Madrid Das Kunstmuseum Prado

Keines der bedeutenden Museen der Welt hat ein so klares ideelles Rückgrat wie der 1819 eröffnete Prado von Madrid. Das Zentrum, auf das sich alles bezieht, der unbestrittene Herrscher heißt Diego Velázquez, Hofmaler Philipps IV. Er residiert im ersten Stockwerk über die Kunst des 17. Jahrhunderts. Überhaupt bildet die Sammelleidenschaft Philipps IV. die Grundlage für den immensen Fundus des Prado-Museums. Das Einfachste ist, sofort zum Herzen der Sammlung vorzustoßen, jenem legendären Saal 12, der seit 1899, dem 300. Geburtsjahr des Velázquez, das grandiose Gemälde "Las Meninas" beherbergt.

Saal 12 stellt nicht nur die exakte Mitte des von Juan de Villanueva geschaffenen neoklassizistischen Gebäudes dar, er ist unter den gut hundert Sälen auch architektonisch einzigartig: ein kleiner Tempel innerhalb einer Kathedrale der Kunst. So dass man jedem Besucher empfehlen möchte, sich zuerst in die "Hofdamen" zu versenken, dann mit den Porträts der Hofnarren fortzufahren und sich anschließend den weiteren Velázquez-Gemälden zuzuwenden, der "Übergabe von Breda", den "Spinnerinnen" und dem erschütternden Porträt des Äsop. Velázquez als Ikone der Weltkunst ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, und seine Heiligsprechung durch die Kunstkritik und mehr noch durch die Malerkollegen verband sich von Beginn an mit der Reputation des Prado: Das Museum brauchte den Maler wie der Maler das Museum.

Renoir, Monet, Degas, sie alle sahen in Velázquez ein unerreichtes Vorbild, das die schulmeisterliche Unterscheidung zwischen ideeller und naturalistischer Darstellung hinfällig gemacht hatte. Manet schließlich prägte die Formel, die dem in Sevilla geborenen Künstler bis heute anhaftet: Maler aller Maler. Immerhin 50 von insgesamt 120 gesicherten Velázquez- Bildern hängen heute im Prado. Wer die sechs Säle in der Mitte des ersten Stocks gesehen hat, steht vor der Wahl: Nördlich von Velázquez in Richtung des Goya-Eingangs schließt sich die ausländische Malerei des 17. Jahrhunderts an (Flamen, Italiener und Franzosen, wobei der üppige Rubens-Bestand alles andere in den Schatten stellt), südlich davon die spanische Malerei des 17. und 18. Jahrhunderts sowie ein Teil der Goya-Säle.

Die lange Hauptgalerie, welche die kleineren Säle flankiert, ist großformatigen Gemälden von Velázquez sowie von dessen bedeutenden Nachfolgern Zurburán, Ribera und Murillo vorbehalten. Durch die Restaurierung der Säle hat sich die kunstpädagogische Betreuung verbessert. Auch wenn der Prado bisher wenig Wert darauf legt, Besuchern gleich am Eingang die Orientierung zu erleichtern, so dass man etwas unvorbereitet in ein Meer von Meisterwerken eintaucht. Hilfreich ist eine genaue Vorstellung von dem, was man sehen möchte und im Erdgeschoss der Blick auf den Raumplan, denn mangelnde Orientierung droht Besucher zwischen El Greco, Tizian und antiken Skulpturen nicht selten in Verwirrung zu stürzen.

Das Heil liegt vor allem in der Konzentration auf einige Highlights, zum Beispiel den "Garten der Lüste" von Hieronymus Bosch, der dem Besucher dank der frischen Restaurierung schon von weitem entgegenleuchtet, oder das ergreifende "Kreuzabnahme"-Triptychon von Rogier van der Weyden. Es gehört zu den Kuriositäten des Prado, dass der gewaltige Bestand an Werken von Francisco de Goya nicht etwa in der Nähe des Goya-Eingangs, sondern genau am entgegengesetzten Ende, also am Murillo-Eingang, zu finden ist, ganz abgesehen davon, dass man ein Stockwerk überwinden muss, um von den monumentalen "Erschießungen auf dem Hügel Príncipe Pío" (Saal 39) zu der nackten und bekleideten "Maja" in Saal 89 zu gelangen. Dafür zeigt der Prado jetzt endlich mehr vom grafischen Werk.

Nicht viele Besucher werden die Geduld aufbringen, sich mit den architektonischen Modellen zu befassen, die in einem eigenen Raum in der Nähe des Goya-Eingangs zu bestaunen sind. Und doch erzählen die verschiedenen Entwürfe, deren frühester aus dem Jahr 1998 stammt, vom "Prado des 21. Jahrhunderts" und damit von dem langwierigen Prozess, gravierende Struktur- und Raumprobleme zu überwinden. In den frühen neunziger Jahren befand sich das Museum in erbärmlichem Zustand. Der Prado war für die Fülle seiner Kunstschätze zu klein geworden, so dass Hunderte von Bildern ins Depot wanderten. Außerdem leckte das Dach, und die Madrider Kunstfreunde sahen die Meisterwerke des Velázquez vom Regen bedroht. Schließlich folgten die Direktoren so dicht aufeinander, dass an Kontinuität nicht zu denken war. Unterdessen waren Belüftungs- und Sicherheitstechnik überaltert, die Lichtverhältnisse ließen zu wünschen übrig, die Wände waren schmuddelig und es mangelte an Konservatoren: Kunstkrise auf spanische Art.

