Mit Stil Die No-Go-Stadt

Nach meiner hatte ich drei Textnachrichten von Freunden auf meinem Handy: "Go Focus!", "Halt durch. Bond hat's auch überlebt" und "Steht dir super, der Focus - genau deine Klasse". Danke, ich habe wirklich irre gelacht. Aber der Underdog-Effekt funktioniert bei mir nicht, ich halte beim Fußball auch nie nur so aus Mitleid für den 1. FC Köln. Warum auch. Also tauschten wir den Focus auf halber Strecke doch noch gegen einen silbernen Jeep Wrangler. Vorher wurde er in Los Angeles allerdings noch mit ein paar ordentlichen Strafzetteln dekoriert: 55 Dollar das Stück für abgelaufene Parkuhren. Hoffentlich macht das Berliner Ordnungsamt mit seinen 5-Euro-Knöllchen nie Bildungsurlaub in den USA.

Nicht nur deshalb wollte ich das Auto endlich einmal stehen lassen, ich wollte vor allem mal wieder ein paar Meter laufen. Nicht rennen, mit Pulsmesser, iPod und wippendem Pferdeschwanz, einfach nur gehen. Aber genau das geht in Los Angeles nicht, diese Stadt ist eine einzige No-Go-Area.

Als ich das erste Mal für einen Pressetermin dort war, wohnten wir im Sunset Tower, dem tollsten Hotel der Welt. Halb Hollywood war und ist hier zu Hause, aber die Atmosphäre ist immer unprätentiös, man kann sich im Strandkleid an den Pool legen, verdammt gute Pommes essen (ja, den Tower Burger auch), nach vorn auf LA, nach rechts zu Julianne Moore herüber schauen und sich trotzdem wie zu Hause fühlen. Der Tower liegt am Sunset Boulevard und ich dachte damals, ich schaue mir mal die Gegend an, zu Fuß natürlich. Die ersten zehn Minuten fiel mir nichts auf, dann schaute ich mich misstrauisch um - niemand, nirgends, selbst in Madrid zur Siesta-Peak-Time sieht man mehr Menschen auf der Straße. Und wenn man mal jemand auf dem Bordstein begegnet, ist es der Gärtner, der irgendwelches Gerät für die hohen Hecken aus einem Pick-up holt. Einer fragte ehrlich besorgt: "Are you alright?" Pedestrians sind hier ganz nah an Extraterrestrial, Gehen ist reiner Unterschichtensport. Als wir irgendwann Menschen auf offener Straße sehen wollten, sind wir in ein Shopping Center gefahren; danach war es dann allerdings auch schnell wieder gut.

Nur Irre und Rollerblader

Hollywood kam zum Wohnen also diesmal nicht in Frage und privat kann ich mir das Sunset Tower sowieso nicht leisten (genauso wenig wie das Roosevelt oder das Chateau Marmont, aber wer die Gelegenheit hat - nur zu!), also entschieden wir uns für Venice, auch wenn in irgendeinem Blog stand, in diesem "Slum by the beach" seien "nur Irre und Rollerblader" unterwegs. Das ist schon lange nicht mehr so, abseits des Muscle Beachs haben sich eher die "Organic Hipsters" breitgemacht, aber glücklicherweise scheinen das noch nicht alle Leute mitbekommen zu haben und meinetwegen kann das auch ruhig so bleiben.

Dann hat man im Herbst nämlich weiterhin den Strand für sich und bekommt noch ein Zimmer im wirklich fantastischen , einem alten Efeu bewachsenen Guesthouse, in dem es sich mehr anfühlt, als wäre man bei Freunden zu Besuch, die einem den Schlüssel für ihr Ferienhaus am Strand samt Personal überlassen haben. Nicht alle Zimmer haben ein eigenes Bad, dafür sind sie liebevoll mit Antiquitäten eingerichtet, unten im Wohnzimmer stehen nachmittags Eistee und Cupcakes bereit, nach dreien davon legt man sich geschafft im Garten ab. Der perfekte Ort abseits von crazy Lalaland.

Keine Ahnung also, wie Stefan Effenberg vor gut vier Jahren hier gelandet ist. Allerdings: So richtig gut lief es für ihn damals auch nicht, wie uns eine der Angestellten des Hotels verriet. Aus der Suite im Erdgeschoss flogen in den frühen Morgenstunden erst Stühle in den Garten, dann wurde Effe unter Geschrei vor die Tür gesetzt - Claudia Strunz hatte in dieser Nacht im Venice Beach House von der Affäre ihres Mannes erfahren und offensichtlich versucht, auch mal ein hollywoodreifes Drama hinzulegen. So soll es sich zumindest zugetragen haben.

Ansonsten ist es aber wirklich sehr ruhig hier, versprochen. Und man kann zu Fuß laufen. Den Strand bis nach Santa Monica entlang oder durch die Kanäle zum Abbot Kinney Boulevard, wo die "No Chain Policy" Starbucks und andere Ketten verbannt hat und man stattdessen viele kleine Boutiquen findet, außerdem das sehr coole Restaurant . Und wer dann doch mal wieder Auto fahren will - Hollywood und Downtown sind nur gut eine halbe Stunde entfernt, bei Bedarf gibt es garantiert noch irgendwo einen ausgedehnten Stau dazu.

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Autor:
Silke Wichert