London Ruhezonen und die schönsten Parks

Mein Streben nach einem Leben in Müßiggang war immer von einem Widerspruch begleitet. Auf der einen Seite sehnen wir Freiheitssuchenden uns nach bummeligen Nachmittagen und ausgiebigem Faulenzen am Flussufer. Auf der anderen Seite sind wir ehrgeizig und erpicht darauf, die Welt zu beeindrucken, etwas von Wert zu erschaffen und unsere Ideen einem großen Publikum mitzuteilen.

Für mich verkörperte John Lennon dieses Paradox. Lennon schrieb viele Liedtexte, die das Faulenzen preisen: "I'm Only Sleeping" und "Watching the Wheels" sind die zwei bekanntesten Beispiele. Lennon liebte es, nichts zu tun and er kämpfte gegen die Welt des sinnlosen Konsums. Aber er war auch ein harter Arbeiter. Er war es, der sagte, die Beatles müssten von Liverpool nach London ziehen, um ihre Karriere voranzutreiben. Und später zog er weiter in die ultimative Nonstop-Stadt New York, weil er in der Welt noch höher aufsteigen wollte. Diese Entscheidung hatte gemischte Folgen - deswegen auch der etwas defensive Tonfall von "Watching the Wheels".

Wir finden die gleiche Ambivalenz gegenüber weltlichem Erfolg bei vielen Literaten. Samuel Johnson schrieb Lobgesänge auf den Müßiggang und war von Natur aus sehr faul, geradezu melancholisch, aber er stellte auch ein ganzes Wörterbuch zusammen und schrieb viele weitere Bücher - Lyrik, Prosa und Drama. Oscar Wilde verachtete Konventionen, aber er war Herausgeber kommerzieller Zeitschriften und unternahm strapaziöse Rednerreisen. Er pries das Leben der intellektuellen Besinnung, aber er war eindeutig zur gleichen Zeit produktiv.

Obwohl ich es nicht wagen würde, mich auf die gleiche Stufe zu stellen wie die genannten drei überragenden Geister, spüre auch ich die konkurrierenden Versuchungen des weltlichen und weltfremden Lebens. Vor neun Jahren verließ ich mit meiner Familie London und zog in ein verwahrlostes Bauernhaus in der englischen Provinz. Wir lebten wie Bohemiens in glücklicher Armut: Unser drittes Kind kam auf dem Fußboden des Badezimmers zur Welt. Wir lernten backen und Gemüse anpflanzen.

Aber vor Kurzem spürten meine Frau und ich wieder die magnetische Anziehungskraft Londons. Wir eröffneten einen Buchladen und ein Café in Westlondon und warfen uns abermals hinein in das Getümmel des "großen Geschwürs", wie der Landwirt und Journalist William Cobbett London im frühen neunzehnten Jahrhundert nannte. Nun verlässt also einer von uns jede Woche unser Faulenzernest, um ein fleißiger, bürgerlicher Ladenbesitzer in London zu sein, der jeden Tag um zehn Uhr seine Türen öffnet und versucht, viele Bücher und Kaffees zu verkaufen. In meinen Tagen des Müßiggangs habe ich Kaffee, den Treibstoff des modernen Lohnsklaven, gemieden. Ich bevorzugte Tee. Aber jetzt, da ich öfters in der Stadt arbeite, ertappe ich mich immer häufiger dabei, dass ich ihn trinke und deswegen den Morgen in einer Art aufgedrehten Zustand verbringe.

Wie kann man das Stadtleben - mit seiner Hektik und seinem Stress -mit der Sehnsucht, ein Müßiggänger zu sein, versöhnen? Vielleicht können wir etwas von den flaneurs lernen. Baudelaire und andere Dichter im Paris des neunzehnten Jahrhunderts schufen diese literarischen Figuren. Und vor allem Edgar Allen Poe, der seinen "Mann in der Menge" durch London flanieren lässt. Diese Figuren sind melancholische Beobachter der Stadt, die sich dennoch nicht als Teil von ihr sahen. Der Flaneur streicht durch das rege Treiben und bewahrt dabei eine Distanz zu allem und jedem. Gérard de Nerval, Poet und Zeitgenosse Baudelaires, nahm auf seinen Streifzügen durch Paris meist eine Schildkröte mit, denn er "wollte die Schildröte das Tempo bestimmen lassen". Die entscheidende Erkenntnis der Flaneure war, dass sie als Müßiggänger die Stadt nicht verlassen mussten, sondern durch ihre Distanziertheit glücklich dort leben konnten. So wurden sie kein Opfer der Stadt.

