England Unruhen in Jogginghosen

Woran merkt man, dass ein Land gescheitert ist? Wie kann es soweit kommen, dass ein Staat in einem zutiefst beschämenden Schauspiel für alle sichtbar die Kontrolle über entscheidende gesellschaftliche Bereiche (Sicherheit und Selbstachtung) aufgibt? Welche Rolle spielen dabei chronische Symptome wie die dürftige Infrastruktur, überfüllte Gefängnisse, das angeschlagene öffentliche Gesundheitssystem, die mangelhafte politische Führung, unterfinanzierte Streitkräfte und die gelähmte Wirtschaft? Oder ist es die allgemeine Tendenz zum verbalen Euphemismus (zum Beispiel Justizvollzugsanstalt statt Knast), die den Jugendlichen den Eindruck vermittelt, nun auch mal völlig durchdrehen zu dürfen?

Wenn ein Diplomat eines führenden Mitglieds der EU erzählt, dass seine Kollegen einen Bericht über ein bestimmtes Land auf der anderen Seite des Kanals zusammengestellt hätten, der mit dem Fazit "gescheitert" endet, gilt das dann schon als offizielles Urteil? Oder gibt es subtilere Hinweise darauf, dass ein Land sich in einem möglicherweise unaufhaltsamen Abwärtstaumel befindet?

Als ich am Dienstag aufwachte, erwarteten mich bereits jede Menge tief ironischer E-Mails von Freunden in São Paulo und Beirut, die mir Asyl in ihren Städten anboten und interessiert nachfragten, ob ich eigentlich gerne in einem Dritte-Welt-Land lebe. Die Nachrichten waren voll von Bildern abstoßenden zivilen Benehmens in ganz England und ich bat meine Freunde, mir Beispiele für die Wahrnehmung der Geschehnisse im Ausland zu mailen. Jede Aufnahme von Plünderungen, Übergriffen, Brandstiftungen und allgemeiner Gesetzlosigkeit war gleichzeitig das Symbol eines völligen Versagens der Gesellschaft.

Doch so entsetzlich die Bilder von brennenden Gebäuden, spuckenden Jugendlichen und plündernden Müttern auch gewesen sein mögen, noch verstörender wirkte das einheitliche Outfit, auf das sich die Entrechteten und Kriminellen an allen Ecken und Enden des Landes geeinigt hatten. Vergessen Sie Kapuzenpullover, Sonnenbrillen und Stirnbänder, die getragen werden, um die Gesichter unkenntlich zu machen und sich damit der leichten Identifikation durch die Videoüberwachung zu entziehen: Das Kleidungsstück der Stunde ist ein Paar ausgeleierter Trainingshosen, tief auf der Hüfte getragen.

Eltern im Schlafanzug vor Gericht

Es mag vielleicht gewagt sein, die grauen, an den Knien ausgebeulten Nike-Trainingshosen des randalierenden 16-Jährigen in Clapham mit der Kefije des Steine werfenden Jugendlichen in Ramallah zu vergleichen, aber im Prinzip stehen die Trainingshosen auf dieselbe Weise für den sozialen Verfall Großbritanniens wie die Kefije zu einem Symbol des Protestes und der Identität der Palästinenser geworden ist - und, in letzter Zeit auch für jeden, der noch eine Rechnung offen hat.

Es ist zwar schon mit ein wenig Eitelkeit verbunden, mit diversen Logos, Streifen oder springenden Wildkatzen verzierte Trainingshosen zu tragen, aber in erster Linie sind sie billig, pflegeleicht und praktisch: Man kann mit ihnen vom Bett auf die Straße und wieder zurück ins Bett gehen - in einer ewigen, zielgerichtet nach unten führenden Spirale der Viertel, in denen Kleidungsstücke an Wäscheleinen flattern oder über Balkongittern trocknen. Kurz: Trainingshosen stehen für Resignation, Kapitulation, Hoffnungslosigkeit - ein Markenzeichen für alle, die nicht mal mehr bereit sind, sich für die Öffentlichkeit wenigstens optisch ein bisschen herzurichten.

In all den Expertengesprächen im britischen Fernsehen wurde in den vergangenen Jahren wenig unternommen, um die Symbole zu entschlüsseln und so zum Kern der Probleme vorzudringen. Eltern sind ähnlich wie die Polizei ins Visier der Kritiker geraten. Wenn sie jedoch so schlimm wie ihre Kinder sind (oder sogar schlimmer), hat es wenig Sinn, sie zu beschuldigen - sie werden schließlich niemals die Fähigkeiten haben, ihren Nachwuchs zu fördern und zu kontrollieren, geschweige denn ihm als nachahmenswertes Vorbild zu dienen. Eine Radiomoderatorin wurde kürzlich auf Sky News beschimpft, weil sie das unangebrachte Erscheinungsbild der Eltern zur Sprache brachte, die ihre Kinder zur Verhandlung brachten. Ihrer Ansicht nach zeigten Eltern, die mehr oder weniger im Schlafanzug vor Gericht erschienen, genauso wenig Respekt für die Justiz wie ihre Kinder, die der Polizei Beleidigungen und Gegenstände entgegenschleuderten. Sie hatte Recht.

Die meisten werden mir zustimmen, dass die Krawalle ausnahmslos als Ausdruck fehlenden Respekts für die Rechtsstaatlichkeit zu bewerten sind, verbunden mit dem Fehlen jeglicher Furcht vor möglichen Konsequenzen. Wobei letztere auch gering sind, wenn man 15 ist und vor dem Jugendgericht steht. Was für weniger Sendezeit sorgte, ist die umfassende Erosion jeden Gefühls von Würde in Englands trostlosesten Gemeinden und was dagegen getan werden sollte. Viele Politiker scheinen sich freudig an die Linie ihrer Partei zu halten, auf den Straßen sofort wieder die Ordnung herzustellen und sich mit der Wurzel des Übels irgendwann später zu beschäftigen. Für mich übersetzt sich so ein Satz mit: "Belästigt mich jetzt nicht damit, nach einer Lösung suchen zu müssen, da ich zurück in meinen Urlaub will und sowieso bald aus der Regierung ausscheiden werde. Es ist also nicht mein Problem."

Es ist aber ein Problem aller und es muss heute angegangen werden. Mit einer der höchsten Jugendarbeitslosenraten in der westlichen Welt müssten die Vorstandsvorsitzenden und Politiker sich aus ihren Liegestühlen erheben, ihre Familien einpacken und mit auf einen Trip nach Deutschland, Österreich und die Schweiz nehmen, um zu sehen, wie die Ausbildung von Lehrlingen funktioniert und warum es immer noch sinnvoll ist, eine Wirtschaft zu haben, die auf die Produktion von Waren ausgerichtet ist. Wenn Englands Jugend keine Jobs hat, dann deshalb, weil private und öffentliche Bereiche sich fast ausschließlich auf die höhere Bildung konzentriert haben statt auf die Lehre oder darauf, eine Umgebung zu kreieren, in der Menschen diesen Aufgabe mit einem Gefühl von Stolz und Würde nachgehen können.

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Tyler Brûlé