Die Erzdiözese hilft

In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre raffte sich das Kulturministerium zu einer Lösung auf. Ein Wettbewerb wurde ausgeschrieben, um die fällige Erweiterung des Museums in Angriff zu nehmen. Zehn international renommierte Architektenbüros kamen in die Endauswahl, doch im September 1996 fand keiner der Vorschläge Gnade vor den Augen der spanischen Regierung. Die Kunstwelt spottete, und die Stararchitekten zogen düpiert von dannen. Es begann die Suche nach einer "kleinen Lösung", die aber von Anfang an als zu hasenherzig und provinziell kritisiert wurde. Die schwierige Aufgabe bestand darin, den Prado gleichsam unsichtbar zu erweitern, und das konnte nur bedeuten, einen Teil der Bestände auf Gebäude in unmittelbarer Nachbarschaft zu verteilen. Der Durchbruch gelang im Sommer 1998: Die Erzdiözese Madrid überließ dem Prado das hinter dem Museum gelegene Gelände, auf dem das Gemeindehaus und Reste des historischen Kreuzgangs der berühmten Kirche San Jerónimo stehen.

Den Ideenwettbewerb für das neue Vorhaben gewann der spanische Architekt Rafael Moneo, der viel beachtete Bauten wie den Madrider Atocha-Bahnhof, das Museum für römische Kunst in Mérida und den Kursaal in San Sebastián geschaffen hat. Moneos Projekt sieht vor, an die Stelle des alten Gemeindehauses einen mehrstöckigen würfelförmigen Bau zu setzen, der sich unterirdisch mit der Rückseite des Prado verbindet. Seit dieser Entscheidung ist die Kritik nicht mehr verstummt. Der Pfarrer von San Jerónimo wetterte von der Kanzel gegen die Preisgabe des Gemeindehauses (das inzwischen abgerissen wurde), die Anwohner protestierten, und Moneos Entwurf musste mehrfach modifiziert werden.

Das Gezerre lässt vermuten, dass es den traditionsbewussten Spaniern an Fantasie mangelt, um sich den Einbruch der architektonischen Moderne in den Prado-Bezirk vorzustellen. Heikler aber ist die Entscheidung, den Bilderbestand auf vier Gebäude zu verteilen und aus dem einen Prado ein Ensemble von vier unterschiedlichen Kunstschauplätzen zu machen, die den Besucher zu einem Spaziergang durch das Stadtviertel Los Jerónimos zwingen. Neben den großen Villanueva-Bau treten nämlich Moneos neuer Würfel (für temporäre Ausstellungen, Bibliothek und Werkstätten), dann eine Dauerbaustelle namens "Casón del Buen Retiro" gegenüber dem Stadtpark (für spanische Kunst des 19. Jahrhunderts) sowie ein großes Gebäude, in dem zurzeit noch das Heeresmuseum untergebracht ist - hier wird eine getreue Rekonstruktion des "Saals der Königreiche" entstehen: Herrscherporträts und Reiterbilder, übrigens auch Velázquez' "Übergabe von Breda" sollen darin genau so hängen wie im 19. Jahrhundert.

Das alles klingt kompliziert und ist es leider auch. Das spanische Kulturministerium, selbst Regierungschef José María Aznar, wird nicht müde zu beteuern, der "museografische Plan" sei die beste denkbare Lösung. Inzwischen ist jedoch frischer Ärger entstanden. Eduardo Serra, der ehemalige Verteidigungsminister und seit dem Jahr 2000 Präsident des Prado-Patronats, hat die Rechnungsprüfer der Firma Boston Consulting ins Haus geholt. Die Amerikaner, keine ausgewiesenen Kunstexperten, blickten in alle Bücher, hoben alle Aktendeckel. In ihrem Bericht empfahlen sie der Museumsleitung, die Eintrittspreise zu verdoppeln, die Ausstellungen zu popularisieren und auch sonst so ziemlich alles anders zu machen: auf zum Erlebnispark mit unbegrenzten Vermarktungsmöglichkeiten.

Der Aufschrei in der Kunstwelt war beträchtlich, und die Konservatoren des Prado schrieben an Serra einen Protestbrief, in welchem sinngemäß stand, die amerikanischen Unternehmensberater hätten von dem traditionsreichen Museum keine Ahnung - was ja auch zutrifft - und täten gut daran, sich ihre Empfehlungen zu sparen. Keine angenehmen Aussichten für eine der bedeutendsten Pinakotheken der Welt, deren Direktor Fernando Checa bei all den Turbulenzen kaum noch in Erscheinung tritt. Besuchern wird empfohlen, sich vor dem Betreten des Prado zu sammeln, tief durchzuatmen und ganz fest an Kunst zu denken.

Quelle:
Autor:
Paul Ingendaay