Andalusien Sehenswerter Stadtkern Sevilla

Als der Architekt Jürgen Mayer H. sich daran machte, ein neues Wahrzeichen für Sevilla zu entwerfen, da waren in seinem Kopf zwei Bilder. Er erinnerte sich an die wunderbaren Dachwellen der Kathedrale, auf die er von der Giralda hinunterblickte, und an Wasserfontänen, die die Besucher auf dem Expo-Gelände vor dem Hitzeschlag bewahrten.

Mayer H. hatte die Stadt nur einmal besucht, zur Weltausstellung 1992. "Mir war klar:Will man sich hier im öffentlichen Raum aufhalten, dann ist das wichtigste Element Schatten." Jetzt scheint die Sonne harmlos herbstlich, und Mayer H., für zwei Tage aus Berlin gekommen, sitzt in einem Café direkt an der Baustelle, beugt sich vor, damit seine Worte durch das Getöse aus Reden, Lachen, Radiomusik und dem Fauchen der Kaffeemaschine dringen, und manchmal, wenn der Kellner ein paar Tassen auf den Tresen knallt, dass sie scheppern, dann zuckt der liebenswürdige Architekt ein wenig zusammen.

Vor den Fenstern ragen auf der Plaza de la Encarnación die rohen Formen von zweien der sechs riesigen Pilzstrukturen auf, mit denen er die Frage des Schattens löste - und die Aufgabe, inmitten der größten Altstadt Spaniens ein neues urbanes Zentrum zu schaffen und dabei sowohl eine Markthalle wie eine archäologische Ausgrabungsstätte unterzubringen. Die pilzförmigen Sonnenschirme werden zum Großteil aus Holz sein, eine Panoramaterrasse ist geplant, Restaurants, Bars, Geschäfte. "Science-Fiction" nannte der Sevillaner Maler Luis Gordillo, was auf dem seit 30 Jahren brachliegenden Platz im Bau ist. In den Augen des Architekten stellt es so etwas wie "eine weltliche Kathedrale" dar, "aber 24 Stunden offen. In Sevilla ist ja nachts um zwei oft mehr los als mittags." Er kennt die Stadt inzwischen gut, über 30 Mal war er hier, er hat Freunde gewonnen. Er fühlt sich wohl, "nur" - er wirft einen gequälten Blick Richtung Tresen - "manchmal ist es mir einfach zu laut". Die Pilzstruktur bot sich an, weil die Archäologie an vielen Stellen keine Fundamente erlaubt, doch als Mayer H. die mächtigen Ficusbäume sah, die auf der nahen Plaza del Cristo de Burgos ihr Dach aufspannen, erkannte er: "Wir haben eigentlich das Gleiche gemacht, nur gebaut statt gewachsen." Das erklärte er auch den Stadtverantwortlichen. So verliert das Unerhörte etwas von seinem Schrecken.

"Metropol Parasol", wie Mayer H. sein Projekt nannte, würde auch in New York Aufsehen erregen; in Sevilla löst es einen Schock aus. Das Projekt wirkt, als habe jemand einen Warhol zwischen Renaissancegemälde gehängt; die Stadt hat den Ruf, besonders konservativ und traditionsverbunden zu sein. Ein Bekannter erzählt, wie er einmal eilig aus dem Haus und gegen einen Passanten rannte, worauf der empörte Herr ein vernichtendes Urteil ausstieß: "Sie Moderner!" Dass auf der Plaza de la Encarnación dennoch das spektakulärste der eingereichten Projekte verwirklicht wird, ist "Sevillas Art, zu zeigen, wir trauen uns". So drückt es Enrique Hernández aus, Direktor des "Strategieplans Sevilla 2010", ein kräftiger Geograf, der über die Computersimulation von Metropol Parasol gebeugt eine Mischung aus Vorfreude und Vorsicht an den Tag legt:"Wenn es dem hier auch nur ähnelt?" Hernández sagt, Sevilla "brauchte einfach ein Stück emblematische moderne Architektur.Wir haben einst die Kathedrale gebaut, die Giralda, den Alcázar, in Ordnung: Aber wir sind immer noch da und können Dinge schaffen."

