Luxemburg Europa sitzt auf dem Kirchberg-Plateau

Europa liegt anderthalb Kilometer von Luxemburgs Innenstadt entfernt, auf einem 360 Hektar großen Präsentierteller: dem Kirchberg-Plateau. Aus der Vogelperspektive sieht es aus wie ein plumper Pfeil mit ausgefranster Spitze. Es misst gut drei Kilometer in der Länge, der Schaft ist einen halben Kilometer breit, 62 Meter die Hauptverkehrsader am südöstlichen Rand, die Avenue John F. Kennedy. 20.000 Menschen arbeiten in dem Stadtviertel, das seit 50 Jahren vor sich hinwächst: bei der Europäischen Investitionsbank, beim Europäischen Gerichtshof, dem Europäischen Rechnungshof, der Europäischen Kommission, in EU-Kongresszentren, in der Europaschule für die Beamtenkinder, in Kliniken, Altenheimen, Hotels, Sport- und Kulturstätten und Läden. Einwohner: 2000.

Die Frage, über die bereits zwei Generationen von Städteplanern rätseln, lautet: Wie soll ein lebendiges Quartier aussehen - auf dem schlecht geschnittenen Terrain, zwischen Betonsolitären und Asphaltpisten? Die stammen zum Teil aus den Sechzigern, als man noch EWG sagte und das Credo der Urbanisten Funktionalismus hieß: Wohnen, Arbeiten, Einkaufen säuberlich getrennt, alle Wege auf das Auto zugeschnitten. "Wir haben einen groben Bebauungsplan entwickelt, der den Schlauch in fünf Viertel unterteilt. Über Abriss und Neubau entscheiden wir nach Einzelfall. Aber egal wie, es kommt immer Kritik", sagt der Architekt Pierre Kieffer.

Mit "wir" meint er sich und seine Kollegen beim Fonds d'Urbanisation et d'Aménagement du Plateau de Kirchberg. Der Staat Luxemburg hat den weitgehend unabhängigen Fonds 1961 gegründet und ihm unbefristet die Planung überlassen. Ein knappes halbes Jahrhundert später führen immer noch Wege ins Nichts, klaffen Baulücken, stehlen Monumentalbauten einander die Show. Fußgänger riskieren ihr Leben beim Versuch, die Avenue John F. Kennedy zu überqueren, und klettern über Mauern und Böschungen. Nach Feierabend versinkt das Plateau in Ödnis.

Seit Mitte der neunziger Jahre existieren jedoch Oasen, Indoor-Zentren mit Metropolenflair. Sie sind den Bewohnern der Hauptstadt und der umliegenden Dörfer willkommene Abwechslung. In der Coque, dem muschelförmigen Sport- und Kulturzentrum, ziehen Damen mit gereckten Hälsen Bahnen im Olympiabecken; in der Caféteria brüten Gymnasiasten über Hausaufgaben, während sie auf den Beginn ihres Volleyballtrainings warten. Im Galerierestaurant tunken Feinschmecker Dorade in Zitronensauce und lauschen den Jubelrufen, stürmischen Böen, die aus den Sporthallen herüberwehen. Im Centre Auchan, einer Mall nach US-Vorbild, shoppt und luncht das vereinte Europa unter einem gläsernen Himmel.

Nach Ladenschluss wacht Utopolis auf: ein Kinocenter mit Billardhalle, Restaurants, Bars. Im "Vermenschlichen", wie er es nennt, sieht der Präsident des Fonds, Patrick Gillen, die Zukunft des Kirchbergs. Das will er schnell vorantreiben, mit einer Straßenbahnlinie, fußgängerfreundlicher Verkehrsführung, mehr öffentlichen Innen- und Außenräumen und vor allem mehr Wohnungen: "Bis 2020 soll der Kirchberg 14.000 Einwohner haben und 37.000 Arbeitsplätze bieten."

