Luxemburg Tour de Luxe

Die meisten fliegen einfach über diesen kleinen Flecken hinweg. Man kann das sehr schön von der blumenumrankten Terrasse des Hôtel de l'Esplanade in Remich beobachten, während die warme Oktobersonne niedergeht und der Kellner einen honiggelben Pastis mit klimpernden Eiswürfeln serviert.

Am Himmel ziehen weiße Spuren von West nach Ost, von Nord nach Süd, ein dicht gewebtes Netz aus Kondensstreifen. Sie stammen von all den Flugzeugen, die kreuz und quer durch Europa jetten, nach Paris, London, Madrid, Berlin. In Luxemburg dagegen landen nur wenige Maschinen, und wenn, dann meist nur kleine. Dabei ist's ziemlich gemütlich hier unten, ein wenig gemächlich vielleicht, aber der Ehnen Wousselt Grand premier cru, der heimische Riesling, der nach dem Pastis kommt, schmeckt auf jeden Fall außerordentlich köstlich.

Warum landen hier so wenige? Luxemburg liegt doch mittendrin, im Herzen Europas. Ein Mini-Großherzogtum mit grünen Hügeln, verschwiegenen Dörfern, weiten Landschaften und rotwangigen Weinbauern. Ein Land, das man ohne großen Aufwand erobern kann. Luxemburg nämlich ist so winzig, dass man es komplett aus eigener Kraft zu durchmessen vermag. Zu Fuß, per Rad, per Kanu. Ein Auto? Nicht nötig.

Es ist ein frischer Morgen, und das kleine Reich beginnt mit einem bescheidenem Auftritt. Wemperhardt besteht aus zwei Häusern, einer Tankstelle, einem Kreisel und einem großen Schild: "Wohnwelt Lederprofi Eicher". Ich bin im äußersten Norden des Landes, und Belgien liegt in Steinwurfweite. Die junge Dame an der Tankstellenkasse ist blond, hat Augenbrauen wie Bleistiftstriche und sagt: "Mit dem Fahrrad bis ganz in den Süden? Ja, sicher geht das. Sind ja bloß 82 Kilometer."

Das Rad rollt gen Süden, mit 15 Kilometern pro Stunde, man will ja nicht zu schnell ankommen. Treiben lassen. Mal links, mal rechts abbiegen, über Feldwege und Landstraßen, verloren geht hier keiner. Vor dem Lenker entfalten sich die Ardennen, grün bewaldete Hügelwelten, die wie große Dünen den Norden des Landes durchziehen. Wanderer und Radler mögen diese Gegend, aber viele sieht man wahrlich nicht. Wer kennt schon das Luxemburger Land? Wenn überhaupt, dann redet man über la ville, die Hauptstadt, das pochende Zentrum.

Hier hingegen: Natur. Langsamkeit. Kühe. Auf einem Traktor kommt ein Blondschopf über einen Feldweg gerumpelt, er ist gerade mal dreizehn und hilft seinem Vater beim Pflügen. Wie schön: Als Kind Trecker fahren - hier werden Jungenträume Wirklichkeit.

Goedange, Wilwerdange, Drinklange ziehen vorbei, keine Dörfer, sondern Dörfchen. Hier und da bröckelt der Mörtel an den alten Steinmauern der Häuser, die Rollos hängen halb herunter, dann wieder haben die Dörfler ihre Heime fein säuberlich herausgeputzt. Im ganzen Land sieht man Häuser in bunten Farben: Fassaden in Pastellrosa, in Mintgrün, in zartem Himmelblau. Wogegen mögen diese Farben wirken? Gegen die Betulichkeit? Sind sie kleine Schreie in der großen ländlichen Luxemburger Ruhe? Dann ein Dörfchen bei Biwisch, noch kleiner, noch intimer. Wer hier mal kein Mehl in der Küche hat, muss einfach aus dem Fenster rufen. Das ganze Dorf wird es hören.

