Hollywood Das glorreiche Lee Strasberg Institute

Christina liegt zusammengekrümmt auf dem Boden und bewegt vorsichtig ihre Finger. Funktioniert. Erstaunlich, denn sie ist tot. Selbstmord. Hat sich von einem Hochhaus gestürzt wegen der Narbe in ihrem Gesicht oder wegen der Narben, die die Entstellung auf ihrer Seele hinterlassen haben, und jetzt hält sie einen Monolog aus dem Jenseits: "Hätte ich mich operieren lassen sollen? Botox? Liposuction? Ha!" Dann fängt sie an zu singen. "Gefällst du dir", fragt die Stimme aus dem Off. "Sie meinen, was ich besser machen sollte?" Christina blinzelt in den dunklen Zuschauerraum. "Nein. Hast du gefühlt, was du gespielt hast?" "Nun ja. Was fühlt eine Tote?" "Du hättest dir auch einen leichteren Stoff aussuchen können." Niemand hat gesagt, Method Acting sei ein Kinderspiel.

Wir sind im Theaterraum des Lee Strasberg Institute in Hollywood. Die acht Schülerinnen - wirklich Zufall, dass in diesem Semester kein Mann dabei ist - blicken stumm auf die Frau, die jetzt vor die Bühne tritt. Es ist Anna Strasberg, die Witwe von Lee, dem berühmtesten Schauspiellehrer der Welt, dem Mann, der James Dean, Al Pacino, Marilyn Monroe zu Unsterblichkeit verhalf und dessen Methode, so rechnete ein Magazin aus, hinter 75 Prozent aller Oscar-Gewinner steckt.

Anna Strasberg ist eine schöne Frau. Der Internet Movie Database zufolge ist sie 70 Jahre alt, vielleicht stimmt das. Ihr Sohn David habe ihr jahrelang zum 25. Geburtstag gratuliert, "bis er auf einmal rechnen konnte", scherzt sie während einer der zahlreichen Exkursionen, die sie weg vom Unterricht und in die beste Zeit ihres Lebens führen. Sie trägt ein weißes Leinenkleid und hochhackige hellbraune Ledersandalen an nackten Füßen. Ihre braunen Augen wirken erstaunt, ihr Lächeln wie das eines Mädchens. "Lee liebte mein Lächeln", sagt sie, "obwohl ich auch schon gelesen habe, er sei nach meinen Beinen verrückt gewesen. "

Anna Strasberg war die dritte Frau des zweifach verwitweten Gurus unter den Schauspiellehrern. 15 Jahre waren sie zusammen, als Lee 1982 im Alter von 80 Jahren einen Herzinfarkt erlitt, nur zwei Tage vorher hatte er noch in "A Chorus Line" getanzt. Sie ist immer noch verliebt in ihn. "Ich war wie in der Twilight Zone", sagt Anna, als sie eigentlich erzählen will, wie Al Pacino sich 1982 in "Scarface" verwandelte, mit kubanischem Akzent sprach und ihre Wohnung am Central Park vollpaffte. "Al rauchte Zigarre in unserem Apartment, das fand ich sehr unhöflich und seltsam, denn eigentlich rauchte er nicht. Erst Jahre später realisierte ich, dass nicht Al, sondern Tony Montana mich besucht hatte."

Das hier ist keine normale Unterrichtsstunde. Das Lee Strasberg Institute in Hollywood ist die kleine Schwester der berühmten Schule in New York. Im Sommer 2009 sind 90 Studenten eingeschrieben, geradezu intim im Vergleich zur New Yorker Lehranstalt, wo fast 900 die Methode studieren. Hollywood ist dagegen ein Familienbetrieb. Annas jüngster Sohn David Strasberg, 38, führt die Geschäfte. An der Rezeption steht eine Schale mit runzeligen Äpfeln, Ernte aus dem Garten der Familienresidenz in Brentwood. Am Gemeinschaftstisch essen ein paar Studenten Pizza. "Alle unsere Schüler sind Strasbergians", sagt David Strasberg, "Familienmitglieder."

