Los Angeles Street Artist machte Obama "Hope"

Jeder kennt dieses Bild: Barack Obama, den Kopf leicht schief gelegt, ein Schatten auf der linken Hälfte seines Gesichts, unten in Blockbuchstaben das Wort HOPE, "Hoffnung". Es wurde zum Schlüsselmotiv von Obamas Kampagne und stammt doch aus keinem seiner Wahlkampfbüros.

Im Frühjahr 2008 tauchte es plötzlich in den Straßen von L.A. auf. HOPE war unvermittelt überall, rüde an Telefonkästen, Fassaden und Bauzäune gekleistert. HOPE lag in der Luft, und das Plakat sprach zu denen, die es sehen konnten, mit Stolz und einem aufmüpfigen Unterton, mal leise, mal laut. Wäre die Sache wie gewöhnlich gelaufen, dann wäre ein, zwei Tage später ein Reinigungstrupp vorbeigekommen, hätte die Bilder übermalt und verschwinden lassen.

Stattdessen ist das Motiv zum Symbol geworden, wurde von Obamas Wahlkampfstrategen dankbar benutzt, ging via Internet um die Welt - und hängt jetzt in der Nationalen Porträtgalerie. Es ist eine dieser Geschichten, die so wunderbar in die Anekdotensammlung des American Dream passen: ein scheinbar achtlos hingekleistertes Plakat schafft es in eines der ehrwürdigsten Museen der USA, der Street Artist wird zum Millionär.

Tatsächlich ist Shepard Fairey reich und berühmt. Die Galerien reißen sich um seine Arbeiten, Stars klopfen ihm auf die Schulter. Fairey hat Street Art - fast unfreiwillig - gesellschaftsfähig gemacht. Dabei ist Fairey, 39 Jahre alt, kurze Haare, eloquent und selbstbewusst, nicht der Tellerwäscher, den sein Glück überrumpelt. Er arbeitet schon lange auf der Straße, genießt es, in der Grauzone zwischen Legalität und Vandalismus seine persönliche Propaganda zu organisieren.

Er sagt das tatsächlich so: "Propaganda". Das Wort sei ihm viel zu negativ besetzt, erklärt er, für ihn hat der Begriff etwas Positives: die Methode, für seine eigenen Vorstellungen und Ideen einzustehen, "das, wofür es sich zu leben lohnt". Das Obama-Plakat war der brennende Papierkorb auf der Straße, der sich von L.A. aus zu einem Flächenbrand ausbreitete, aber es war nicht das erste und einzige Feuer, das Fairey gelegt hat. Legendär ist mittlerweile seine "Obey Giant"-Kampagne: In den 1990ern tauchte die stilisierte stoische Fratze des Wrestlers André the Giant in Los Angeles auf, darunter der Befehl OBEY, "Gehorche".

Die Angelenos standen damals ratlos vor diesen Postern, Stickern und gesprühten Schablonen in ihrer Stadt. In ihren Gesichtern stand die Frage: "Was soll das?" Wer nachdachte, fand eine ernsthafte Anregung, seine gewöhnlichen Sehweisen zu überdenken. "Warum soll ich gehorchen - und wem?" Mit der inhaltslosen Ikone des Wrestlers entlarvte Fairey die entmündigende Mechanik und Macht der visuellen Medien. Für ihn eine kalkulierte Übung in Propaganda, Massenkommunikation und Medienhörigkeit. OBEY wurde zum Warenzeichen ohne Produkt, eine umgekehrte Markenbildung.

Mittlerweile werden unter dieser Marke, Faireys Marke, erfolgreich Kleidung, Skateboards, Drucke, Designerspielzeug und Lifestyle-Accessoires verkauft. Fairey organisiert neben seinen komplett ausverkauften Ausstellungen noch ein Modelabel, seine eigene Galerie, sein gefragtes Designstudio, sein Magazin Swindle und seine DJ-Karriere.

Street Art verlangt vom Betrachter zuerst einmal nicht viel: kein Hintergrundwissen, keine geschultes Auge. Nur eines ist wichtig: Aufmerksamkeit. Die Bilder, Zeichen, Aktionen der Street-Art-Protagonisten sind die Ausnahmen von der Regel, quasi der subversive Schluckauf einer Metropole, die von der einheitlichen Dichte der plakativen Mitteilungen lebt und darauf angewiesen ist, dass der Betrachter diese unreflektiert aufnimmt.

