Barcelona
Stadt der Widersprüche

Von Markus Jacob

Die katalanische Hauptstadt ist ein Ort der Widersprüche. Aber keiner der unauflöslichen: In Barcelona ist die Utopie des kulturellen Schmelztiegels seit langem bereits Alltagsroutine.

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Tim Langlotz

Sie haben die Wahl, wie Ihnen Barcelona zu Füßen liegt: zerzaust oder züchtig, als scheinbar undurchdringliches Dächerwirrwarr oder als streng geometrisches Straßenraster. Von oben auf dem Montjuïc wirkt die Stadt ungeordnet und struppig; vom Gipfel des Tibidabo aus hingegen glitzern die klaren Achsen des Eixample, die zu den geordneten Maßen des Hafens führen. Es ist kaum zu fassen, dass der Blick von den beiden Hausbergen der Metropole dieselbe Stadt zeigt.

Das wohlhabende Barcelona der höher gelegenen westlichen Stadtteile - Sant Gervasi, Pedralbes, Sarrià - bekommt kaum ein Tourist zu Gesicht; noch seltener - es wäre denn, er verirrte sich auf dem Weg zum Parc Güell - die Geheimnisse alteingesessener Viertel wie Horta, El Carmel oder Vallcarca, von deren steilen Straßen man die schönsten Ausblicke auf den unwahrscheinlich verdichteten Stadtkörper vor der Weite des Meeres erhascht.

Das andere Extrem bilden die an den alten Hafen grenzenden Teile der Altstadt. Einst Inbegriff der Verruchtheit und Zwielichtigkeit, sind sie heute die Trampelpfade der Besuchermassen. Ihr Weg führt hinunter bis zu den vier Kilometern Stadtstrand der Barceloneta, wo fliegende Händler ein Publikum aus aller Welt umschwirren und mit Massagen, Mojitos und Sambakursen versorgen.

In den daran anschließenden Vierteln spielt die Stadt mit ihrer Zukunft: Südeuropas weitläufigste alte Industriezone Poblenou wird seit zehn Jahren unter der Marke "22@Barcelona" auf oft spektakuläre Weise in einen Technologie- und Designdistrikt verwandelt. Damit verglichen wirkt der Stadtumbau fast anekdotisch, der ab den achtziger Jahren durch die Schaffung unzähliger neuer öffentlicher Räume international Aufsehen erregte und im Olympiajahr 1992 mit dem ingenieurtechnisch raffinierten Autobahnring und der Öffnung zum Meer kulminierte.

Derselbe sozialistische Bürgermeister Pasqual Maragall, dessen Elan das "Modell Barcelona" so viel verdankt, schüttelte vor seiner Amtsübergabe 1997 das nächste Großereignis aus dem Ärmel. Das "Universelle Forum der Kulturen 2004" war ein Flop, doch die Vollendung der Avinguda Diagonal bis ans Meer und der Versuch, dem von Müllverbrennungsanlagen und Industriefossilien besetzten Nordostende der Stadt ein neues Gesicht zu geben, wurde fast unbemerkt zu einer der kühnsten urbanistischen Operationen Europas. Immerhin begnügte man sich hier nicht damit, ein Riesenrad wie in London als Symbol des 21. Jahrhunderts auszugeben, sondern wagte den Versuch, eine bestehende Entsorgungslandschaft mit architektonischer Avantgarde zu koppeln.

Das Manchester des Mittelmeers

Barcelona fasziniert, weil es spüren lässt, dass es sich in seinen engen Grenzen zwischen Meer und Gebirge fortwährend neu erfindet. Bis 1854 in seine Stadtmauern gepfercht, belagert von der Zitadelle (an der Stelle des heutigen, gleichnamigen Parks) und dem Kastell von Montjuïc - beide seit der katalanischen Niederlage im Spanischen Erbfolgekrieg 1714 Symbole der verhassten Bourbonenherrschaft -, entwickelte es sich zu Spaniens erster und bevölkerungsreichster Industriestadt. Doch dieses "Manchester des Mittelmeers" war zugleich die "Feuerrose", in der Revolte auf Revolte folgte, in der antiklerikale Massen 1909 die Gotteshäuser der Stadt verwüsteten.

