Allgäu Zu Besuch im Kloster Ottobeuren

Der Tag beginnt mit Klagen, eine halbe Stunde lang. "Du hast uns verworfen, o Gott, und zerschlagen", singen 15 Mönche unter dem Kreuzrippengewölbe eines kleinen Kapellenraums. "Erschüttert hast du das Land und gespalten." Dann, gegen 6 Uhr, wechselt der Ton. Die erste Gebetszeit des Tages, die Vigil, ist zu Ende, die Laudes, das Morgenlob, fängt an. "Singet dem Herrn ein neues Lied." Es ist ein ganz gewöhnlicher Morgen im Herbst, doch die Mönche beten, als wäre es der erste Morgen, der über Ottobeuren leuchtet oder vielleicht auch der letzte. "Der Himmel freue sich, die Erde frohlocke, jubeln sollen alle Bäume des Waldes."

Frater Franziskus war, wie meist, schon eine Stunde vor den anderen in der Kapelle. Kurz nach Beginn der Laudes ist er hinausgegangen, um zwei alten Mitbrüdern beim Aufstehen zu helfen und war pünktlich um halb sieben zum nächsten Gottesdienst wieder da. Jetzt steht er im Bienenhaus, das im Garten der Abtei vor der rund 120 Meter langen Südfassade liegt.

Es ist ein frostiger Tag. Sein Atem dampft, als er aus einem Holzkasten nacheinander einige Waben herauszieht. "Die Königin muss ausgetauscht werden", sagt er, "Die alte ist nicht gut, die Legeleistung stimmt nicht." Die Bienen, zur Zeit in Winterruhe, krabbeln wie träge Käfer in den Waben. Nur vier oder fünf fliegen auf und setzen sich auf die Ärmel seiner Kutte.

Einmal im Monat nach Memmingen ins Kino? Auf keinen Fall

Franziskus ist 39 Jahre alt, ein schlanker Mann mit einem Henriquatre-Bart. Bevor er Mönch wurde, arbeitete er als Zeitsoldat und Bankkaufmann. Anders als viele seiner Mitbrüder hatte er ein konkretes Berufungserlebnis: Bei einem Einkehrtag vor 14 Jahren spürte er für Momente intensiv Gottes Gegenwart - eine Erfahrung, die man kaum beschreiben und am ehesten mit Verliebtheit vergleichen könne. Danach dauerte es lange, bis er verstand, was Gott genau mit ihm vorhatte, erst zehn Jahre später trat er in das Kloster Ottobeuren ein.

Kurz vorher hatte der alte Imker einen Schlaganfall bekommen und so übernahm Franziskus gleich am Anfang das Bienenhaus. Auch wenn er in ein paar Jahren vielleicht zum Priester geweiht wird (und dann den Titel Pater trägt), würde er diese Arbeit gern weitermachen. Ihm gefällt, dass er dafür das Kloster nicht verlassen muss - anders etwa als die Mitbrüder, die in den Pfarreien oder an der örtlichen Schule arbeiten. Schon der heilige Benedikt hatte im 6. Jahrhundert in seiner Ordensregel angeordnet, dass Mönche so wenig wie möglich "draußen herumlaufen" sollen, weil das "ihren Seelen durchaus nicht zuträglich ist". Franziskus fragt sich deshalb jedes Mal, bevor er rausgeht, ob es wirklich sein muss. Einmal die Woche zur körperlichen Ertüchtigung mit dem Fahrrad fahren? Das schon. Einmal im Monat nach Memmingen ins Kino? Auf keinen Fall. "Ich merke, wie mir durch diese Art zu leben eine größere Ruhe und Tiefe zukommt."

Franziskus weiß, dass nicht alle der 24 Ottobeurener Benediktiner die Regel so genau nehmen wie er, dass nicht alle so treu zu den täglich fünf Gottesdiensten kommen. Bei manchen verschwinde das Ideal im Laufe der Zeit leider etwas. "Aber das ist ein Punkt, an dem wir sehr wachsam sein sollten. Wir müssen aufpassen, dass das Ideal immer den ersten Platz in unserem Kopf behält."