Eine Gesetzesänderung könnte Gillen ausbremsen. Bis 2004 hatten weder EU noch Staat, Stadt, private Bauherren oder Architekten entscheidend mitzureden - der Fonds hatte stets das letzte Wort, wie Bauten auszusehen hatten, wo sie stehen sollten, wer sie errichtete. Er segnete Finanzierungspläne ab, Gebäudehöhe, Fassade, Grünflächen, Art der Müllentsorgung und Stellplätze. Laut neuem Recht kann nun die Stadt mitentscheiden, und jede Baumaßnahme muss sich auf historische und soziologische Analysen stützen. "Das wird keine Fehler verhindern, das wird lediglich alles verzögern", brummelt Pierre Kieffer.

Kritik steckt der Fonds weniger wegen Fehlplanungen ein - Bürger, Presse und Stadt sind mit der Arbeit und dem gemächlichem Tempo der Urbanisierung überwiegend zufrieden. Viele stört allerdings sein Finanzgebaren, vor allem beim Verkauf des Baulands. Ende der fünfziger Jahre haben Bauern dafür vom Staat umgerechnet wenig mehr als 8000 Euro pro Hektar bekommen und wurden teilweise enteignet. Ende der Achtziger erhielt der Fonds 20.000, heute im Einzelfall bis zu 300.000 Euro je Hektar von den Käufern. Der Vorwurf: Wer Geld habe, könne den Kirchberg nach Lust und Laune verschandeln. "Dabei stimmt das nicht. Wir verkaufen nicht einfach an den Höchstbietenden", sagt Kieffer. "Wir berücksichtigen die Qualität der Architektur, und wir investieren Gewinne in Dinge, die der Allgemeinheit zugute kommen."

Das erste solcher Projekte war der 355 Meter lange Pont Grande-Duchesse Charlotte. "Früher war die Fahrt vom Zentrum auf den Kirchberg eine kleine Reise", sagt Kieffer. Die Stahlbrücke bildet seit 1965 einen tomatenroten, 74 Meter hohen Viadukt über das Alzettetal und führt zum bisher jüngsten Kind des Kirchbergs: dem Ensemble Place de l'Europe. Das städtebauliche Konzept hat der Spanier Ricardo Bofill entwickelt: ein dicker Schuss Kultur für Europa und sein Plateau.

Ein gut sortiertes Freilichtmuseum

Zwei 18-geschossige dunkelgraue Zigarettenschachteln mit EU-Büros, ebenfalls von Ricardo Bofill, bilden ein Tor. Dahinter ist ein grinsender weißer Wal gestrandet: die im Juni 2005 eröffnete Philharmonie von Christian de Portzamparc, dem französischen Träger des Pritzkerpreises, einer Art Nobelpreis für Architekten. Die Fassade aus 823 filigranen Säulen funkelt nachts wie ein Juwel, und die Kritiker loben die Akustik. Die Baukosten von 113,5 Millionen Euro, 35 Millionen mehr als veranschlagt, verursachten kaum Protest. "Geld ist hierzulande reichlich da. Das ist manchmal schlecht", sagt Gerhard Kirchner vom Luxemburger Büro Hermann & Valentiny und Partner, das auf dem Kirchberg unter anderem Luxuswohnviertel plant. "Es kann die Architektur schnelllebig machen."

Gebäude, kaum 30 Jahre alt, weichen Verdichtungs- und Raumbildungsbemühungen. Der Sitz der Europäischen Kommission muss weg, weil er zu introvertiert, die alte Deka-Bank, weil sie zu düster ist. Und das Robert-Schuman-Haus entspricht als diskretes Relikt der Moderne aus den Sechzigern nicht dem Zeitgeist. Der verlangt nach spektakulären Prestigebauten.

Eine Entwicklung, die vor allem die Banken in den späten Achzigern eingeleitet haben. Der Hauptsitz der Deutschen Bank ist ein ziegelroter Säulentempel des Kölner Pritzkerpreisträgers Gottfried Böhm. Die Hypobank residiert in einer weißgrauen Festung mit Wassergraben des amerikanischen Pritzkerpreisträgers Richard Meier sowie in einem spitz zulaufenden Ozeandampfer - "Titanic" genannt - aus Sichtbeton. Mit der Filiale der Banque de Luxembourg im Auchan-Einkaufszentrum bekennt sich der Franzose Jean-Michel Wilmotte zur Dynamik: Die Raumgestaltung betont die Horizontale, die Flure scheinen zu schweben. Die Empfangshalle sieht aus wie eine New Yorker Trendgalerie.

