London Zu Besuch in der Kathedrale Heathrow

Manche Menschen erzählen, Europas größter Flughafen, London Heathrow, sei jetzt zeitgemäß geworden. Nicht länger mehr diese spätviktorianische Hölle an Verspätungen, gestrichenen Flügen, verschwundenen Gepäckstücken und tausenden schlecht gelaunter Menschen. Was zu behaupten natürlich Unfug ist oder allenfalls eine Teilwahrheit mit dem Namen "T5".

Das neue, schicke, leistungsfähige Terminal 5, in dem British Airways seit März 2008 all seine Heathrow-Passagiere abfertigt - statt wie zuvor in den beiden abgerockten Terminals 1 und 4 -, ist eine imposante Veranstaltung. Die von Richard Rogers geschaffene Stahl-Glas-Beton-Konstruktion ist 40 Meter hoch und 400 Meter lang, gekostet hat sie 5,6 Milliarden Euro.

Eine "Kathedrale" hat der Schriftsteller Alain de Botton (Jahrgang 1969) das Terminal in seinem jüngst auch auf Deutsch erschienenen Buch "Airport" genannt. Dazu muss man wissen, dass de Botton für seine Recherchen eine Woche lang auf Kosten der Betreibergesellschaft im T5 zubringen durfte, ihm es mithin an Distanz mangelt. Und doch ist der Vergleich passend.

Am eindrucksvollsten lässt sich das erleben von der Terrasse der "First Lounge", die den kostbarsten BA-Kunden vorbehalten ist, Personen wie etwa der Schauspielerin Angelina Jolie. Vom spärlich möblierten Areal mit teurem Holzboden blickt man in den Himmel der Halle, und die Eleganz dieser gigantischen, hier so nah und leicht wirkenden Dachkonstruktion bezaubert.

Es ist verrückt, aber für einen kurzen Moment stellt sich hier oben tatsächlich eine Art von Urlaubsgefühl ein, inmitten jenes leisen Surrens aus Menschengeräuschen und Lautsprecheransagen, das von irgendwo da unten herauf dringt. Hier auf dieser Ausflucht wirkt die British-Airways-Welt erhaben. Was sie nicht ist.

Im Jahr 2009 hat BA einen Verlust von knapp 500 Millionen Euro verzeichnet, das größte Minus in der Geschichte der Airline. In diesem Jahr haben die Streikmaßnahmen der Flugbegleiter die Gesellschaft schon 180 Millionen Pfund gekostet. Hintergrund: BA muss dringend Kosten reduzieren. In erster Linie beim Personal. Vor diesem Hintergrund ist auch die neue Nutzerführung im Check-In-Bereich des Terminals zu sehen.

An 96 Selbstbedienungsschaltern und 90 Gepäckaufgabeautomaten, zusätzlich zu den 54 klassischen Check-In-Schaltern, soll der BA-Kunde möglichst selbst jene Aufgaben übernehmen, für die er in der guten alten Zeit der Fliegerei - also denen mit Concorde und ohne Low-Cost-Carrier - noch Personal an seiner Seite wusste. Davon ist auch noch ein bisschen was vorhanden, erklärtes Ziel von BA ist gleichwohl: Möglichst bald schon sollen 80 Prozent der Kunden sich selbst in die Maschine einbuchen und ihr Gepäck eigenständig aufgeben.

Bei der Eröffnung des T5 vor gut zwei Jahren klappte das noch nicht besonders, tatsächlich fügte sich das neue Schmuckstück an diesem Tag nahtlos in das seit Jahrhunderten existierende Bild von Heathrow: 33 Flüge mussten storniert werden, das im Vorfeld als superinnovativ eingeführte Gepäckbeförderungssystem kollabierte, Tausende Koffer konnten nicht rechtzeitig oder gar nicht transportiert werden. Rolltreppen und Parkautomaten versagten ebenfalls den Dienst.

