Andalusien Die Briten in Gibraltar

The Rock, wie die Gibraltarer ihre Heimat nennen, ist eine Art babylonischer Turm,dem selbst bei gutem Wetter oft eine kleine bleiche Wolkenkappe auf dem Haupt sitzt wie englischen Richtern ihre Rosshaarperücke. Gern möchte man ihnen glauben, dass sie viel weniger britisch sind, als es den Anschein hat. Sie sind sogar beleidigt, wenn man sie Briten nennt. Sprechen fließend Spanisch (mit Englisch vermischt, llanito genannt). Und heißen nicht nur Moore, sondern auch Moreno, Moumouya oder Mancini. Doch fragt man sie per Plebiszit, ob künftig auch Madrid am Affenfelsen etwas zu melden haben soll, schallt es wie aus einem Mund: British we are, british we stay.

Wann immer man den Casemates Square am Eingang der Altstadt betritt, sieht es so aus, als werde hier noch immer Nelsons Sieg bei der Schlacht vom nahen Trafalgar gefeiert. Der Leichnam des Nationalhelden war nach dem Seegefecht am 21. Oktober 1805 on the rock zwischengelagert worden - gut konserviert in einem Brandy-Fass, heißt es. Vielleicht kam Gibraltar damals auf den Geschmack: Die Main Street ist zugepflastert mit Liquor Shops, flankiert von Parfümerien und Juwelieren, dass einem Harrods näher als der Markt von Marrakesch scheint. Und wenn im Pub "Angry Friar" zwischen Dartscheiben und Union-Jack-Wimpeln grölende Gäste vor einem Fernseher "Swing low, sweet chariot" zu einem Spiel des englischen Rugby-Nationalteams anstimmen, könnte selbst ein marokkanischer Muezzin vergessen, dass er nur die Tür öffnen und übers Meer zu blicken bräuchte, um zu sehen, dass Afrika noch da ist.

Dass es sich bei vielen jener trinkfreudigen Jungen mit auffallend kurzem Haarschnitt nicht um Ureinwohner handelt, sondern um echte britische Soldaten oder echte britische Touristen, an denen muslimische Frauen mit tief gesenktem Blick vorbeigehen, das bleibt Kurzbesuchern meist verborgen. "Vor allem am Wochenende wird man kaum junge Einheimische hier treffen, die ziehen abends alle nach La Línea", sagt Stephen Ignacio. Der 38-jährige Sohn britisch-spanischer Eltern betreibt einen Internentservice und weiß, wer hier wo was mit wem macht."Wir sind eine Kleinstadt.

Aber lokale und internationale Politik sind hier extrem eng miteinander verwoben. Das macht Gibraltar einzigartig." So einzigartig, dass der steinerne Zwerg zum globalen Riesen beim Internet Gaming geworden ist. Die lokale Steuergesetzgebung verlangt umgerechnet maximal 595.000 Euro Steuern pro Jahr. Peanuts, wenn man bedenkt, dass allein Branchenkönig PartyGaming 2005 einen Gewinn von 431 Millionen Euro eingefahren hat.

"Vielleicht ist Gibraltar die Zukunft", sagt der presbyterianische Reverend Stewart Lamont und lobpreist es als Beispiel friedlicher Koexistenz verschiedenster Religionen. Was ihn bedrücke, sei das "sensible Verhältnis" zwischen gebürtigen Gibraltarern und den 4000 Briten, die von den einst 10 000 vor dem Truppenabbau noch übrig geblieben sind. "Die Gibraltarer haben einfach keinen Humor. 80 Prozent sind stockkatholisch, und zwar so wie vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil", sagt der 60-jährige Schotte und nippt erneut grinsend am Tee. Um in diesem königlichen Porzellanladen nicht zum Elefanten zu werden, hat der Reverend es vorgezogen, seine geopolitischen Sandkastenspiele in dem Buch "The Hollow Rock" (Der hohle Felsen) als Autor privat zu veröffentlichen. Plot: die Übernahme des mit Löchern und Tunneln perforierten Felsens durch islamische Terroristen.

Das Verhältnis zwischen Gibraltar auf der einen sowie England und Spanien auf der anderen Seite sehe er selbst so, wie Lady Di einmal ihre Beziehung zu Prinz Charles beschrieb: "There were three of us in this marriage, so it was a bit crowded". Der einzige Unterschied zu Gibraltar sei, dass noch nicht klar wäre, wer wen heiraten wolle.

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Autor:
Ulf Lüdeke