Luxemburg Großherzog Henri von Nassau-Weilburg

Prinz Henri und Maria Teresa von Luxemburg

Diskretion geht ihm über alles. Sie ist "die Leitregel der großherzoglichen Familie", sagt Henri von Luxemburg, der letzte amtierende Großherzog der Welt. Skandale, Affären, Peinlichkeiten haben keinen Platz an seinem Hof. Mag die Boulevardpresse auch noch so danach suchen, sie wird nichts finden. Gut, vielleicht das uneheliche Kind, das der zweitjüngste Sohn Prinz Louis (20) im Frühjahr 2006 noch vor seinem Abitur hatte. Die Mutter, luxemburgische Soldatin, lernte er bei einem Truppenbesuch im Kosovo kennen, und wirklich standesgemäß war sie als Tochter eines Dachdeckers nicht. Aber reicht das in Luxemburg für einen Skandal? Niemals.

Schon zur Taufe des ersten großherzoglichen Enkelsohnes Gabriel Michael Louis Ronny (dessen Nachname erst einmal ungeklärt blieb) im April 2006 trat die Familie geschlossen an. Großherzogin Maria Teresa war gerührt, sagte, "Gabriel ist ein Teil von uns", und nicht mal sechs Monate später waren die jungen Eltern auch schon verheiratet. Die Trauung fand zwar im engsten Familienkreis statt, Louis hat keinen Platz mehr in der Thronfolge, aber Tessy, die Dachdeckertochter, darf längst mit gekrönten Häuptern auf dem Familiensitz Schloss Berg speisen. Und auch der Nachname steht fest: "von Nassau" heißt die junge Familie.

Schließlich hat auch der Großherzog aus Liebe geheiratet. Es war wie im Märchen, damals, Ende der 70er Jahre: Prinz Henri studiert in Genf Politikwissenschaft und trifft die Exilkubanerin Maria Teresa Mestre: schlank, dunkelhaarig, schwarz glänzende Augen, karibischer Teint, wortgewandt und klug. Noch märchenhafter hätte es sein können, wäre Maria Teresa eine arme Flüchtlingstochter gewesen, doch mittellose Flüchtlingstöchter studieren selten Politik am Genfer See. Maria Teresas Vater war vielmehr Großgrundbesitzer und Bankier in Havanna, bevor die Familie über New York und das eigene Landgut in Spanien in die Schweiz zog, wo Vater Mestre sich als Finanzberater niederließ. Reich war sie also, Henris Auserwählte, doch ganz und gar nicht adlig. Henris Mutter, Großherzogin Joséphine Charlotte, vornehm, distinguiert und zeitlebens die Fleisch gewordene Contenance, soll gegen die Hochzeit gewesen sein, doch selbst damals reichte das nicht für einen Skandal.

Als Henri und Maria Teresa im Februar 1981 heirateten (selbstverständlich hatten beide zuvor ihr Studium äußerst erfolgreich beendet und ihre Liaison vier Jahre geheim gehalten), feierte Europas Hochadel eine Traumhochzeit, die gekrönt wurde von einem echten, innigen Kuss - damals eine Sensation, ein, wenn man so will, positives Skandälchen. Die Luxemburger lieben ihr großherzogliches Paar bis heute dafür - ähnlich wie es die Spanier noch immer in ihrer Ehre verletzt, dass Kronprinz Felipe seiner frisch angetrauten Letizia auf dem Balkon des Madrider Königspalastes nur ein müdes Bussi auf die Wange gab.

Maria Teresa, die strahlende Braut von damals, ist heute, nach über 25 Ehejahren und fünf Kindern, ein wenig fülliger geworden, hat sich aber ihre strahlenden Augen bewahrt. Kochen kann sie nicht, sagt die 50-jährige Großherzogin von sich selbst, aber sie liebt Papaya-Avocado-Salat mit würziger Vinaigrette. Außerdem hat sie eine Schwäche für dekorative Details im Palast und legt Wert darauf, dass Gäste auf Schloss Berg in ihren Schlafzimmern immer ein Betthupferl aus feinster Schokolade finden. Mit ihrer 2004 verstorbenen Schwiegermutter soll sie immer wieder mal aneinandergeraten sein, aber gehört das nicht zum Mythos der angeheirateten Thronfolgerin? Man denke nur an Sissi oder Lady Di.

Dass Henri und Maria Teresa allerdings Joséphine-Charlottes Juwelen und Schätze nur knapp zwei Jahre nach deren Tod zu Geld machen wollten, brachte die Luxemburger dann doch auf die Barrikaden. So was gehöre sich nicht, sei stilloser Ausverkauf. Oder, so wurde gemutmaßt, sei das Großherzogtum womöglich klamm und brauche die Million, die Mutters Schmuckstücke schätzungsweise bringen würden?

Maria Teresa von Luxemburg
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Maria Teresa von Luxemburg
Schnellstens wurde die Versteigerung abgesagt, Henri glättete die Wogen. Man habe Mutters Erbe aufgeteilt, jeder habe seine Lieblingsstücke bekommen, der Rest (Rubinschmuck, Diamantenarmband, Silber, etc.) hätte nicht irgendwo verstauben sollen, nur deswegen habe man die Kostbarkeiten zu Sotheby's gebracht. Er habe den "symbolischen Wert" unterschätzt, sagte Henri, den "das Erbe meiner Mutter für mein Volk hat". Und schnürte der Yellow Press damit das Wort ab, bevor sich die noch richtig aufregen konnte. Ein Hang zu Pomp und Allüren lässt sich dem Herrscherpaar wirklich nicht nachsagen. Das großherzogliche Palais am Krautmarkt im Luxemburger Zentrum könnte auch Stammsitz einer renommierten Bank sein; der Grand Duc hat nicht mal eine Krone und unterschreibt auch nicht mehr mit "von Gottes Gnaden", wie es Vater Jean noch tat.