Im Programmheft fürs Sommersemester, wo die Lehrer für Shakespeare, Ausdruckstanz, Audition, Schauspiel für Film und Fernsehen aufgeführt sind, blieb diesmal ein Namensfeld frei. Für Mrs. Strasberg, die ausnahmsweise einen Kurs übernehmen wollte. Inkognito. Aber wohlüberlegt. Im Vorfeld ließ sie sich deswegen über die Neuzugänge im Sommerprogramm berichten und wählte die acht interessantesten aus. Aber was macht einen Menschen interessant für jemanden, der die zwölfjährige Angelina Jolie unterrichtete? Was ist speziell an dieser kleinen Elitetruppe aus der ganzen Welt?

Mitmachen darf jeder - wenn das Geld stimmt

Marianna, 23, aus Moskau, verwöhnte Tochter aus gutem Haus. "Sie ist so hübsch, es ist eine Freude, ihr zuzusehen. Sie muss nur lernen, hart zu arbeiten." Katharina, 18, Halbchinesin aus dem schwäbischen Geislingen, die eigentlich Wirtschaftswissenschaften in Oxford studieren soll, kurz davor jedoch einem inneren Drang nach Schauspiel und Gesang unterlag, den sie bislang unterdrückte, weil ihr Vater immerhin mal einen Oscar für die Filmmusik von "Der letzte Kaiser" bekam. "Sie hat das Zeug, muss aber ihren Background vergessen." "L.C." aus Nordkalifornien, 58 Jahre alt und bereits Urgroßmutter, die mit 18 ihr erstes Kind bekam und allein aufzog, mit ihrem späteren Mann eine Baufirma leitete und nun endlich wahr machen will, wovon sie ein Leben lang träumte. "Ihr Mut beeindruckt mich." Kathleen aus New York, die jetzt schon alterslos ist, monroeblond gefärbt und einen Hang zum Theatralischen pflegt. "Sie muss aufhören zu spielen und lernen zu fühlen." Und Christina, 20, blonde Bilderbuch-Dänin mit Theaterambitionen. "Sie besuchte eine Steiner-Schule. Ihre Disziplin ist ihre Stärke."

Im Prinzip kann jeder einen Strasberg-Sommerkurs belegen, der das nötige Geld hat. Ein Vorsprechen wird nicht verlangt. 2400 Dollar kosten sechs Wochen Unterricht, dazu kommen Unterbringung, Verpflegung. Anna Strasbergs Auserwählte gehören nicht zur Spezies der "Struggling Actors", von denen es in Hollywood wimmelt. Leiden für die Kunst hat nur im Rückblick Sinn. George Clooney erinnert gern an die Zeiten, als er sich mit tausend Kakerlaken ein Zimmer teilte. Oscar-Gewinnerin Hilary Swank schlief gar obdachlos im Auto.

Christina, die Dänin, teilt sich ein Zimmer mit einem UCLA-Studenten, den sie im Internet fand. Los Angeles ist noch riesiger, als sie sich das im fernen Herlev ausgemalt hatte. "Ich brauche 40 Minuten mit dem Bus nach Hollywood." Busfahren in Los Angeles ist eine exotische Erfahrung, "die einzigen Passagiere sind Obdachlose und ich". Ein wenig gewöhnungsbedürftig sei das schon. Dafür lernte sie auf einer Party ihres Nachbarn den Rapper Ludacris kennen. Und im "House of Blues" am Sunset Boulevard den Ex-Mann von Reese Witherspoon, Ryan Phillippe. "Schon ziemlich cool", findet sie, "dass man hier einfach in einen Star reinlaufen kann."

