Madrid Architektur der Belle Époque

Kopflose Eile beim Bauen und Umbauen hat Städten selten gut getan. Gut gemeinte Radikalkuren stellen sich oft als irreparable städtebauliche Irrtümer heraus.

Von der neuen Architektur, vor allem in Zeiten stilistischer Unsicherheit, fühlen sich Bewohner wie Besucher bald gelangweilt oder abgestoßen. So wird man es geradezu als ein Wunder empfinden, dass Madrid um die Wende zum 20. Jahrhundert, im Fieber des Aufbruchs ins industrielle Zeitalter, nicht herzzerreißend entstellt worden ist, sondern dass es seinen großstädtischen Reiz, sein erst in Paris, dann in Amerika zusammengeklaubtes architektonisches Bild bekommen hat. Das geschah abseits vom alten königlichen Zentrum um die imponierende Plaza Mayor, weit ab vom langweiligen Schlosskoloss. Und die Stadt tobt und strahlt wie eh und je.

Man muss sich abends, sobald die Lichter angehen, nur an die Ostseite der Plaza de la Cibeles begeben und westlich auf die wirbelnde Geschäftsstadt schauen: ein Blick, und man ist überwältigt vom hauptstädtischen Temperament, vom Verkehr, vor allem jedoch von der Eigenart der Architektur. Ihre Vielfalt verdankt sie keinem allgemein verbindlichen, womöglich national geprägten Ausdruckswillen, sondern dem Mangel an einem identifizierbaren Stil. Den hatte Madrid zuletzt unter den Habsburgern und den Bourbonen hervorgebracht, und es war vor allem der Baumeister Juan Gómez de Mora, der die Plaza Mayor prägte, einen zugleich strengen und anmutigen Architektur-Schauplatz. Hier zeigt sich die französisch inspirierte, aber doch sehr spanische Baukunst, die sich auch in den königlichen Gebäuden beim Retiro-Park zu erkennen gibt.

Doch der Hauptstadtglanz blieb lange stumpf. Nein, Madrid entwickelte sich in den darauf folgenden Jahrhunderten nicht in eine strahlende Metropole. Erst der industrielle Aufbruch gegen Ende des 19. Jahrhunderts wühlte mit verblüffendem Aplomb die Geister auf. Es schien, als beginne die Stadt, sich umzukrempeln. Man sieht es an den ersten gusseisernen Gebäuden am Atocha-Bahnhof, am Kristallpalast im Retiro-Park und später am Mercado de San Miguel.

Der radikalste Eingriff in die Architektur, den sich die Stadt nach der Jahrhundertwende zumutete, geschah nördlich davon: Die Gran Vía wurde durch die alte Wohnstadt geschlagen. Rücksichtslos opferte man diesem Traum von einer imperialen Geschäftsstraße Tausende von Wohnungen, zwang mehr als 50.000 Menschen zur Umsiedlung, gab eine uralte Stadtstruktur auf, um der Moderne den Weg zu bereiten.

Gegen restaurative Bestrebungen am Fin de Siècle wurde trotzig neuer Optimismus gesetzt. So geriet die Gran Vía zu einem Befreiungsschlag, der der Hygiene diente und dem modernen Verkehr. Vor allem darin lauerte eine ungeheure spekulative, Geld herbeilockende Kraft. Und so breitete sich die Belle Époque hier demonstrativ aus. Aristokratie, Geldadel und Großbürgertum bauten sich ihre Bühnen und spielten von 1890 bis etwa 1920 zum letzten Mal ihre beherrschenden Rollen. Neben den Baumeistern in Stein führten sich nun die Bauingenieure mit Eisen, Stahl, Beton und Glas ein. Es muss wie ein Rausch gewesen sein.

