Los Angeles Hausbesuch bei Roland Emmerich

Der Weg zur "Casa Emmerich" führt über üppig bepflanzte Hügel. 1,7 Hektar groß ist das Grundstück. Think Big. Viel Platz für weltvernichtende Phantasien. Aus dem Runyon Canyon nebenan weht Hundbellen herüber. Der Dog Park ist beliebt bei den Stars, die in der Gegend wohnen, weil Hunde hier leinenlos laufen dürfen, während Personal Trainer ihre Herrchen über den Hügel treiben.

Ohne die vielen nachträglich auf dem Grundstück verteilten Palmen hätte der Hausherr einen cinemaskopischen Ausblick auf West Hollywood und Los Angeles. Links unten schimmert in der Morgensonne ein Pool, im kreisförmigen Vorhof der Villa plätschert ein römischer Springbrunnen. Mild lächelnde Buddhas grüßen auf den Stufen, die zum Eingang der zweistöckigen Villa führen. Von außen wirkt das Wohnhaus typisch Old Hollywood, ein Stil-Mischmasch aus Maurisch, Mediterran und einer Spur English Tudor.

"Roland ist noch beim Sport", sagt Matt, Roland Emmerichs Mädchen für alles. Wie jeden Morgen, von neun bis zehn, da ist er eisern. Ob wir uns eine Stunde die Zeit vertreiben mögen, aber ja, schauen Sie sich ruhig um, da drüben ist die Küche, hier die Bibliothek, oben das Arbeitszimmer, die Gästezimmer, nur zu. Auch eine Art, sich ohne Worte vorzustellen.

Ließe Roland Emmerich allein sein Haus für sich sprechen, niemand käme auf die Idee, dass hier der "Master Of Disaster" wohnt, der gerade am letzten Schliff seines neuesten gewaltigen Weltuntergangswerks "2012" sitzt. In den hohen, offenen Räumen seiner schönen Villa in den Hügeln über der Stadt herrscht nämlich die Ruhe eines Resorts. Es riecht heimelig nach Zimtschnecke. Backt wer? Nein, Duftkerzen. Im Flur flankieren zwei antike Rollstühle einen schmalen Tisch, auf dem ein Mini- Space-Age-Fernseher wie ein Kunstobjekt ausgestellt ist. Der Fernseher für den Gebrauch ist natürlich Flatscreen, aber sehr diskret in der Ecke des Wohnzimmers platziert. Daneben ein Stuhl, aus Schusswaffen geschmiedet.

Alle Räume gehen offen ineinander über, es ist ein Haus für Gäste und Gespräche, jedes Einrichtungsdetail regt zum Reden an. Neben dem Kamin blickt ein Hund auf Stelzen auf ein hüfthohes Modell der Freiheitsstatue hinab, ein Requisit aus "Independence Day". In der Ecke, beinahe verschämt, eine Vitrine mit Auszeichnungen. Auch ein "Umwelt-Medienpreis " für den Klimakatastrophenfilm "The Day After Tomorrow".

Oben im Arbeitszimmer, das Emmerich nie benutzt, liegen die Filmklappen aus 20 Jahren Hollywood. "Godzilla". "Der Patriot". "Universal Soldier". Wüsste man nichts über den Bewohner, man könnte ihn auch für einen Galeristen mit einem Faible für Propagandakunst halten. Überall Mao-Büsten und Figürchen. Der Hausherr hat Humor. Auf dem Telefontisch ein dicker Schinken mit dem Titel "Roland's Little Black Book". Im Gewürzregal chinesische Porzellanfässchen mit "Opio", "Cogaina" und "Marihuana".

Die Küche ist das Reich von Digna, einer mütterlichen Latina aus Honduras. Wir haben oft Gäste, sagt Digna, manchmal lädt Mister Emmerich spontan zwanzig Leute zum Dinner ein. Sogar Hillary Clinton war schon hier, im Juni 2007, da überließ ihr Boss der "Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender"-Community sein Anwesen für eine Fundraiser-Party zugunsten der Präsidentschaftskandidatin. Der Gastgeber war nicht anwesend; dafür ließ sich seine Schwester Ute, Nachbarin, Vertraute und Partnerin in Emmerichs Produktionsfirma "Centropolis", mit Senatorin Clinton am Pool fotografieren.

"Er ist der netteste Boss, den man sich wünschen kann, schwärmt Digna, während sie Espresso bereitet. "Macchiato? Mit fettarmer oder Vollmilch?" Matt meldet: "Roland wird in zehn Minuten eintreffen", später komme noch ein Fernsehteam, das Roland Emmerich auf dem Weg ins Studio filmen werde. Und übermorgen müsse der Chef nach Japan, eine Pressekonferenz für "2012". Ja, ja, immer auf dem Sprung, so sei Rolands Leben, sagt Digna. Wir nehmen den Espresso in der Bibliothek. Auf dem Coffeetable prächtige Bildbände. "The Story of Hollywood ". "Julius Shulman - Modernism Rediscovered". Ganz oben drauf ein vielgelesenes Exemplar von Hermann Hesse, "Narcissus and Goldmund". Sieh an.

