Los Angeles Ein Umzug in die Traumfabrik

Kürzlich habe ich meinen Dachboden ausbauen lassen. Von einem Filmregisseur. Nicht, dass ich auf diese Tatsache Wert gelegt hätte - es ist nur einfach so, dass man in Los Angeles leichter einen Filmregisseur findet als einen Handwerker. Er erzählte von seiner Teilnahme am Filmfestival in Karlsbad und vom Hauptdarsteller seines Werks, dem Bruder von Julia Roberts. Wenn er von Kollegen sprach, meinte er nicht andere Zimmermänner, sondern Steven Spielberg. Als ich mich nach dem Preis erkundigte, bekam er einen träumerischen Blick und wisperte vom Oscar.

"Der Mann auf dem Dachboden ist Filmregisseur", sagte ich wichtigtuerisch zu dem blendend aussehenden Gärtner, der die Platanen vor meinem Haus stutzte. Er schnallte seinen Werkzeuggürtel um wie ein Cowboy den Colt und schnaufte kurz durch die Nase. "Ach ja? Wie viele Zuschauer?" Als ich darauf keine Antwort wusste, warf er mir einen viel sagenden Blick zu. "Mein Film lief wochenlang in einem kleinen Kino in Santa Monica", sagte er und kletterte auf den Baum, und als er fast in der Krone stand, rief er trotzig zu mir herunter: "Hunderte waren begeistert."

Auch der Gärtner also war in Wahrheit Filmemacher; dito meine Nachbarin von gegenüber, vordergründig Rentnerin, die eines Nachts einen Überfall auf ihr eigenes Haus als Kurzfilm inszenierte (ich hütete derweil ihren aufgewühlten Hund). Und die ältere Dame an der Ecke hat schon bei den "Waltons" mitgespielt, eine echte Schauspielerin. Sie wirkte immer leicht irre auf mich (als ich ihr einmal verstört erzählte, dass eine Klapperschlange in meinem Garten lag, klatschte sie in die Hände wie ein Kind im Kasperletheater und jubelte: Wie wunderbar!); aber seit ich weiß, womit sie einst ihr Geld verdiente, wundert mich nichts mehr, auch nicht, dass sie bei 18 Grad Celcius mit Strickhandschuhen und Daunenjacke spazieren geht ("I am a California Girl!", ruft sie kokett und kichert).

Jawohl, ich lebe in Los Angeles. In La-La-Land, im Gaga-Gebiet. In Hollywood. Letzteres ist natürlich Unsinn, weil mein Häuschen an einer Bergstraße in Bel Air liegt - aber für die meisten Leute ist Hollywood eben nicht das tatsächliche Stadtviertel in Los Angeles, sondern ein Zustand. Ein Ausnahmezustand sogar, in welchem sich das Zentrum von Südkalifornien inklusive Surferparadies Malibu rund um die Uhr befindet. Jenseits aller Geografie ist Hollywood einfach da, wo die teuren Filme und verrückten Ideen herkommen, wo Schönheitschirurgen und Make-up-Künstler als Halbgötter verehrt werden, wo Pilates als Kultur und Yoga als Religion gelten, wo der Hula-Hoop-Reifen erfunden und das Alter abgeschafft wurden.

Ich habe in den paar Jahren, die ich jetzt hier lebe, mehr über Fußknöchelfettabsaugmethoden und Vaginalverjüngung gelernt, als ich je zu wissen wünschte, und meine Kenntnisse über den Stand der Beziehungen in den Häusern Cruise-Holmes oder Garner-Affleck sind fundamental, wenn auch nur per Osmose erworben. In den Medien vor Ort wird nämlich überwiegend die Prominenz abgehandelt. "Breaking news" hat fast immer damit zu tun, dass Nicole Richie von einem Paparazzo angefahren wurde oder Justin Timberlake eine Neue hat.

