Deutschland Lübeck, Königin der Hanse

Als Matze Langer und Andi Klüver an einem fröhlichen Abend auf die Idee kamen, einfach mal ein Lied über ihre Heimatstadt zu schreiben, war das irgendwie als Scherz gedacht. Erst als sie ihr neues Stück im "Mac Thomas", ihrer irischen Lieblingskneipe, uraufführten und das Publikum begeistert auf die Holztische klopfte, wurde aus dem Spaß Ernst - und aus "Mein kleines Lübeck, du große Stadt" die erste Single der Band "Projekt Caramba" und eine Art inoffizielle Stadthymne. Nicht, weil das Lied tatsächlich so ein musikalischer Hit ist. Sondern weil die Komponisten hineinpackten, was diese Stadt ausmacht: das Holstentor, die Kirchen, die Hanse und "heißbegehrtes Marzipan, kommt sogar bei den Amis an".

Seit dem Tod des Dichters Emanuel Geibel 1884, der auch ein Lübecker war, hat es in dieser Stadt in der Tat nicht mehr viel gereimten Lokalpatriotismus gegeben. Geibel schrieb noch im stolzen hanseatischen Geiste: "Wie steigst, o Lübeck, du herauf in alter Pracht vor meinen Sinnen / An des beflaggten Stromes Lauf, mit stolzen Türmen, schart'gen Zinnen!" Bei Klüver und Langer hört sich der Patriotismus ein wenig anders an: "Oh nein, es weiß doch jedes Kind, dass Lübecker die Geilsten sind."

Wenn man außerhalb Lübecks von Lübeck spricht, dann nicken literarisch gebildete Geister und Naschkatzen. Andere schauen ratlos. Lübeck? Wo liegt das noch gleich? Zugegeben, zu "Stadt in Deutschlands Norden" fällt den meisten Hamburg ein. Weil das größer ist und weltstädtischer. Oder Kiel. Wegen der Landesregierung und weil es mehr Strand hat. In Hamburg wundert sich niemand, wenn einer mit einem Porsche oder einem Maserati durch die Innenstadt fährt. In Kiel treffen Politiker wichtige Entscheidungen, und beim Bummeln kann man dem Ministerpräsidenten begegnen.

Geschenkt, alles geschenkt. Klar sind die Zeiten, als Lübeck die Königin der Hanse war und ihre Seefahrer Handel bis ins russische Nowgorod betrieben, lange vorbei. Klar ist Lübeck kleiner, viel kleiner und vielleicht auch piefig, wie man hier im Norden so sagt. Hat Gassen, durch die kein Maserati und kein Ministerwagen passen. Hat Torbögen, durch die man nur in demütiger Haltung gehen kann, dahinter ist manches Haus puppenstubenklein, und begegnen kann man auch nur einem ehemaligen Ministerpräsidenten, dem Engholm nämlich.

Lübeck brachte drei Nobelpreisträger hervor

Dafür läuft man sich in Lübeck nicht die Füße wund. Umrahmt von Wakenitz und Elbe-Lübeck-Kanal, von Mühlenteich und Krähenteich, von Resten der alten Wallanlagen liegt die Lübecker Altstadt in stiller Seligkeit auf einer Insel. Wie Fäden laufen von diesem Mittelpunkt die Gassen und Straßen zu den Gewässern hinab. Im Norden liegen das ehemalige Burgviertel und der Koberg mit St. Jakobikirche, Heiligen-Geist-Hospital und "Schiffergesellschaft". Drei Gebäude, die für Lübeck stehen: das erste eine dreischiffige Seefahrerkirche mit einem Rettungsboot der untergegangenen "Pamir", das zweite eine der ältesten Sozialeinrichtungen Europas und das dritte Lübecks wohl bekanntestes Restaurant und einst das Versammlungshaus der Kapitäne der Hanse. In der Mitte die ehemaligen Handwerkerstraßen und im Süden der Dom, dessen Schatten mächtig über kleine Gassen fällt. So groß ist diese Stadt, wie die Füße einen tragen können.

 

Lübcks Altstadt
Natalie Kriwy
Lübecks Altstadt ist Weltkulturerbe.

Dass so eine kleine Stadt drei Nobelpreisträger hervorbrachte, ist schon erstaunlich. Thomas Mann natürlich, den man hier lange nicht liebte. Dann Günter Grass, der ist allerdings nur zugewandert. Und Willy Brandt exilierte von hier. Vielleicht liegt es an der Schnuckeligkeit der Lübecker Straßen oder an dem Klang der Hacken in hohlen Gassen, vielleicht auch an diesem leicht Gedrungenen, so schnell Vertrauten, dass viele, die hierher kamen oder hier geboren sind, das Schreiben liebten. Der Schriftstellerin Ida Boy-Ed, die in Lübeck auch einen literarischen Salon unterhielt und eine Förderin Thomas Manns war, verlieh man immerhin in einem Haus neben dem Burgtor lebenslanges Wohnrecht.

