Schweden
Auf Hummersafari in Westschweden

Von Christoph Pfaff

Die westschwedische Ostseeküste ist berühmt für ihre Austern. Rund 90 Prozent des nationalen Austernfangs finden in Grebbestad statt. Doch Schwedens einziger maritimer Nationalpark beherbergt auch vorzügliche Hummer, deren Fangkunst man sich auf einer Kuttertour durch die Schären nähern kann.

Hummer
Christoph Pfaff
Begehrte Beute: Hummer

Das Sackgassenschild an der schmalen Straße verrät, dass mein Auto nicht viel weiter kommen wird. Hinten ragen bereits die zerklüfteten Felsinseln des westschwedischen Schärenufers aus dem Ostseewasser. Ein paar rote Hütten bilden die Farbkleckse dieser kargen Herbstlandschaft – und am Ende der Straße steht Per Karlssons gelbes Holzhaus. Die Fronttür ist noch verschlossen, ich klopfe. Von innen dreht sich der Schlüssel zweimal im Schloss, dann steht er vor mir: "Komm’ schnell rein, es ist frisch heute." Kalte, klare Luft bei strahlend blauem Himmel und 4 Grad – ein wunderschöner Tag.

Fotostrecke Schweden: Hummer-Safari

(Fotostrecke: 13 Bilder)

Auch von innen ist Pers Hütte komplett aus Holz, sie wirkt urig. Eine niedliche Küche, ein paar Korbstühle und in die Jahre gekommene Netze und Reusen füllen den Raum. "Hier, zieh’ das an", sagt Per. "Das wird dich warm halten, wenn wir draußen sind." Wenig später stecke ich in einem neongelben Overall, der eine Kombination aus Windschutz, Wärmespender und Rettungsweste ist. Dann besteigen wir "Tuffa", eines der beiden Boote, das Pers Bruder Lars soeben abfahrbereit gemacht hat. 

Seit Anfang des Jahrtausends betreiben die Karlsson-Brüder ihr kleines Familienunternehmen "Everts Sjöbod", mit dem sie Urlauber in die Kunst des Austern-, Krabben- und Hummerfangs einweihen. Eigentlich sind die beiden Mittfünfziger Bootsbauer und Tischler. Früher haben sie in Grebbestad ein Möbelgeschäft betrieben, doch die Leidenschaft fürs Meer brachte sie bald wieder hierher an die raue Küste. Sie kauften sich das gelbe Haus aus dem 19. Jahrhundert, das direkt auf einer Austernbank steht – und aus dem Hobby wurde bald mehr. "Für den Austernfang ist die Region berühmt", erzählt Per. Einige Experten sagen sogar, dass es hier in Kosterhavets, Schwedens einzigem, maritimen Nationalpark, die weltweit besten Austern gebe. "Unsere Hummer sind dagegen noch ein Geheimtipp."

Die klassische Hummersaison ist der Herbst. Zwar wäre das Fangen ganzjährig möglich, doch es gibt Gesetze, die es nur von Ende September bis Anfang Dezember erlauben. In den anderen neun Monaten soll sich die Population ausreichend erholen können.

Raue See und kalte Füße

So schön dieser Tag auch ist, weiter draußen zeigt sich die See plötzlich von ihrer rauen Seite. Das Schiff neigt sich bis zu 30 Grad, da ist festhalten angesagt. Der frische Wind beißt in die kalten Füße und auch die Orientierung geht schnell verloren. Beim Schippern durch die graubraune Schärenlandschaft verschwimmen die Felsen von Inseln und Festland mehr und mehr. Das tiefblaue Wasser dazwischen ist gespickt mit bunten Bojen. Den Karlssons gehören die rot-schwarzen, an ihnen sind die Hummerfallen befestigt. "Willst du die erste Falle hochziehen?", erkundigt sich Per. Ich lehne ab, erstmal nur gucken.

Mit einer Hakenkralle zieht er die Boje ans Boot, spannt die daran befestigte Schnur über einen Seilzug und beginnt zu kurbeln. Fünf Meter, nichts passiert. Zehn Meter, Per zieht weiter. "Wie tief ist das Wasser denn hier?", frage ich. Als schließlich über 15 Meter Seil an Bord sind, kommt der Metallkorb endlich zum Vorschein. Aber noch bevor ich irgendwas erkennen kann, winkt der Experte ab: "Das war nichts."

