Madrid Spaniens Köstlichkeiten an einem Tag

2 Uhr: Die schwarze Tomasa tanzt

Das Wochenende kündigt sich an, und Madrid, die Stadt mit den wildesten Nächten Europas, vergleichbar nur mit New York, dreht wieder einmal durch. Auf der Gran Vía staut sich der Verkehr, und rund um die Puerta del Sol drängen sich die Menschen. Mitten im Getümmel tanzt und trinkt sich die schwarze Tomasa in eine glückliche Benommenheit. Nicht weit von ihr, in Chueca, dem Viertel der Schwulen und der Nachtschwärmer, besingt der Liedermacher Ismael Serrano die kleinen Lieben und großen Lügen seiner Heimatstadt. Jede milde Nacht treibt die Bewohner aus ihren engen Mauern nach draußen. "Hier, in der Mitte Madrids", so Ismael Serrano in der Bar Libertad 8, "erholt sich die Seele". Nach seinem Auftritt verstaut der junge Poet die Gitarre und entwirrt dann, in Rauch und Lärm gehüllt, den Fremden das Geheimnis seiner undurchsichtigen Stadt. Es gebe zwei Schlüssel, um Madrid zu verstehen, sagt er. Der eine sei die breite Straße, die Madrid von Süden nach Norden durchschneidet, zuerst Paseo de Recoletos, danach Paseo de la Castellana genannt. Westlich davon liegt das populäre, lebensfrohe, vergnügungssüchtige, östlich das aristokratische, moderne, kühle Madrid. Der zweite Schlüssel liege in den Gezeiten der Verköstigung und Erholung, in jenem geheimnisvollen Rhythmus, in dem die Lokale Madrids ihre Besucher ansaugen und wieder ausspucken.

3 Uhr: Das Meer kommt

Weit außerhalb des Zentrums, in der Nähe des Flughafens, 350 Kilometer vom nächsten Hafen entfernt, wird rumpelnd das Meer entladen. Lastwagen um Lastwagen fährt vor, 12.000 werden es sein im Laufe des Tages - Meeresfrüchte aus dem Baskenland, Lachs aus Norwegen, Seezunge aus Holland, Seehecht aus Chile. Es riecht nach Fisch und nach Salz: Mercamadrid, drittgrößter Fischmarkt der Welt nach Tokio und Sydney. Die Verkäufer schreien, die Anbieter strecken die Arme zum Zuschlag in die Höhe. Drei Stunden später öffnen sich die Tore für die Wiederverkäufer; sie beliefern die 54 offenen Märkte der Stadt. Und dort wiederum decken sich die Wirte der Luxusrestaurants und Tapas-Tavernen mit frischer Ware ein.

6 Uhr: Frühstück in Vallecas

Beatriz trinkt ihren ersten Kaffee. Zu Hause, wie die meisten Madrilenen. Sie wohnt in Vallecas, unten am Manzanares, diesem Rinnsal, das selbst die stolzen Einwohner kaum einen Fluss zu nennen wagen. Von hier aus nimmt sie Bus und Metro in die Calle de Fuenterrabía. Ihr Ziel ist die Nummer 2, ein altes Fabrikgebäude. Um acht Uhr stempelt sie zum Arbeitsbeginn. Nirgendwo sonst ist das Erbe des bourbonischen Königshauses so lebendig wie in der Real Fábrica de Tapices. Beatriz arbeitet in der 1721 von Philipp V. gegründeten Königlichen Teppichmanufaktur.

Zwei Jahre lang übte sie sich in der Kunst des Knüpfens türkischer, persischer und spanischer Knoten. Die 20-Jährige ist die Jüngste von 50 Angestellten in der Abteilung der Bodenteppiche, Normgröße sechs mal achteinhalb Meter. Sie schafft einen Quadratmeter in der Woche. Im Nebenraum entstehen Wandteppiche auf Webstühlen, deren Holz noch aus dem 17. Jahrhundert stammen soll. Aus dieser Zeit kommen auch die Motive: gekrönte Häupter, klirrende Schlachten, scheuende Pferde, schlafende Hunde. Heute werden die Kunstwerke mit Vorliebe von Banken und Golfspielern in Auftrag gegeben; rund 15.000 Euro kostet der Quadratmeter. Bis zu 1000 verschiedenfarbige Fäden verknüpfen die erfahrenen Handwerker im Schein von Neonlicht, dem einzigen Zugeständnis an die Neuzeit. Sie brauchen dreieinhalb Monate für einen Quadratmeter.

10 Uhr: Pause mit Churros

In ganz Madrid stockt jede Tätigkeit. In der Königlichen Teppichfabrik ebenso wie in der Bürokratenstube und in den Büros der Banken links und rechts der Castellana. Jetzt schlägt die halbe Stunde der churros, in Fett gebackenes Spritzgebäck, und der belegten Brötchen. Hohe Zeit der Kaffeehäuser. Während die schwarze Tomasa noch schwer auf ihrem Sofa schläft, befriedigen die Arbeiter und Angestellten Madrids ein erstes Mal die Bedürfnisse des Magens und der Kommunikation -ein Recht, das von den Gewerkschaften sogar mit Streiks verteidigt wird.

