Los Angeles Zu Fuß durch L.A.

Du bist gut beraten, dir ein Paar solide Schuhe zu besorgen. Nicht zu dicke, denn es kann heiß werden. Eine feste Sohle sollten sie haben, denn du wirst meilenweit wandeln. Am Rande der Avenues, der Boulevards, vorbei an endlosen Häuserblöcken. Stell dich darauf ein, ungläubige Blicke zu ernten. Du wirst ziemlich allein sein. Denn du bist in Los Angeles unterwegs. Zu Fuß.

Fünfzigstöckig ragen die Wolkenkratzer von Downtown vor dir empor, die US Bank, das Union Bank Building, Stahlriesen mit Glasfronten. Unten auf dem Freeway 110 kriechen Autokolonnen, sechzehnspurig und "bumper to bumper", wie die Amerikaner sagen, Stoßstange an Stoßstange. Auf den kreuzenden Brücken: Zigtausende Compacts, Vans, Groß- und Kleinwagen schleichen mit ihren Automatikgetrieben zur Arbeit, irgendwo ins verschachtelte L.A. Kein Wunder, dass Michael Douglas im Film "Falling Down" in einem Stau in Los Angeles durchdrehte.

Unter den wenigen Geschäftsleuten, die ein paar Meter zu Fuß hetzen, kommt ein runder, rothaariger Mann auf dich zu. Wie weit es nach Hollywood sei, willst du wissen. "Nimm die Ausfahrt an der 101, halte dich acht Meilen westlich, dann über den Santa Monica Boulevard." Eine schnelle Antwort, knapp, präzise, amerikanisch. "Ich bin zu Fuß", sagst du. "Oh." Der Mann überlegt.

"Okay, warte, nimm die Metro, da ist irgendwo eine Station am Pershing Square, du müsstest wohl umsteigen, ich glaube, es gibt da oben Busse, irgendwo am …" "Kann ich nicht gehen?" "O Gott, nein! Du würdest zwei Tage brauchen." Dann bist du wieder allein. Und gehst los.Richtung Westen, wie einst die Pioniere.

Die Stadt der Engel ist nicht für dich gemacht. Du bist zu klein und zu langsam. Die Dimensionen schrumpfen dich zum belanglosen Partikel. Die ersehnte Infrastruktur für einen Fußgänger, kleine Shops, einladende Cafés, Bänke zum Ausruhen - nichts davon kommt in Sicht. Du siehst ja nicht mal einen Radfahrer. Nein, L.A. ist Autostadt. Bis zu 20 Millionen Vehikel fließen täglich durch die Metropole. Der Gigant ist um das Automobil herum entstanden, ist nach ihm konzipiert. Alles hier richtet sich nach dem Auto-Prinzip. Die Philosophie: Drive, don't walk.

Baue nicht in die Höhe, baue flach und weit

Es gibt Gründe dafür. Viele Städte an der US-Westküste sind erst nach der Erfindung des Autos gewachsen und entsprechend großräumig geplant. Zudem haben die Menschen durch die Erdbeben schnell gelernt: Vergiss New York - baue nicht in die Höhe, baue flach und weit. Das Resultat liegt vor dir. Endlos breitet sich die Stadt aus, spreizt sich platt bis zum Horizont, nur von vereinzelten Hochhäusern durchbrochen, die wie groteske Zyklopen aus dem Häusermeer staksen.

Neun Millionen Einwohner leben im L.A. County, auf einer Fläche vierzehnmal so groß wie Hamburg. Bis weit hoch ins San Fernando Valley quillt die Stadt, 40 Kilometer tief in den Osten, bis die Vorstädte El Monte, West Covina, Pomona nahtlos angrenzen. Und an den Stränden von Santa Monica und Venice greifen die riesigen Stege wie Klauen in den Pazifik, als würde Los Angeles am liebsten noch ins Meer hinaus wachsen.

