Fast Lane London ist ein Provinznest

Für Londoner Verhältnisse lebe ich in einem Hochhaus. Ich bewohne eine Maisonette-Wohnung im obersten Stockwerk eines historischen Gebäudes im Herzen Londons. Von meiner Terrasse aus sehe ich den BT Tower, die Lichter auf der westlichen Zufahrtsstraße nach Heathrow und die Dächer von Marylebone.

Jetzt, wo der Frühling einen Gang zulegt, reiße ich morgens meist alle Türen auf, um ein bisschen Indoor-Outdoor-Lebensgefühl zu kreieren (soweit das Wetter es zulässt) und ein paar Strahlen Sonne zu genießen, bevor der Himmel um kurz nach 9.30 Uhr beginnt, sich wieder zuzuziehen. Fast wäre ich geneigt, das als Penthouse-Living zu bezeichnen, wenn mein Penthouse, da wir uns ja in London befinden, nicht etwas vertikal gehandicapt wäre, da es sich gerade mal drei bis vier Stockwerke über den Straßen von W1 befindet.

Trotz der liliputhaften Dimensionen ist es für Marylebones Verhältnisse ein hohes Gebäude und sticht unter seinen Nachbarn hervor. Es teilt sich den Luftraum mit den Schüsseln und Antennen, von denen das Dach der Chinesischen Botschaft überquillt, und gibt Einblicke in die hübsche Wohnung auf der anderen Straßenseite, die einem Pärchen gehört, das ich nie unten auf der Straße sehe, häufig aber dabei erwische, wie es Szenen häuslichen Glücks aufführt. An Tagen, an denen der Himmel weit und klar ist, fühle ich mich durch diese Ausblicke gen Süden mit der iberischen Halbinsel verbunden; wenn er grau ist und tief hängt, wird alles feuchtkalt und erinnert an Dickens.

Vergangenen Samstag kam ich von einer zehntägigen Tour durch Asien zurück nach London und konnte nicht anders als mich - vom strahlend blauen Himmel und der warmen Brise mal abgesehen - zu fühlen, als sei ich in einem elenden Kapitel von "Oliver Twist" gelandet. In Heathrow herrschte das übliche Chaos - mit der zusätzlichen Steigerung eines Feueralarms, der den gesamten Ankunftsbereich stilllegte, und einer kaputten Lautsprecheranlage, die dafür sorgte, dass frisch aus Hongkong, Tokio und Singapur eingetroffene Passagiere sich fragten, ob sie nun alle vom britischen Zoll festgenommen würden oder kurz davor seien, abgefackelt zu werden. In der Taxischlange vor Terminal 3 standen die Taxifahrer unter Strom und waren erregt und zu beschäftigt, anstatt ihren Hintern aus den gemütlichen Sitzen hochzuhieven, um etwa dem älteren kanadischen Ehepaar beim Gepäckeinladen zu helfen oder konsternierten Müttern dabei zur Hand zu gehen, ihre Sprösslinge und Kinderwägen im Inneren des Wagens zu verstauen.

Auf dem holprigen Weg nach London spiegelten die Wahlplakate der verschiedenen Parteien, die neben der Werbung von Fluggesellschaften klebten (die wiederum elektronische Leckerbissen aus Asien anpriesen), meine aktuelle Post-Flug-Stimmung am besten wider. Wurde ich nun gebeten, Parteien zu wählen, die zu schlecht ausgestattet waren, ihre Sache auf Weltniveau zu bringen, oder wurde ich gebeten, mit meinen Füßen abzustimmen und schleunigst in Länder zurückzukehren, die das Vereinigte Königreich schon jetzt überholt hatten?

Eine Nation ohne Würde und Stolz

Die Wähler in Großbritannien haben ein ganzes Buffet zur Auswahl (pürierte Richtlinien, Schönredner-Kandidaten und eingelegte Versprechungen), aber nichts davon ist sonderlich appetitlich. Was wurde die Programmatik der drei Parteien dieses Mal herausgestellt, und doch findet sich dort wenig, was die Wähler davon überzeugen könnte, dass sie mit ihrer Stimme eine Gruppe von Individuen unterstützen, die das Land mit einer gewissen Kühnheit und einer entsprechenden Weltanschauung in die Zukunft führen werden.

V erbringen Sie mal zwei Tage in Seoul, schon beginnt London auszusehen und sich anzufühlen wie ein verschlafenes, träges Provinznest. Am Incheon-Flughafen sieht man englische Designer ankommen, die an prominenten Projekten der größten Technologieunternehmen Südkoreas mitarbeiten. Am Hauptsitz eines der bedeutendsten Finanzdienstleistungsunternehmen trifft sich der Chef mit einem Architekten und Pritzker-Preisträger, um den Bau eines Konzertsaals für seine Kreditkarteninhaber anzuschieben. Unter den Straßen verlegt man Gleise für ein erweitertes U-Bahn-Netz und aus Bahnhöfen werden moderne Drehkreuze, um den Bürgern einer der härtesten und produktivsten Hauptstädte der Welt das Arbeitsleben zu erleichtern. Im Park Hyatt Seoul halten die Angestellten den Service auf einem Niveau, das man auch in einer Reihe weiterer Bereiche von Südkoreas Wirtschaft wiederfindet.

Jetzt, wo das Land als Produzent an Wettbewerbsfähigkeit verliert, verbessern all seine Finanz-, Einzelhandels-, Transport- und Technologiekonzerne ihre Angebote, um mit ihren jeweiligen Produkten weiter auf dem globalen Markt bestehen zu können. Sogar das Versprechen von Bürgermeister Oh, die Stadt grüner und designorientierter zu gestalten, scheint eingelöst zu werden.

Als ich vor sieben Jahren zum ersten Mal nach Südkorea reiste, fand ich es grau, ein wenig muffig und größtenteils unattraktiv. In weniger als zehn Jahren hat sich das Land nun zu einem bedeutenden Drehkreuz für Passagiere und Logistik gemausert, beherbergt die besten Hotels der Welt und pulsiert rund um die Uhr. Koreas Corporate-Elite will arbeiten und von den Besten lernen. Und die Chefs auf lokaler wie nationaler Ebene haben das Mantra verinnerlicht, dass Talente durch gute Lebensqualität gewonnen und gehalten werden können.

Als ich am Samstagnachmittag die Oxford Street überquerte, war von "pulsierend" wenig zu spüren - eher im Gegenteil: Entlang der Straße wölbten sich die Bäuche weit über den Jeans, Essen wurde in sich reingestopft und Hintern fielen fast aus den Hosen heraus. Zelebrierte das Land an diesem herrlichen Frühlingstag besondere Entspannung und Ungezwungenheit? Vielleicht. War dies gleichzeitig der flüchtige Schnappschuss einer Nation, die jeglichen Sinn für Würde und Stolz verloren hat? Definitiv.

Für ein bei allen weltweiten Lebensqualitäts-Umfragen chronisch schlecht abschneidendes Land überrascht, dass keiner der politischen Partei-Strategen Großbritanniens eine Botschaft vermittelt, der bei Staatschefs andernorts längst eine sehr zentrale Rolle zukommt: Ein Manifest für "Ein lebenswerteres Großbritannien" würde sicherlich sowohl Stimmen gewinnen als auch Direktinvestitionen.

Übersetzung für MERIAN.de: Andrea Fonk

Autor:
Tyler Brûlé