Kann man in der Stadt einnicken? Ja!

In London sind unsere vielen wunderschönen Parks die naheliegendsten Orte, um abzuschalten. Hyde Park, Kensington Gardens, Green Park, Hampstead Heath, Richmond Park mit seinen Rotwildherden: Sie alle sind herrliche öffentliche Anlagen, Oasen der Ruhe und des Miteinanders in einer Stadt voller selbstsüchtiger Menschen. Parks - und seien sie noch so künstlich - stellen für den Londoner eine Verbindung zur Natur dar, zu Bäumen, Blumen, Wasser und Erde. Und man kann sehen, wie sich das Verhalten der Menschen ändert, sobald sie eine dieser eleganten Oasen betreten. In der U-Bahn neigt man dazu, wie eine verrückte Ratte mit großer Geschwindigkeit durch den Tumult zu eilen. Pendler boxen sich gegenseitig aus dem Weg, das ist nichts Neues. William Morris - Sozialist und Kunsthandwerker im neunzehnten Jahrhundert - nannte die Londoner U-Bahn abfällig "dieses stinkende Dampfbad der missmutigen Menschheit".

Aber wenn der aggressive Städter aus der U-Bahn oder dem Büro zur Mittagspause entlassen wird, verwandelt er sich in einen trägen Träumer. Dann rollen Sekretärinnen ihre Röcke hoch, junge Buchhalter ziehen vielleicht sogar die Schuhe aus, räkeln sich auf dem Gras und genießen die Sonne. In den Parks gibt es Freibäder und Seen, Vögel und Eichhörnchen, sich ständig wandelnde Blumenschauspiele. Man kann hier sogar reiten. Es gibt Cafés und Kunstgalerien. Von einem Moment zum anderen wird das Leben besinnlicher: nur am Geländer vorbei, hinein in eine neue Welt.

Und falls Sie London geschäftlich besuchen sollten oder Termine haben, hier ein Tipp, um die Geschwindigkeit zu drosseln: Gehen Sie zu Fuß. Ich meide in London stets die U-Bahn und laufe - überallhin. Ich lief einmal absichtlich langsam von Paddington nach Piccadilly und ließ das ganze Leben einfach an mir vorbeiströmen. Ein langsamer Spaziergang kann einen zurückbringen ins Hier und Jetzt. Lassen Sie Ihre Terminnot zurück und bummeln, schlendern, wandern Sie. So wurde ich in meiner eigenen Stadt zum Touristen.

Der Weg entlang des Regent's Canal ist ein weiterer Tipp. Mein Freund Danny lebt auf einem kleinen Boot, das auf einem See hinter dem Bahnhof von King's Cross liegt. Inmitten der Stadt befindet sich hier eine Art "Entschleunigungs-Gemeinschaft " von Hausbootlern. Sie haben ihren eigenen Garten und Klub, und wenn ihnen danach ist, können sie einfach durch London treiben. Sechs Wochen nach Eröffnung unseres Buchladens fühlte ich mich erschöpft, und Danny bot mir an, mich und meine Familie an meinem Geburtstag auf eine Bootsfahrt mitzunehmen.

Wir tuckerten durch die drei Schleusen von Camden Town und wurden von den Touristen angeglotzt. Glitten weiter durch die Vogelhäuser des Londoner Zoos, einen langen Tunnel entlang und hinein in die Ruhe von Little Venice. Der Kanal führte dann unter dem gewaltigen Westway hindurch - der erhöhten Schnellstraße, die Autofahrer vom Westen in die Stadt bringt - und wir picknickten an der Ladbroke Grove. Dieser Tag am Kanal war durch das gemächliche Tempo der Fortbewegung ungemein beruhigend und unterhaltsam. Und er war nicht langweilig: mein Sohn Arthur, elf Jahre alt, sagte über unsere Bootsfahrt: "Das war bis jetzt der beste Tag meines Lebens!"

