Madrid Spanien vergisst die Opfer des Terroranschlags

Die Fahrt beginnt 28 Kilometer von Madrid entfernt in Alcalá de Henares, der Geburtsstadt von Miguel de Cervantes. Vor dem Bahnhof steht ein Denkmal. Aber das Monument - die Darstellung einer Gruppe von Menschen - gilt nicht ihm, dem berühmtesten Dichter Spaniens. Das Mahnmal erinnert an den schlimmsten Tag in der jüngeren Geschichte des Landes.

Am Morgen des 11. März 2004 bestiegen islamische Fanatiker in Alcalá vier Nahverkehrszüge, bei sich Rucksäcke voller Sprengsatz. Wenig später wurden bei den Detonationen 191 Zugreisende getötet, 1858 Menschen verletzt.

Der Vorortzug passiert die Arbeitervorstadt Vallecas, er hält in Santa Eugenia, dann in El Pozo, an beiden Stationen sind vor fünf Jahren Bomben explodiert; Menschen starben. Es ist ein wolkiger Tag, wie damals. Jetzt schlafen die Fahrgäste, lesen oder tippen ins Handy. Pendler, Mütter und Schüler, sie haben harte Gesichter und weiche, hübsche, hässliche, alte, junge. Wie damals.

Zwei Sicherheitsleute streifen durch den Waggon, massige Kerle in gelben Westen. Einige Passagiere schauen kurz auf. Schließlich biegt die Bahn in den Madrider Stadtteil Atocha ein.

Hier detonierten die ersten Bomben: Vier zerfetzten einen Zug kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof, drei einen weiteren im Inneren des Gebäudes.

Die Türen öffnen sich. Der Ausstieg bedeutet Erleichterung. Bei der Fahrt mit dem Vorortzug reisen Schrecken und Erinnerung immer noch mit.

Darüber hinaus scheint Spanien sich jedoch weit entfernt zu haben vom 11-M, wie der 11. März 2004 hier abgekürzt wird. 2009 gab es nicht mal mehr einen Staatsakt. Nur der Bürgermeister von Madrid und die spanische Umweltministerin besuchten das zentrale Mahnmal in der Estación Atocha, außerdem fand ein kurzes Requiem am Sitz der Madrider Regionalregierung statt, das die dort oppositionellen Sozialisten wegen Streitereien im Tagesgeschäft boykottierten.

Gedenkmüdigkeit

Dass bei vielen Madrilenen Gedenkmüdigkeit eingekehrt ist, liegt nicht nur an ihrer urbanen Art, nach vorne statt zurückzuschauen. Auch nicht daran, sich selbst und die Dinge bisweilen mit schwarzem Humor zu betrachten. So heißen die "cuatro torres", vier neue Wolkenkratzer im Norden der Stadt, im Volksmund "la bolera de Bin Laden": die Bowlingbahn Bin Ladens. Dass bei vielen Madrilenen Gedenkmüdigkeit eingekehrt ist, hat auch politische Gründe.

11-M war in Spanien nie so etwas Einigendes wie 9/11 in den USA, wo sich die Nation im Schmerz ihrer gemeinsamen Werte versicherte. Im Gegenteil: Die exakt 911 Tage nach den Flugzeugattacken auf Amerika verübten Anschläge in den Madrider Vorortzügen haben das Land nur für wenige Stunden geeint - über zwei Millionen Madrilenen demonstrierten gegen den Terror, und König Juan Carlos hielt seine erste außerplanmäßige Fernsehansprache seit dem gescheiterten Militärputsch von 1982. Danach aber war Spanien gespalten.

Weil drei Tage nach dem Terrorakt Wahlen anstanden, unterdrückte die konservative Regierung von José María Aznar (Volkspartei PP) Informationen und versuchte, die Medien zu manipulieren. Ausländische Korrespondenten in Spanien wurden ersucht, die Anschläge der baskischen Terrororganisation ETA zuzuschreiben. Innenminister Ángel Acebes erschien mehrmals täglich im Fernsehen, um diese These zu stützen - auch noch, als alle Funde und Indizien der Ermittler längst dagegen sprachen. Aznars einfache Kalkulation: Seine Partei stand mehr als die sozialistische PSOE für einen unnachgiebigen Kampf gegen ETA. Umgekehrt würde eine islamistische Urheberschaft das Licht auf Spaniens Beteiligung am Irak-Krieg werfen - den Aznar gegen die überwältigende Bevölkerungsmehrheit durchgedrückt hatte.

