Hollywood Die Oscar-Story

Da steht er nun. In einer Vitrine des Berliner Museums für Film und Fernsehen am Potsdamer Platz, angemessen dramatisch beleuchtet: der allererste Oscar, der je verliehen wurde. Ein nackter Krieger, 34 Zentimeter groß, ein riesiges Schwert zwischen den Beinen, imposante Muskeln. Wie er da schimmert mit seinem Überzug aus 24-karätigem Gold, möchte man ihn am liebsten nehmen und in die Höhe recken.

Der deutsche Schauspieler Emil Jannings hat ihn für seine beiden Stummfilme "Sein letzter Befehl" und "The Way of All Flesh" bekommen. 1929 war das und Jannings ein Star, so weit entfernt von der Normalsterblichkeit wie später Marlon Brando oder George Clooney. Die perfekte Wahl, um eine Tradition zu begründen. Und genau das wollte Louis B. Mayer, der legendäre Studioboss, der sich die Academy Awards als eine Art Elite-Orden für die Besten der Zunft ausgedacht hatte. Sie sollten etwas sein, womit sich die Branche ihrer eigenen Wichtigkeit versichern konnte. Eine Auszeichnung, die als Signal wirkt: "Seht her, hier in Hollywood wird Kunst produziert" - also nichts, bei dem die Gewerkschaften mitzuquengeln hätten.

Allerdings fehlte der ersten Verleihung am 16. Mai 1929 im Ballsaal des "Roosevelt Hotel" noch ein wenig die Strahlkraft: Die Preise wurden eher ausgeteilt als verliehen, in fünf Minuten zwischen Lobster Eugenie und Los-Angeles-Salat. Wie alle anderen Gewinner hatte auch Jannings schon drei Monate zuvor von seiner Ehrung erfahren und war an diesem Abend nicht dabei, sondern tags zuvor nach Deutschland zurückgekehrt. Der Academy Award of Merit war nichts Besonderes für ihn, erzählt Jörg Jannings, 79-jähriger Neffe des ersten Preisträgers, ein Herr von tadellos altmodischen Manieren, mit einer Stimme, die Frauen rot werden lässt. "Er wollte spielen", sagt Jörg Jannings, "immer nur spielen. Bloß darum ging es ihm - nicht darum, einen kitschigen Goldkerl dafür einzuheimsen."

Das hat sich in den vergangenen 80 Jahren gründlich geändert. Heute ist der Oscar so etwas wie ein Ritterschlag zur Unsterblichkeit: Wer ihn bekommt, hat es geschafft. Gewinner können mehr Geld verlangen, bessere Filme drehen, sind mit den hübscheren Menschen liiert - und jedes Mal, wenn sie irgendwo in der Öffentlichkeit auftauchen, steht hinterher in der Zeitung, dass es ein Oscar-Gewinner war, der da im Supermarkt eingekauft hat. Selbst wenn der Ruhm schon lange verblasst ist, diesen Preis kann ihnen niemand mehr nehmen. Geben müssen sie dafür allerdings alles, müssen bis zum Letzten gehen - jedenfalls wenn sie Darsteller sind.

Rund 1200 Academy-Schauspieler treffen die Nominierungen, mit fast 4800 Kollegen der anderen Branchen stimmen sie über die Sieger ab - und sie haben eine Schwäche für Rollen, in denen sichtbar geschuftet wird, für Exzentriker, Alkoholiker und historische Figuren, die tragisch sterben. Extra fürs Spiel angefuttertes Übergewicht, hässliche Akzente oder jede Attraktivität auslöschende Masken können ebenfalls helfen - schließlich geht es um mehr als um Eitelkeiten. Jedenfalls bis zur Oscar-Verleihung.

In Amerika nennen sie diese Nacht den "Super Bowl für Frauen", weil sie vor allem solche Vergnügungen bietet, die Männer nie so recht zu schätzen gelernt haben. Nirgendwo sonst lassen sich spontane Erstraffungen, Erschlankungen und andere ästhetische Wunder schöner beobachten als bei der Betriebsfeier der Superstars. Dabei ist der Einzug in die Arena nur der Auftakt zum wahren Spektakel.