Sechs Stunden bist du nun unterwegs. Dein Hemd ist nass, deine Füße qualmen. Die Auswüchse der Automobilherrschaft sind überall. Car-Washs, Reifendienste, Auspuff-Quick-Stops oder die obligatorischen Smog-Checks. An jeder zweiten Ecke steht eine Garage, wo ölverschmierte Mexikaner in große Motorhauben abtauchen. Jede nur erdenkliche Serviceleistung rund ums Auto - die Stadt ist gespickt damit. Und ständig fliegen dir Helikopter über den Kopf.

Viele sind mit Kameras bestückt. Stau-TV, Verkehrsnachrichten live aus dem Himmel über den Highways. Henry David Thoreau, der romantische amerikanische Dichter, schrieb Mitte des 19. Jahrhunderts in seinem Buch "Walking" über den heiligen Akt des schlichten Gehens. Darüber, dass man die wahre Welt nur per pedes entdeckt. Der gute Thoreau. Würde man ihn heute auf den Straßen von L.A. aussetzen, er würde verstummen. 60 Meter breite Teerpisten durchkämmen die Stadt, vierstöckig verknotet, mit eigens eingerichteten Doppelspuren für schnelle "Car-Pools", die nur Autos benutzen dürfen, in denen mindestens zwei Menschen sitzen. So soll die Zahl der vielen Einzelfahrer reduziert werden, und 270 Dollar Strafe muss zahlen, wer die "Fast Lanes" allein entlangbraust.

Die Facetten der Stadt

Langsam driftest du durch den Riesen, Stunde um Stunde, und siehst immer mehr Details, bekommst ein Gespür für die Facetten dieser Stadt. Thoreau hat Recht behalten. Im Viertel Silver Lake entdeckst du plötzlich doch kleine Läden und Cafés. Du darfst dich setzen, einen Salat essen. L.A. schnurrt dir Gemütlichkeit zu. Holzhäuser schmiegen sich in die Hügel, Nachbarn schwatzen, Katzen streunen, langhalsige Palmen stehen im Abendrot. Es herrscht kleinstädtische Stille mitten im Moloch.

Vom kreischbunten Sunset Boulevard, wo abends vor den In-Clubs Schlangen stehen, treibst du weiter ins reiche Beverly Hills, wo die Stars in abgeschiedenen Villen residieren, als wollten sie mit dem wuselnden L.A. nichts zu tun haben. Später erreichst du den Walk of Fame am neongrellen Hollywood Boulevard, wo zig Weltstars ihre Hand- und Fußabdrücke auf dem Bürgersteig hinterlassen haben. Und wenn du durchhältst, gelangst du irgendwann zum Rodeo Drive, jener marmorglatten Mode-Meile, wo die teuersten Schuhe, die du siehst, 5400 Dollar kosten und wo schon "Pretty Woman" shoppte.

Inzwischen sind drei Tage vergangen, aber du ackerst dich weiter durch. Ecke La Brea und Willoughby Street triffst du Nadja, Kapuze auf, und Billy, mit blaugrün aufgestelltem Irokesenkamm. Die beiden Skateboard-Punks hocken vor einem 99-Cent-Supermarkt auf dem Pflaster und blättern im L.A. Weekly. Sie suchen einen Rockladen für den Abend. Und rollen mit den Skateboards durch diese Stadt! Zwei Hasardeure, denkst du. Bis Joe auf dich zukommt. Joe kam mit sechs Jahren aus Knoxville, Tennessee, nach L.A., weil sein Vater DJ werden wollte. Joe fragt nach einer Zigarette, sein Arm ist gebrochen, er hat einen weißen Bart, und Joe, 54, wird dein Idol werden, was das beharrliche, ausdauernde Gehen betrifft. Denn Joe ist quasi als Profi auf Achse. Er kann nicht anders.

Joe Carrenden, Ex-Immobilienhöker, Diabetes, 20 Jahre heroinsüchtig, ist als Penner in Los Angeles gestrandet. Joe weiß, was es heißt, hier ohne Zuhause, ohne Auto zu überleben. "Das schlimmste sind die Toiletten, es gibt nämlich keine öffentlichen. Du musst erst in ein Restaurant gehen und etwas kaufen. Wenn du Geld hast." Dafür kennt Joe die Stadt gut. Er erzählt von der Gegend um die L.A. Mission, einem für 1700 Insassen gebauten Gefängnis, in dem sich längst über 3000 Kriminelle drängeln. Joe spricht von den Cracksüchtigen unten an der St. Julian Street, wo sie wie Vogelscheuchen zwischen Einkaufswagen und Plastikplanen vegetieren. Da, sagt Joe, solltest du lieber nicht hingehen.