Von Gegensätzen brodelnd, ist der einstige Broadway Barcelonas, die Avinguda del Parallel, heute die Bühne der Immigranten. Obgleich durch urbanistische Eingriffe und die Implantation mehrerer Museen und Hochschulfakultäten gezähmt, ist dieses alte Viertel mehr denn je das Laboratorium der Zukunft Barcelonas. Am brisantesten ist die Mischung im früheren Chinesenviertel El Raval, wo nichteuropäische Einwohner die Bevölkerungsmehrheit bilden. Wohl fast eine Million Einwanderer sind zwischen 1998 und 2008 nach Barcelona geströmt und haben sich gleichmäßig über den metropolitanen Raum verteilt. Spanien hat im europäischen Vergleich die massivste Immigrationswelle erlebt und scheint diese leichthändiger zu meistern als andere Nationen.

Ohne die Einwanderungspolitik des Landes zu idealisieren, lässt sich behaupten: Spanien gewährt seinen Immigranten beim Versuch, ihr Leben neu zu gestalten, mehr Spielraum als anderswo üblich. Als habe man nicht nur begriffen, dass der pakistanische Gemüsehändler unentbehrlich ist, sondern nehme ihn in erster Linie als Gemüsehändler und nicht als Pakistani wahr. Ich sehe oft eine alte Barceloninerin, die es sich in der Abendfrische auf ihrem Klappstuhl vor der Kurzwarenhandlung von Yong Mei bequem macht, um mit der jungen chinesischen Geschäftsfrau ein Schwätzchen zu halten, genauso wie sie es mit deren katalanischer Vorgängerin zu tun pflegte.

Den Eingang des Liceu, der 1994 abgebrannten und wieder aufgebauten Oper, trennen nur einige Schritte vom islamischen Halal-Metzger, den Friseur- und Schönheitssalons der Latinos und den unzähligen locutorios, jener Art öffentlicher Wohnstuben mit Internetanschluss, die auf deutsch Call-Shops heißen. Und die besten Tortillas der Stadt braten jetzt die Chinesen.

Anders als im Raval verlief die Entwicklung am östlichen Ende der Altstadt, wo das El Born genannte Viertel zum Inbegriff der Gentrifizierung wurde. Rund um die gotische Kirche Santa Maria del Mar liegen heute Boutiquen und einige jener Restaurants, die der katalanischen Küche zum gastronomischen Hype verholfen haben. Als nueva nouvelle cuisine apostrophiert, hat sie laut New York Times die französische Küche entthront und mit ihren Menüfolgen aus zwanzig oder dreißig tapas, eine verrückter als die andere, der Kochkunst neue Wege gewiesen.

Der heimliche Gegenspieler Gaudís

So wie die Zutaten in dieser Küche ihren Geschmack bewahren, aber in nie vermuteten Formen, Konsistenzen und Kombinationen serviert werden, so füllen sich die eiden urbanen Gussformen - die einer gutbürgerlichen, elbstzufriedenen Ober- und die einer anarchischen, experimentierfreudigen, menschendurchfluteten Unterstadt - mit immer neuen Bildern Barcelonas.

Es genügt aber ein Blick auf den Stadtplan, um zu erkennen, dass zwischen diesen beiden Polen noch ein anderes Muster liegt: Es sind die etwa 700 Häuserblöcke des Eixample, der rationalistischen Stadterweiterung des 19. Jahrhunderts, die in Europa einzigartig ist. Sie unterscheidet Barcelona von den durch Zufallsentwicklungen oder urbanistische Stümpereien gewachsenen Städten der Welt. Dieser Stadtteil mit seinen prachtvollen, von breiten Trottoirs gesäumten Avingudas ist im urbanen Menü der Hauptgang. Sein Planer, der Ingenieur Ildefons Cerdà, ist nicht nur der vermutlich meistunterschätzte Stadtplaner der Welt, sondern auch der heimliche Gegenspieler des Architekten Antoni Gaudí, der wenige Jahrzehnte nach ihm die Träume der katalanischen Bourgeoisie wahr machte.

