Fast Lane Und der Gewinner ist...

Irgendwann zwischen der Kolumne von letzter Woche und dem Reintippen der heutigen habe ich meine Meinung darüber, was echte Lebensqualität ausmacht, geändert. Städte bekommen in der Regel gute Bewertungen, wenn sie niedrige Kriminalitätsraten, gute öffentliche Schulen und störungsfrei fahrende Busse, Straßen- und U-Bahnen haben sowie ein gutes Klima für kleinere Investitionen bieten. Während meines Kuraufenthalts an der toskanischen Küste begann ich jedoch, mir zunehmend die Frage zu stellen, ob die Kriterien, nach denen bewertet wird, ob eine Stadt schön lebenswert sei, nicht viel schlichter gefasst werden sollten.

Auch wenn mein Urlaub nicht gerade in einem urbanen Umfeld stattfand (Ich hatte mich im wunderbaren Locanda al Colle in der Nähe von Pietrasanta verkrochen), gab es doch genügend äußere Anzeichen städtischer Lebenskultur, um mich zum Nachdenken zu bringen. Einer der Hauptgründe, warum London niemals in der "Quality of Life"-Liste von Monocle auftauchen wird, ist der allgemein niedrige Wasserdruck der Stadt. Ich habe in den vergangenen gut 20 Jahren in mehr als zehn verschiedenen Wohnungen gelebt und ich glaube nicht, dass ich einmal zufriedenstellend duschen konnte. Egal ob es sich um schlichte Duschköpfe mit nur einer Sprüh-Funktion handelte oder um das raffinierteste Installationszubehör von Dornbracht, das eigentlich einen Jakarta würdigen Regenguss produzieren sollte: Ich denke nicht, dass ich in London jemals den Badvorleger mit Bedauern betreten habe, weil ich am liebsten noch etwas mehr Zeit unter dem belebenden Wasserstrahl verbracht hätte.

Nachdem ich alles von speziellen Wasserpumpen bis zur täglichen Entkalkung versucht hatte, um mehr als ein Rinnsaal aus dem Hahn herauszukitzeln, habe ich mich mit der Tatsache abgefunden, dass jeder Morgen in London wegen des geringen Wasserdrucks immer einen Tiefpunkt haben wird. Ich habe gelernt, das spärliche Tröpfeln als Teil meines Alltags zu akzeptieren und dabei fast vergessen, dass das Leben bedeutend besser ist, wenn man unter einem konzentrierten Strom aus warmem Wasser stehen kann.

Eine wahre Sintflut prasselte auf mich von einem riesigen Duschkopf herab, als ich letzte Woche an einem Morgen im Hotel anfing, eine einfache Liste mit Angeboten aufzustellen, die jeder Bürgermeister jedem Einwohner und Besucher jeden Tag garantieren sollte. Meine Zehn-Punkte-Checkliste lautete in etwa so:

Tylers Zehn-Punkte-Checkliste

1. Sorgen Sie dafür, dass die Stadtwerke in der Lage sind, nicht nur Trinkwasser zu verteilen, sondern Wasser, das aus den Hähnen, Fontänen und Duscheinrichtungen mit richtigem Druck herausschießt. Ein nicht unbedeutender wirtschaftlicher Aufschwung wird die Folge sein, da die Leute den Tag nun mit einem Gefühl der Erfrischung und Leistungsbereitschaft beginnen, statt enttäuscht und grantig wie sonst.

2. Gründen Sie eine Abteilung für guten Schlaf. Schlechte Betten, Kissen und Bezüge sollten verbannt werden und Händler nur Waren verkaufen dürfen, die sicherstellen, dass die Leute positiv gestimmt und gut gelaunt aufwachen.

3. Jeder sollte direkten Zugang zum Freien haben. Zu oft höre ich, dass neue Wohnungen in London keine Balkons haben, da es dort zu laut sei. Es sollte ein Grundrecht sein, dass jeder ein bisschen persönlichen Platz hat, um ein paar Atemzüge frische Luft zu genießen. Wenn dann etwas Gelächter oder lautere Unterhaltungen die Abendluft auch noch nach Mitternacht erfüllen - na und?

4. Unterschätzen Sie nicht den Wert einer guten Tasse Kaffees. Sie ist der Grund, warum Italiener fähig sind, alles vom grauenhaften Fernsehprogramm bis zu einem absurden Premierminister zu ertragen.

5. Frisch gepresster Orangensaft. Siehe oben.

6. Vertraute Plätze, um sich dort zu versammeln, sind ein Muss. Die Kneipe um die Ecke, der Stand des Obstverkäufers in der Nachbarschaft und ein freundlicher Kiosk sollten in jede Stadt fest eingeplant werden - und zwar alle paar hundert Meter, so dass Einheimische wie Besucher einen Ort haben, an dem man zuverlässig Anregungen und Informationen erhält. Wichtig ist, dass diese Geschäfte - wenn möglich - keinen großen Ketten angehören, sondern unabhängig betrieben werden.

7. Ist dieser Platz besetzt? Da die Bevölkerung immer mehr altert, sollte auch für mehr Sitzmöglichkeiten im öffentlichen Raum gesorgt werden - für Leute, die ihre müden Glieder ausruhen und ein paar Sonnenstrahlen genießen wollen.

8. Lieber bei überschaubaren Maßstäben bleiben, als überdimensional zu werden. Das Kleine und perfekt Gestaltete ist dem Weiten und Leeren vorzuziehen.

9. Das Nachtleben auf der Straße. Läden, Restaurants und Bars müssen nicht rund um die Uhr geöffnet haben, aber wenn sie an einen Abend in der Woche Haupteinkaufsstraßen bis Mitternacht öffnen (nein, nicht Oxford Street), kann das Gefühl etwas Besonderen entstehen.

10. Gute Fenster sorgen für gute Nachbarn. Ordentlich isolierte Fenster halten nicht nur die Wärme drinnen (oder draußen), sie schützen auch vor ungewolltem Lärm. Das heißt: Das Leben auf der Straße kann so weitergehen, während man in aller Ruhe ausschläft.

...und die Top Ten

Was uns zu Monocles Top-Ten-Liste der lebenswertesten Städte 2011 bringt. Während einige von ihnen noch an einer Handvoll der oben erwähnten Punkte arbeiten müssen, haben alle Strategien umgesetzt und sich in Projekten engagiert, die den Alltag einfacher machen, sowohl für Steuerzahler als auch für Touristen. Von Zürichs massiver Bahn-Infrastruktur bis zur Gründung einer neuen Business-Universität in Wien: Es gibt viel zu lernen von den urbanen Zentren, die ihren Schwerpunkt auf Qualität legen und gleichzeitig auch Raum für kreative Ideen und glückliche Zufälle lassen.

Und die Gewinner sind:
10. Madrid; 9. Tokio; 8. Berlin; 7. Sydney; 6. Wien; 5. Melbourne; 4. München; 3. Kopenhagen; 2. Zürich; 1. Helsinki. Lassen Sie uns die große Diskussion darüber, was eine Stadt wirklich lebens- und liebenswert macht, beginnen. Und ja, wir haben uns Helsinki im Winter angesehen und es hat unsere Stimme trotzdem bekommen.

Autor:
Tyler Brûlé