In einem sehr aufgeräumten Vorgarten, neben zwei Terrakottakatzen und einem Porzellanzwerg, steht Monsieur Laroux. Er pflegt gerade seinen Zierteich und trägt Pantoffeln "Wohin des Weges? Das Land entdecken? Ah ja!", sagt er und freut sich übers ganze Gesicht, "Luxemburg hat viel zu bieten, die Burgen, die Ruinen, die Gassen in Vianden und das Essen und der Wein und und und ..."

Wie weit ist's denn bis zum nächsten richtigen Ort? Laroux klappt den Arm in die Waagerechte. "Gleich da vorn hinterm nächsten Hügel, zehn Minuten mit dem Rad. Höchstens." Dann lächelt er und sagt: "Unser Land ist nun mal nicht größer." Neben Luxemburg-Stadt mit dem Umland ist das Großherzogtum in vier touristische Regionen eingeteilt: Ardennen, Müllerthal, die Mosel und im Süden das Land der Roten Erde, Les Terres Rouges. Fünf Landschaften, die friedlich unter Sonne und Wolken dösen, wo verblichene Underberg-Reklamen aus den fünfziger Jahren an den Häusern überlebt haben und wo gelegentlich schon mal ein Heukarren neben einem nagelneuen Porsche parkt.

Eine seltsame Mischung bietet dieses Luxemburg, viel Bodenständigkeit und unsichtbares Geld, dann wieder Trägheit, Tradition und ein Schuss Melancholie. Das Land scheint ein wenig zu zögern, sich an den Stromkreis der Moderne anschließen zu lassen.

Zwei Stunden südlich führt ein buchengesäumter Weg auf eine Bergkuppe, eine steinerne Muttergottesstatue steht auf der Spitze, noch zwei Schritte, und dann schaut man von hoch oben hinab: auf Esch-sur-Sûre. Reiseführer jubeln, es sei das hübscheste Dorf Europas. Ein Märchenörtchen. In der Senke eines dunkelgrünen Talkessels liegt es, von der Sauer eng umflossen, klein, verwinkelt, uralt. Da thronen noch die zwei Türme der Burgruine, darunter die restaurierte Burgkapelle, zehntes Jahrhundert, der vorgeschobene Lochturm und die Zinnen, alles da. Es ist, als würde Luxemburg seine Geschichte wie auf dem Präsentierteller vor sich hertragen, sie steckt in seinen Mauern, in den Kopfsteinpflastern, den Höfen.

"De Fiederwäissen ass do!" steht unten auf einem Schild vor dem Café des Rochers, dazu gibt es Schweinekamm und weiße Bohnen. Gerade mal 200 Menschen leben in Esch-sur-Sûre, sie sind gewöhnt an die frühherbstliche Stille. Der einzige Lärm, der durch den Ort hallt, stammt von zwei Mopeds, auf denen Jugendliche hinter der Brücke umherknattern.

Den nächsten Ort, dies als weiser Rat, erobere man weder per Rad noch per Moped. In Vianden kommt man Anfang Oktober nur zu Fuß voran, denn in Vianden ist zu dieser Zeit Nussmarkt. Der Monat ist acht Tage alt, die Sonne knallt bei Großherzogwetter, und das Städtchen unterhalb der Burg tischt auf. Die Hauptstraße platzt vor Ständen, Menschen, Buden, vor Musikkapellen und rotierenden Spanferkeln. Eine Tradition, die die Touristen lieben, genauso wie die kleine Geschichte, die dazu gehört.

Für jedes neugeborene Kind wurde in Vianden ein Nussbäumchen gepflanzt und großgezogen - und einmal im Jahr wird geerntet. Und gefeiert. Mit Nusswein. Nusscreme. Nussschnaps. Mit Nusskuchen und Nusstorten, Nusskeksen und -likör, wahlweise im Zwei-cl-Probierbecher oder gleich in der Apothekerflasche. Ein komplettes Dorf im Nüsserausch. In der Jolla-Lounge gibt es, was es sonst wohl nirgends gibt: Nuss-Caipirinha und dazu - Eisbein und fierkelsjelli, Ferkelsülze.