Harmonie, Effizienz und soziales Engagement

Dafür geben die Regenten sich volksnah, vor allem die Großherzogin zeigt Tatendrang und Temperament. Es gibt mehrere Fotos, auf denen Henri vor dem Gobelin am Flügel, auf dem Sofa im Salon oder am Schreibtisch sitzt, und immer schaut Maria Teresa durch die geöffnete Tür zu ihm hinein, als wolle sie sagen - natürlich auf die freundlichste Art und Weise: "Henri, los, auf, es gibt viel zu tun." Selbstredend sind dies keine Schnappschüsse, sondern minutiös geplante Aufnahmen des Luxemburger Hoffotografen, der ein Faible für die genannte Szenerie zu haben scheint.

Dennoch spricht Maria Teresas Terminkalender für sich. Als Unesco-Sonderbotschafterin setzt sie sich für die Vergabe von Mikrokrediten in der Dritten Welt ein, engagiert sich für die Aids- und Krebsforschung, Alzheimerpatienten und das Rote Kreuz und kümmert sich um die beiden jüngsten Kinder Alexandra und Sébastien, die noch zu Hause wohnen. Henri seinerseits hat sich neben den alltäglichen Amtsgeschäften vor allem dem Umweltschutz verschrieben, nachdem er sich bei einem Besuch auf den Galapagos-Inseln in die dortige Tierwelt verliebte. Zu seinem 50. Geburtstag wurden Fotos veröffentlicht, auf denen der Herrscher selbstvergessen mit drei kleinen Robben spielt und einem Pelikan zärtlich den Schnabel drückt.

Privat, so wird verlautbart, liebt der Großherzog Sport und das Surfen im Web: "Sein Vater sammelte Bücher, seine Mutter Kunstgegenstände. Henri von Luxemburg findet Anregung und Ablenkung im Internet." Das letzte in großem Stil begangene Fest am Hofe war die nachträglich gefeierte Silberhochzeit von Henri und Maria Teresa im Sommer 2006. Nicht etwa in den Palast, sondern ins neue Mudam, das Museum für moderne Kunst, lud das Paar zur herzoglichen Gala.

Henri ist mit jedem derzeitigen europäischen Regenten verwandt, entsprechend illuster war die Gästeschar. Wieder mal allein kam Albert von Monaco, gewissermaßen der Antipode des Großherzogs. Auch sein Reich ist klein und reich; doch anders als der wohlgeordnete, Geborgenheit ausstrahlende Luxemburger Hof ist Alberts Fürstentum eine Schlangengrube voller royalistischer Unwägbarkeiten: der Regent mit knapp 50 nicht mal verlobt, seine Schwestern extravagant bis exzentrisch, die eine mit einem früher öffentlich pinkelnden, prügelnden Prinzen vermählt, die andere mit Zirkusdirektor, Palastkellner und Artisten liiert.

Das ist es, was der 51-jährige Großherzog, der ein wenig aussieht wie ein jüngerer Clint Eastwood mit streng gelegtem Seitenscheitel, auf keinen Fall will. Harmonie, Effizienz und soziales Engagement sollen herrschen in seinen Palästen. Tumulte gilt es zu vermeiden, deswegen verläuft bei Luxemburgs Monarchen - einzigartig in Europa - sogar die Abdankung behutsam und auf Raten. Henri etwa war zwei Jahre lang Lieutenant-Répresentant, Statthalter seines Vaters, des Großherzogs Jean, bis der im Oktober 2000 endgültig die Geschäfte abgab. Das bedeutet: viel Arbeit - Audienzen, Korrespondenzen, Besichtigungen und wenig Ehre: Staatsbesuche empfängt und leistet immer noch der "alte" Großherzog.

Ein undankbarer Job? Würde Henri so nie sagen. Im Gegenteil: "Auf diese Weise kann sich der jüngere Großherzog sehr gut auf die Verantwortung als Staatschef vorbereiten, außerdem haben so auch die politischen Autoritäten und die Bevölkerung Zeit genug, sich an den neuen Staatschef zu gewöhnen."

Aus der Tagespolitik hält Seine Hoheit sich heraus, steht aber in vertrauensvollem Kontakt zu Staatsminister Jean-Claude Juncker. Der steckt seinen Kopf bei offziellen Terminen schon mal von hinten zwischen das Regentenpaar, die Hand freundschaftlich auf der Großherzogin Schulter. "Würde man die Luxemburger darüber befinden lassen, welche Staatsform ihnen gut zu Gesichte stände", sagt er, "dann würden sie sich für die Monarchie entscheiden." Schon einmal, 1919, hat sich eine Großherzogin vom Volk bestätigen lassen. Charlotte, Henris Großmutter, trat das hohe Amt erst an, nachdem ihr die Luxemburger per Volksabstimmung das Vertrauen ausgesprochen hatten.

"Etwas Urdemokratisches" sei Luxemburgs Monarchie dadurch zu eigen, sagt Juncker. Ein Untergang sei nicht zu befürchten. Erst recht nicht unter Seiner Hoheit Henri, Großherzog von Luxemburg, Herzog von Nassau, Prinz von Bourbon- Parma, Graf von Sayn, Königstein, Katzenelnbogen und Diez, Burggraf von Hammerstein, Herr von Mahlberg, Wiesbaden, Idstein, Meremberg, Limburg und Eppstein.

Mögen viele seiner Grafschaften längst nur noch dem Namen nach bestehen, das Großherzogtum Luxemburg wird bleiben, wie es ist. Äußerst diskret.

Autor:
Kathrin Sander