Los Angeles L.A. will große Kunst

Um zu verstehen,warum 2008 ausgerechnet Los Angeles das spektakuläre Museum für zeitgenössische Kunst, das "Broad Contemporary Art Museum", bekommen hat, müssen wir an die Ostküste schauen. Denn wie so häufig in der amerikanischen Geschichte ist die Rivalität zwischen Ost und West, namentlich zwischen New York und Los Angeles, Auslöser für große Geschichten, großes Geld und - in diesem Fall - große Kunst.

60 Millionen Dollar seines Vermögens war das Museum dem Selfmademan Eli Broad wert. 60 Millionen, um Los Angeles zu einer seriösen Kunstmetropole zu machen, abseits der Unterhaltungsindustrie und des Glamours von Hollywood. 60 Millionen, um New York und seiner bornierten Kunstszene eins auszuwischen. Schauen wir also nach New York, wo sich Eli Broads jüdische Eltern, aus Litauen eingewandert, in den zwanziger Jahren kennenlernten: If you can make it here, you make it anywhere, mögen sie sich gedacht haben.

Aber die Broads "machten" es hier nicht. Eingewandert, aber nie angekommen, schmeckte ihr Stück vom Big Apple alles andere als süß, sauer verdient waren die wenigen Dollar, die Broads Vater mit Gelegenheitsarbeiten nach Hause brachte. New York zeigte den Broads die kalte Schulter. Das Ehepaar blieb im Osten, zog aber weiter nach Detroit, wo es mit einem Krämerladen zu bescheidenem Wohlstand kam. Hier in Detroit, Michigan, wo einst das dunkle Herz der amerikanischen Industrie schlug, wurde Eli Broad 1933 geboren.

Kunst und Detroit, das passt ungefähr so gut zusammen wie Cecilia Bartoli als Sängerin von "Metallica". Und doch wurde aus Eli Broad nicht nur einer der reichsten Männer der Welt, sondern auch einer der größten Kunstsammler und Mäzene unserer Zeit. Sein Privatvermögen wird auf vier bis sechs Milliarden Dollar geschätzt, angehäuft hat Broad es hauptsächlich mit Bau, Immobilien und Versicherungen. New York hat er nie verziehen. Wie die meisten der rund 200 amerikanischen Milliardäre zog es ihn nach Kalifornien.

Für Kunst begann er sich vor rund vier Jahrzehnten zu interessieren, Ehefrau Edythe soll diese Leidenschaft in dem als grantig und herrschsüchtig geltenden Tycoon geweckt haben, als sie in den Sechzigern ein Originalplakat von Henri de Toulouse-Lautrec erwarb. Seinen ersten Vincent van Gogh kaufte Broad dann 1972, von dem er sich schnell wieder trennte, als er die zeitgenössischen Künstler für sich entdeckte: Andy Warhol, Jeff Koons, Robert Rauschenberg und Jasper Johns, Künstler, die in New York ausgestellt und gefeiert wurden, dort auch oft ihre künstlerische "Homebase" hatten.

Broad kaufte ihre Werke wie kleine Kinder Panini-Sammelbilder. Er sitzt im Vorstand des MoMA, und die Fachzeitschrift ARTNews zählt ihn zu den zehn größten art collectors der Welt. Und nicht nur das: Broad begann das als kulturell gegenüber der Ostküste minderwertig geltende Kalifornien mit Großprojekten aufzurüsten. Hier 18 Millionen Dollar für den Bau der "Walt Disney Concert Hall", dort über 20 Millionen für das "Broad Arts Center" der University of California in Los Angeles. Dazu kommt seine "Broad Art Foundation", die die rund 1500 Werke seiner Sammlung weltweit an Museen und Galerien verleiht. Und schließlich besagte 60 Millionen für den Umbau des Los Angeles County Museum of Art (LACMA), das sein neues Gebäude nach dem Spender benannt hat: Broad Contemporary Art Museum at LACMA.

Dessen Eröffnung im Februar 2008 sei das Kunstereignis des Millenniums gewesen, befand Glenn O'Brien, damals Chefredakteur des von Andy Warhol gegründeten Magazins Interview, und fragte: "Ist L.A. das neue New York?" Hollywood und die Kunst haben schon immer miteinander geflirtet. Doch während an der Ostküste der Abstrakte Expressionismus und Pop Art geboren wurden, die Museen ihre Sammlungen ausbauten und der Kunsthandel in New York immer mehr florierte, genoss die Künstlergemeinde an der Westküste den Lifestyle des sonnigen Kalifornien.

Der Brite David Hockney malte hier seine Bilderserie, die das Symbol des dekadenten easy living, die Swimmingpools von Los Angeles, zum Thema hatte. Künstler wie James Turrell ließen sich vom wolkenlosen Himmel und von den Farben des Pazifik inspirieren. Der in L.A. lebende Ed Ruscha, der 1956 als junger Mann in seinem Ford aus Oklahoma angereist kam, fotografierte Mitte der sechziger Jahre jedes Gebäude am Sunset Strip. Ein paar Jahre später knöpfte er sich das berühmte Hollywood-Zeichen vor. Um schließlich auf einem Bild festzustellen: Hollywood Is A Verb. Keine Stadt also, sondern eine Handlung.