Die Gran Vía hat einen bezeichnenden Anfang in Gestalt eines sehr pariserischen Gebäudes, das Metrópolis heißt und von einer mit einer geflügelten Figur gekrönten Kuppel charakterisiert wird. Ihren Schlusspunkt bildet, weitab an der Plaza de España im Nordwesten, ein plattes Hochhaus im Franco-Stil mit lächerlichem Zierrat. Dazwischen aber, könnte man sagen, orgelt es gewaltig. Die im Durchschnitt sieben und mehr Stockwerke zählenden Gebäude, die die Gran Vía säumen, beherbergen Firmen, Geschäfte, Kaufhäuser, Kinos, auch Wohnungen, und ihnen allen sieht man an, dass sie die Blicke auf sich zu ziehen suchen. Große Konkurrenz! Dass dies heute noch so ist, liegt auch daran, dass Spanien von den Verwüstungen der Weltkriege nahezu verschont geblieben ist und die Spuren des Bürgerkriegs 1936/39 im Stadtbild längst verwischt sind. Und so finden sich hier dicht beieinander die aufregendsten Exemplare der Geschäftsbaukunst der Belle Époque.

Was diese Gebäude miteinander verbindet, ist also nicht ein Stil, sondern das eklektizistische Vergnügen der Architekten, sich von überall das ornamentale wie strukturale Reservoir an Formen zu holen, das ihnen und ihren Auftraggebern nützlich erschien. Manchmal ist den Fassaden das Bemühen anzusehen, die Prunksucht ihrer Bauherren zu zivilisieren, zu verfeinern, der Pracht eine elegante Note zu geben. So finden sich in dieser Architektur Elemente der Baugeschichte in sämtlichen Neoversionen: Neorenaissance, Neobarock, Neoklassizismus, und manchmal entdeckt man das Bemühen, mit maurischen Elementen einen nationalen Klang zu erzeugen oder sich mit dem Art déco in die Moderne zu mogeln.

Streckenweise lassen sich auch Vorlieben beobachten. Da die Gran Vía von 1910 bis gegen 1950 in drei Etappen von Ost nach West bebaut worden ist, zeigt sich am Beginn die Liebäugelei mit Paris, damals der Inbegriff der Belle Époque. Doch schon im nächsten Abschnitt, der von 1917 bis 1922 reichte, wandte sich die Neugier Amerika zu, dem Aufbruch Chicagos in die Moderne, der New Yorker Hochhausarchitektur, und bereits 1929 genießt Madrid den Stolz, mit dem 89 Meter hoch aufragenden Haus der Telefónica das damals höchste Gebäude Europas errichtet zu haben.

Alles ist Aufbruch, Reichtum, Zukunft

Zum städtebaulichen Witz der Gran Vía aber gehört, dass sie in die fast ebenso prächtig gewordene, aber viel längere Calle de Alcalá mündet und mit ihr ein Y im Stadtgrundriss bildet. Und genau an dieser Spitze erhebt sich mit dem Metrópolis-Eckbau der Prototyp einer Architektur, die sich von der Pariser École des Beaux Arts hat reizen lassen: einmal gesehen und für immer eingeprägt.

Spätestens von diesem Augenblick der Bewunderung an fühlt man sich zum intensiven Gebrauch seiner Augen aufgerufen. Sind sie normalerweise darauf geeicht, bloß das wahrzunehmen, was sich in ihrer Höhe ereignet, geht der Blick von nun an unaufhörlich bis an die Dächer, streift die wunderlichen Fassaden hinauf, genießt all die ornamentalen Details. Und begegnet den abenteuerlichsten Erfindungen.

Diese schöne, eitle, mit Bedeutungen kokettierende, verblüffende Vielfalt allein der Kuppeln, Hauben, Türme, die fast alle Häuser hier krönen! Sie sind rund oder quadratisch, oval-, ei- oder viertelkreisförmig, spitz und stumpf, konkav oder konvex geschweift, bilden schlanke Obelisken und sind obendrein auch noch mit Figuren oder steinernen, gläsernen oder kupfern blinkenden Kugeln verziert.

Etliche dieser Kuppeln aber sitzen nicht bloß auf Architraven oder steinern belaubten Wülsten, sondern auf haushohen Tambouren: teils ringsum verglasten Aussichtszimmern, teils von Säulen bekränzten Tempelchen, die, mitunter kreisrund, aus dem Turmquadrat ausscheren. Dieses verspielte Türme-Theater wird mit Vorliebe an den Gebäudeecken inszeniert - oder über geraden, gebogenen, mit Halbsäulen und Pilastern aufgedonnerten Mittelrisaliten.

