Luxemburg Saudade am Grenzfluss Sauer

Die Geschichte ist nun schon ein paar Monate her, aber Carlos Isidoro will sie einfach nicht aus dem markanten Schädel gehen. Also, da kommt eine komplette Familie aus Portugal mit ihrem Kleinwagen im Zentrum der Stadt Luxemburg an - Vater, Mutter und zwei Kinder. Tag um Tag sieht man die vier bald hier und bald da auftauchen, und an den Abenden verschwinden sie spurlos. Nach mehr als einer Woche entdecken Verkehrspolizisten dann ihre Unterkunft: Es ist das Auto, mit dem sie hergekommen sind. "Die sind ohne was zu wissen einfach von zu Hause losgefahren, um ein neues Leben anzufangen", sagt Isidoro, "und sie parkten mitten in der Stadt. Die kannten absolut niemand!"

Das kleine Luxemburg als große Hoffnung, ein weit ausstrahlender Leuchtturm im Herzen Europas, der Wohlstand und eine rosige Zukunft verspricht - so sehen es viele Portugiesen eben bis heute. Und vielleicht rührt Herrn Isidoro diese Geschichte auch deshalb so, weil er zu einem gewissen Teil seine eigene darin erkennt. Viel mehr als nichts wusste auch er nicht, als er vor 22 Jahren ins Großherzogtum fand: Carlos Manuel Simões Ferreira Isidoro, Soldat in Angola und Kellner in Italien, der nach einigen Jobs auf Kreuzfahrtschiffen hierher kam, um einen Freund zu besuchen. "Ich wollte eine Woche bleiben", erzählt er und lässt amüsiert die Hand mit der Zigarette auffliegen, "aber dann dauerte es bis heute." Es muss also etwas dran sein an der besonderen Anziehungskraft Luxemburgs, denn Carlos Isidoro ist bei weitem nicht der einzige seiner Art.

Zwischen Clervaux und Esch haben sich inzwischen fast 68.000 Zuwanderer aus Portugal unter die 460.000 Luxemburger gemischt - ein Anteil, den keine andere ausländische Bevölkerungsgruppe erreicht. Und hier in Echternach, dem ältesten Ort des Landes an der Grenze zu Deutschland, ist sogar jeder Dritte der Herkunft nach Lusitanier. Hier hat sich auch Herr Isidoro einen festen Platz unter 5000 Einwohnern erobert, nicht nur in seinem Lieblingscafé an der Place du Marché. Drei Zimmer nahe dem Zentrum teilt er mit Ehefrau Alice, drei Töchtern, einem 24-teiligen Porzellanservice mit Benfica-Wappen und einer ganzen Bibliothek von Fotoalben.

Wenn er nicht gerade den Bus der Linie 7 durch die Stadt Luxemburg steuert, ist Carlos Isidoro nämlich am liebsten mit der Kamera unterwegs. Er fängt dann die Szenen und Landschaften des Müllerthals ein, das ihm zumindest eine halbe Heimat geworden ist. Die Hügel und Täler entlang der Our im Morgennebel, die so viele Kanufahrer anlocken; die gepflegten Gassen und Plätze im historischen Ortskern von Echternach, beliebt als Ausflugsziel für Wanderer und Radfahrer. Dazu kommen die Schnappschüsse von den Ferien in Portugal: dicht gedrängte Gruppen voller Onkel, Nichten und Neffen; Abendstimmungen im Douro oder in der Algarve.

"Keiner macht bessere Fotos als ich", ist Isidoro überzeugt. Deshalb hat er die besten Urlaubsmotive auch in das Internetportal des Echternacher Freundeskreises, der Amitié Portugal-Luxembourg, gestellt. Diesen Freundeskreis, der heute 300 aktive Mitglieder hat, rief Carlos Isidoro vor 16 Jahren ins Leben, "weil es damals überhaupt kein Forum für kulturellen Austausch zwischen den Bevölkerungsgruppen gab. Es war so langweilig, hier zu leben."

Aber Alice da Conceição Rodrigues Reis Isidoro, seine Frau, möchte diese ganzen Fotos so selten wie möglich sehen. Sobald ihr Mann eines der Alben öffnet, geht ihr das Herz auf und sie wird melancholisch - saudade, wie man in Portugal sagt. Alice trägt als Kindergärtnerin zwar nicht unwesentlich zum Erwerb der Familie bei, und bei so manchen Messen in der imposanten Basilika begleitet sie den Gesang auf einer elektrischen Standorgel. Doch wirklich angekommen ist sie in Echternach bis heute nicht.