Anderen spanischen Städten gleich, die bei berühmten Architekten eine "Ikone" in Auftrag gaben, erwartet man sich ein Kunststück, wie es Frank Gehry mit dem Guggenheim in Bilbao vollbrachte. Ein neues Image. Einen Anreiz für Besucher, das verzaubernde Labyrinth des alten Judenviertels Santa Cruz einmal zu verlassen und neues Terrain zu betreten. Doch die Sonnenschirme sind nur das stärkste Signal einer Dynamik, die die Stadtregierung in Anspielung auf den Entwicklungsschub durch die Expo von 1992 "Sevillas zweite Modernisierung" nennt. Zaha Hadid hat eine neue Universitätsbibliothek entworfen, Norman Foster, Jean Nouvel, Arata Isozaki und Guillermo Vázquez Consuegra planen Wohnungen. Eine U-Bahn-Linie ist im Bau, die neue Straßenbahn fährt seit Kurzem, Plätze wurden saniert und für den Autoverkehr geschlossen, wie überhaupt große Teil der Altstadt. Selbst über den finstersten Hinterhof Sevillas hat Hernández etwas Positives zu vermelden. Im Quartier der Tres Mil Viviendas, jener 3000 Wohnungen, mit denen Sevilla in den sechziger und siebziger Jahren Barackensiedlungen und Zigeunerviertel aus der Welt schaffte und ein katastrophales Getto schuf, teilweise aufgegeben von Müllabfuhr und Polizei, eine Zuflucht für Verbrecher vieler Länder, in diesem problematischsten der Problemviertel wurde Ende 2007 nach langer Zeit der Busdienst wieder aufgenommen.

Unter den Fenstern von Hernández' Büro liegt das Herz Sevillas. Das alte Rathaus, Plaza de San Francisco, dahinter die Kathedrale. "Wir waren dabei, sie zu zerstören! Dort führte ja praktisch eine Autobahn vorbei: 800.000 Busse im Jahr - können Sie sich die Schadstoffe vorstellen?" Er ist stolz auf jeden Quadratmeter, der den Fußgängern zurückgegeben wurde, auf die Kinderwippen auf der Plaza Alfalfa, die Markenboutiquen, die angestaubte Schürzengeschäfte ersetzten, und er nimmt es ohne Groll als natürlichen Lauf der Dinge, dass er, der als Sohn des Küsters der Iglesia de la Magdalena mitten in der Altstadt groß wurde, heute für seine junge Familie hier keine Wohnung mehr bezahlen kann. Er ist in ein kleines Dorf gezogen, von dem er auf Sevilla schaut, und zum Spazieren kommt er mit Frau und Sohn zurück ins Zentrum.

Es gibt natürlich auch Leute, denen die Alameda de Hércules, ein großartiger lang gezogener Freiluftsalon, besser gefiel, als sie noch ungepflastert war und die Umgebung großzügig verlottert; als es hier familiäre Bordelle gab, einen Flohmarkt mit gestohlener Ware; diesen Leuten verheißt es nichts Gutes, wenn der Londoner "Daily Telegraph" unter dem Titel "Von Prostitution zu Prosperität" dazu rät, in Sevillas Altstadt Immobilien zu kaufen. Hernández erinnert Kritiker an 1992. Auch die Weltausstellung wurde in Sevilla anfangs mit großer Skepsis aufgenommen. Heute sind die meisten sogar der Meinung, man hätte ihren Schwung besser ausnutzen können. Doch durch die Weltausstellung auf der Isla de la Cartuja hat die Stadt ihren Fluss gewonnen. Uferpromenaden, die sich Angler, Radfahrer und Spaziergänger teilen. Die elegante, weiße Harfe von Santiago Calatravas Alamillo-Brücke.

Der Technologiepark Cartuja 93 auf dem Expo-Gelände, der große Mühe hatte, in Gang zu kommen, ist heute einer der ökonomischen Motoren der Stadt und soll seine Ausmaße verdoppeln. Und wer erinnert sich noch, dass der viel genutzte Schnellzug AVE, den der aus Sevilla stammende Ministerpräsident Felipe González durchsetzte und der Madrid in zweieinhalb Stunden erreicht, in der Hauptstadt einst als "Zug nach Afrika" verspottet wurde? Zum Abschied holt Hernández einen Bildband aus dem Schrank. "Der Autor behauptet, wir zerstörten mit unseren Vorhaben die Stadt. Ich sage ihm: Du trauerst deiner Jugend nach, nicht dem alten Sevilla."

Es ist fast drei Uhr mittags und auf der nahen Plaza del Salvador gibt es eine Feier. Man hat sich versammelt, mit Gläsern in der Hand und in angeregter Unterhaltung, wahrscheinlich kommt gleich ein Brautpaar aus der Kirche, doch nein, auch die wird ja gerade restauriert. Und dann merkt man, das Fest ist der Alltag. Die Menschen machen nur Mittagspause. Auf Tischen unter Orangenbäumen stehen zwischen Tapas-Tellern Babygläschen, Begrüßungen und Gesprächsfetzen fliegen hin und her, und die Klangwolke über dem Platz untermalt perfekt, was Architekt Mayer H. als so anziehend an Sevilla beschrieb: "Man fühlt sich wohl, weil man spürt, dass die Menschen sich hier wohlfühlen." "Sevilla ist wie eine Familie", erklärt am Nachmittag Mercedes.Wenn sie nächstes Jahr ihr Studium beginnt, kommt nur ein Fach in Frage, das keinen Ortswechsel verlangt. In Jeans und knappem Jäckchen steht sie fröstelnd in der Capilla de los Marineros von Triana, der Esperanza-Kapelle, und wartet auf ihren Freund, der gemeinsam mit anderen jungen Männern einen Altarsockel silbern pinselt, denn morgen beginnt der dreitägige besamanos (Handkuss). Mit ihm wird ein großes Fest zu Ehren der Jungfrau gefeiert, und die Bruderschaft steckt mitten in der Vorbereitung.

