Baden-Württemberg Schwörmontag in Ulm

Demokratie kann die seltsamsten Formen annehmen, auch Lust, Brauchtum und Eventkultur gehören dazu. Ulm ist die einzige deutsche Stadt, die heute noch Jahr für Jahr ihr Oberhaupt vor Bürgern und Gästen Rechenschaft ablegen und schwören lässt, "Reichen und Armen ein gemeiner Mann zu sein in den gleichen, gemeinsamen und redlichen Dingen, ohne allen Vorbehalt". Wobei "gemein" nicht "schofel" meint, sondern "für alle da". Im Auftritt des Oberbürgermeisters am jeweils vorletzten Montag im Juli gipfelt ein Verfassungsfest, das einen erzpolitischen Akt transportiert. "Die kommunale Demokratie ist die Basis aller demokratischen Entwicklungen. Ohne handlungsfähige und starke Städte ist kein Staat zu machen", sagte Ivo Gönner in der jüngsten, der 2006er Schwörrede.

Die Anfänge dieser Tradition liegen irgendwo dort, wo aus einer sumpfigen Königspfalz im Jahre 1184 eine staufische Reichsstadt wurde, die rasch wuchs. Die Donau bildete eine bequeme Verbindung zum aufblühenden Osteuropa, die Alpenpässe nach Italien waren nah, über die Alb gelangte man ins Rheinland und weiter in die westeuropäischen Metropolen. Hauptexportartikel war Leinwand, den Flachs dazu lieferte das Umland.

Gegen Ende des 13. Jahrhunderts guckten sich die Ulmer dann in Italien den Barchent ab, ein Mischgewebe aus leinener Kette und baumwollenem Einschlag. Die Importtechnik wurde zur Quelle des Ulmer Reichtums und warf die Frage auf, wer in der Stadt den Ton angeben sollte, das alte oder das neue Geld? Das alte Geld, das waren die Patrizier, eng versippte Familien, die von Grundherrschaft und Lehen lebten und die städtischen Ämter und Ehrenstellen besetzten.

Anfangs beteiligten sich einige aus dem Stadtadel an den lukrativen Geschäften, doch um die Wende zum 14. Jahrhundert wurde ihnen die soziale Dynamik unheimlich. Der Stand schloss sich gegen die anderen Schichten ab und trieb die Zunftmitglieder aus dem Rat. Die Händler und Handwerker protestierten, ohne Erfolg. Andererseits fruchteten Verbote ihrer Zünfte nichts, und als noch der Streit über einen Brückenzoll hinzutrat, ließ der patrizische Amtsbürgermeister Hans Jörg Roth die auf dem Weinhof versammelten Zunftmeister schlicht niedermachen. Die wehrten sich, und am Ende soll die Blau sich rot eingefärbt haben, bis in die Donau.

Die blutige Geburt der Ulmer Stadtverfassung dauerte fast ein halbes Jahrhundert. 1345 unterschrieben Gemeine und Adel einen "Sühnebrief", Versöhnungspakt, kurz darauf garantierte der "Kleine Schwörbrief" den Zünften eine knappe Mehrheit im Rat und enthielt schon einen Vorläufer der heutigen Schwörformel. Unter den stabilisierten Verhältnissen prosperierten Kaufleute, Tucher und Handwerker erst recht, ihr politischer Appetit wuchs, 1397 erzwang die neuerliche Machtverschiebung einen erweiterten, den "Großen Schwörbrief". In einem neuen Großen Rat kontrollierten die Zünfte von Stund an die Mehrheit, hatten allein das aktive Wahlrecht, konnten gegebenenfalls Bürgerentscheide ansetzen - unter der Gemeinde der steuer- und wehrfähigen Selbständigen, wohlgemerkt: Politische Rechte genossen auch bei der Zunftverfassung weniger als 15 Prozent der Einwohner.

Wer ins Bürgerrecht aufgenommen werden wollte, musste Zunftmitglied sein und ein Mindestvermögen, Rüstung und Waffen vorweisen. Die Patrizier stellten noch den Bürgermeister und besetzten andere herausragende Funktionen. Die Wahlen fanden jährlich statt, und im Anschluss schworen alle Einwohner gegenseitige Treue.

So mit sich ausgesöhnt, kaufte Ulm sich ein weiträumiges Territorium zusammen und expandierte. Mitte des 15. Jahrhunderts besaß es das nach Nürnberg zweitgrößte Gebiet einer Reichsstadt. Die Menschen im Umland galten als Leibeigene der Stadt. Ständig im Clinch mit den benachbarten Fürsten, war Ulm selbst ein Landesherr - und kein zimperlicher. Im Innern schlug der Rat die Unbotmäßigen nieder, nach außen führte er die verbündeten schwäbischen Städte im Kampf um ihre Unabhängigkeit, bis 1487 Kaiser Friedrich III. dem fortwährenden Krieg im Südwesten ein Ende machte und die Gegner an einen Tisch zwang. Der daraus hervorgehende "Schwäbische Bund" vereinte geistliche und weltliche Herren und Städte zum Erhalt des Landfriedens - mit Ulm als Hauptstadt, "Vorort" genannt. Dort fanden die Bundestagungen statt, die städtische Kanzlei führte die Bundesgeschäfte. Und als später das Heilige Römische Reich Deutscher Nation in zehn Kreise eingeteilt wurde und der schwäbische sich 1563 - als einziger - eine Verfassung gab, fiel der Stadt eine ähnliche Rolle zu.