Und dann war da noch die exzentrische Franziska zu Reventlow, Schriftstellerin, Malerin, Skandalgräfin, die in München die Männer verführte und mit der Lübeck sich schwertat. Erst nach langer Zeit widmete man ihr eine Ausstellung. Oder der Anarchist Erich Mühsam, die Dichterin Doris Runge, die zwar nicht in Lübeck lebt, aber darüber schreibt. Zum Beispiel über das "Café Niederegger" und seine Marzipantorten: »Hinter rüschen runzeln / brüssler spitzen / gezuckert gepudert / die alten damen / vom kränzchen / legen den kaffeelöffel / auf die untertasse / sanft / wie sonntags / die blumen aufs grab".

Das "Marzipan-Holstentor-Lübeck" ist Vergangenheit

Andi Klüver und Matze Langer finden, es sei an der Zeit, mal andere Geschichten über die Stadt zu erzählen. Auch wenn sie es besingen, dieses Marzipan-Holstentor-Lübeck, ist es doch die Vergangenheit. "Lübeck ist schon lange nicht mehr nur Mittelalter", sagt Klüver. "Es ist jung und lebendig." Und dann zählen sie auf, was so lebendig ist. Das "Mac Thomas" zum Beispiel, wo die Musik noch von der Hand gemacht wird. Oder "Lemmy's Bierpub" in der Dr.-Julius-Leber-Straße, die auch zum alten Handwerksviertel gehört und wo man, so behauptet es Langer, die beste Currywurst der Stadt essen kann.

 

Andi Klüver
Natalie Kriwy
Lokalpatriot Andi Klüver (links) komponierte die inoffizielle Hymne für seine Heimatstadt.

Das "Cargo"-Schiff, eine schwimmende Diskothek auf dem Kanal. Die Wallanlagen zum Spazierengehen. Das Lübecker Bier, das Lück-Pils, das lange eine Erfolgsmarke war, bis der Brauereibetrieb 1989 eingestellt wurde und das heute "ein Kumpel" wieder produziert. Aus Lübeck weggehen? Käme den beiden nicht in den Sinn. "Ich hab hier immer so ein Altstadtgefühl. Gehe ich in die Stadt, treffe ich ständig Leute, die ich kenne", sagt Klüver, und Langer sagt: "Lübeck ist wie Urlaub machen."

Nicht alle, die jung sind, hält es in Lübeck. Olaf Adler ist einer von denen, die erst gehen mussten, bevor sie wiederkommen konnten. Adler verließ die Hansestadt nach der Schulzeit und lebte in Paris, dann in Hamburg. Er kehrte zurück, weil er das Familienunternehmen, die Buchhandlung und das Antiquariat Adler, fortführen soll und will. "Mein Großvater hat das vor 80 Jahren hier begründet, und eine solche Tradition verpflichtet. Am Anfang war die Rückkehr hart. Ich war ja gegangen, weil ich die Stadt zu eng fand. Aber inzwischen bin ich mit Lübeck sehr versöhnt. Es ist zwar eher provinziell als Weltstadt, aber mir gefällt das Bodenständige. Hier gilt das Hanseatische noch etwas. Sie können Verträge mit einem Handschlag abmachen."

Die alles dominierenden Türme von St. Marien

Adler sitzt vor der "Cafe Bar" in der Hüxstraße. Die Strahlen der Sonne spielen ein wenig mit den Giebeln der Häuser und haben dann Schwierigkeiten, an den hohen Fassaden entlang bis in die schmale Straße zu fallen. An einem Ende dieser Straße sieht man die alles dominierenden Türme von St. Marien. Passanten eilen vorbei, und Adler grüßt in einem fort, lächelt, wechselt ein paar Worte. "Früher fand ich das furchtbar, dass jeder wusste, ich bin der Sohn vom Adler. Heute finde ich es nett."

 

Kirchen in Lübeck.
Natalie Kriwy
Dominieren die Stadt: die Kirchtürme von Lübeck.

Die Hüxstraße ist eine der alten Handwerkerstraßen von Lübeck. "Die schönste Einkaufsstraße Deutschlands", sagt Adler. Gerade mal 500 Meter lang ist sie, mit gut 100 Geschäften. Kleine Boutiquen, Goldschmieden, Restaurants, Cafés. Da gibt es einen Laden für skandinavische Einrichtungen und einen für alte schwedische Kronleuchter, ein Stübchen für Stoffe und Schleifen, Läden für Secondhand- und für Designermode made in Lübeck. Aber auch so Ungewöhnliches wie den Klokkenmaker Schmidt, ein altes Uhrmachergeschäft, in dem die Aufträge noch von Hand in ein Auftragsbuch eingetragen werden, oder die Buchdruckerei Maren Buchwald, in der es aussieht, als wären die Jahrhunderte nicht vergangen.