Man kann sich gar nicht dagegen wehren - ein Abend vor dem Fernseher mit "Access Hollywood", und selbst die Namen der Haustiere von B-Zelebritäten gleiten einem flüssig von den Lippen. Wie geht es Angelina?", fragen meine Freunde in Deutschland manchmal, so als teilten Frau Jolie und ich jeden Tag eine Fango-Packung (merke: Wer in "Hollywood" lebt, wird automatisch Teil des großen glamourösen Ganzen, so als hätten Menschen, die nach Washington ziehen, Zugriff aufs rote Telefon). "Ich sehe sie nie", antworte ich dann und seufze: "Sie ist ja ständig unterwegs. " - "Und George Clooney?", fragen meine Freunde eifrig, "wann hast du den zuletzt gesehen?"- "Beim Spaghetti- Essen", erwidere ich lässig und lüge nicht. Verschweige aber, dass er fünf Tische weiter saß.

Der Glanz der Wenigen zieht die Vielen an

Es ist der Glanz der Wenigen, der die Vielen anzieht: In erster Linie ist Hollywood ein Ort, an den jährlich hunderte, tausende bildschöner junger Menschen pilgern, weil sie dort reich und berühmt werden wollen. In der Übergangszeit, die bei den meisten bis zum Lebensende dauert, fangen sie erstmal an mit Blondieren, Joggen und Diäten. Zu diesen Zugereisten gehöre ich nicht. Ich bin hier, um über jene bildschönen Menschen zu berichten - diejenigen, die es geschafft haben, nicht die, die immer noch kellnern und in Friseursalons die Fusseln zusammenfegen und auf die alles entscheidende Begegnung hoffen: Die Tür geht auf, und Martin Scorsese oder Michael Bay kommt herein und sagt: "Hallo, schönes Kind, Sie sehen aus wie der Star für meinen nächsten Film, haben Sie schon mal daran gedacht, Schauspielerin zu werden?"

Und dann öffnet sich der Himmel, und es regnet Schweinswürste und Stradivaris, und ein Chor von Eichhörnchen singt Tannhäuser. Glück muss man haben! Der Glaube daran ist nirgendwo so unerschütterlich wie hier, wo beständig die Erde unter den Füßen wankt. Dieser ewige Optimismus, sagen meine Freunde in Deutschland, kann einem ganz schön auf den Wecker gehen. Amerikaner seien naiv. Erzählen dir gleich nach dem ersten Hallo, dass sie Ess-Brech-Sucht haben und dank Viagra formidablen Sex. Aber deinen Namen haben sie schon wieder vergessen. Und der viel zitierte "American Spirit" sei ein Mythos. In Los Angeles gäbe es auch nicht mehr Erfolgstypen, Self-Made-Millionäre, selbsternannte Stars, Träumer, Spinner und Sich-Selbst-Erfinder als anderswo.

"Ja, stimmt schon", murmele ich dann und denke an den blendend aussehenden Gärtner, der gerade an seinem zweiten Spielfilm arbeitet: einer Lovestory unter Surfern, am Ende kommt ein Hai. Er ist überzeugt, dass es ein Blockbuster wird. "Wie hältst du es da bloß aus?", fragen die Freunde in Deutschland manchmal. Wohlweislich, nachdem sie vierzehn Tage in meinem Gästezimmer verbracht und herrliche Ausflüge nach Malibu und Disneyland und in die Berge und die Universal Studios erlebt haben. Sie drängten in Restaurants, "wo man Stars gucken kann!", und ließen sich vor Grauman's Chinese Theatre am Hollywood Boulevard mit dem dümmlichsten Glücksgrinsen der Welt an der Seite von Darth Vader fotografieren.

Aber kaum zurück im heimischen Tiefdruckgebiet bemängeln sie die Oberflächlichkeit der Amerikaner und die "Fake"-Mentalität der Kalifornier im Speziellen. Sei doch alles falsch, alles künstlich, alles so Hollywood. Von den faltenfreien Mienen über die Honigmelonen- Dekolletés bis zum gezwitscherten Have-a-nice-day. Und immer dieses Gewese um Film und Ruhm, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt. Dabei stoße Hollywood nur noch hirnlose, kalt manipulative Massenware aus, beileibe keine Filmkunst. "Ja, ja", murmele ich. "Stimmt schon."