Mit Straßenkunst im herkömmlichen Sinn, mit Leierkastenmann, Kreidemaler oder dem Pantomimen in der Fußgängerzone, hat Street Art nur gemein, dass sie im öffentlichen Raum stattfindet. Viele Künstler lehnen den Begriff ab, sie haben ihre eigenen Namen für ihr Genre: "Guerilla Art", "Urban Art" beschreiben alle denselben Elefanten von verschiedenen Seiten.

Kunst oder Vandalismus? Ansichtssache.

Für die Kritiker ist Street Art eine gewissenlose Zumutung ohne Gestaltungswillen, sprich Schmiererei. Die Akteure selbst sehen in ihrer Kunst ein selbstloses Geschenk an die Stadt. Sie arbeiten zunächst ohne Mandat und Kommission, angespornt von der Dringlichkeit ihrer Ideen, dem Verlangen, ein Lebensgefühl zu artikulieren, und nicht selten einer gehörigen Portion Geltungssucht. Sie bewegen sich immer am Limit dessen, was das Gesetz erlaubt.

Es wäre zu einfach, die Auseinandersetzung mit Street Art auf die eine Frage zu reduzieren: Ist das Kunst oder Vandalismus? Beides koexistiert: Genauso könnte man ein Orchester mit einer Punkband vergleichen und den Genuss eines perfekt dargebotenen Meisterwerks der unveräußerlichen Authentizität einer leidenschaftlich gejohlten Hymne gegenüberstellen. Graffiti etwa wird von Kritikern und den Stadtbildpflegern oft als sinnloser Ausdruck einer querulanten Subkultur kriminalisiert, für viele Street- Art-Künstler und -Liebhaber ist es die Mutter der Zunft.

Gerade in Los Angeles hat Graffiti eine lange bewegte Tradition, die Szene ist schillernd und äußerst lebendig. Vieles, was Street Art ausmacht, ist eine Konsequenz des Vorgehens gegen sie. Alles muss schnell gehen, aber das Werk will auch prominent platziert sein. Vorgefertigte Poster oder ausgeschnittenes Papier werden an Zäune, Schaltkästen, Wände und Türen gekleistert, Schablonen, oft in mehreren Lagen, werden hastig gesprüht, Sticker flächendeckend im Vorbeigehen geklebt.

Der Künstler möchte seine Arbeit so prominent und dauerhaft wie möglich anbringen, die Stadtverwaltung will genau das Gegenteil: weg damit, so schnell wie möglich. Und so sehr Street Artists in Los Angeles die Zwischenräume und das Niemandsland suchen, den Anstrengungen der Stadtverwaltung und ihrer Auftragnehmer, die mit Farbroller oder Sprühpistole alles in uniformem Beige oder Grau übertünchen, entkommen nur die unzugänglichsten Arbeiten - oder die legalen.

Das Office of Community Beautification (OCB) der Stadt Los Angeles entfernte zwischen Juli 2007 und Juni 2008 knapp drei Millionen Quadratmeter Graffiti, wobei das OCB kategorisch alles zu Graffiti erklärt, was nicht ins inszenierte Stadtbild gehört, also sämtliche Spielarten der Street Art. Die Zahlen sind imposant, L.A. ist eines der wichtigsten Zentren der Street Art. Und dennoch fällt sie einem in dieser Stadt nicht ins Auge, denn die Werke sind weit verstreut. Es braucht Zeit und die Lust am Aufspüren.

Wer beides aufbringt, wird mit immer neuen Entdeckungen belohnt. Selbst dem nur beiläufig interessierten Touristen fallen irgendwann die zerrissenen Poster, die kryptischen Markierungen auf, die wie Gaunerzinken an Telefonkästen oder Ampeln prangen. Street Art ist allgegenwärtig, aber nicht zu fassen. Ihre Gegensätze machen diese Disziplin so spannend: Diejenigen, die sie nicht haben wollen, können sie nicht loswerden, und die, die sie haben wollen, bekommen sie nicht. Street Art ist flüchtig, das macht sie kostbar.

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Autor:
Stefan Kloo