Ein paar stille Tage im Kloster verbringen

Die Realität sitzt gut 130 Meter weiter im Nordtrakt der Abtei, raucht und telefoniert. "Sie wollen zu uns kommen? - Ja, die Zimmer haben Nasszelle - natürlich, wir sind immer da - seit 1200 Jahren." Pater Magnus lacht, etwas zu heftig, Zigarettenasche fällt auf sein Gewand. Er ist der Gastpater der Abtei, ein gut gelaunter Mann von 41 Jahren, der gern Priesterwitze erzählt und schon lange vor der Pointe vor Vergnügen rot anläuft.

Zuständig ist er für die fast 30 Gästezimmer, in denen Gruppen und Alleinreisende ein paar stille Tage verbringen können. Magnus muss viel organisieren, Terminanfragen per Mail oder Telefon beantworten - und leistet dabei oft auch Seelsorge. Gestern erst hat er bis 23 Uhr mit einer Frau geredet, die in ihrer Firma gemobbt wird und sich von den Tagen im Kloster etwas Klarheit erhofft.

Magnus war heute Morgen um halb sechs nicht beim Gebet, wie an den meisten Tagen. Er könnte es sich leicht machen und sagen, er schaffe es nicht wegen der vielen Arbeit. Aber das ist es nicht. Magnus hat irgendwann festgestellt: Er kann es nicht, er ist kein Morgenmensch, halb sechs ist einfach nicht seine Zeit. Er weiß, dass er damit viele Mitbrüder und den Abt verärgert. Und, natürlich, der heilige Benedikt schreibt in seiner Regel: "Dem Gottesdienst soll nichts vorgezogen werden." Auch nicht der Schlaf. Aber Magnus würde sich nur quälen. Und will Gott wirklich ein erzwungenes Gebet?

Wenn man ein paar Tage im Kloster unterwegs ist, wird klar, dass die Mönche nicht nur bei Aufstehzeiten sehr unterschiedliche Vorstellungen haben. Es geht um Grundsätzliches: Was ist der Sinn des Benediktinerlebens im 21. Jahrhundert? Wofür sind Mönche da? Sollen sie - wie in Ottobeuren seit langem üblich - eine Art religiösen Mischkonzern betreiben, mit ein bisschen Seelsorge, ein bisschen Schule, ein bisschen Kulturprogramm? Oder müssten sie sich nicht, wie manche meinen, viel stärker auf die Kontemplation konzentrieren, also auf Gottesdienst und Gebet? "Wenn wir rausgehen, in die Pfarreien und in die Schule zum Unterrichten, dann verzehren wir uns nur", sagt Frater Odo, Novize und mit 26 Jahren der Jüngste im Konvent. "Wir sollten es umgekehrt machen. Wir müssen spirituell etwas ausstrahlen, so dass die Menschen zu uns kommen. Das Kloster muss zu einer Festung" - er korrigiert sich - "zu einer Oase des geistlichen Lebens werden."

Über 100 Meter lange Gänge führen durch das Kloster

Entscheiden könnte diese Grundsatzfrage der Abt. Doch Paulus Weigele, der 66. in der langen Reihe der Ottobeurener Äbte seit dem frühen Mittelalter und ein pragmatischer Typ, nimmt den Konflikt eher leicht: "Wer kontemplativ leben will, kann das doch jetzt schon tun, wenn er nicht gerade Pfarrer ist." Und ansonsten gelte: "Nicht jeden Morgen Theater machen beim Aufstehen."

Zwei Stunden später. Pater Magnus schreibt noch eine Mail, steckt sich noch eine Zigarette an. Die jungen Leute, sagt er, die heute ins Kloster eintreten, kämen oft mit sehr hohen Idealen. Er frage sich manchmal, was übrig bleibt, wenn diese Ideale eines Tages zusammenbrechen. Ob dann überhaupt etwas übrig bleibt? Er ist vielleicht nur ein 80-prozentiger Mönch, aber das schon seit fast 20 Jahren.