"Wir lieben die Oscars, weil unsere Idole sich in dieser Nacht wie echte Menschen benehmen ", sagt Jim Piazza, Autor von "The Academy Awards - The Complete Unofficial History". "Wir können ihnen dabei zusehen, wie sie sich in ihren Sitzen winden und wie ihr Lächeln bei Niederlagen zu einer Grimasse verrutscht. Mit ein bisschen Glück stolpern sie schon auf dem Weg zum Podium, nur um dann eine nicht minder holprige Rede zu halten. Und wir? Lehnen uns bequem zurück und kümmern uns um die wirklich wichtigen Fragen (ist das etwa ein Toupet?).Man kann es nicht anders sagen: Der Thrill dieser Nacht besteht zu einem nicht geringen Anteil aus unverdünnter Schadenfreude."

Aber die Oscars geben auch edlen Gefühlen eine Heimat. Wenn unser nächtliches Aufbleiben mit einem Preis für unseren Star belohnt wird und unser überwältigter Liebling seinen tauben Eltern dann auch noch in Gebärdensprache dankt, fließen nicht nur am Hollywood Boulevard Tränen. "Ihr Kampf und Sieg ist in diesem Moment auch unserer", sagt Piazza. "Das wahre Leben zeigt sich nur selten so magisch." Ein Teil dieser Magie ist auch die Unberechenbarkeit der Oscar- Nacht. Wie pingelig sich die Organisatoren auch mühen, jede Sekunde der Zeremonie voraus zu planen: ein Abend, in dem es um große Gefühle (und noch größere Egos) geht, ist niemals völlig kontrollierbar. So verzeichnet die Oscar-Chronik jede Menge Skandale und maßlose Gefühlsausbrüche.

1934 gibt Moderator Will Rogers den "Besten Regisseur" mit den Worten "Komm hoch und hol ihn dir, Frank!" bekannt. Frank Capra springt auf und rennt auf die Bühne - doch der Scheinwerfer bleibt nicht bei ihm stehen, sondern bei seinem Konkurrenten Frank Lloyd. Obwohl Capra später drei Oscars gewann, vergaß er den beschämten Weg zurück nie wieder, "den längsten, traurigsten, erschütterndsten Gang meines Lebens". Spencer Tracy nahm es vier Jahre später mit Humor, dass auf seinem Oscar fälschlicherweise der Name "Dick Tracy" eingraviert war. Im Gegensatz zu Marilyn Monroe, die 1951 vor Scham auf die Erde blickte, als kurz vor ihrem einzigen Auftritt bei den Academy Awards - nicht als Preisträgerin, sondern als Präsentierende bei der Verleihung - ihr Kleid zerriss und nur notdürftig geflickt werden konnte.

Ein Flitzer auf der Bühne

Zweimal wurde sogar ein doppelter Oscar verliehen: 1932 erhielt Schauspieler Wallace Beery so viele Stimmen wie Fredric March, 1969 bekamen Katharine Hepburn und Barbra Streisand gleich viele Stimmen im Rennen um die Auszeichnung als beste Darstellerin (was allerdings bei weitem nicht für so viel Aufregung sorgte wie Streisands durchsichtiger Hosenanzug). 1971 weist George C. Scott als erster Schauspieler einen Oscar zurück - weil er "diesen eigennützigen Fleischaufmarsch " verachte. Zwei Jahre später schickt Marlon Brando eine junge Frau namens Sacheen Littlefeather auf die Bühne, die stellvertretend für ihn den Preis ablehnt und eine Erklärung über die Behandlung der Indianer in den USA verliest. Dass es sich bei der unterdrückten Squaw um eine Schauspielerin handelte, die sich später für den Playboy auszog, machte den Eklat noch saftiger.

Unvergessen auch der Flitzer, der 1974 nackt die Bühne stürmte. Und natürlich Roberto Benigni, der 1999 mit italienischer Passion über die Stuhllehnen aufs Podium kletterte, um sich seine Auszeichnung abzuholen. Dokumentarfilmer Michael Moore nutzte 2003 seine 45 Sekunden Redezeit, um Präsident Bush zu beschimpfen. 2009 überraschte Schauspieler Sean Penn die Zuschauer nicht nur mit einem seltenen Lächeln, er nutzte seine Dankesrede auch, um sich für gleichgeschlechtliche Ehen einzusetzen.

