Allgäu Kneipp, Wasser und Wellness

Ein nasskaltes Tuch fährt über Bauch, Rücken und Arme, ein leichter Duft nach Essig liegt in der Luft. Es ist 5 Uhr morgens, Zeit für die Oberkörperwaschung in Bad Wörishofen. Die erste Kneipp'sche Anwendung für einen, der als Warmduscher herkam, im Kopf ein paar Klischees vom Kauz in der Kutte namens Sebastian Kneipp, von Menschen in hochgekrempelten Hosen, die wie Störche durch kaltes Wasser staksen, vom Kurorchester, das Walzer von Strauss junior spielt. All das kann man hier finden, aber es ist eingebettet in eine moderne Wellness-Welt, die mit mehr als hundert Jahre alten Methoden für Wohlbefinden sorgt.

Waschung kalt, Knieguss warm und kalt im Wechsel, Wickel an der Wade oder Lende, Halb- oder Dreiviertelbad - Hydrotherapie in allen Variationen gibt es im Kneippianum. Den Bau, der auf einer Anhöhe über der Innenstadt liegt, hat Sebastian Kneipp noch 1896, ein Jahr vor seinem Tod, gegründet. Mittlerweile ist es ein Vier-Sterne-Haus unter der sehr weltläufigen Regie der Barmherzigen Brüder, das zum "KneippSpa" umgestaltet wurde: helles Holz und warmes Milchglas statt kalter Kacheln. Im Schwimmbad Farbenspiele und im Lift ein Licht, das dem Teint eine sanfte Tönung gibt.

"Bad Wörishofen lebt vom Wasser", sagt der Kurdirektor Alexander von Hohenegg. Kneipp hat die Wasserkraft für die Heilkunst entdeckt und ein weltweites Imperium fürs gesunde Leben geschaffen. Zeitweise war er, schrieb einst die "Washington Post", fast so berühmt wie der amerikanische Präsident und Bismarck. Hauptstadt der Wasserkur ist bis heute Bad Wörishofen mit 850.000 Übernachtungen im Jahr. Es waren schon einmal mehr, aber seit einigen Jahren ist es für die Gäste schwer geworden, von den Krankenkassen eine Kur zu erkämpfen.

Der Kurdirektor arbeitet jetzt daran, dass Kneipp zum Kult wird. Er wirbt um die Erholung suchenden Wellness-Liebhaber, die hier die Heilkraft des Wassers entdecken sollen. Dass es die tatsächlich gibt, leugnet heute kein Mediziner mehr: Vor allem der Kältereiz des Wassers wirkt, die Gefäße ziehen sich zusammen. Kehrt die Wärme zurück, weiten sie sich wieder - die Durchblutung wird besser. Wechselduscher werden seltener von Erkältungen heimgesucht, der Körper verteidigt sich besser gegen Bakterien oder Viren.

Vor 150 Jahren brachte Kneipp sein Eintreten für kalte Güsse eine Strafversetzung ein. Wo immer der junge Kaplan als Seelsorger wirkte, gab er Kranken Ratschläge zur Heilung mit Wasser. Ein Apotheker zeigte ihn deshalb an, der Bischof verwarnte ihn und schickte ihn 1855 schließlich zu den Dominikanerinnen im Kloster von Wörishofen. Er sollte ihnen die Beichte abnehmen und ihre vernachlässigte Landwirtschaft wieder zu Ertrag bringen. Dort legte der damals 34-Jährige erst richtig los. Wasser war Kneipps Elixier. In Wörishofen begoss er die Menschen, die um Hilfe baten, mit Schöpfkelle, Eimer und Gießkanne, ließ sie durch den Bach waten oder durch taufrisches Gras stapfen. Bigotte Neider empörten sich über die gerafften Röcke und schimpften scheinheilig über das "sündige Dorf", die Wiesenbesitzer forderten Schadensersatz für ihr zertrampeltes Gras. Andere im Dorf waren gewitzt, bauten ihre Ställe aus für die angereisten Patienten, manche gleich eine Pension.

Kneipp muss ein begnadeter Diagnostiker gewesen sein, der genau zuhörte, wenn die Menschen über ihre Beschwerden klagten; der ihnen in die Augen schaute und auf die Durchblutung der Ohren achtete. Berührt hat er die Kranken nie, das verbot ihm sein gottgefälliges Amt. Aber er wusste für jedes Zipperlein ein Mittel. Die Armen hat er um Gotteslohn beraten, und doch kam mächtig Geld in seine Kasse, auch durch Honorare für seine Bücher. Die Schrift über die "Wasserkur" wurde bis heute millionenfach gedruckt, bereits 1896 war die 60. Auflage erschienen.

Kneipp konnte grob sein, "drei Güsse aufs Maul" verordnete Kneipp einer Frau, die in der Schilderung ihres Leids kein Ende fand. Doch "trotz meines vielfach sehr schroffen Benehmens", so schrieb er einmal, kämen die Menschen in Scharen zu ihm. Bis zu 300 Leidende soll er an manchen Tagen beraten haben. Kneipp brauchte bald Helfer. Seine Nichten Rosina und Theresia hatte er "abgerichtet" zum Begießen, so seine Notiz. 1890 gründeten Freunde den Kneipp-Verein Wörishofen, heute hat der Kneipp-Bund 160.000 Mitglieder deutschlandweit.

Doch schon in Kneipps Buch über die "Wasserkur" ist längst nicht nur von Wasser die Rede. Von Agave bis Zinnkraut beschreibt er die segensreiche Wirkung heilender Pflanzen. "Fast sämmtliche meiner Thee und Extrakte, Oele, Pulver rühren von früher geachteten, jetzt vielfach verachteten, spottbilligen Heilkräutern her." Eine ausführliche Würdigung bekommt zum Beispiel der "Wühlhuber", ein Tee, der in Magen und Darm ausmistet.

Schrecksekunden mit kaltem Wasser und Heilkräuter, das sind nur zwei der fünf "Säulen", auf die Kneipp seine Lehre gestellt hat. Er rief außerdem die Menschen auf, sich zu bewegen, einfach und nicht zu viel zu essen sowie seelisch ausgeglichen zu sein. Das ist alles andere als altmodisch.

In Bad Wörishofen werden Gäste nach allen Kneipp'schen Regeln verwöhnt, durchwalkt und begossen. Sie ziehen ihre Bahnen durch das Heilwasser des gigantischen Thermalbads und brauchen für einen Drink danach nicht mal aus dem Becken zu steigen, denn Cocktails serviert die Bar im Pool. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass der Kurdirektor schon bald am Ziel ist: Kneipp wird Kult.

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Autor:
Peter Mayer