Kurz darauf verlässt er sein Büro, läuft eine Treppe hinunter, vorbei an dem Pförtnerzimmer, in dem der Honig aus dem Bienenhaus verkauft wird, und biegt nach rechts in einen dieser über 100 Meter langen Klostergänge ein. Dann steht er vor einer Tür, klopft an und tritt in einen schmalen, langgezogenen Raum: die Schneiderei des Klosters. Ein Bügeleisen zischelt, Radio Bayern 1 spielt "Heal The World", und vor der Nähmaschine am Fenster sitzt Helga Merk. "Den ganzen Tag habe ich gestern bei Ihnen angerufen", sagt sie mit gespieltem Vorwurf in der Stimme, steht auf und nimmt von einem Bügel ein schwarzes Ordens-gewand. 40 Stunden hat sie daran gearbeitet, jetzt ist Pater Magnus' neuer Habit - wie das Gewand korrekt heißt - fertig.

Magnus zieht den alten Habit aus. Einen Moment steht er in Stoffhose und weißem Hemd da, streift dann den neuen über und schaut in den Spiegel, der - man ist ja nicht in einem Haute-Couture-Salon hier - kaum größer ist als ein DIN-A-3-Blatt und halb von einem Schrank verdeckt wird. Magnus zupft sich die Kapuze zurecht. "Wie ist es von der Weite oben rum?", fragt Helga Merk. Doch, doch, passt alles wunderbar.

24 Tage Urlaub hat jeder Mönch im Jahr

Seit zwölf Jahren arbeitet Frau Merk in der Abtei, unterstützt von einer Kollegin. Oft klopfen die Mönche bei ihr an und bringen Wäsche zum Ausbessern. Ein alter Frater schaut fast jeden Tag zum Plaudern vorbei. "Er braucht Ansprache, das ist auch ein Stück Betreuung." Andere lassen sich beraten, bevor sie eine Reise machen. 24 Tage Urlaub hat jeder Mönch im Jahr, aber oft nicht das Richtige zum Anziehen. Die schwarze Hose, die man sonst unterm Habit trägt, für eine Reise nach Afrika? Viel zu warm. Sie geht dann in den Nebenraum und sucht aus den großen Wäscheschränken helle Kleidung zusammen.

Die Kloster-Schneiderei ist auch der Ort, an dem die Novizen zum ersten Mal das Ordensgewand anziehen. Mittlerweile kennt Helga Merk diesen Gesichtsausdruck, wenn die jungen Männer vor ihr stehen und an sich herunterschauen - "wie eine Braut, die ihr Hochzeitskleid anprobiert".

Bei Frau Merk beginnt das Mönchsleben und bei ihr endet es auch: Begraben werden die Benediktiner in den Habiten, die sie geschneidert hat, anschließend muss sie die restliche Kleidung sortieren: Hemden, Socken, Winterjacken. Manches kann noch von anderen Mönchen getragen werden, aber vieles wirft sie weg. "Das tut weh", sagt sie.

Es ist kurz vor 12 Uhr. Pater Magnus muss zum Mittagsgebet, danach Essen mit den Mitbrüdern im Refektorium; anschließend arbeitet er weiter bis zum Abend im Büro. Frater Franziskus führt später am Tag zwei Schulklassen durchs Haus. Klosterführungen gehören mit zu seinen Aufgaben. Den gut 40 Kindern erklärt er, was das Wichtigste ist im Mönchsleben: Gebet und Stille. "Nur wer schweigt, kann Gottes Stimme hören."

Doch die Kinder haben keine Lust auf Stille. Rempelnd und tuschelnd lassen sie sich durch die Abtei bugsieren. "Voll eklig, der blutet ja", ruft einer vor einem Bild mit der Geißelung Christi. Im Bienenhaus ist es "voll langweilig, denn die Bienen sind in so 'nem Kasten". In der Basilika wird sich laut gegruselt vor den brokatüberzogenen Heiligen-Skeletten, die in Glasschreinen liegen. Die Lehrerinnen fangen an, einzelne Gruppen hinauszuführen.

Noch etwa zehn Kinder stehen vor den Altarstufen, draußen wird es schon dunkel, als Franziskus in die Runde fragt: "Weiß einer von euch, warum die Leute diese Kirche so prächtig gebaut haben?" Und da steigt, nach all dem Geschiebe und Geschubse und Geschrei ein Satz auf wie ein Wunder, gesprochen von einem Mädchen: "Die Leute wollten Gott zeigen, dass er etwas ganz Besonderes ist."

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Autor:
Oliver Fischer