Am Stadtkörper ist das Auf und Ab der Geschichte leicht ablesbar. Auf die Blüte im Spätmittelalter folgte der langwierige Niedergang: Das Barock etwa hinterließ hier kaum nennenswerte Spuren. Erst als Barcelona zur Industriestadt wurde und zugleich das katalanische Nationalbewusstsein erwachte, gab diese Mischung - Finanzkraft und ein vehementer Wille zur Eigenständigkeit - jenen Bauten Gestalt, die heute auf der Liste der Sehenswürdigkeiten ganz oben stehen: denen des modernisme und insbesondere denen Gaudís.

Der Architekt ist zugleich eine absolute Ausnahmeerscheinung und der perfekte Repräsentant seiner Zeit und seines Landes. Er war ein streng katholischer Nationalist - was nichts daran änderte, dass seine Bauten einst bei LSD schluckenden Hippies in Mode kam. Das gehört zur Ambiguität Barcelonas, das ein verstocktes Provinznest ist und ebenso eine unentwegt vor sich hin flackernde Kosmopolis.

Man braucht nur einmal die Rambla hinauf- oder hinunterzuschlendern, um ungefähr alle Sprachen der Welt zu hören - darunter natürlich, wiewohl überraschend selten, auch die landeseigene: das Katalanische. Dass Spanisch hier eine Fremdsprache sei, ist ein weit verbreiteter Irrtum. In Wirklichkeit spricht nur die Hälfte der katalanischen Bevölkerung von Haus aus katalanisch, und allen Förderungsmaßnahmen zum Trotz wird sich das im Alltag erreichte Gleichgewicht schwerlich zu seinen Gunsten neigen. Die Weltsprache Spanisch ist auch ein Wirtschafts- und Kulturfaktor. Ihn der Hege des Ureigenen zum Opfer zu bringen, wäre schlicht eine Dummheit.

Barcelona ist vornehm und aufbrausend, uralt und sehr modern, weltoffen und selbstverständlich ein bisschen hinterwäldlerisch (wie etwa auch Berlin, New York oder Tokio). Rationale Planung und bourgeoise Extravaganz gehören zu seinem genetischen Code genauso wie anarchische Gewalt und eine gewisse Verruchtheit. Dennoch hatte sie noch vor zwanzig Jahren das Image einer eher unansehnlichen Industriestadt. Bis ein gezieltes Stadtmarketing Barcelona praktisch aus dem Nichts unter Europas touristische Topdestinationen katapultierte.

Lausige und lauschige Absteigen

Die Stadt zählt nun schon eine Weile zum Kreis jener Städte, an die ein alerter Europäer denkt, wenn er, während er sich die Zigarette danach ansteckt, zu seiner Geliebten sagt: "Und wenn wir dieses Wochenende irgendwohin fahren würden?" Worauf sie erwidert: "Meine Freundinnen schwärmen immer von Barcelona." Und er: "Genau! Da kam ich doch 1974 auf dem Weg nach Ibiza vorbei. Diese lausige Absteige damals, das kannst du dir gar nicht vorstellen."

Und dann kriegen sie kein Zimmer. Barcelona mit seinen 50.000 Gästebetten (private Pensionen nicht mitgerechnet; aber unser Paar, von lausig zu lauschig, sucht jetzt eher im Viersternebereich) weist auch in Krisenzeiten eine Auslastung von 70 Prozent auf.

Verlasse ich mein Haus, so wähne ich mich manchmal in einer Stadt, in der sich überhaupt nur noch globale Bonvivants, finnische Professoren, brasilianische Poeten, ukrainische Triphop- Musikerinnen, koreanische Models und chilenische Architektinnen tummeln. Nicht zu vergessen die aus Casablanca, Manila, Mar del Plata oder Toulouse stammenden Kellnerinnen, die eine zuvor unbekannte Liebenswürdigkeit in den Alltag gebracht haben.