Erwischt. Der Hausherr steht unter der Tür. Frisch geduscht und trotz silberner Haarkappe in Jeans und weißem T-Shirt viel jünger wirkend als 53 Jahre. Belustigt über die Neugierigen in seinem Lesezimmer. Wo wir uns unterhalten wollen? Vielleicht im Zen-Garten hinter der Villa. Einfache Holzbänke mit marokkanischen Kissen, bewacht von zwei steinernen Kühen aus Indien. Genau die richtige Kulisse für ein Gespräch über den Geisteszustand, den sie Hollywood nennen.

Roland Emmerich im Interview

MERIAN: Herr Emmerich, Sie leben im Himmel über Hollywood, aber wollen nichts von da unten sehen. Ist das symptomatisch für Ihre Beziehung?

Emmerich: Das könnte man so sagen. Ich habe mir hier oben gezielt meine Insel geschaffen. Aber ich habe auch ganz bewusst dieses Haus gewählt, weil es die Urzelle von Hollywood war. Auf meinem Grundstück wurde 1914 der erste große Hollywoodfilm überhaupt gedreht: "The Squaw Man".

MERIAN: Was zog Sie hierher, fast hundert Jahre später?

Emmerich: Es war zunächst ein großer Zufall. Mein Partner Dean Devlin und ich hatten gerade einen Riesenerfolg mit "Independence Day" gelandet. Deans Stiefmutter ist Immobilienmaklerin, und sie fand, dass ich ein größeres Haus bräuchte. Etwas Repräsentativeres. Ich wohnte damals noch auf Senalda Drive, ganz oben in den Hollywood Hills, in einem von diesen Mainstream-Häusern. Das war sehr hübsch, ich sah eigentlich keinen zwingenden Grund, mich zu verändern. Aber ich hatte schon immer eine Schwäche für Old Hollywood. Deswegen sagte ich, okay, wenn es ein Objekt mit sehr viel Land und sehr viel Historie in der Gegend gibt, bin ich interessiert. Und dann ist zwei Jahre lang erst mal gar nichts passiert.

MERIAN: In der Zwischenzeit drehten Sie das Remake von "Godzilla".

Emmerich: Mitten während der Dreharbeiten in Downtown L.A. rief Deans Stiefmutter an: "Roland, I have found your house". Ich bin in der Mittagspause schnell hierher geflitzt und wusste schon auf dem Weg nach oben, dass ich es kaufen werde.

MERIAN: Warum?

Emmerich: Bauchgefühl. Dass hier der Geburtsort von Hollywood war, erfuhr ich erst später. Eine irre Geschichte. Der junge Cecil B. De Mille hatte damals mit Jesse Lasky und Sam Goldwyn eine Filmfirma gegründet und war mit seiner Crew nach Flagstaff in Arizona unterwegs, um einen Western zu drehen. Aber dort regnete es. Also fuhren sie mit dem Zug weiter und fragten an der Endstation in L.A. herum, wo in der Gegend es unverbautes Gelände gäbe. Und offensichtlich schickte sie irgendjemand nach Hollywood. Dort gab es alles, was sie suchten: einen Straßenbahnanschluss, unverbaute Landschaft. Sogar ein Hotel. Es gefiel ihnen so sehr, dass sie den gesamten Hügel kauften. Und dann drehten sie hier 200 Filme.

MERIAN: Hat das Haus eine Aura?

Emmerich: Ein bisschen schon. Jesse Lasky hat zehn Jahre lang darin gewohnt. Nicht, dass es spukt. Aber ich finde es einfach inspirierend zu wissen, dass ich auf dem Gelände der ersten Filmfarm Hollywoods lebe. Als unten im Tal immer mehr gebaut wurde, taugte das Land nicht mehr als Drehort und wurde peu à peu verkauft. Jesse Lasky sicherte sich 1919 das Grundstück, das mir heute gehört, und baute dieses Haus darauf. Nebenan wohnten Stummfilmstars, später dann Errol Flynn.

MERIAN: Ist Ihre Nachbarschaft immer noch so exklusiv?

Emmerich: Sheryl Crow wohnt auf der anderen Seite des Runyon Canyon. Meine unmittelbare Nachbarin ist Helen Mirren. Deswegen sage ich immer, wenn man mich fragt, wo ich denn in Hollywood wohne: "Right next to the Queen". Helen hat sich totgelacht, als ich ihr das neulich auf einer Party erzählte. Seitdem grüßt sie immer hoheitsvoll aus dem Autofenster, wenn wir aneinander vorbeifahren.

MERIAN: Man sieht Ihrem Haus an, dass Sie mal Filmausstatter werden wollten.

Emmerich: (lacht) Ich habe es völlig umgebaut. Nur die Grundstruktur blieb erhalten. Die letzten Renovierungen stammten aus den 1970er Jahren, das war furchtbar. Ich fügte Terrassen hinzu, vergrößerte Fenster… Kunst am Bau ist ein Hobby von mir.

