Fast Lane Von Schmelztiegeln und Motorschäden

Wie oft nehmen Sie sich die Zeit mal herauszufinden, wo Ihre Aufträge eigentlich so herkommen? Wenn Sie eine kleine Rahmenmanufaktur und Galerie in Chicago besitzen, wissen Sie dann, ob Kunden extra von weit entfernten Nestern wie Madison in Wisconsin kommen, weil sie die besonders aufmerksame Betreuung honorieren? Wenn Sie ein Café in Melbourne besitzen, ist Ihnen die Tatsache bewusst, dass ein Teil Ihres Handels daher rührt, dass Sie in einem Bord-Magazin von Singapore Airlines erwähnt wurden? Und wie sieht es aus, wenn Ihr Geschäft eine größere Reichweite hat? Stellen Sie fest, dass einige Ecken der Welt ihre Ambitionen zurückzuschrauben scheinen, während andere diese noch ankurbeln?

Frisch von einer Reise um die halbe Erdkugel zurückgekehrt, machte ich mir eine Menge Gedanken darüber, wie man den wachsenden asiatischen Markt zufriedenstellen und gleichzeitig den normalen Handel in Europa und Nordamerika weiterführen kann.

Wenn ich nicht gerade diese Kolumne schreibe, teile ich mir die Zeit auf zwischen den Aufgaben als Kreativ-Chef und Vorsitzender meiner Agentur für Marken und Marketing, Winkreative, und als Herausgeber von Monocle. Dazu kommen Jogging durch Regent's Park und Entspannen in Marylebone, London. Mit der zunehmenden Ausdehnung meiner Business-Aktivitäten wurde mir immer klarer, dass es viel besser ist, von einer Zentrale aus zu arbeiten statt von zu vielen Außenstellen.

Korrespondenten für das Magazin und Projektmanager für die Agentur sind zwar unverändert vor Ort tätig, wir haben aber den Bitten von Kunden nach festen Kreativteams für unterschiedliche Märkte widerstanden, da wir an die Vorteile eines zentralen Nervenzentrums glauben. Dieses Modell funktioniert natürlich nicht für alle Unternehmensarten gleich gut wie für kleinere Firmen wie unsere (etwa 100 Leute für die Agentur und das Magazin). Wir haben uns jedoch dazu entschlossen, dass die kritische Masse in London residieren sollte, schließlich hat der liebe Gott das Flugzeug nicht ohne Grund erschaffen - nämlich zum Beispiel um Kunden zu besuchen.

Trotz meiner Vorbehalte gegenüber London ist es als Sitz der Unternehmenszentrale eindeutig die beste Wahl. Aus redaktioneller Sicht gibt es keinen besseren Ort für begabte Journalisten und Grafiker. Auch für die Marketing-Agentur kann London aus einem hochqualifizierten internationalen Talent-Pool quer durch alle Disziplinen schöpfen: Grafik-, Internet- und Verpackungsdesign sowie Architektur. Vom logistischen Standpunkt aus liegt die Stadt ebenfalls perfekt zwischen Amerika und Asien (mal ganz abgesehen vom superschnellen Sprung rüber auf den Kontinent), und Kunden kommen gerne mal zu Besuch. Vielleicht noch wichtiger: Die Regierung hat den Wert der kreativen Branchen für Stadt und Land erkannt. Sie sind fast so wichtig wie der ganze Bereich Verteidigung. Moment mal, hat sie das wirklich?

Der kreative Motor stottert

Fangen Sie mal irgendjemanden ab, der in der britischen Botschaft oder unten in der Whitehall Straße für den internationalen Handel zuständig ist, und fragen Sie, auf welchen Säulen die Marke Großbritannien ruht. Die Wahrscheinlichkeit, dass sofort der kreative Bereich genannt wird, ist sehr groß. Die britische Werbeindustrie wird genauso erwähnt werden wie die kulturellen und umsatztechnischen Beteiligungen englischer Fernsehformate sowie die Bedeutung der führenden Architekten des Landes. Irgendwann fällt dann vielleicht auch der Satz, wie wichtig eine bunt gemischte Gesellschaft für diese Entwicklung ist und man es vor allem Londons Verständnis als globalem Schmelztiegel zu verdanken habe, dass die Stadt zu einem Zentrum der Kreativwirtschaft wurde.

Mit den meisten Punkten stimme ich völlig überein und auch unser Unternehmen profitiert sicherlich von dieser Vielfalt. Heute Morgen habe ich mal die Sprachen gezählt, die in unserem Gebäude gesprochen werden, und kam auf etwa zwanzig - von Norwegisch bis Estnisch und von Koreanisch bis Bulgarisch. Vor sechs Jahre, in den Anfangstagen unserer Firma, genügte es, über solide Kenntnisse in den europäischen Sprachen zu verfügen, um unsere Geschäfte auf dem Kontinent abzuwickeln.

Inzwischen reichen unsere Unternehmungen jedoch bis nach Asien, deshalb mussten wir zusätzlich Leute einstellen, die Japanisch schreiben oder Projekte in Korea managen können. Zum Glück hatten wir kaum Probleme damit, internationale Talente zu uns zu holen. Indem wir sicherstellten, dass wir für die verschiedensten Aufgabe das jeweils passende Teams einsetzen konnten, waren wir dann in der Lage, unsere asiatische Kundenbasis auszubauen. Die gerade in Kraft getretenen neuen Visa-Bestimmungen für Großbritannien erwecken allerdings nicht gerade den Eindruck, als sei die Regierung wirklich daran interessiert, Firmen beim Wachstum zu helfen oder den ach so geliebten Kreativsektor zu fördern.

Da wir immer mehr Projekte in Korea übernahmen, brauchten wir dringend erfahrene Grafik-Designer, die mit den Kunden in ihrer eigenen Sprache kommunizieren können. Wir schauten uns zunächst in Großbritannien und Europa nach entsprechenden Bewerbern um. Da trotzdem Stellen unbesetzt blieben, mussten wir unsere Suche auf Seoul ausdehnen. Als wir den Fall unseren Anwälten präsentierten (und im Gegenzug dem Innenministerium), wurde uns gesagt, dass Senior Designer nicht als Teil des Visa-Programms anerkannt seien und der Antrag abgewiesen würde. Ich weiß nicht, welche Genies das ausgetüftelt haben, sie befinden sich aber offensichtlich nicht auf derselben Wellenlänge wie die Cheerleader in den britischen Missionen Brasilien und Delhi, die gerne die Bedeutung des kreativen Motors für England hervorheben.

Wenn gewünscht wird, dass englische Design-, Medien- und Film-Firmen auch in anderen Märkten gedeihen, wäre es dann nicht logisch, ihnen zu gestatten, das dafür benötigte Talent zu importieren, um diese anderen Märkte auch zu bedienen? Die Marke UK musste bereits den Verlust vieler anderer Bereiche verschmerzen, die langsam in andere Regionen abgewandert sind. Und genau darin liegt auch hier die Gefahr: All diese Autoren, Architekten, Designer und Projektmanager könnten sich dauerhaft in empfänglichere Gefilde begeben.

Autor:
Tyler Brûlé