So weit, so stolz. Doch inzwischen war Europa in Bewegung geraten, hatte Kolumbus Amerika entdeckt und Luther das Evangelium. Die überseeische Expansion lenkte die Handelsströme um, auch zu Lasten Ulms, und steigerte die Machtmittel des spanischen Königs - der zugleich als Kaiser Karl V. das Reich regierte. Derweil gab Luther der Opposition gegen den übermächtigen Habsburger ganz neue Argumente an die Hand. Auf dem Speyerer Reichstag 1529 schlug sich der Ulmer Gesandte auf die Seite der protestierenden - seither "protestantischen" - Stände. Um sich abzusichern, veranstaltete der Rat die wohl prominenteste Bürgerbefragung der Ulmer Geschichte, und am 3. November 1530 bestätigten die Berechtigten mit 1621 zu 243 Stimmen (eine Enthaltung) die Entscheidung. Der beschlossene Konfessionswechsel vollzog sich in bester Zucht und Ordnung, auch das Abnehmen, Zerhacken und Verfeuern der Skulpturen und Altäre ging geordnet vor sich. Dumm nur, dass die Evangelischen 1547 bei Mühlberg unterlagen.

Kaiser Karl zog durch das Herdbrucker Tor in die Stadt, eine neue Verfassung für Ulm in der Satteltasche. Er hatte die Rolle der Zünfte nicht vergessen: Sie wurden abgeschafft. Die Mehrheitsverhältnisse im Rat kehrte Karl V. zugunsten der Aristokratie um, die Wahlen ersetzte er durch kaiserliche Ernennungen auf Lebenszeit - aber nur für kurze Zeit, dann wehrten sich die Zwangsprivilegierten selbst gegen die Arbeitslast und erlangten wieder jährliche Ratswahlen.

Ein feiner Unterschied, der den Systemwechsel ausleuchtet, verbirgt sich hinter dem Wort "Wahl": Seit 1549 wählten nicht mehr die Zünfte ihre Ratsvertreter, sondern der alte Rat den neuen - eine Oligarchie aus Adel und reichen Kaufleuten wechselte sich ständig selbst aus, während Handwerker und Kleingewerbler zu Regierten absanken, die Eigengerichtsbarkeit verloren, sich strenge Organisationsvorschriften gefallen lassen und ihre Versammlungen anmelden mussten. Was blieb, waren Schwörtag und Schwörformel: die formale Festlegung der Obrigkeit auf das Gemeinwohl.

Ulms Verfassungstradition trat in ihre symbolische Phase. Die Macht konzentrierte sich auf eine dünne Oberschicht, der reichspolitische Einfluss verfiel parallel zum ökonomischen und militärischen Abstieg - die Schwörfeiern hingegen gewannen an Umfang. Das Fischerstechen trat hinzu, das "Bäuerle- Herunterfahren", Keim des späteren "Nabada", der "Bindertanz", die Fastnachtsfolklore wurden integriert. Je engmaschiger das Stadtregiment die Ulmer einschnürte, desto vehementer feierte das politisch ausgeschlossene Volk den Tag der Verfassung, die immerhin noch theoretisch Bürgerentscheide vorsah.

1770 war Ulm bankrott. Teile des Territoriums wurden verkauft, man richtete sich kleiner ein. Doch 1802 half alles nichts mehr, die Bayern rückten ein und schlugen die stolzen Reichsadler aus Fassaden und Wappen. Am 5. August 1803 wäre eigentlich die Neuwahl des Rats fällig gewesen, aber wie zur Verdeutlichung der Zeitläufte fand nur die Beerdigung des letzten Ratsälteren Johann Conrad Krafft statt.

Als Ulm 1810 zu Württemberg kam, aus Selbstregierung endgültig Fremdverwaltung wurde, zog sich der nunmehr schwurlose Schwörmontag in die Weinseligkeit der Friedrichsau zurück. Zugleich setzte sich trotz polizeilichem Verbot das neuzeitliche "Nabada" durch, ein Badespaß in und um Blau und Donau, der mit dem Schwören zunächst wenig, mit dem erotischen Spieltrieb der Romantik umso mehr zu tun hatte. Verschiedene Gesellschaften, darunter die "Hundskomödie", forcierten das Brauchtum - gleichwohl: "sinnund würdelose Kneiperei", schimpften geschichtsbewusste Ulmer in den zwanziger Jahren.

Es waren die Nazis, die den Schwörmontag mit Rechenschaftslegung, "Fischerstechen" und "Bindertanz" gleich 1933 wieder erweckten - ohne die Eidesformel. Die eigentliche Tradition blieb verborgen. So war es nicht unproblematisch, als die Stadt nach dem Krieg zum politischen Schwörmontag zurückkehrte. Nachdem aber die Bürger bereits 1948 wieder mit Lampions in die Friedrichsau gezogen waren, entschied Oberbürgermeister Theodor Pfizer: Was sich im Rahmen der Folklore "an Gemeinsinn und echter Fröhlichkeit" entwickelt habe, stehe "im Zeichen des alten Verfassungsfestes" - und dem gelte es nun neue Inhalte zu geben. Am 10. August 1949 schloss Pfizer die erste Schwörrede seit 1802 mit der tradierten Formel.

Schlagworte:
Autor:
Mathias Mesenhöller