Los Angeles ist in der Tat ein absurder Ort. Viel zu viele Menschen drängen sich auf diesem unruhigen Flecken Erde, zapfen mühsam Wasser aus entlegenen Regionen ab und verteilen es in ihrem Wüstenklima, auf dass tropische Gärten um ihre Millionenvillen wachsen und ihre Pools stets kühl und blau der stechenden Hitze trotzen. Bevor ich hierher zog und einen eigenen Garten zu bewässern hatte, war mir gar nicht bewusst, dass das satte Grün binnen weniger Tage in seine braune, spröde Wüstennatur zurückschrumpft, wenn man es nicht beständig begießt.

So trocken sind die Berge und Canyons, dass die Angelenos die alljährliche Ankunft der Santa-Ana-Wüstenwinde fürchten wie Hollywood-Schauspielerinnen runde Geburtstage: Heiß wie Raubtieratem faucht die Luft der Küste entgegen, reißt Strommasten um, fegt Funken kilometerweit übers Land. Es gibt Gegenden, die so häufig und heftig von diesen Winden heimgesucht werden, dass sich jede Versicherungsgesellschaft weigert, Verträge für den Brandfall abzuschließen. Gebaut wird dort trotzdem. Gelebt wird dort trotzdem. Wie sagen die Kalifornier? Wird schon nicht so schlimm. Das sind unsere vier Jahreszeiten, scherzt meine Nachbarin: Waldbrände, Erdbeben, Schlammlawinen und Dürre.

Die Faustregel: Wasser und Taschenlampe im Haus, den Tank voll

Die Angelenos nehmen ihre missliche Lage mit Humor. Erdbeben unter Stärke 4,0 - da fallen schon mal Teller aus den Küchenschränken und leichtknochige Menschen vom Sofa - werden als Schluckauf der Kontinentalplatte verbucht, nichts Ernstes. "Hab immer ein paar Gallonen Wasser und eine Taschenlampe im Haus!", warnen meine Nachbarn. "Tank immer voll, du weißt nie, wie lange du unterwegs bist nach der Katastrophe. " - "Welche Katastrophe?", frage ich. Sie rollen mit den Augen. "The Big One!", rufen sie, "das große Beben. Es kommt!" Irgendwann. Und dann erklären sie, dass ein Einspielergebnis von 20 Millionen Dollar für einen Bruce- Willis-Film eine echte Katastrophe ist.

Das nächste Mal, wenn die Freunde in Deutschland mich fragen, wie es ist, in diesem Filmwahn-Jugendwahn- Schönheitswahn-Fitnesswahn-Autowahn-Wahnsinn zu leben, werfe ich ihnen ein einschüchterndes Wort an den Kopf, das wir im vergangenen Sommer gelernt haben: Pyrocumulus. Das war eine gigantische Rauchwolke, die mit biblischer Wucht in den stahlblauen Himmel wuchs. Apokalyptisch wie ein Atompilz, bedrohlich, entsetzlich. Wunderschön. Genährt vom größten Waldbrand seit Dekaden, Tausende waren auf der Flucht.

Wir anderen, die wir uns sicher wähnten in unseren grotesken Holzhäuschen, die sich unter dichtes Laubwerk ducken und nur durch eine gnädige Laune der Natur diesmal übersprungen wurden von den Flammen - wir alle starrten und staunten und schämten uns, wie prächtig wir das Schauspiel fanden. So Hollywood. Und dabei ganz echt. Vielleicht, weil das Land hier einfach ins Meer fällt und der Pioniergeist, der die Nation in den Westen treibt, zur Ruhe kommen und seine ganzen Versprechungen und Träume endlich einmal wahr machen muss, setzen die Angelenos allen Widrigkeiten so ein entschiedenes TROTZDEM entgegen.

Hier, wo alles zu Ende ist, muss der Neuanfang doch klappen! Egal wie! Ja, es wird bald wieder mächtig rumsen, die Seismologen rechnen mit einem starken Erdbeben innerhalb der nächsten zehn Jahre. Ja, das Wasser wird knapp - seit Juni 2009 gelten für alle Haushalte Spargesetze, wir dürfen nur noch an zwei Tagen in der Woche den Rasen sprengen. Ja, und wenn es dann mal regnet, entsteht zuverlässig ein Chaos: Autofahren auf nassen Straßen ist den Angelenos als Verkehrssituation in etwa so vertraut wie das Fahren auf Olivenöl, und von den verbrannten Hügeln rutschen Erde und rußige Äste und begraben die gerade vom Feuer verschonten Häuser unter Massen aus Schlamm. Vielen Dank auch. Trotzdem.