Mit solchen Auftritten sorgten Stars für Furore, andere dagegen kamen nie auf die Bühne, auch wenn sie es noch so verdient hätten. Giganten wie Richard Burton, Marlene Dietrich, Greta Garbo, Cary Grant oder Alfred Hitchcock gewannen nie einen Oscar (worüber auch der Ehrenpreis für Hitchcock nicht hinwegtäuschen konnte, den er mit einem kargen "Danke" kommentierte). Charles Chaplin bekam 1929 einen Sonderpreis und danach lediglich eine einzige Trophäe - für die beste Filmmusik. In 81 Jahren wurden nur drei Frauen für die "Beste Regie" nominiert, keine von ihnen ging mit dem Goldjungen nach Hause.

Seit 2002 findet die jährliche Verleihung im eigens dafür entworfenen "Kodak Theatre" statt. Es bietet neben 3300 Gästen auch all denen Raum, die den Oscar erst zur Show des Jahres machen. 612 Fans, die einen der heiß begehrten "Bleacher Seats" auf der Außentribüne gewonnen haben, sorgen für die nötige Lautstärke beim Einlauf der Stars. Knapp 100 Fotografen, 120 Reporter und weit über 250 Kamerateams geben acht, dass auch den Zuschauern zu Hause kein noch so winziges Detail entgeht. Mit Patty Fox gibt es sogar eine offizielle Fashion-Koordinatorin, deren Aufgabe allein darin besteht, die Journalisten zu informieren, welcher Star in welcher Designerrobe über den 150 Meter langen roten Teppich schwebt.

Seitdem jeder Hollywoodstar eine Brigade von persönlichen Stylisten beschäftigt, passieren Modekatastrophen leider immer seltener. Vorbei die Zeiten, in denen Sängerin Björk sich einen Schwan um den Hals hängen konnte, Joanne Woodward im selbst geschneiderten Kleid (Materialwert: 100 Dollar) erschien und Joan Crawford zickte: "Damit hat sie den Glamour Hollywoods um 20 Jahre zurückgeworfen!"

Die einzigen, die in all dem emotionalem Aufruhr stets stoisch bleiben, sind Rick Rosas und Brad Oltmanns, die Hüter der Sieger-Kuverts. Seit 1936 ist die Wirtschaftsprüfungs-Gesellschaft Price Waterhouse für die korrekte Auszählung der Stimmzettel zuständig. Zwei Sets mit Gewinner-Umschlägen werden auf unterschiedlichen, geheimen Routen ins "Kodak Theatre" gebracht. Um vollständige Sicherheit auch bei Raubüberfällen, Verlust oder spontaner Papier-Selbstentzündung zu gewährleisten, lernen beide Wahlleiter zusätzlich die Namen aller Gewinner auswendig.

Vielleicht sind auch 2010 wieder ein paar Außenseiter darunter. Wie zuletzt in den 1970er Jahren, als New Hollywood das Kino mit ungeschöntem Realismus erst überwältigte und ihm dann neues Leben einhauchte, war das Oscarjahr 2009 endlich wieder ein Jahr der sperrigen, mutigen und aufregenden Filme. Selten haben schon die Nominierungen für so viel Furore gesorgt. Ein Film, der in indischen Slums spielt, mit Schauspielern, deren Namen man nicht mal aussprechen kann? Ein schwuler Politiker? Ein verlogener Präsident? Und selten hat man sich so sehr mit den Gewinnern gefreut.

Wenn am 7. März 2010 die 82. Oscar- Verleihung stattfindet, gibt es zum ersten Mal seit 1944 wieder zehn Nominierungen für den "Besten Film". Gute Chancen also, auch im nächsten Jahr auf ein paar Filme zu treffen, über die man sich die Köpfe heiß reden kann. Gute Zeiten für einen goldenen Krieger, der seine Muskeln spielen lässt.

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Autor:
Okka Rohd