Madrid Die besten Tipps für eine lange Nacht

Madrid nunca duerme - Madrid schläft nie, lautete ein Slogan der hedonistischen Freiheitsepoche nach dem Ende der Franco-Diktatur. Das behaupten bekanntlich auch andere Metropolen von sich, aber Fakt ist: Mit der madrilenischen Nacht kann nicht einmal das New Yorker nightlife mithalten.

Und auch wenn sie ein bisschen von ihrer früheren Exzentrik eingebüsst haben mag, bleibt la noche madrileña neben dem Fußball und der Kunst die dritte große Attraktion der spanischen Hauptstadt - wo sonst sieht man schon um vier Uhr nachts mehr Menschen auf der Straße als um vier Uhr nachmittags.

Das Nachtleben zu finden, ist alles andere als kompliziert. Man muss nicht mit dem Stadtplan in der Hand geheime Orte aufspüren oder Ewigkeiten mit dem Taxi durch die Gegend fahren. Im Madrid kommt es auch weniger darauf an, in genau dieser oder genau jener Bar zu sein. Hilfreich ist jedoch eine grobe Idee davon zu haben, welcher Art von Leuten und Kneipen man begegnen will. Denn die einzelnen Ausgehviertel sind teils nur wenige Straßen voneinander entfernt, unterscheiden sich aber bisweilen stark in ihrem Charakter.

Die sicherste Bank ist Huertas, die Gegend um die gleichnamige Straße. Hier wird man auch unter der Woche - bedeutet in Madrid: Sonntagnacht bis Mittwochnacht - immer eine offene Tür finden. Am Wochenende - Donnerstag, Freitag, Samstag - quellen die engen Gassen über, dann kann es auch etwas vulgärer zugehen. Wer sonst gern am Ballermann oder in englischen Industriestädten feiert, wird hier jedoch garantiert keine Probleme haben.

Ebenfalls beliebt bei Touristen, aber deutlich gediegener und momentan auch bei Einheimischen ziemlich angesagt, ist La Latina. Die Bezeichnung umfasst die Altstadt nordwestlich der gleichnamigen Metro-Station. Hier findet man urige Bodegas, kunstvolle Interieurs und ein Publikum eher ab 30. Sonntags ist die Gegend wegen des nahen Flohmarkts Rastro zugleich Anlaufstation für die letzten noch stehenden Nachtschwärmer.

Subkulturelle Energie entfaltet Madrid eher nördlich der großen Achse Gran Vía. Von Malasaña, dem Viertel um die Plaza Dos de Mayo, ging seit jeher ein rebellischer Geist aus, hier nahm im frühen 19. Jahrhundert der Freiheitskampf gegen die Franzosen seinen Anfang und in den späten 1970er Jahren die Avantgardebewegung movida madrileña. Skurrile und punkige Bars gibt es nach wie vor reichlich. Chueca, das Gebiet um den gleichnamigen Platz, gehörte früher den Homosexuellen und beherbergt unter anderem die schrägsten Restaurants der Stadt. Alonso Martínez, die Straßen südlich der gleichnamigen Metrostation, ziehen demgegenüber vor allem ein etwas jüngeres Publikum an.

Mit diesen Ausgehzonen sollte man fürs Erste ganz gut über die Runden kommen. Aber klar, es gibt weitere. In Lavapiés treffen sich die Multikultis, in Argüelles die Teenager, in Moncloa die Techno-Fans, in Salamanca und um die Avenida de Brasil die pijos (Snobs).

Jeder kann einen passenden Ort finden, an dem die Stadt nicht schläft. Und am nächsten Vormittag, nach vielen Drinks und oft kaum weniger Drogen, rezitieren alle miteinander einen anderen Slogan aus den wilden Anfangsjahren: Madrid me mata - Madrid bringt mich um.

Wenn Sie mögen, begleiten Sie uns in den weiteren Teilen dieses Beitrags doch auf unserer Tour durchs nächtliche Madrid ...