Die vielen Bruderschaften sind ein starkes soziales Gerüst, etwa die Hälfte der Sevillaner gehört einer hermandad an, 10.000 Mitglieder hat allein die der Esperanza von Triana. Mercedes ist in der Hermandad der Jungfrau ihres Viertels San Roque, zählt sich sevillaweit betrachtet aber zu den Anhängern der Esperanza von Triana (sie könnte auch ins Lager der Macarena gehören - die Rivalität zwi- schen den bedeutendsten Jungfrauen teilt die Stadt in zwei Lager wie jene zwischen den Fußballklubs Real Betis und Sevilla FC). Sie holt ihre Geldtasche heraus und fächert eine ganze Galerie von Jungfrauen- und Jesusbildern auf. "Das ist gar nichts. Die meisten in meiner Klasse haben mehr."

Nein, Nachwuchsprobleme gebe es in den Bruderschaften nicht, sagt eine reife Dame neben Mercedes. "Wir sind große Traditionalisten in Sevilla. Bei den Prozessionen der Semana Santa weinen ja sogar jene, die behaupten, sie seien Atheisten!" Die Jungfrau hat den Sohn der Dame durch das Physikstudium begleitet, und als er neulich auf einem Kongress einen Vortrag halten musste, bat er am Telefon: Mama, zünde eine Kerze für die Jungfrau an. Wie sich herausstellt, ist die Dame die Kammerzofe des Christus - zuständig für den perfekten Zustand seiner Garderobe. Eine ehrenvolle Position, verdient durch lange Jahre aufopfernden Bruderschaftsdienstes. Auch die Jungfrau hat natürlich ihre Zofe, seit Stunden schon sind sie in einem Hinterzimmer mit Anklei- den beschäftigt, "du solltest die Esperanza in ihren Unterkleidern sehen - wie eine Braut! Die Leute schenken ihr wunderbare Sachen."

Draußen ist die Sonne untergegangen. Die niedrigen Häuser in der Calle Pureza leuchten weiß, rosa und ocker aus dem Nachtblau, in der Bar neben der Kapelle singt eine Männerstimme "Du aber erinnerst dich nicht an mich", langgedehnte, zitternde Silben. Von der Calle Betis am Fluss sieht man die Glocke im filigranen Turm der Kathedrale neun Uhr schlagen. Am anderen Tag trägt die Jungfrau einen schwer bestickten Festtagsmantel, und durch die Calle Pureza fließt ein steter Menschenstrom. Aus der ganzen Stadt kommen sie,um der Jungfrau die Hand zu küssen. Damen im Pelzkragen, aufgeregte Kinder, Mütter mit Babys auf den Armen und Ehrfurcht auf den Gesichtern. Nach jedem Kuss wischt "der Stumme von Triana" die heilige Hand mit einem Tuch ab, zu aufdringliche Verehrer weist er mit unwirschen Gesten in die Schranken. Ein junger Mann in Kapuzenshirt und sehr tief sitzenden Jeans redet lange auf die Statue ein, wendet sich zum Gehen, kommt noch ein- mal zurück und redet eindringlich weiter, und als er fertig ist, fotografiert ihn ein Freund mit dem Handy. Diese Szene hätte Enrique Hernández wahrscheinlich gefallen. Der Stadtstratege wendet gern einen Topos des Philosophen Ortega y Gasset auf Sevilla an: Zwischen Tradition und Moderne wähle die Stadt die Tradition und die Moderne. Alles gehört zum Bild. Die Bruderschaften in jedem Neubauviertel und die lebendigste Hip- Hop-Szene Spaniens; dass man für die feria de abril eine Woche lang den Alltag anhält - und in der Altstadt Riesenpilze errichtet. Beim Metropol Parasol sollte im vergangenen Frühling übrigens möglichst schnell das erste Stockwerk fertig werden, damit der Bürgermeister vor den Kommunalwahlen etwas vorzeigen konnte. Kurz darauf musste der Kran dann aber noch einmal weg. Er störte eine Prozession der Semana Santa.

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Autor:
Barbara Baumgartner