Hollywood Der berühmteste Schriftzug der Welt

Die Sonne brennt, es weht ein leichter Wind, still ist es hier oben am Fuße des "D". Groß und mächtig stehen die neun Buchstaben "H-O-L-L-Y-W-O-O-D" am kargen Hang, schlichter Stahl, weiß übertüncht, eigentlich eine simple Konstruktion, doch weltweit Inbegriff und Projektionsfläche für ehrgeizige Träume und tiefste Sehnsüchte. Rechts unten ein idyllischer See, weiter links die beschaulichen Häuser von Beachwood Canyon, eine harmonische Szenerie. Nichts deutet darauf hin, dass etwas fehlt, nicht hier oben, nicht dort unten.

Dabei waren es früher einmal 13 Buchstaben - und eine große Vision. Doch ist dieses Wahrzeichen von L.A. letzlich ein verstümmeltes Symbol des Scheiterns, der Beweis, dass die Kraft der Träume manchmal nicht ausreicht, alle Ziele zu erreichen. Zumindest nicht die eigenen. Groß und visionär denken, das war immer schon eine Spezialität dieser Stadt. Hier, gegenüber dem Mount Lee, sollte die vornehmste Wohnsiedlung von Los Angeles entstehen, ein Paradies für gehobene Lebensträume, so dachte 1923 der Herausgeber der Los Angeles Times, Harry Chandler, dessen Entwicklungsfirma ehrgeizige Pläne hatte und dem Projekt den verheißungsvollen Namen "Hollywoodland" gab.

Für 21 000 Dollar ließ Chandler die über 15 Meter hohen Lettern errichten - es war die wohl größte und spektakulärste Werbung der damaligen Zeit. Und damit auch des Nachts niemand Gefahr lief, das Ausmaß des Vorhabens zu übersehen, ließ er Stromleitungen den Hügel hinauf verlegen und die Buchstaben mit über 4000 Glühbirnen illuminieren. Allein das war damals eine technische Leistung, die jedem zeigen sollte: Wir meinen es sehr ernst. So blinkte es in Intervallen ins Tal: "Holly" - "wood" - "land".

Heute steht an der Einfahrt zu Beachwood Canyon, wie die Siedlung am Fuße des Schriftzuges heißt, noch das Historic-Cultural Monument No. 20 - ein mittelalterlich gestaltetes Tor, das sie in den Zwanzigern dort für ihren Wohntraum errichtet haben. Dahinter ein kleiner Platz mit dem "Village Coffee Shop", der aussieht wie aus den fünfziger Jahren. Zwei Bänke stehen auf dem Bürgersteig davor, ruhig ist es hier, grün und friedlich. Bewohner grüßen Fremde und Touristen wie in einem Dorf. Die Menschen hier legen Wert auf Sicherheit, vielfach wird darauf hingewiesen, dass die "Bel-Air Patrol" durch die Gegend streift. Nur die auffällig vielen Schilder in den Fenstern, die zum Kaufen oder Mieten der Häuser locken, lassen erahnen, wie sehr die Wucht der Immobilienkrise die Idylle getroffen hat.

Schon die Weltwirtschaftskrise Ende der Zwanziger ließ große Immobilienträume platzen: Harry Chandlers Nobelsiedlung "Hollywoodland" prosperierte nur wenige Jahre, in denen ein paar hundert Häuser links und rechts des Beachwood Drive entstanden. Dann ging die Entwicklungsfirma pleite. Das Hollywoodzeichen verfiel, die Glühbirnen waren lange schon geklaut oder kaputt, 1944 übernahm die Stadt den verwitterten Schriftzug, dem es nicht anders zu ergehen schien als der Filmindustrie, die schwer durch den Siegeszug des Fernsehens getroffen wurde.

Die örtliche Handelskammer reparierte fünf Jahre später die Buchstaben und entfernte die letzten vier. Aus "Hollywoodland"wurde "Hollywood". Durch die grüne Bürgeridylle schraubt sich die Straße bis zu einem großen verschlossenen Tor. Das Klettern zum "Sign" ist verboten, steht da in verblasster Schrift, bei Zuwiderhandlungen droht eine Strafe von, krummer ging es wohl nicht, 103 Dollar. "Schließlich ist der Weg nicht ganz ungefährlich", sagt Diana Wright, die für den Hollywood Sign Trust angemeldete Besucher zum Berg führt. Es gäbe viele Klapperschlangen, die Wege seien steil, die Hitze groß.

Jede Woche muss Diana mehrmals hier hoch, seit zweieinhalb Jahren, in ihrem anderen Leben ist sie Stand-up-Comedian, tritt mal hier, mal dort auf und träumt vom Durchbruch, Hollywood eben. Der Trust wurde in Zusammenarbeit des Staates Kalifornien mit der Stadt Los Angeles gegründet, um sich um die Erhaltung und Vermarktung des Schriftzuges zu kümmern. Das Interesse der Einheimischen daran ist eher leidenschaftslos, die Spenden fließen spärlich, Pläne, die Lettern wie einst zu erleuchten, scheitern regelmäßig an dem Protest der Anwohner.