20 Uhr - Aperitivo

Für einen Madrilenen ist 20 Uhr keine Zeit, die er mit Ausgehen in Verbindung bringen würde. Er arbeitet noch, macht Erledigungen, trifft die Familie oder sammelt zu Hause auf dem Sofa die entscheidenden Kräfte für die bevorstehende lange Nacht. Für Touristen ist diese Zeit des Tages oft schwierig zu nutzen. Die Museen machen zu, die meisten Geschäfte auch - was tun?

Das ist der Moment für einen Aperitif.

Um diese Uhrzeit gibt es noch die Chance, sanft in den Abend zu gleiten und dabei die Beine auszustrecken (später wird man für jeden Stehplatz dankbar sein). Bis auf die Wintermonate lässt man sich am besten in einer terraza nieder, einem Straßencafé. Wer dieses Erlebnis gern mit möglichst vielen anderen Urlaubern teilen möchte, kann das an der Plaza Mayor tun. Angenehmer geht es gleich in der Nähe zu - hübsch und belebt sind etwa die Plaza Santa Ana in Huertas, die Plaza Dos de Mayo in Malasaña oder in der Altstadt die Plaza de la Paja und Plaza San Andrés.

In dieser Gegend befindet sich auch eine der besten Allwetter-Locations für den frühen Abend. El Viajero (Plaza del Humilladero) ist unten ein Restaurant, oben ein Aussichtscafé und in der Mitte eine Lounge. Dort kann man ideal das Gebot der Stunde beherzigen: Bloß nicht zu früh verausgaben! Die Nacht hat ja noch nicht mal angefangen.

21 Uhr - Tapas

Die Gefahr, zu schnell zu betrunken zu sein, hatten schon frühneuzeitliche Könige erkannt. Nach verbreiteter Ansicht entstand daraus Spaniens berühmtester Beitrag zur internationalen Gastronomie. Aus Sorge um die öffentliche Ordnung wurden die Wirte angewiesen, auf einen Krug Bier oder ein Glas Wein stets ein Stück Brot, Käse oder Schinken zu legen - damit zechende Kutscher, übermütige Knechte und andere Trunkenbolde wenigstens etwas in den Magen bekämen. Die tapa (wörtlich: Deckel) war geboren.

Heute werden zu einem Getränk gratis in aller Regel nur noch ein paar Chips, Nüsse oder Oliven gereicht. Alle anderen Tapas müssen bestellt werden; der Begriff umfasst so ziemlich jeden kleineren Snack. In edleren Etablissements gibt es ausgefallen belegte Canapés, in der Eckkneipe die Klassiker wie tortilla oder patatas bravas (gebratene Kartoffelstücke mit scharfer Soße). Eine ración ist jeweils eine größere Portion. Per Fingerzeig an der Bar zu bestellen, ist vollkommen in Ordnung. Zu Trinken genehmigt man sich typischerweise una caña (Glas Bier vom Fass) oder una copa de tinto (Glas Rotwein).

Die klassische Gegend in Madrid, um de tapas zu gehen, ist die Altstadt. Wer die Cava Baja samt anliegender Straßen abklappert, wird problemlos eine Bar seines Vertrauens finden - und die nächste gleich nebenan. Die Tradition besagt nämlich, dass man nach ein, zwei Tapas an der Theke umgehend zum nächsten Wirt weiterzieht.

22 Uhr - Cena

Um ehrlich zu sein, ist eine Tapas-Tour inzwischen eher etwas für Touristen. Die Madrilenen setzten sich zum Essen genauso gern hin wie alle anderen Menschen auf der Welt auch. Das bedeutet nicht, dass es gleich ein formelles Diner mit strenger Menüfolge sein muss. Abends wird auch in Restaurants oft nach dem Tapas-Prinzip vorgegangen: Man bestellt gemeinsam mehrere Kleinigkeiten para compartir - um sie zu teilen.