Die meisten der wohl über tausend Kunstwerke der Banken sind nur am Tag der offenen Tür allgemein zugänglich, die Foyers jedoch zu Schalterzeiten: Bei der Deka-Bank rauscht der azurblaue Wasserfall "Panta rhei" von Felix Weinhold. Nam June Paiks riesiger "Krimtatar" mit Platinenkörper und Scheinwerferaugen zieht einen Bollerwagen mit Elektronikschrott durch den Meierbau der Hypobank. Mehr als 40 Skulpturen namhafter Künstler sind vor den Gebäuden, im Park und am Straßenrand zu besichtigen. Die gewichtigste bringt 37,5 Tonnen auf die Waage: "Exchange" heißt der 20 Meter hohe Stahlturm des Amerikaners Richard Serra, der das Nordostende des Kirchbergs markiert. Das Plateau ist ein gut sortiertes Freilichtmuseum für zeitgenössische Kunst und Architektur.

Das neueste Exponat auf der Place de l'Europe stammt vom Sinoamerikaner Ieoh Ming Pei, Erfinder der Pyramide des Louvre und - natürlich auch er - Pritzkerpreisträger: das Mudam, Musée d'Art Moderne Grand-Duc Jean, ein schimmernd weißer Pavillon aus Sichtbeton, Sandstein und Glas: "Am meisten hat mich das Wechselspiel zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Vergangenheit und Zukunft fasziniert", sagt Pei über den gefälligen, kristallinen Bau. Die Außenmauern stehen auf Fundamenten des Forts Thüngen aus dem 18. Jahrhundert. Durch den 33 Meter hohen Hauptsaal im Erdgeschoss tanzen Schatten, eine federleichte Treppe dreht eine anmutige Pirouette, eine Schar Kanarienvögel pfeift dazu. Die Tiere tirilieren seit der Eröffnung im Juli 2006 und gehören zu Cai Guo- Qiangs Installation "The Net".

Wer an dem raumfüllenden Werk des Chinesen vorbei aus dem Fenster schaut, erblickt drei kürbisgroße, golden glänzende Eicheln: die "Dräi Eechelen", die Spitzen der restaurierten Wehrtürme des Forts Thüngen, in denen ein Festungsmuseum eröffnen wird - sobald die Stadt genügend Exponate gefunden hat. Auch die Sammlung des Mudam ist jung. Seit 1996 haben die Kuratoren 230 Werke erworben, ein eklektischer Mix, dem avantgardistische Designobjekte eine interessante Note geben: Im Café steht ein hölzerner Baldachin, der mit pastellfarbenen Filzschindeln gedeckt ist, eine Arbeit der Franzosen Erwan und Ronan Bouroullec.

Als Imbiss gibt es belegte Brötchen in Form von Kuhköpfen, Herzen, Krallen und Fischen des italienischen Altmeisters Gaetano Pesce. Der Portugiese Sancho Silva und der Slowene Tobias Putrih haben einen Raum mit einem 3D-Puzzle möbliert und fordern zum Spielen auf - für manche Kunstfreunde nichts als Albernheiten. Das einzige unumstritten visionäre Kunstwerk auf dem Kirchberg starrt unter der 31 Meter hohen Kuppel der Deutschen Bank nach Osten: der haushohe "Delphi heliotroph" aus Bronze von A. R. Penck. Zwischen seinen drei gespreizten Beinen kann man ihm die Hand schütteln, die aus der Wade wächst.

Daneben ist ein Versprechen graviert, das den Planern Hoffnung gibt: "In 1000 Jahren werde ich wiederkommen und löse das Rätsel." Da wird er wohl zu spät kommen. Zwar sind heute Bauwerke, deren Material, und Gestaltung die Jahrhunderte überdauern sollen, internationaler Trend. Aber der hat Luxemburg noch nicht erreicht. "Nachhaltigkeit ist hierzulande nicht verankert", erklärt Kirchner. "Ein frühzeitiger Abriss ist für uns kein Problem."

Autor:
Petra Mikutta