Es klaffen drei Generationen zwischen Mrs. Strasberg und den jungen Mädchen. Das merkt man. Für die erste Unterrichtsstunde hat die Lehrerin ein Bild gefordert, irgendein Porträt, das zur Nachstellung inspiriert. Mrs. Strasberg dachte: Museum. Die Schülerinnen: Internet. Kathleen, die Möchtegern-Monroe, fuchtelt mit ihrem Handy, da sei ein Schnappschuss drin von der Mona Lisa "aus Paris". So nicht. "Was gibt euch das, twittern und mailen?", fragt Anna Strasberg streng. "Geht ins Museum. Von mir aus auf hohen Absätzen", sagt sie mit Blick auf die Jimmy-Choo-Stilettos der Russin. "Umgebt euch mit Kunst! Lernt! Hört Musik, seht euch Gemälde an, lest Bücher." Was für Bücher? "The History of Tom Jones" wäre ein guter Anfang. Was? Tom Jones. Von Henry Fielding. Wie buchstabiert man den? Eifriges Mitschreiben.

"Schauspieler schöpfen aus ihrem reichen Innenleben", doziert die Witwe, "wie könnt ihr von Großem träumen, wenn ihr euch nicht mit großer Kunst umgebt? Was ist schon Technik? Die Technik versucht nur, immer menschlicher zu werden." Mrs. Strasberg verachtet sprechende Computer, sie hält es lieber mit Shakespeare. "Ich verliebte mich in Lee, weil er mich bei unserem ersten Kennenlernen wie Einstein behandelte. Als sei ich nicht nur ein hübsches Ding aus Venezuela, sondern eine Intellektuelle. Lee war der Ansicht, alles ließe sich wissenschaftlich erklären, ich begehrte auf und zitierte Hamlet There are more things in heaven and earth, Horatio, than are dreamt of in your philosophy! Vier Monate später heirateten wir."

Über Method Acting kursieren viele Schnurren. Robert De Niro soll immer noch Klassen in New York belegen, heißt es. (Quatsch, er ist nur ein Freund des Hauses.) Marlon Brandos animalische Körperlichkeit in "Endstation Sehnsucht" gilt als Paradebeispiel für den erhöhten Naturalismus, den Strasberg von seinen Schülern forderte. Dabei studierte Brando bei Strasbergs früherer Mitstreiterin und späterer Konkurrentin Stella Adler. Immer noch halten viele Brandos Nuscheln für Method Acting, ein tragischer Irrtum, stellt Frau Strasberg richtig, denn "Brando war ein Gorilla". "Ja", ruft sie in ungläubige Gesichter, "aber er war es nur für diese eine Rolle. Geht in den Zoo, studiert das Muskelspiel der Affen, das Gebrüll der Löwen. Das ist eine Lektion in Stärke."

Ein Strasberg-Kurs - auch für deutsche Größen Pflichtprogramm

Jeder Schauspieler, der in Deutschland wer ist, hat einen Strasberg-Kurs im Resumee. Von Franka Potente bis Christoph Waltz. Und jeder, der sich für einen Schauspieler hält, glaubt an die Methode, ohne sie recht erklären zu können. Die Grundidee dahinter, die Strasberg von dem russischen Theater-Reformer Konstantin Stanislawski übernahm, ist relativ simpel: Lerne, deine gesammelten Lebenserfahrungen abzurufen. Stanislawski, dessen Moskauer Theater den jungen Strasberg auf einer US-Tour nachhaltig beeindruckte, suchte nach der Essenz des Durchlebten. Unter Strasberg wurde daraus das emotionale Gedächtnis. "Du begibst dich an den Ort, den du erfahren möchtest und stellst dir Fragen: Was sehe ich? Was höre ich? Was rieche ich? Was schmecke ich? Was spüre ich auf meiner Haut? Ist es heiß? Ist es kalt? Wo fühle ich diese Temperatur? An welcher Stelle meines Körpers? Was trage ich? Wie fühlt sich der Stoff meiner Kleidung an?" Oder, wie es Mrs. Strasberg formuliert, als sich Kathleen an der Rolle der Meggie aus "Die Katze auf dem heißen Blechdach" übernimmt: "Ich will, dass du wirklich traurig bist und nicht bloß heulst."