Im Winter fehle das Licht, sagt sie, und bei aller Akzeptanz im Ort bleibe ein Unterschied: "Man spürt, dass man kein Luxemburger ist." So diskutieren sie manchen Abend, was geschehen soll, wenn Carlos nicht mehr Bus fährt und Alice genug hat von fremden Kindern. Die eigenen sind nun 21, 18 und 13 Jahre und sagen, dass sie hier zu Hause sind. Raquel, die älteste, will bald mit ihrem französischen Freund zusammenziehen. Silvia ist 18 und begabt genug, um mal zu studieren. "Wenn wir Großeltern sind, werden unsere Enkel wohl in Luxemburg aufwachsen", sagt Carlos, "was soll ich da in Portugal?" Dann beißt sich Alice auf die rosigen Lippen, starrt ins Leere und wird stumm. Saudade.

Bleiben oder zurückkehren, sich anpassen oder sich sehnen - überall in Europa sind die großen Fragen für Arbeitsimmigranten die gleichen. Im Großherzogtum waren es seit dem 19. Jahrhundert zuerst vor allem Italiener, die einwanderten. Die meisten schwitzten in den Eisenhütten und Walzwerken, bis die Montanindustrie in den sechziger Jahren zusammenbrach. Bald darauf folgte die erste Welle von Portugiesen. Sie erledigten, wozu den Luxemburgern inzwischen Lust und Geschick fehlten. Die Männer rackerten auf den Baustellen und in den Autowerkstätten, die Frauen waren Putzfrauen und Küchenhilfen - und über die Jahre folgten ihnen immer mehr Verwandte und Freunde nach.

Integration war da noch unbekannt im Müllerthal, denn beide Seiten dachten rein pragmatisch. Die billigen und emsigen Kräfte nutzten die Chance, im Wohlstandsstaat steuergünstig zu prosperieren und hielten dabei Gewerbe und Gastronomie in Schwung. Ansonsten blieben sie schon aus Zeitmangel im Hintergrund. Wenn überhaupt, zeigten sie sich am Wochenende, bei den französischsprachigen Messen in der Basilika. Dort füllten sie schnell die Bänke der Andächtigen auf, während ihre Kinder die Reihen der Messdiener schlossen (heute, so heißt es, stellen sie mehr als 50 Prozent). Hier Maria, dort Fatima: Als gläubige Katholiken waren sie ja ziemlich kompatibel.

Eine unsichtbare Mauer

Ob Echternachs Bevölkerung dabei über die Jahre allerdings wirklich zusammengewachsen ist - Marco Macedo Foz möchte es eher bezweifeln. Der 31-jährige Sprachlehrer ist in der Stadt "so etwas wie eine Rarität", wie er akzentfrei formuliert. Statt wie die meisten Zuwandererkinder auf den einfacheren technischen Zweig des Gymnasiums zu gehen, durchlief er mühelos den klassischen Zweig, studierte in Porto und kehrte dann als ausgebildeter Pädagoge zurück. Er ist ein Musterbeispiel für die durchlässige Gesellschaft und nebenbei Moderator beim Lokalsender "Radio Aktiv 106.5", der aus dem umgebauten Zollhaus an der Brücke nach Deutschland ein multikulturelles Programm ausstrahlt. Und dennoch ist er Skeptiker geblieben. "Man lebt hier mehr neben- als miteinander", sagt Foz, denn "da ist immer eine unsichtbare Mauer."

Der schlaue Marco mit den graugrünen Augen: Erst sah er zu, wie seine Eltern, als Kellner und Küchenhilfe gestartet, sich zu stolzen Besitzern eines der bestgelegenen Hotels mit Restaurant im Ort hocharbeiteten - dem Petit Poète, auf dessen Terrasse auch Carlos Isidoro so gern Platz nimmt. Dann stieg er selbst auf, um nun in der Hauptstadt Zugewanderte aus allen Windrichtungen auf die Sprachprüfung zum Erwerb der Staatsbürgerschaft vorzubereiten. Aber auch Luxemburger sind unter den Schülern, denn seit die Regierung auf Lëtzebuergesch als Amtssprache pocht, haben viele hier ein Problem: Sie kennen die seit 1999 verbindliche Rechtschreibung ihres mündlich tradierten Zungenschlags selbst nicht so genau.