Die Strahlkraft der Lettern ist ungebrochen

Das Interesse der Welt ist ungleich größer. Immer wieder treibt es Filmschaffende aus vielen Ländern hierher, die Liste der Streifen, in denen "Hollywood" zu sehen ist, wird immer länger, auch wenn der Rummel deutlich weniger geworden ist über die Zeit. Aber die Kraft des weltweit verständlichen Symbols für Glamour und Begierden funktioniert immer noch. Erst im vergangenen Jahr wurde das ewige deutsche Supermodel Claudia Schiffer hier für eine Yves-Saint-Laurent-Kampagne fotografiert, am Fuße des "Y" posierte sie dort für das Fotografenduo Inez van Lamsweerde und Vinoodh Matadin, halsbrecherisch sei das gewesen, erzählt Diana, allein aus Sicherheitsaspekten ein Kraftakt für alle Beteiligten.

Gleich oberhalb der Konstruktion stehen Funkmasten von Telekomfirmen, menschenleer ist es und heiß. Die Straße zum "Sign" ist mit dichtem Maschendrahtzaun gesichert, Stacheldraht inklusive, niemand soll hier unbefugt herumkraxeln, das meinen sie ernst. Zu oft landeten hier früher Betrunkene auf abschüssigem Gelände, gerne auch mal nachts. Die Buchstaben werden rund um die Uhr von Kameras überwacht, die Zentrale ist irgendwo downtown, mehrmals am Tag werfen Polizisten aus einem Helikopter einen Blick auf das Symbol.

Auch unsere kleine Truppe wird sofort aus einem versteckten Lautsprecher angeschnarrt, als wir uns den heiligen Buchstaben nähern. Diana muss sich an einer Gegensprechanlage identifizieren, alles klar, Big Brother ist zufrieden. Doch bevor wir ans Allerheiligste kommen, muss geklettert werden, daran führt kein Weg vorbei. An einem Seil lassen sich die Besucher vorsichtig den steilen Geröllhang herab, Claudia Schiffer hat das auch gemacht, man ist also in bester Gesellschaft, aber wie war das noch mal mit den Klapperschlangen?

Ein kleiner, ungesicherter Pfad führt an den mächtigen Stahllettern auf ihren Betonsockeln vorbei, mal rauf, mal runter, überraschend provisorisch das alles, an einigen Stellen sind noch, leicht versetzt, die Überreste der mächtigen Holzstümpfe von 1923 zu erkennen. Viele der Buchstaben haben ihre eigene Geschichte. Die in Hollywood gescheiterte 24-jährige New Yorker Schauspielerin Peg Entwistle kletterte auf einer Leiter am Abend des 18. September 1932 aus Frustration über ausbleibenden Erfolg zur Spitze des "H" und stürzte sich zu Tode. Ein dramatischer Schritt, der postum den Erfolg brachte, den sie angestrebt hatte: Sie ist für immer das "Hollywood Sign Girl".

Nachahmer habe es aber nicht gegeben, sagt Diana. Als in den sechziger Jahren die Filmindustrie dem Stadtteil Hollywood den Rücken kehrte und sich die Rotlichtindustrie breitmachte, verfielen auch die Buchstaben immer mehr. Ein Kifferfreund pinselte 1973 das Wort "Hollywood " zu "Hollyweed" um. Es ging weiter bergab. Ein "O" fiel um, die Spitze des "D" fehlte bald. Einer konnte das Elend nicht mehr ertragen. Playboy-Gründer Hugh Hefner schmiss 1978 in seinem Playboy-Mansion extra eine Party, um Spenden zu sammeln. Er selbst "kaufte" das "Y", Stars und Firmen folgten ihm: Rockstar Alice Cooper ist der Pate für ein "O", die Plattenfirma Warner Bros zeichnet sich für das "O" daneben verantwortlich.

Das alte Schild wurde abgebaut, und drei Monate später brachten 194 Tonnen Beton und Stahl den alten Glanz wieder an den Hügel. Jetzt steht das "Sign" da, strahlend weiß, gesichert und stabil, auf ewig wohl der Code für die Sehnsucht nach einem Leben, das es so vielleicht gar nicht gibt, oder nur für wenige Auserwählte. Der Sehnsucht nach Glamour und Größe ist das egal. Und so ist es die feine Ironie der Geschichte, dass der eigentlich verstümmelte Schriftzug heute Symbol dafür ist, dass Träume wahr werden können - auch wenn es nicht immer die eigenen sind.

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Autor:
Rainer Schmidt