Ich schaffte es sogar, auf dem Boot ein kleines Nickerchen zu halten - das A und O des Daseins als Müßiggänger. Nichts kann mir etwas anhaben, wenn ich nur irgendwann am Tag ein Schläfchen halten kann. Selbst ein kurzes genügt schon. Was zu der Frage führt: Kann man in der Stadt einnicken? Und die Antwort ist ein schallendes Ja! Es gibt Orte, an denen man ganz einfach in die Traumwelt hinübergleiten kann.

Poesie im "reisenden Balkon"

Auch hierfür hat London seine Parks. Ich habe viele träge Nachmittage damit verbracht, unter einem Baum auf dem Rasen eines Londoner Parks vor mich hin zu dösen, während die Wolken am Himmel schwebten und Väter ihren Söhnen Fußbälle zuspielten. Das zweite sind die Kirchen - und London ist völlig überzogen von prächtigen Kirchen. Selbst wenn man sich nicht traut, in der Kirche einzuschlafen, kann man dort immer hingehen, um allein zu sein, zu schweigen, zu beten, zu meditieren. Kirchen sind Orte des Friedens - wie die Gärten. Und wie die Parks sind sie kostenlos.

Und dann ist da noch die einfache Parkbank. Auf ihr kann man sein Buch lesen, in die Luft starren, sich in erotischen Tagträumen verlieren oder in einen sanften Schlaf sinken. Ich habe immer davon geträumt, die Aufstellung neuer Bänke in London zu finanzieren und sie alle mit Zitaten von Samuel Johnson oder Oscar Wilde gravieren zu lassen.

Doch ich bin niemals dazu gekommen. Wahrscheinlich bin ich zu faul. Das Busoberdeck ist ein weiterer Tipp für alle, die sich danach sehnen, durch die große Stadt zu trödeln. Victor Hugo nannte das Oberdeck einen "reisenden Balkon", und es ist leicht, sich hier in seinen Träumen zu verlieren. Vom Oberdeck aus kann der begabte Müßiggänger das ganze Leben betrachten, über all die fleißigen kleinen Leute erhaben und mit der Blasiertheit eines typischen Flaneurs. Ich fühle mich dann sowohl unscheinbar als auch den Göttern ebenbürtig. Das Busoberdeck ist auch ein guter Ort, um Poesie zu lesen. Anstatt sich von der schrecklichen Propaganda der Zeitungen, von den entsetzlichen Bildern und Schocktherapien für die müden Pendlerseelen den Kopf verdrehen zu lassen, empfehle ich, einen dünnen Gedichtband mit in den Bus zu nehmen. Auf diese Weise erhebt sich der Leser in eine unnahbare Position. Romantische Poesie ist dafür am besten geeignet.

Und dann gibt es zur Entschleunigung ja noch diese brillante Erfindung des neunzehnten Jahrhunderts, die so effizient Muskelkraft in Bewegung umsetzt: das Fahrrad. Auf dem Fahrrad kann jeder - im Gegensatz zur ohnmächtigen Fortbewegung mit Taxi und U-Bahn - sein eigenes Tempo bestimmen. Das kann man zwar auch im Auto, aber mit dem Rad kann man im Schneckentempo trödeln, um in jeder noch so unbedeutenden, aber reizvollen Gegend zu rasten - oder aber die Nebenstraßen entlangrasen - London ist ziemlich eben. Auf dem Fahrrad spürt man wahre Freiheit und erfährt, wie wunderschön es ist, kein oder zumindest sehr wenig Geld ausgeben zu müssen: Unsere neuen öffentlichen Fahrräder sind ausgesprochen preisgünstig.

Die erste Maßnahme eines Touristen in London sollte es daher sein, eine Karte mit Fahrradwegen zu kaufen. Die Bedingungen für Radfahrer verbessern sich ständig. Das Fahrrad verbindet einen mit der Natur - in unserem Fall mit Wind, Sonne und Regen. Und wer es in London satt hat, sich treiben zu lassen, bewegt sich einfach schneller und koppelt wieder an die Welt an. Freiheit ist der Stoff des Lebens und in London kann man sie noch immer einatmen, die altmodische englische Freiheit.

 

Schlagworte:
Quelle:
Autor:
Tom Hodgkinson