Eine Oase der Ordnung

Am nächsten Tag herrscht Frieden. Das Fest ist vorbei, Vianden wieder picobello aufgeräumt. Das Rad rollt weiter, nach Südosten, kurzerhand ins Müllerthal. In Dillingen schließlich wird es geparkt. Direkt vor Kelly. Kelly ist 1,90 Meter groß, ein Bär aus Holland, in Camouflage-Hose und Karohemd, mit Zopf und Händen wie Schraubstöcken. Er vermietet Kanus, und er kann gut davon leben, denn ab Dillingen fließt die Sauer angeblich in seltener Pracht, um sich bald in die Mosel zu ergießen.

"Wir haben sechs Monate Hochsaison", sagt Kelly. "Da kommen sogar Spanier und die Amerikaner aus Ramstein, um auf diesem Abschnitt einmal zu paddeln." Kelly wuchtet ein Kanu vom Ständer. Dann muss ich mich reinsetzen. Und dann schmeißt mich Kelly in den Fluss. "Viel Spaß, und immer schön rechts halten!", ruft er noch hinterher. Doch die Sauer fließt schnell. 30 Sekunden, und Kelly ist nur noch ein winkendes Männchen am Ufer.

Das Boot zieht über moosige Steine und meterlange Schlingpflanzen hinweg. Äste wie knorrige Trolle staksen aus dem Fluss, dann hopst das Boot über kleine Stromschnellen. Die Sauer ist ein Grenzfluss, man treibt gen Süden - und blickt auf die beiden Ufer wie auf zwei ungleiche Geschwister. Deutschland linkerhand: Da liegt Campingplatz an Campingplatz, da reihen sich die Bierbuden aneinander, Nationalflaggen wehen, und Forellenangler in Wathosen stehen im Fluss.

Rechterhand Luxemburg: ein paar Häuser an den Hängen. Stumm und wie verlassen. Sonst alles grün. Alles leer. Schafe grasen. Immer weiter rauscht das Kanu die Sauer runter. Bollendorf und Weilerbach fliegen vorüber, 14 Kilometer im fließenden Eiltempo, doch halt, halt, halt! Sonst ist Luxemburg ja gleich vorbei.

Dabei sind die moules jetzt da, die Muscheln, überall steht's auf den Schildern, und es wäre ein Jammer, jetzt nicht noch ein wenig auf Echternachs altem Marktplatz in Ruhe zu schlemmen und dabei dies eigenwillige, altertümliche Großherzogtum zu genießen. Vor dem Café de la Poste stehen noch einige Stühle, vor dem "Petit Poète" sitzen zwei Ehepaare, Muschelberge auf den Tellern und Hüte auf den Köpfen.

Gesittet und aufgeräumt die Straßen um das Rathaus, schnörkelig geschmiedete Schilder und Laternen schmücken die Szenerie, anständiger kann kein Ort der Welt sein, und die hippsten Läden hier heißen "Frisör Dorothee" und "Nagelstudio Walter". Und dann begreift man: Luxemburg ist eine Oase der Ordnung, ein stoischer Hort der Bravheit.

Sollen die anderen dem großen europäischen Heckmeck doch ruhig verfallen. Nein, hier wollen sie bleiben, was sie sind. Klein. Sittsam. Unaufgeregt. Viele mögen das. Und können gut davon leben. Zum Beispiel Ryszard aus Polen, 38, ein Wanderarbeiter, auf dessen rundem Gesicht sich ein stoppeliger Bart breit macht. Ryszard ist zur Weinernte hier, unten in Wasserbillig, und jetzt sitzt er mit seinen Leuten zur Pause am Wegrand, bei Brot und Wasser.