Denn das Abendessen, la cena, ist eigentlich nur die Nummer 2 hinter dem Mittagessen, la comida. Für dieses nehmen sich die Spanier viel Zeit. Vor allem an Werktagen erledigen sie mittags einen großen Teil ihres Soziallebens. Man tafelt mehrere Gänge, trinkt ordentlich und teilt den Tag dadurch quasi in zwei Hälften; viele Geschäfte schließen zwischen 14 Uhr und 16.30 Uhr, und in Behörden wie Büros braucht man in dieser Zeitspanne gar nicht erst anzurufen.

Abends muss es deshalb dann nicht mehr allzu bombastisch sein. Ein intimes Restaurant in Malasaña mit exzellentem, doch preiswertem Essen ist die Casa Fidel (c/ Escorial). Wer es rustikal mag, kann in Chueca der Familie von Oscar-Preisträger Javier Bardem einen Besuch abstatten (La Bardemcilla, c/ Augusto Figueroa). Moderner geht es zu bei La Pizarra in der Altstadt (c/ Conde de Miranda). Direkt daneben wartet der Mercado San Miguel. Die älteste Markthalle Madrids wurde vor ein paar Monaten als Gastromeile wiedereröffnet.

Mitternacht - Marcha

Viele Madrilenen verabreden sich erst gegen Mitternacht. Freitags kommt man zu dieser Uhrzeit vielleicht aus dem Kino, samstags ist gerade das Spitzenspiel der nationalen Fußballliga zu Ende gegangen. Jetzt beginnt das eigentliche Nachtleben, die marcha. Für auswärtige Besucher ist es zunächst einmal ein Spektakel, durch die Strassen zu gehen und die schiere Masse an feierwütigen Menschen zu bestaunen. In Huertas kommt es zu regelrechten Fußgängerstaus.

Die Location spielt in dieser Phase der Nacht keine entscheidende Rolle. Wer sich jetzt erst trifft, wählt einen zentralen Punkt in dem ausgemachten Viertel, wo jeder noch eine realistische Chance hat, durch die Tür zu passen und die Lautstärke ein kurzes Update über die persönlichen Lebensumstände erlaubt. Beispiele sind das Bonanno in La Latina (Plaza Humilladero), das (touristische) Viva Madrid in Huertas (c/ Fernández y González), das Bulevar an der Plaza Santa Barbara in Alonso Martínez, das Ángel de Sierra an der Plaza de Chueca oder das Pepe Botella an der Plaza Dos de Mayo in Malasaña.

Ansonsten wie gesagt: einfach treiben lassen. Kommt man währenddessen in der Calle del Pez (Malasaña) vorbei, lohnt ein Abstecher zu El Palentino - eine grell beleuchtete, schmuddelige Eckkneipe, in der alteingesessene Trinker und tendenziell schwarz gekleidete Twens die Staffage abgeben für die unumschränkten Stars, zwei 70-jährige Barkeeper. Weltmusiker Manu Chao hat hier das Video gedreht zu "Me llaman calle", einen Song, den er für das Prostituiertendrama "Princesas" aufgenommen hat.

1 Uhr - Copas

Mit fortschreitender Nacht verlagert sich das Geschehen zunehmend ins Tanzlokal - in eine bar de copas. Die meisten dieser abgedunkelten Schläuche funktionieren nach dem Prinzip von Kölner Karnevalskneipen: Sie sehen alle gleich aus, sind gleich voll und spielen die gleiche Musik. Als Äquivalent zu den Bläck Fööss gibt es Bands wie La Oreja de van Gogh; garniert wird das lokale Liedgut hier wie dort mit internationalen Stampfhits.

Vorteil: Die Bars kosten in der Regel keinen Eintritt, man kann sie also entspannt ausprobieren, und natürlich gibt es viele Ausnahmen vom Einheitsbrei. Das funkige Capote in der Calle de Santa Teresa (Alonso Martínez) etwa oder das Vía Láctea in der Calle Velarde (Malasaña), ein Dauerbrenner mit original psychedelischer 70er-Jahre-Ästhetik.