"In L.A. bist du nur so groß wie der Wert deiner Sammlung"

Und gehandelt hat Eli Broad. Sein Museumsneubau wurde vom Star-Architekten Renzo Piano entworfen und mit Museumsdirektor Michael Govan und seiner Frau Katherine Ross wurde das perfekte Paar für die L.A.-Mission verpflichtet: Die beiden sehen selbst aus wie Kinostars und verbreiten den Glamour, der in einer Filmstadt nun mal notwendig ist, um Kultur schmackhaft zu machen. Auch Govan ist ein "Beutestück". 2006 zog er aus New York für seinen neuen Posten nach Los Angeles. "Los Angeles ist eine junge Stadt", sagt er. Offener und damit experimenteller als an anderen Orten der USA gehe es an der Westküste zu.

Deshalb können sich hier die bad boys des Kunstbetriebs wie Paul McCarthy, Mike Kelly oder Tim Hawkinson mit ihren grotesken, ironischen, gern auch bitterbösen Werken austoben. Manche Kritiker von der Ostküste nehmen das LACMA als Konkurrenz noch immer nicht ernst, sehen es eher als Trophäensammlung denn als hochkarätiges Museum für zeitgenössische Kunst. Dagegen ist für Michael Govan das Ziel klar: Dem LACMA als historischem Museum soll das Meisterstück gelingen, am Puls der Zeit zu sein und der zeitgenössischen Kunst eine führende Rolle einzuräumen.

Um das zu erreichen, soll die Institution in drei Phasen umgerüstet werden. Den LACMA-Campus mit seinen verstreuten Gebäuden, den Renzo Piano vorfand, bevor er ihn mit dem 56 Millionen Dollar teuren Neubau bereicherte, beschrieb der Architekt allerdings als Schlamassel. "Es ist sehr frustrierend, inmitten von schlechten Rockkonzerten ein gutes Stück mit einem Streichquartett zu spielen", warnte Piano seinen Auftraggeber. Das Ergebnis seiner Arbeit sind Travertinkästen, die mit roten Zugängen versehen sind.

Das Aufregendste an Pianos Museum, mit dem das LACMA aus dem Schatten des reichen, aus dem Nachlass von Öl-Milliardär Jean Paul Getty finanzierten Getty Center und dem Museum of Contemporary Art (MOCA) katapultiert werden soll, ist das Zackendach. Sonnenblenden lassen das malerische kalifornische Licht einfallen. Mit dem schmucklosen Museum wird ganz offensichtlich die Kunst und nicht die Architektur gefeiert. Viele gezeigte Werke stammen aus der Sammlung des großzügigen Leihgebers Eli Broad. Das nächste Gebäude, ebenfalls von Piano, ist in Planung. Michael Govan hat alle Hände voll zu tun, Spendengelder dafür einzusammeln. Was kein Spaß ist, weil die Dollars auch bei den Kunstliebhabern nicht mehr so locker sitzen wie einst.

Die Museumswelt leidet darunter, der Künstlergemeinde von Los Angeles kommt die Krise zugute. "New York können sich viele Künstler nicht mehr leisten, also ziehen sie hierher", erzählt Dennis Hopper. Der inzwischen 73-jährige Hopper macht neben seiner Arbeit als Schauspieler und Regisseur von Meisterwerken wie "Easy Rider" und "Colors - Farben der Gewalt" seit jungen Jahren Kunst und wird von wichtigen Galeristen vertreten. "Los Angeles, das sind für mich Palmen, Himmel und Billboards", sagt Dennis Hopper, der die Fotos, die er in den sechziger Jahren schoss, heute auf riesige Leinwände malen lässt.

Filme allein reichen ihm nicht mehr, er will auf dieser Welt etwas mit Substanz hinterlassen. Die Filmbranche hat schon immer die Nähe zur bildenden Kunst gesucht. Sei es als Inspiration oder um Ausgleich zu der oberflächlichen Movie-Industrie zu finden. Obendrein verspricht die Kunst alles, woran man in Hollywood glaubt: an den Status und den Eintritt in eine exklusive Welt. Hollywood-Stars, die "in Kunst machen" sind zahlreich, Jane Fonda, Pierce Brosnan, Sylvester Stallone, David Lynch, Jack Nicholson, Brad Pitt, und Steve Martin, die Liste ist lang.

"In L.A. bist du nur so groß wie der Wert deiner Sammlung", titelte die britische Tageszeitung Independent. Da ist viel Wahres dran, der Milliardär Eli Broad hat es geschafft, Mitstreiter in seinem Kampf gegen die etablierte Kunstszene von der Ostküste zu finden. Mehr als 200 Galerien und Kunstberater gibt es heute in Los Angeles und Umgebung. Während Filme für Geld und Business stehen, soll die Kunst, mit der man seine Villa schmückt, Ernst und Kreativität in ein Leben voller Actionstreifen oder Klamauk-Komödien bringen.

Los Angeles sei eine von Unsicherheit getriebene Stadt, analysierte der frühere Direktor des Museum of Contemporary Art Richard Koshalek einmal. Es gebe hier ein ungewöhnlich großes Verlangen, sich durch seine Sammlung auszudrücken. Wenn dem so ist, hat Eli Broad auch bei jenem Kunstwerk, das an seiner Privatadresse zu finden ist, die für ihn passende Aussage gefunden. Es ist eine 60 Tonnen schwere Skulptur von Richard Serra. Sie steht vor seinem Haus in Brentwood und trägt den Namen "No problem".

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Autor:
Karoline Riese