"Ich habe schon in vielen Ländern gearbeitet", sagt er, "Polen, Deutschland, Holland, aber Luxemburg gefällt mir am besten." Am besten, weil die Arbeitsbedingungen hier gut seien, das Land überschaubar, die Leute aufrichtig. Sechs Euro verdient Ryszard pro Stunde, plus ein Mittagessen gratis, und dafür wird er heute noch die letzten Trauben der Saison von den Rebstöcken schneiden, den Pinot blanc, den Riesling. Dann schnappt er sich die Traubenschere und marschiert zurück in die Hügel. In grünen Rippen verlaufen die Weinberge von hier aus gen Süden, stets entlang der Mosel. Kilometerlange Hänge unter lieblicher Nachmittagssonne.

Es ist dieses Bild, das die meisten Besucher von Luxemburg erwarten. Das Grün und die Mosel. Mein Rad parkt jetzt an Deck der "Roude Léiw", dem Ausflugsdampfer "Roter Löwe", denn auch so lässt sich dieses Land bereisen. Kapitän Peter Bierling steuert das Boot nach Remich, dem Knotenpunkt des Moseltourismus, er tut das seit 20 Jahren, und er sagt, dass seine Gäste es lieben. Die mexikanischen Nächte an Bord, die soirées alsaciennes, die elsässischen Abende mit Damenwahl nach alter Schule, oder die Candlelight-Touren mit Tanzband, Schlagern und Buffet. Die Schifffahrtsgesellschaften würden die Fahrten seit Jahren so anbieten, und genau so soll es bleiben.

Erst im Süden, am Ende dieser Reise, trifft man auf Spuren von Schweiß und knüppelharter Arbeit. Die Spuren führen in jene Vergangenheit, aus der die heutige Bodenständigkeit noch immer herrührt. Denn unten im Land der Roten Erde liegt jene Quelle, aus der das Geld seit Anfang des vorigen Jahrhunderts in die Banken gescheffelt wurde und aus der Luxemburg zu einem der reichsten Länder der Welt emporgestiegen ist. Mathias Franzen ist 80 Jahre alt, er trägt einen Schutzhelm und ein Hörgerät, hat erstaunliche feine Finger und weiße Haare. Er steht unten in Rumelange vor dem Eingang eines Stollens, der schräg in die Erde hinab führt, dort hinunter, wo sich die Schächte hunderte Kilometer weit verzweigen. Mit 14 schmiss Franzen die Schule und wurde porion, Grubenarbeiter.

Kleine Dörfer, Arbeiterhäuser und die aufgerissenen Krater des Tagesbaus prägen die Gegend der Terres Rouges, und es liegt noch immer in der Luft, was hier los war. Armeen von rußgesichtigen Kumpeln schufteten 16 Stunden am Tag, sie sprengten die unterirdischen couches, die Erzschichten, und schleppten rote Hundert-Kilo-Klumpen mit bloßen Händen auf die Zugwaggons. Gerade einmal 3500 Hektar umfassten die Grubengebiete im Süden des Landes: Das Erzreservoir, das das Herzogtum zu dem machte, was es heute ist.

Mathias Franzen führt gelegentlich noch Touren unter Tage durch, und er spricht ruhig und klar, wenn er von den Tausenden Toten redet, die der Bergbau forderte. "Am schlimmsten waren die kieselhaltigen Stollen, weil da unten der Quarzstaub in die Lunge kroch und einen von innen zerfraß." Franzen geht in den Stollen. Es ist kalt, feuchte Dunkelheit schwallt uns entgegen. "25 Tonnen Steine musste meine Truppe damals jeden Tag aus der Tiefe holen, um den Mindestlohn zu bekommen." Er marschiert weiter, tiefer in den Stollen hinein. Franzen wirkt wie ein Gespenst, das Luxemburg aufgebaut hat.

Der Stollen verengt sich, es wird schwarz. Von hier aus wären es nur noch wenige hundert unterirdische Meter nahtlos bis Frankreich, hätte man den Stollen nicht wegen Einsturzgefahr gesperrt. Franzen dreht sich um und blickt durch den düsteren Schacht Richtung Eingang, von dem nur noch wenig Licht hereinfällt. "Es ist ein schönes, aufgeräumtes, reiches Land da oben", sagt er und hält kurz inne. "Doch manchmal vergessen die Leute, woher es kommt."

Autor:
Marc Bielefeld