Die Schriftzüge der Shops müssen auffallen, durch schiere Größe

"Wie stellst du dir dein Leben hier weiter vor?", fragst du ihn. "Was soll sein?" - Joe Carrenden lacht. "Ich werde auf der Straße leben und eines Tages werde ich auf der Straße sterben." Du läufst immer weiter, auf Straßen, die sich linealgerade bis zum anderen Ende der Stadt ziehen. Eines vor allem wirst du als pedestrian hier nie vergesssen. Was im Auto schnell an dir vorbeiziehen würde, als bunte Randerscheinung, glotzt dich beim Fußmarsch unentwegt an: die Reklame. Du bist umzingelt von Werbebotschaften.

Die Plakate und Billboards sind riesenhaft. Seit einer Stunde guckt dich eine tanzende Frau an, die den neuen iPod hält. Sie ist so gigantisch auf eine Hausfront gepinselt, dass du sie schon aus zehn Kilometern Entfernung sehen kannst. Die Schriftzüge der Shops, die Slogans der Burger-Ketten: Sie müssen auffallen, durch schiere Größe. In L.A. ein Geschäft gründen, das ohne ein himmelstrebendes Schild auskommt? Unmöglich. Aber es gibt noch andere Tricks. Am La Cienega Boulevard siehst du Enrique, 32, aus La Merída, Mexiko.

Sechs Tage die Woche, sieben Stunden am Stück, schwenkt er ein Schild am Straßenrand auf und ab, als sei er ein großes Batteriemännchen. Für den Mindeststundenlohn von fünf Dollar soll er die Autos anlocken, damit sich die Fahrer aus einem roten Haus eine Doppel-Salami-Extra-Käse-Pizza für zwei Dollar 95 abholen. Enrique, ein lebendes Plakat. Und doch sticht er kaum heraus. Allein über den berüchtigten Sunset Boulevard strömen täglich 60 000 Chryslers und Konsorten.

"Autofahren ist eine Ur-Erfahrung von Los Angeles", schreibt die Journalistin Jamie Wolf im Los Angeles Magazine. Die Autokultur habe hier sogar die Art und Weise beeinflusst, wie die Menschen die Welt sehen. Fragmentarisch und abgehackt rase die Realität an ihnen vorbei. Eine Realität, in der das Kleine ertrinkt. Irgendwann wirst du großen Hunger bekommen. Du gehst in "Mel's Drive in" am Sunset und bestellst einen Cheeseburger. Du siehst James Dean, Elvis, Frank Sinatra. Schwarzweißfotos schmücken das Lokal, dessen Filiale schon im Filmklassiker "American Graffiti" eine Hauptrolle spielte. Darin stoppten die Kids der sechziger Jahre bei "Mel's" und ließen sich ihre Milkshakes von Blondinen auf Rollschuhen an den offenen Fenstern ihrer Pink Cadillacs servieren.

Regisseur George Lucas setzte dem amerikanischen Automobilwahn schon 1973 ein filmisches Denkmal. Knutschen, cruisen, essen: kaum eine Szene im Film, die nicht im Auto spielt. Am Abend wird es kühl in Los Angeles, vor allem in den Santa Monica Mountains. Ganz allein, unter schwarzer Nacht, spazierst du auf dem Mulholland Drive oben in den Bergen. Du kannst von hier oben auf die Stadt herabblicken, in perfektem Winkel, L.A. in Großformat. Im Norden das Valley, im Süden Central City. Rundherum ein Ozean aus gelbem Licht. Du hältst probeweise den Daumen raus. Aber natürlich nimmt dich hier keiner mit. Kein Auto, das stoppt. Du könntest gefährlich sein, ein Serienmörder. Dabei bist du doch nur ein kleiner Fußgänger im großen Amerika.

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Autor:
Marc Bielefeld