Die dritte Woche hat begonnen. Heute sollen die Schülerinnen einen Obstsalat zubereiten. Marianna schleppt zwei Tüten mit teuren Bio-Früchten an, aber kein Messer und keine Schale. "Wie willst du einen Salat machen", fragt Frau Strasberg. "Ich weiß nicht", lacht das russische Töchterchen, "ich habe noch nie Salat gemacht." Die anderen staunen. Möchtegern-Marilyn hat nichts mitgebracht, ihr Leben war zu dramatisch inzwischen, sie engagiert sich nebenher für eine obskure Ernährungsberaterin, die Krebs und Autismus mit Diät zu heilen verspricht. Darüber hat sie die Hausaufgaben vergessen. Dafür eine neue Szene aus Liz Taylors Repertoire einstudiert. "Jetzt nicht", bestimmt Frau Strasberg, "geh erst einmal in den Supermarkt und besorge dir Obst." So hielt es Lee auch mit Marilyn. Als die Monroe ihrem notorischen Zuspätkommen vorbauen wollte, indem sie erklärte, sie sei einfach nicht fähig, pünktlich zu sein, sagte Lee Strasberg "Darling, wenn du nicht pünktlich sein kannst, komm' einfach zu früh."

Method Acting ist auch praktizierte Lebenshilfe. Die Mädchen schnippeln Früchte und rezitieren dabei einen Monolog ihrer Wahl, unterbrochen von Gesang. "Somewhere over the Rainbow" trällert Christina, Marianna fällt kein Lied ein. Kathleen spießt affektiert Apfelstückchen auf und wirft verachtende Blicke Richtung eines imaginären Paul Newman. Die Übung: absolute Konzentration bei gleichzeitiger Entspannung. Mit der Zeit leuchtet die Methode immer mehr ein. Die Schülerinnen sollen im Kreis marschieren, mit den Hüften wackeln, Arme schwingen, alle wollen auffallen.

"Nennt vier Nobelpreisträger", ruft Frau Strasberg. Der Rhythmus ändert sich. Aus dem wippenden Gang wird ratloses Schlendern. Marianna bleibt stehen: Gorbatschow, Madame Curie, Nabokow, Einstein. "Sehr gut, aber vergiss das Gehen darüber nicht", lobt Frau Strasberg, "und jetzt sagt mir noch, in welchem Jahr sie ihre Preise gewonnen haben?" Die Schülerinnen vergessen das Schaulaufen übers Nachdenken. Jede geht auf ihre Art. Sie posieren nicht mehr. Gehen einfach. Ziel erreicht.

"Lee lehrte mich das Lehren. Ich habe keine Stunde seines Unterrichts verpasst. Wenn ich wegen der Kinder mal nicht dabei sein konnte, beauftragte ich einen Studenten, ein Band mitlaufen zu lassen", erzählt Anna Strasberg später ein Stockwerk höher, im ehemaligen Büro des Meisters. Es wirkt ein bisschen wie ein Museum mit Schwarzweißbildern berühmter Absolventen an den Wänden, einem leeren Schreibtisch, unverputzten Backsteinwänden. "Er ließ sich eine Couch hier reinstellen, um sich auszuruhen. Aber er hat sie nie benutzt. Er wollte immer bei seinen Studenten sein."

Auf der Beerdigung kam ein unbekannter Mann auf Anna Strasberg zu und fragte: "Sie sind Lees Mädchen, nicht wahr? Ich möchte Sie nur wissen lassen, dass ich Ihrem Mann alles verdanke. Seine Weisheit hat mich zu dem gemacht, was ich bin." Anna Strasberg lächelt zärtlich bei der Erinnerung. "Lee sprach zu so vielen Menschen. Der Mann war der Boss der New Yorker Hells Angels."

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Autor:
Brigitte Steinmetz