Er holt die Falle an Bord und nun sehe auch ich, was wir gefangen haben: einen toten Hummer und zwei lebende, aber lädierte Krabben. "Ich schätze, dass die drei einen Kampf hatten", sagt Per. "Und der Hummer hat verloren." Dann reinigt Per den Tatort, füllt ihn mit Heringen, die als Köder für seine Beute dienen, und lässt das Drahtgehäuse zurück Richtung Meeresboden gleiten.

Insgesamt besitzen die Karlssons 50 Krabben- und Hummerfallen, die meist in der Nähe von festem, steinigem Meeresboden platziert werden – hier halten sich die Schalentiere am liebsten auf. Wie tief es geht und wie die Bodenbeschaffenheit ist, zeigt an Bord das hochmoderne Echolot, das so gar nicht zum fast historischen Holzkutter passen will. "Tuffa" stammt aus dem Jahr 1952 und hat schon so einige Hummerfahrten hinter sich – auch die, von der Per noch heute gerne spricht.

"Mein absoluter Rekord sind sechs Hummer in einer Falle", sagt er stolz. "Das war wirklich einmalig." Normalerweise müsse er vier bis fünf Bojen anfahren, um einen einzigen zu finden. Wie groß die westschwedischen Hummer werden können, möchte ich wissen. "Bis zu 80 Jahre alt und 1,20 Meter lang", erklärt er. "Aber die passen dann nicht mehr in deine Fallen, oder?" – "Nein", sagt er und legt dabei den Kopf zur Seite, als wäre er tatsächlich ein wenig traurig darüber.

Kein Glück beim Hummerfang

Inzwischen ist die See wieder etwas ruhiger geworden, was dem Magen sehr gut tut. Der Appetit auf den anstehenden Hummerlunch kommt zurück. Wenn sich doch nur ein wenig Zangengold in unseren Fallen blicken lassen würde.

Früher am Morgen habe er einen guten Fang gemacht, erzählt Per. Er war mit einem italienischen Ehepaar draußen und sie kamen mit insgesamt fünf Hummern zurück. Doch wir scheinen an diesem Nachmittag wirklich kein Glück zu haben, denn auch die fünfte und sogar die zehnte Falle bringen zwar insgesamt rund 20 Krabben hervor, die Per dankend einsammelt. Doch Hummer sind keine dabei. "Das ist die Natur", sagt Per. "Man kann es nicht planen. Einige Fallen müssen täglich kontrolliert werden. Das sind unsere Lottosechser." Andere hingegen fährt er mit seinem Bruder nur einmal pro Woche an.

Eine letzte Idee hat Per Karlsson noch, schließlich möchte er mich nicht ganz ohne Erfolgserlebnis zurück an Land bringen. Er bittet Lars, einen kurzen Umweg zu fahren. An der Boje angekommen, das gleiche Procedere: Hakenkralle, Seilzug, Kurbeln. Und tatsächlich befindet sich ein schwarzglänzender Hummer in der Falle. Per präsentiert ihn stolz, sieht aber sofort, dass wir auch ihn nicht mitnehmen können. "Schau mal", sagt er und zeigt mir unzählige kleine Eier, die am Bauch des Tieres haften, bevor er es wieder in die Freiheit entlässt. "Sie ist schwanger."

Auf der Rückfahrt über die inzwischen fast spiegelglatte, ruhige See serviert Per Kaffee und Knäckebrot aus Seetang – als Appetizer auf den Lunch. "Ich hätte dir gerne deinen eigenen Fang zubereitet", sagt Per, fast ein bisschen entschuldigend. "Aber bei der Tour mit den Italienern waren zum Glück ein paar Prachtexemplare dabei."

Fotostrecke Schweden: Hummer-Safari

(Fotostrecke: 13 Bilder)

Wenig später ist die lange Tafel im Obergeschoss des gelben Holzhauses üppig gedeckt: Shrimpsalat, eine Käseplatte, lokales Bier aus Grebbestad und als Hauptdarsteller ein leuchtend roter Hummer. Draußen am Steg schaukeln die beiden Boote "Tena" und "Tuffa" im unrhythmischen Takt der Wellen. Und so langsam werden die Füße wieder warm.

INFO

Per und Lars Karlsson bieten drei Bausteine an, die sich beliebig kombinieren lassen:

Hummersafari 850 SEK, Hummerlunch/-dinner 850 SEK (ca. 98 Euro), Übernachtung mit Frühstück 500 SEK (ca. 57 Euro)

"Everts Sjöbod", Grönemadsvägen 61, Grebbestad, Tel.: +46-525-14242, www.evertssjobod.se

Artikel erschienen: November 2012