Der Plan, sich bis zum Wahltag zu retten, schlug fehl. Das Misstrauen gegenüber der Regierung war zu groß, die Medien waren nicht zu steuern. Als es zum Urnengang kam, kannten die meisten Spanier die wahren Hintergründe und verschafften den Sozialisten um den seitdem regierenden José Luis Rodríguez Zapatero einen ebenso überraschenden wie deutlichen Wahlsieg.

Bis heute glauben viele PP-Anhänger, von konservativen Medienhäusern munter mit Verschwörungstheorien gefüttert, zumindest an eine Mittäterschaft der ETA. Die anders lautenden Ergebnisse sowohl einer parlamentarischen Untersuchungskommission wie auch des Strafprozesses gegen die überlebenden Attentäter (sieben sprengten sich drei Wochen nach dem Anschlag auf der Flucht vor der Polizei in die Luft) hielten viele PP-Anhänger für manipuliert.

Die Uneinigkeit der Hinterbliebenen

Nicht einmal unter den Hinterbliebenen herrscht Einigkeit. Ein kleiner Teil ist der 1981 zur Vertretung von ETA-Opfern gegründeten Asociación Víctimas del Terrorismo (AVT) beigetreten. Sie steht der PP nahe. Ein weiterer hat die "Asociación de Ayuda a las Víctimas del 11-M" gegründet, die ebenfalls eher mit den Konservativen sympathisiert. Der größte Teil freilich organisierte sich in der "Asociación 11-M Afectados del Terrorismo". Deren Vorsitzende Pilar Manjón, eine Gewerkschafterin, kritisiert Aznar und die Beteiligung am Irak-Krieg als Ursachen der Anschläge. Manjón verlor in den Zügen einen Sohn, landesweite Berühmtheit erlangte sie, als sie den Abgeordneten in einer ergreifenden Rede vor dem Untersuchungsausschuss zurief: "Sie haben uns zu Wechselgeld des politischen Spiels gemacht."

Als Zapatero beschloss, der ETA einen Dialog anzubieten, sah Spaniens Rechte die Gelegenheit gekommen, die ihrer Meinung nach illegitime, weil ins Amt gebombte Regierung zu stürzen. Anlass boten von der AVT organisierte Protestmärsche in Madrid, vorgeblich gegen Gewalt und Terror. Sie gipfelten in einem absurden Zahlenkrieg - während Zentralregierung, Polizei und neutrale Medien die Zahl der Demonstranten mit wenigen Hunderttausend angaben, sprach die konservative Regionalregierung regelmäßig von Millionen. An den Kundgebungen nahmen Rechtsradikale teil, es gab Forderungen wie "Zapatero erschießen!" sowie Übergriffe auf Journalisten und Regierungspolitiker. Als der damalige Verteidigungsminister José Bono aus der Menge heraus verletzt wurde, sagte er: "In keinem anderen Land kann eine Demonstration gegen Gewalt in Gewalt enden."

Angesichts dieser aufgehetzten Stimmung war es wenig verwunderlich, dass die Gedenktage an den 11. März 2004 besonders sensibel gehandhabt wurden. Beim ersten Jahrestag weihte König Juan Carlos im Retiro-Park den "Bosque del Recuredo" ein, den Wald des Erinnerns: Für jedes Opfer wurde eine Zypresse oder ein Olivenbaum gepflanzt, auf einem kleinen Hügel umgeben von einem Wassergraben. Auf Wunsch der Hinterbliebenen wurden keine Reden gehalten.

Auch als zwei Jahre später das Monument an der Estación Atocha enthüllt wurde, verzichtete man auf Reden. Zur Kontroverse kam es dennoch. Nach Ende der Veranstaltung wurde Zapatero von Zuschauern beschimpft, was wiederum heftige Wortgefechte unter den Trauergästen auslöste. Die Polizei musste einschreiten. Das Denkmal geriet darüber fast in den Hintergrund: ein Glaszylinder, der vom Dunkel ins Licht wächst, aus dem Bahnhof auf die Straße, und dessen Innenseite mit Solidaritätsbotschaften aus den Tagen nach dem Anschlag bedruckt ist. Aus den Tagen, als die Bürger gemeinsam protestierten und Millionen von Blumen in Atocha ablegten.

Im November 2009 liegt vor dem Denkmal ein einsamer Blumenstrauß. Das Glas ist dreckig von Abgasen. Seit dem erneuten Wahlsieg der Sozialisten im letzten Jahr hat sich die Stimmung zwischen den beiden Parteien in Madrid entspannt. Pilar Manjón sagt: "Nachdem sie sich jahrelang unsere Toten gegenseitig vor die Füße geworfen haben, sind sie jetzt zu einer Entente Cordiale gelangt: Jetzt interessieren wir nicht mehr."

Autor:
Florian Haupt