Das alte Kopfsteinpflaster, das schon seit Jahrhunderten in der Hüxstraße liegt, wurde in vielen anderen Straßen durch neue Steine ersetzt, die man in Lübeck verächtlich Chinesengranit nennt. Steine, die zu glatt, zu hell sind, nicht recht passen wollen zur Architektur. In der Hüxstraße haben die Bewohner dafür gekämpft, dass nichts verfremdet wird. Das gilt auch für die Häuser. Große Bürgerhäuser sind das, in denen sich in der Hansezeit im Erdgeschoss bisweilen das Lager befand und in den oberen Stockwerken die Wohnungen. In vielen Geschäften wie dem Galleria in der Hüxstraße ist genau dieser Grundriss noch sichtbar und für Touristen begehbar. "Das finden Sie nur in Lübeck, so eine Architektur", sagt Petra Beutin-Stemmler vom Galleria und zeigt stolz ihr Haus aus dem 14. Jahrhundert. Als Beutin-Stemmler das Geschäft für Stoffe und Wohnaccessoires eröffnete, war die Hüxstraße noch alles andere als chic. "Heruntergekommene Häuser, zum Teil besetzt, so fing es hier an. Aber jetzt hat man hier erlebbare Geschichte und modernes Design, das ist einmalig."

 

Das Rathaus von Lübeck.
Horst & Daniel Zielske
Mehr als 300 Jahre wurde am Rathaus von Lübeck gebaut.

Lübeck ist stolz, zwei Literaturhäuser, das Grass- und das Buddenbrookhaus, in seiner Mitte zu haben. Beide ziehen jedes Jahr Tausende von Touristen an. Doch die Konkurrenz schläft nicht, auch nicht in der eigenen Mitte. In der Fleischhauerstraße wächst neue Literatur heran. In einem prachtvollen Haus, in dem im Jahr 1310 ein Knochenhauer wohnte, einer der Schlachter, die der Straße ihren Namen gaben, ist das Kinderliteraturhaus Lübeck untergebracht. In den Räumen entstehen nicht nur Geschichten von und für Kinder, auch Slam-Poetry von Jugendlichen wird dort geschrieben und ein jährliches Bücherfestival geplant. Eine großzügige Stifterin überließ das Haus den jungen Lesern und Literaten. "Mäzenatentum hat in der Stadt noch große Tradition", sagt der Leiter Martin Gries, und es klingt durchaus dankbar.

Wer Lübeck kennt, braucht kein Hamburg mehr

Unterhalb von St. Petri, wo keine Gottesdienste, aber kulturelle Veranstaltungen stattfinden, liegen die Häuser im Schatten der mächtigen Kirche. Kaum ein Sonnenstrahl fällt hier herein, und die Schritte auf dem Pflaster hallen laut. Ausgerechnet in diesem Viertel, nicht weit vom Dom, hat sich eine neue Lübecker Szene gebildet, haben Ateliers und Restaurants eröffnet. Hier sitzt Patricia Wieckowski in ihrem Atelier No1 , wo sie Silberschmuck und "Seemannsgarn"-Broschen herstellt. Die zierliche, junge Frau kommt aus Polen, aber die Hansestadt könnte keine bessere Fürsprecherin finden. Gemütlich, freundlich, hell, künstlerisch, all diese Adjektive fallen Wieckowski ein, wenn sie ihre Stadt beschreiben soll. Wer Lübeck kenne, sagt sie, der brauche kein Hamburg mehr. "Hier gibt es alles, aber eben im kleineren Format."

Von der Kleinen Petersgrube ab geht der Kolk, eine dieser schmalen, dunklen Gassen, durch die man wandert und sich fragt, ob dieses denn tatsächlich das 21. Jahrhundert sein kann. Jeden Moment erwartet man eine Pferdekutsche zu sehen, Damen mit Hüten und Schirmen, Herren mit Stock. Hier stößt man auf eine Rarität, die nicht hanseatisch ist, aber doch so typisch für das Spielerische, Puppenhafte, das Lübeck auch hat: ein Figurentheater und ein Museum für Theaterfiguren, untergeracht in 400 Jahre alten Kaufmannshäusern. Beide bieten nicht nur Zeitvertreib für Kinder, sondern sind eine Hommage an die Welt der Schausteller. Tausende von Puppen und Marionetten sind dichtgedrängt im Museum ausgestellt, alle gesammelt vom Lübecker Kameramann und Weltreisenden Fritz Fey, selbst Sohn eines Puppenspielers.

Hinter den himmelsstrebenden Türmen, den starken Mauern und den ausladenden Giebeln versteckt sich die Sonne in Lübeck früher als anderswo. In den Häusern sind die Lichter an, und wer still durch die Straßen streift, der kann in die Fenster der kleinen Häuser schauen. In Küchen wird gebrutzelt, an Schreibtischen gearbeitet, in Wohnzimmern auf der Geige geübt. Gemütliches, geborgenes Lübeck. Klüvers und Langers Rat befolgend, wäre es jetzt Zeit für eine Currywurst bei Lemmy.

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Autor:
Andrea Jeska