All dies gehorcht einer ausgeklügelten Hierarchie in der senkrechten Gliederung der Fassaden und damit der für jedermann sichtbaren Bewertung, die den verschiedenen Stockwerken beigemessen wird: Es ist die Standesordnung, die die Belle Époque formuliert hat. Sie beginnt im Erdgeschoss, das hoch genug zu sein hat für Läden und repräsentative Geschäftsräume oder Empfangshallen. Darüber duckt sich das Mezzanin, das Zwischengeschoss. Es folgt die großzügig dimensionierte Beletage, auf die mannigfaltigste Weise mit Balkons jedweder Art pointiert.

Die weiteren, meist im Dreierrhythmus übereinander versammelten Etagen bekommen ihre eigene Betonung durch die überaus beliebten Erkerfenster, die an den Häuserecken oft ganze Bahnen bilden. Bei anderen haut der Architekt gleichsam auf die Pauke und umgibt die Fenster mit riesigen, über mehrere Stockwerke reichenden glatten und kannelierten Säulen. Und am Dach präsentiert sich das Attikageschoss mit prächtigen, von kleinen Säulenkolonnen getragenen Galerien, die manchmal so lang wie das Haus sind, gekrönt noch mit Dachgärten.

Natürlich begegnet man der Belle Époque auch in anderen, vornehmlich großbürgerlichen Gegenden, an der Calle de Alfonso XII etwa oder im teuren Salamanca-Viertel, am Paseo del Prado und de Recoletos, der Calle Mayor, an der Plaza de las Cortes und an der Plaza de Santa Ana, an der sich das Hotel Reina Victoria von 1919 distinguiert in die Brust wirft. Am protzigsten zeigen sich derlei Prachtbauten aber an der Plaza de la Cibeles: der fünftürmige Komplex der Hauptpost mit seinem Zuckerbäcker-Historismus, die Nationalbank im wuchtigen Neorenaissance-Stil und die Banco Central als monumentaler Geldtempel.

Das Innere dieser Bank-, Wohn-, Geschäftspaläste und Hotels ist von feinster handwerklicher und betörend perfekter Delikatesse. Manche Interieurs bleiben dem gewöhnlichen Besucher allerdings verschlossen, so auch die der beiden Musterexemplare: des Palacio de Longoria in der Calle de Fernando VI, Sitz des Autoren- und Verlegerverbandes, und des Madrider Kasinos in der Calle de Alcalá. 1910 eröffnet, entfaltet dieses elegante Clubhaus seinen Reichtum vor allem in der Treppenhalle. Er wirkt wie eine Demonstration gegen den Pessimismus des Fin de Siècle: Alles ist Aufbruch, Reichtum, Zukunft.

Letztere zeigt sich wenig später im Wechsel des architektonischen Idols, das nun nicht mehr Paris heißt, sondern Amerika. Zu erkennen am Verwaltungsgebäude der Firma La Sud-América von 1913 an der Plaza Cánovas del Castillo und am mächtigen Ziegelbau des Pressehauses am Callao-Platz, natürlich im Telefónica-Hochhaus, aber auch im Círculo de Bellas Artes von 1912 an der Alcalá, entworfen von Antonio Palacios, dem erfolgreichsten, zugleich wendigsten Architekten der Madrider Belle Époque.

Zum Glück gibt es zwei Orte dieser Zeit, wo man sich setzen und die Augen mit Muße wandern lassen kann: die prächtige Rotunde des Hotels Palace von 1911, an deren Kuppel einem die Glaskünstler ein mit Tauen befestigtes Zirkuszelt vorgaukeln, und das Café Gijón mit seiner unaufdringlichen Belle Époque-Atmosphäre, das einen beides erleben lässt: das Innenleben und das Außenleben der Häuser und der Stadt.

Autor:
Manfred Sack