MERIAN: Die Innendekoration ist auch filmreif. Allein dieser waffenscheinpflichtige Stuhl. War der mal Requisite?

Emmerich: Nein, ein Souvenir aus Mosambik. Ich war dort kurz nach dem Ende des Bürgerkrieges, und irgendwie landete ich in einem verfallenen Haus in Maputo, in dem verschiedene Künstler arbeiteten. Einer davon baute tatsächlich Stühle aus Gewehren. Ich dachte nur: Wow! So einen muss ich haben. Natürlich hing das Ding vier Monate im amerikanischen Zoll.

MERIAN: Was steckt hinter Ihrer beeindruckenden Mao-Sammlung?

Emmerich: Gute Frage. Mao war ja ein Massenmörder. Eigentlich der erste Taliban. Ich bin einfach fasziniert von Propaganda- Kunst. In meinem Haus in London sind die Wände voll davon.

MERIAN: Könnte man einen Bogen schlagen von Ihrer Faszination für Kunst, die unter Diktaturen entstand, bis hin zu den Endzeit-Szenarien, die Sie in Ihren Filmen entwerfen?

Emmerich: Wenn man mich fragt, woher meine Zerstörungswut kommt, sage ich gern: aus meiner Kindheit. Mein älterer Bruder Andy machte immer mein Spielzeug kaputt, das kompensiere ich bis heute.

MERIAN: Ernsthaft?

Emmerich: Natürlich nicht. Ich habe mich vielleicht dadurch, dass meine Filme, besonders "Independence Day", so erfolgreich waren, selbst zu einem Gefangenen dieses Genres gemacht. Aber ich möchte hiermit öffentlich verkünden, dass "2012" mein letztes Disaster-Movie ist. Es ist die Mutter aller Zerstörungsfilme, mit Effekten, wie man sie noch nie gesehen hat. Ich wüsste wirklich nicht, was ich danach noch zerstören sollte.

MERIAN: Welches Bild hatten Sie beim Entwickeln von "2012" zuerst im Kopf?

Emmerich: Eine Tsunamiwelle, die den Himalaya überschwemmt. (lacht) Die ursprüngliche Idee war ja, eine Art moderne Arche-Noah-Geschichte zu erzählen.

MERIAN: Wie kommen Sie auf solche Ideen?

Emmerich: "2012" spannen mein Co-Autor Harald Kloser und ich beim Abendessen in London aus. Wie wäre es, wenn wir einen Film über eine große Flut machten? Der philosophische Überbau kam erst später dazu. Man muss das Ende der Welt ja plausibel machen. Streng genommen bedeutet das Jahr 2012 im Maya-Kalender nur das Ende einer Ära. Aber viele Menschen deuten das als Apokalypse. Googeln Sie mal 2012, Sie werden staunen, was sie alles zutage fördern. Das ist natürlich auch gute PR für den Film.

MERIAN: Wo haben Sie das Drehbuch für "2012" geschrieben?

Emmerich: In einer wunderschönen Villa auf Phuket. Gedreht haben wir in Kanada.

MERIAN: So viel zum Hollywoodfilm.

Emmerich: Hollywood ist wirklich nur noch der Ort, an dem man Deals macht. Ich veranstalte ja immer Auktionen, wenn ich ein Drehbuch zu verkaufen habe. Dann schicke ich an einem Mittwochnachmittag allen Studios das Drehbuch...

MERIAN: … buchstäblich allen?

Emmerich: Allen. Und wer zuerst anruft, bekommt den ersten Termin.

MERIAN: Und darf 200 Millionen Dollar in Ihre Idee investieren, ohne sich einmischen zu dürfen. Die Studios müssen Ihnen sehr vertrauen.

Emmerich: Zu Recht. Sie haben ja viel Geld mit mir verdient. Deswegen kann ich es mir leisten, mein eigenes Ding zu machen. Insofern stimmt Ihre Eingangsbehauptung: mitten in Hollywood - und trotzdem Außenseiter.

MERIAN: Mögen Sie Hollywood? Als Stadt?

Emmerich: Es gibt auf dem Hollywood Boulevard zwischen Vine und Cahuenga noch ein paar schöne Gebäude. Aber das neue Kodak-Center, wo die Oscars verliehen werden, finde ich furchtbar. Das ist nicht mehr als eine Shopping- Mall. Architektonisch gefällt mir Downtown L.A. mit seinen alten Prachtbauten besser.

MERIAN: Und Hollywood als Geisteszustand?

Emmerich: Ich halte mich von den angesagten Restaurants fern. Ist mir zu eitel. Was allerdings den Geisteszustand von Hollywoodstars betrifft, so gefällt mir der immer besser. Wirklich bewundernswert, was Leute wie Brad Pitt oder George Clooney für den Umweltschutz tun. Wenn Clooney Elektroauto fährt und Brad Häuser mit Solarzellen baut, gilt das auf einmal als nachahmenswert. Endlich ist es cool, grün zu sein. Dafür liebe ich Hollywood.

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Autor:
Brigitte Steinmetz