An den Boulevards winken Palmen, tagein, tagaus. Dorf reiht sich an Dorf, von Beverly Hills bis Santa Monica, und doch hält ein generöser Geist das ganze Völker- und Sprachen- und Kulturengewimmel zusammen. "Ich kenne jeden in meiner Straße mit Namen - ja, auch die Haustiere - und kann doch nie vergessen und nie verdrängen, dass ich in einer Millionenmetropole lebe", sagt meine Nachbarin, als ich sie frage, was sie an Los Angeles positiv findet. Wir machen eine Liste. Auf der Plus-Seite steht: Nicht alles, was aus Hollywood kommt, ist schlecht. Man denke nur an George Clooney. Zweitens: Eine Stadt, die sich auf Flipflops bewegt, kann zumindest nicht als verbiestert gelten. Dann male ich eine Sonne. Ohne Worte. Und wir trinken Limonade mit Zitronen vom eigenen Baum und knicken die Minus-Liste.

Der Pyrocumulus, er ist wie Los Angeles. Himmel und Hölle zugleich in einem heißen Atemzug. Kurz nachdem die Rauchsäule in einen dichten, beißenden Schwaden zusammengefallen war, fuhr ich frühmorgens hinauf zum Mulholland Drive. Die berühmte Straße, gesäumt von den Villen der Stars im Osten und im Westen für viele Meilen aufgelöst in Staub und Steine, windet sich auf dem Kamm der Bergkette wie Marilyn Monroe (so hat einmal ein Los- Angeles-Kenner und -Liebhaber geschrieben, was nicht immer das Gleiche ist).

Jenseits des Bergs öffnet sich das San Fernando Valley, eine sonnendurchglühte, von Straßen karierte Ebene, die unglamouröse Hälfte der Stadt. An diesem Morgen stieg Rauch aus den Wäldern am Horizont. Im Radio meldeten sie, das Feuer sei nur zu 40 Prozent unter Kontrolle. Über dem Tal hing der schmutzig-braune Schwaden, der zu glühen begann, als die Strahlen der gerade aufgehenden Sonne ihn trafen. Wieder ein ziemlich spektakulärer Anblick. Ich musste husten. Auf meinem Auto lag Asche.

Einer meiner oberflächlichen amerikanischen Freunde rief mich an, Kalifornier sind Frühaufsteher. Ob noch alles steht, wollte er wissen. Ich wiegelte ab, das Feuer sei nicht richtig nahe gekommen. Er brummte, so was könne schnell gehen. Das Haus seiner Großeltern sei in fünf Minuten abgebrannt. "Heute Nacht?", fragte ich entsetzt. "Vor 25 Jahren. Sie haben an genau der selben Stelle ein neues Haus gebaut." "Steht das heute noch?" "Nein. Ein Erdrutsch hat es zerstört. Sie waren gerade Segeln und konnten es gar nicht fassen. So viele Katastrophen auf einmal ." "Wo leben sie heute?" "Na, dort", erwiderte er belustigt. "Wo sonst? Im dritten Haus. Sie sagen, ich werde es erben." "Oh, viel Glück." "Wieso? Was kann noch kommen?"

Ich stand auf dem steinigen Weg, in den sich der mondäne Mulholland Drive verwandelt. Gangster haben hier früher Leichen abgeworfen; wahrscheinlich tun sie es heute noch. In der Ferne sah man den Ozean dunstig schimmern. Ich ließ den Hund von der Leine, und wie ein Pfeil schoss er an den Fuß der nächsten Hügel. Ein Kojote saß dort drüben im ersten Sonnenschein. Außer mir war kein Mensch im Canyon. Über dem Meer kein Wölkchen am Himmel, kein Regen in Sicht. Es wurde warm, es dämmerte ein wunderschöner Tag über Los Angeles. Wie immer.

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Autor:
Christine Kruttschnitt