in der Verfassung, ganz meiner Seele zu leben. Da ich alle Notwendigkeiten und auch die Bequemlichkeiten habe, so habe ich eine Zeitlang für nichts zu sorgen, als mich zu einem großen Plan vollends anszubilden. Diesen Winter seh ich mich genötigt, nur Dichter zu sein ?" Immerhin - das Bett ist von damals steht noch, es ist 1,80 Meter kurz. Der groß gewachsene "Schiller schlief im Sitzen", behauptet die Führerin.

Und zum Dichter wurde er ja nun wirklich hier in Bauerbach. "Kabale und Liebe" vollendete er, den "Don Karlos" schrieb er zügig fort. Daneben fand er sogar noch Zeit für Herzensangelegenheiten. Ob er sich nun allerdings in Henriette von Wolzogen, die Gönnerin und Besitzerin seines Asyls, oder doch in deren Tochter verliebte, darüber streiten manche Gelehrten. Schiller selber drückt sich in seinen Briefen um eine eindeutige Zuneigung.

Dafür wurde er später leider umso deutlicher, was sein Verhältnis zu dem kleinen Bauerndorf in Thüringen anbelangt: "Ich war also wieder in der Gegend, wo ich von 82 bis 83 als ein Einsiedler lebte (...) Jetzt, nach fünf Jahren, kam ich wieder, nicht ohne manche Erfahrungen über Menschen,Verhältnisse und mich. Jene Magie war wie weggeblasen. Ich fühlte nichts."

Die heutigen Bauerbacher nehmen diese Distanzierung gelassen: "Dem Manne kann geholfen werden", steht an einer Hauswand und gemeint ist, dass sie Schiller auch in Zukunft (nicht ganz uneigennützig) nicht im Stich lassen werden. Selbst wenn der sagte, sein Aufenthalt hier sei wohl "nur eine schöne Laune" seines Schicksals gewesen.

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Autor:
Bernd Noack