Getrunken werden copas, was um diese Uhrzeit nicht mehr allgemein "Gläser" heißt, sondern: harte Drinks. Auch in Madrid bevorzugt man Klassiker wie Gin Tonic oder Cuba Libre. Man bestellt sie aber nicht unter diesem Namen, sondern nennt die gewünschte Marke plus das Mischgetränk. Also beispielsweise: Beefeater con Tonic oder Havanna Club con Coca-Cola, wobei in letzterem Fall auch die años, das gewünschte Alter des Rums, hinzugefügt werden sollten.

Dann schreitet der Barkeeper zur Tat - unterbricht man ihn nicht durch eine Handbewegung oder ein energisches ya, wird er einem das Glas randvoll mit Alkohol reichen; und dazu ein kleines Fläschchen Mischgetränk. Mit einer betulichen Cocktail Bar hat die bar de copas eben beim besten Willen nichts zu tun.

4 Uhr - Discoteca

Selbst in Madrid gibt es eine Sperrstunde. Bars müssen am Wochenende um 3.30 Uhr schließen, natürlich geht es schon mal ein paar Minuten und halbe Stunden länger, aber irgendwann ist halt Schluss. Die Kreaturen der Nacht sehen sich dann vor einem Problem, sie müssen durch ein Nadelöhr, wenn es weiter gehen soll (und das soll es bei den meisten). Das Nadelöhr heißt: Discotür.

Dabei schadet es nicht wie im pseudo-weltstädtischen Berlin, ein uncooler Tourist zu sein - wo man herkommt, wie man aussieht und wen man kennt, spielt im Madrider Nachtleben eher eine untergeordnete Rolle. Es sind einfach nur zu viele Leute für zu wenige Läden. Wer also dachte, er mischt um vier Uhr morgens im Vorbeigehen noch einen wegdösenden Club auf, hat sich geirrt. Erst mal ist Anstehen angesagt.

Dieses wird zumindest bei der Sala Sol (c/ de los Jardines) an der Gran Vía unterhaltsam gestaltet; durch Bierverkäufer, Sandwichhändler und den derben Charme des nahen Strichs. Das Sol ist eine Institution seit den Tagen der movida madrileña, der schrillen Erweckungsjahre nach dem Ende der Franco-Diktatur, und es gehört immer noch zu den besten Optionen für die spätere Stunde. Der Raum ist schlicht bis glamourös, die Musik tanzbar, aber nicht zu beliebig und das Publikum eminent hübsch anzuschauen.

6 Uhr - Desayuno

Es heißt ja immer, die Spanier würden nicht frühstücken. Das stimmt nur teilweise. Sie tun es zwar nicht, wenn sie gerade aufgestanden sind. Dafür aber, bevor sie zu Bett gehen.

Zur Verdauung der Nacht gibt es in Madrid zwei populäre Varianten, die beide das wichtigste Kriterium erfüllen: Sie sind schön fettig. Wer Süßes bevorzugt, bestellt chocolate con churros - und tunkt also frittierte Gebäckstangen in eine Tasse heißer, dickflüssiger Schokolade. Die gemächliche Form der Nahrungsaufnahme hilft zugleich bei der gedanklichen Verarbeitung der letzten Stunden. Bekanntester Ort für das Churros-Frühstück ist die zentrale Chocolatería San Ginés (Pasadizo de San Ginés; Sol). Sie hat bis 7 Uhr geöffnet.

Für Freunde des Salzigen empfiehlt sich zum desayuno, dem Frühstück, eine andere Madrider Erfindung, das bocadillo de calamares: ein Sandwich mit frittierten Tintenfischringen. Besonders atmosphärisch lässt es sich bei El Brillante einnehmen an der Plaza del Emperador Carlos V nahe dem Bahnhof Atocha. Das weitläufige Lokal ist zu jeder Uhrzeit gut besucht, außerdem gibt es keinen Laden, wo die Kellner so musikalisch ihre Bestellungen in die Küche schreien und aus Dank für Trinkgeld so wuchtig gegen ihre Glocke hauen. Der Lärm besorgt noch mal einen letzten Energieschub - für den Weg ins Bett.

Autor:
Florian Haupt