13 Uhr: Sardellen und Marilyn.

Luis und Tomás öffnen ihre Taverne (bis 15 Uhr, später nochmals von 20.30 bis 22 Uhr). Ein Kühlschrank, eine dreireihige Batterie viel versprechend etikettierter Flaschen, ein Foto von Marilyn Monroe. Und die Inschrift "Eröffnet im September des Jahres 1933, als das Fässchen Roter 2185 Peseten kostete", dazu ein Bild des Vorfahren, der diese Zeile eingravieren ließ. Die vertraute Kundschaft stärkt sich mit einem Gläschen Wein, einem Wermut, Oliven, Sardellen und einem Lachs-Häppchen. Auch im Tomás gilt das eiserne Gesetz der Taverne: Der Neuankömmling wird eingeladen. Später erst bezahlt er seine Zeche.

15 Uhr: Comida.

Wer es nicht beim Snack in der Taverne bewenden lässt, um gleich zur Arbeit zurückzukehren, nimmt das Mittagessen (comida) zu Hause ein. Für Business-Leute gehört es zum guten Ton, Geschäfte beim Lunch in einem feinen Restaurant abzuschließen.

17 Uhr: Nickerchen und Plaudereien.

Die schwarze Tomasa hat jetzt gegessen und ihre Heiligen versorgt. Sie macht sich zur Arbeit auf. Auf der Stadt lastet die Sommerhitze. Siesta- Zeit. Einige halten ein Nickerchen auf dem Stuhl, andere legen sich kurz hin oder entscheiden sich für das volle Programm mit Pyjama und Vaterunser. Um solche Feinheiten des Lebens zu besprechen, haben die Madrilenen die Institution der tertulias erfunden. Das sind verabredete Plauderstündchen, zu denen sich zur selben Stunde immer dieselben Leute treffen. Die Mutter aller tertulias ist das Café Gijón am Paseo de Recoletos. Hier finden sich bis heute die bekanntesten Intellektuellen der Stadt ein. José Barcena, Kellner seit mehr als 20 Jahren, kennt sie alle, hat ihren Erörterungen über Gott und die Welt zugehört und Autogramme der literarischen Berühmtheiten gesammelt. Dann begann er selber zu schreiben.

19.30 Uhr: Unruhe erfasst die Stadt

Zeit für den abendlichen Aperitif. Die schwarze Tomasa steht wieder an der Puerta del Sol, in einer weißen Tracht, wie sie früher die Sklavinnen in ihrer Heimat trugen und heute die Frauen anziehen, die an die Macht der alten afrikanischen Götter glauben. Sie winkt die Passanten in eine enge Gasse, wo ein Restaurant mit kubanischer Musik eröffnet wurde, das den Namen Negra Tomasa trägt. Seit sie jeden Abend an Madrids bekanntestem Platz steht, denken die Leute, es sei nach ihr benannt. Die schwarze Tomasa ist berühmt geworden mit diesem Namen, sie war sogar im Fernsehen. Und jetzt ist ihre kubanische Hexenkunst immer häufiger gefragt, wenn die Töchter der Stadt mit Liebeskummer und anderem Leid zu ihr kommen. Ihr richtiger Name ist Maria Eulalia Terry. Lehrerin von Beruf und 1995 von Kuba nach Spanien gereist, um ihre verheiratete Tochter zu besuchen. Jetzt gehört sie zu den vielen Immigranten - aus einer Welt, die einst von der spanischen Hauptstadt aus erobert wurde.

21 Uhr: Neue Töne, neue Lieben

Plaza de Lavapiés. Jede Sitzbank des Platzes ist belegt, und auf jeder wird eine andere Sprache gesprochen. Treffpunkt der Nationen. Straßenmusiker aus Ecuador spielen auf Hirtenflöten, ein chinesischer Lebensmittelhändler preist seine Spezialitäten an, eine Marokkanerin ruft ihre Kinder. Ismael Serrano ist an die Plaza gezogen. Hier findet er neue Düfte und neue Töne, neue Lieben, neue Lügen.

22 Uhr: Abendmahl

Allmählich denken die Madrilenen ans Abendessen. Ein Vergnügen, das mit Familie und Freunden geteilt wird. Aficionados des Stierkampfs und des Flamenco treffen sich im Los Gabrieles, Feinschmecker haben einen Tisch im altehrwürdigen Lhardy reserviert. Ismael und seine Musikerkollegen lassen es sich bei einer Pizza gut gehen.

Nach 24 Uhr: Weiche Herzen

Im Negra Tomasa fließt der Rum, dröhnen die Trommeln, wirbeln die Gäste. Auch die schwarze Tomasa tanzt und trinkt sich wieder in ihre glückliche Benommenheit. In der Bar Libertad 8 besingt Ismael Serrano die Nächte in Madrid. Diese Nächte, klimpert er, in denen unsere Herzen weich werden. In denen wir so gern bereit sind, allen Lügen Glauben zu schenken. Sogar den eigenen.

Quelle:
Autor:
Ruedi Leuthold