Ein Portugiese, der den Luxemburgern ihre eigene Sprache erklärt - auch das gibt es also im babylonischen Sprachturm des Großherzogtums. In den Grundschulen wird mit Deutsch begonnen, und schon im zweiten Schuljahr lernen die Kinder Französisch. Sport und Kunst finden auf Lëtzebuergesch statt - und ab 13 kommt Englisch hinzu. So werden die Migrantenkinder zu fünfsprachigen Teenagern ausgebildet, die meist so mühelos wie Silvia Isidoro zwischen den Kulturen hin- und herwechseln.

Am Freitagabend etwa, wenn sich im Pavillon am See die Folkloregruppe trifft, ist die 17-Jährige hundertprozentig lusitanisch. Dann übt sie mit all den anderen die traditionellen Gruppentänze ein, die sie bei Gelegenheit in der vollen Tracht der Leute aus dem Minho aufführen - jener Region nördlich von Porto, aus der die meisten Portugiesen in Echternach stammen. Weiße Strickstrümpfe in halboffenen Schuhen und üppig bestickte Röcke, die bei den Akkordeonmelodien aufwirbeln. Schon auf dem Heimweg aber spielen sich die Mädchen mit ihren Handys die Hits von Black Eyed Peas und Anastacia vor - und landen am Samstagabend irgendwo zwischen Diekirch und Bitburg in der Disco.

Es sind die im Ort eingeschulten Nachfahren, sagt der junge Bürgermeister Marc Diederich, bei denen die "Integration auf mehreren Ebenen" gut funktioniert. Bei ihren Eltern gäbe es aber oft noch "eine Tendenz, sich auszuschließen". Und wenn sie in den Ausschüssen der Gemeinde bis heute kaum vertreten sind, wie Carlos Isidoro des öfteren moniert, so liege das auch an ihnen selbst: "Es ist nicht so einfach, sie dazu zu motivieren." Ähnlich klagt Herr Zimmer vom Pfarrrat, dass sich portugiesische Gläubige kaum an der Gemeindearbeit beteiligten: Man gehe fleißig in die Messe, aber mehr nicht. "Das sind nur Besucher."

Einmal im Jahr, an Christi Himmelfahrt, säumen die gottesfürchtigen Portugiesen bei der Fatima-Prozession zu Zigtausenden die Straßen der Ortschaft Wiltz. Und bei ihrem Kulturfest im Frühsommer beherrschen sie auch in Echternach die Szenerie. Ansonsten aber besetzen sie hier nur kleine Nischen. Ein paar Läden mit vinho verde, chouriço und bacalhau, Wein, Würstchen und Stockfisch, aber nicht ein einziges portugiesisches Restaurant. Ein paar Cafés mit Satelliten-TV für die Spitzenspiele der Fußballklubs aus Porto und Lissabon, in denen abends die sueca-Karten gedroschen werden. Und eine eigene Fußballmannschaft, FC Sporting Portugais Echternach, die sich bei Turnieren mit anderen portugiesischen Teams misst.

In dieser kickenden Parallelgesellschaft hatte auch Julio Paulos, der im Ortskern einen Schreibwarenladen führt, als Mannschaftsvorstand früher mitgewirkt - und das aus einfachem Grund. "Uns fehlte die Emotion beim Spiel", sagt er in bestem Deutsch, "das lief doch meistens wie auf einem Begräbnis ab." Aber natürlich ist der schnauzbärtige Fußballnarr auch auf dem Sportplatz, wenn sich dort der 1921 gegründete Daring-Club Echternach um den Aufstieg aus der dritten Liga müht. Und fünf, sechs gebürtige Portugiesen sind dann immer unter den elf Männern in den schwarz-gelben Trikots. Mindestens.

Denn das ist vielleicht das Wichtigste an dem kleinen Ort im Herzen Europas: Man braucht hier einen Julio Paulos, einen Marco Foz und die Isidoros, damit die Busse und Bälle rollen - und alle wissen, dass die Zukunft ihnen gemeinsam gehört.

Autor:
Bertram Job