Riesige, seelenlose Shopping-Mall

Inzwischen ist das abgestellt. BA gibt an, dass sich die Pünktlichkeit der Flüge von 50 auf 80 Prozent verbessert habe und auch die Kofferzustellung laufe mehr als zufriedenstellend. Der bisher geschäftigste Tag in der noch jungen Geschichte des Terminals war der 31. Juli 2009, als knapp 83.000 Passagiere in dem Gebäude abgefertigt wurden. Vor wenigen Tagen haben sie den 50-millionsten Besucher im T5 gezählt.

Hat man den Check-In im T5 hinter sich, stößt man auf eine gigantische Shopping-Mall über zwei Etagen. Im gastronomischen Teil gibt es Systemisches von Starbucks, Wagamama und dem dieser Tage in London unvermeidlichen Sterne-Chef Gordon Ramsay. Der Schotte bietet neben dem Besuch seines Restaurants auch ein - wie er das nennt - "plane picnic" an, das aus drei Gängen besteht und zum Preis von 11,95 Pfund mit an Bord genommen werden kann - nachdem man die Auslagen der Filialen von Harrods, Gucci, Prada, Dior, Bulgari, Tiffany, Paul Smith, Mappin & Webb in Augenschein genommen hat, wo ansprechende Umsätze hergestellt werden, so seelenlos diese Anhäufung immergleicher so genannter Premium-Marken auch wirkt.

Da tut ein Ausflug mit dem kostenlosen Underground-Shuttle ins Terminal 4 gut. Nach ein paar Minuten Fahrt betritt man hier eine andere Welt. Die gute, alte, schrottige, verspätete, vollgestopfte Heathrow-Welt. Indische Familien, die am helllichten Tag in Haufen auf Bänken schlafen. Überquellende Mülleimer. Überlange Schlangen vor dem Abflugschalter nach Amsterdam. Und dazwischen ein paar traurig dreinblickende, fertig dreinblickende Menschen in England-Fußballtrikot, mit umgehängter Vuvuzela-Tröte.

"Egal, was erzählt wird, Heathrow ist immer noch überfüllt und gefürchtet wegen seiner Störungen", sagt die Dame am Empfang des "Yotel", einem interessanten Ansatz für ein Flughafenhotel, dessen Eingang sich im Terminal 4 ein wenig versteckt auf einer Zwischenebene findet. Gegenüber dem prolligen Pub "Windsor Castle" und rechts von einer lieblos hingeknallten Bezahl-Internetstation.

Das Geschäftsmodell des Yotel ähnelt dem von Low-Cost-Carriern oder japanischen Bienenwabenhotels. Maximale Nutzung aller Flächen, schlichte Aufmachung, Self-Service. 32 Zimmer, davon sechs Doppelzimmer und zwei Premium-Räume mit King-Size-Bett ausgestattet - kein Raum größer als zehn Quadratmeter. Das Einzelzimmer kann man auch für vier Stunden buchen, ab 29 Pfund. Manche Räume werden am Tag drei- bis viermal belegt. Und wer kommt hierher?

"Die meisten kommen hierher", sagt die Rezeptionistin, "weil sie ihre Flüge verpasst haben oder weil die Maschinen nicht gestartet sind." Andere wiederum, weil sie die Anfahrt scheuen, wenn sie eine Abflugzeit in den frühen Morgenstunden haben. Leute etwa aus Oxford reisen am Vorabend an, übernachten im Yotel und brauchen nach dem Aufstehen nur noch ein paar hundert Meter zum Gate zurückzulegen.

"Über Nacht sind wir immer ausgebucht", behauptet die Rezeptionistin. "Weil es immer noch besser ist, bei uns zu übernachten, anstatt die Nacht da draußen auf den Sitzbänken verbringen zu müssen." Erleichterung. Es gibt es noch, das gute, alte Heathrow.

Autor:
Thomas Lötz