Zwei freundschaftliche Warnungen. Angenommen, unser exemplarisches Paar findet doch eine Unterkunft, so stehen mit Sicherheit zwei gleichermaßen absurde Musts auf seinem Programm: erstens die Sagrada Família, zweitens eine rauschende Nacht in Barcelonas fabelhaften Designerbars. Ich weiß nicht, wie vielen Gästen ich schon vom Besuch des berühmten Gaudí-Bauwerks abgeraten habe - vergeblich. Es ist wie ein Zwang: Sie müssen die Sagrada Família gesehen haben, auch wenn man ihnen schwört, dass es hier reihenweise interessantere Bauten Gaudís und seiner Zeitgenossen gibt. Fast niemand verirrt sich etwa in das knapp fünf Gehminuten von der Sagrada Família entfernte Hospital de Sant Pau, das gleichfalls zum Unesco-Welterbe gehört und von der Stadt in ihren Modernisme- Prospekten auch gebührlich gewürdigt wird.

Auch der ungebrochene Drang der Kulturtouristen, in Barcelona mindestens einmal stilvoll zu versumpfen, beruht auf einer Fehleinschätzung. Stil hatten die achtziger Jahre, und zwar genauso bei der Gestaltung von Außenräumen wie von Interieurs. Man betrank sich damals tatsächlich nur, um allwöchentlich die Kargheit der neuesten Theke zu bewundern. Um 1990 kam der ironische Plüsch hinzu, später die eine und andere Retro-Welle, und nebenbei erfuhr man, dass sich der Begriff Designerbar einstweilen von Allschwil bis Kalgoorlie zu verbreiten begann und entsprechend aufgeweicht ist.

Noch schlimmer ist es der Rambla ergangen.Wir haben die schmerzliche Pflicht, das Hinscheiden der letzten Flaniermeile Europas, die diesen Namen verdiente, kundzutun. Die Krankheit, die ihr seit dem olympischen Sommer 1992 mehr und mehr zugesetzt hat, steckt prallschenklig in Bermudas und T-Shirts mit Botschaften, über die man nur den Kopf schütteln kann. Auf der Rambla stammt lediglich noch jeder fünfte Passant aus dem Land selbst. Die Einheimischen meiden den Ort schon seit längerer Zeit, und vielleicht sind es die drögen "lebenden Statuen", um die sich Trauben von Touristen scharen, die den Niedergang dieser einst so lebensprallen Straße am fotogensten repräsentieren.

Da ist das Geknatter der Motorräder schon ein passenderes Symbol für diese Stadt. In Pulks stieben sie davon, kurz bevor die Ampeln an den Eixample- Kreuzungen auf Grün schalten: Das kostet Nerven, es sei denn, man lässt sich davon in eine Art urbane Ekstase versetzen. In Barcelona spürt man die Energie des ganzen Stadtkörpers in jedem seiner Teile. Die Ereignisdichte (mag auch das Ereignis oft bloß die Form von zwei schönen Beinen haben) ist hoch - und anstrengend. Dass die Stadt trotz ihres Ungestüms, ihrer Dichte und ihrer Extravaganzen so effizient und erfolgreich ist, mag daran liegen, dass sie eine der bestgeordneten und mit größter Vernunft angelegten in ganz Europa ist. "La ben plantada " nennt sie sich selbst, frei übersetzt heißt das etwa "die gut Gebaute".

Stolz klingt darin mit, doch darüber hinaus ist der Charakter der Barceloniner schwer zu fassen. Sie werden ebenso oft als verschlossen wie leutselig geschildert, und es ist wohl auch beides wahr. Die Straße bietet endlose Abwechslung, Blickfänge, ein ewiges Palaver und alle Widersprüche Barcelonas sind vielleicht in jenem Begriffspaar enthalten, mit dem die Katalanen ihren Charakter zu definieren versuchen: seny i rauxa, gesunder Menschenverstand, aber bitte mit einem Schuss Wahnsinn. Ein bisschen verrückt muss man ja schon sein, um flüssige Ravioli und essbare Schäume aus Rauch zu erfinden. Aber es bedurfte auch einer Menge Vernunft dazu, diese Stadt so kompakt und formvollendet vor der halluzinogenen Perfektion des Meeres aufzubauen.

Artikel erschienen: August 2010