London Jetzt wird Olympia nachhaltig

Knapp zwei Jahre sind es noch, bis in London zum dritten Mal nach 1908 und 1948 das olympische Feuer brennen wird. Und während man in den Sommerspiel-Vorgängerstädten Athen und Peking zum vergleichbaren Zeitpunkt noch ordentlich schwitzte, ob denn auch alle Bauten und die nötige Infrastruktur für den großen Athleten- und Besucher-Ansturm fertig werden würden, ist man in Englands Hauptstadt im Sommer 2010 entspannt. Zwei Drittel der baulichen Maßnahmen sind abgeschlossen, im kommenden Jahr will man alles fertig haben.

Dann sollen nicht nur das große Stadion und Spielstätten, sondern ebenfalls der überwiegende Teil der Infrastruktur in Betrieb genommen werden können, so dass ausreichend Zeit zum Testen bleibt. Vorteil Londons: Mit dem Tennisstadion in Wimbledon, Wembley für Fußball, den ExCel-Messehallen (u. a. Judo, Boxen, Fechten, Tischtennis) sowie dem ehemaligen "Millennium Dome" (u. a. Rhythmische Sportgymnastik), der während der Spiele schlicht "North Greenwich Arena" heißt, stehen einige der Veranstaltungsorte längst.

Doch nicht nur, was das Einhalten der Termine anbelangt, auch in Sachen Nachhaltigkeit wollen die Macher der Spiele, das London Organising Committee of the Olympic Games and Paralympic Games (kurz: ), neue Maßstäbe setzen. Im Herzen der Spiele, dem im East End gelegenen Olympic Park werden als äußerlich sichtbares Zeichen rund um das Olympiastadion 400.000 Pflanzen neu gesetzt, Regenwasser wird zur Spülung der Toiletten genutzt. Das Nahverkehrsnetz wird perfektioniert, damit die Anreise per Auto unattraktiv wird. Alles schon ganz schön, das eigentliche Kernprogramm aber heißt Legacy.

Vom Gesamtbudget der , angeblich 9,3 Milliarden Pfund (11 Milliarden Euro), werden nach Angaben des Locog drei Viertel in den Wiederaufbau und die nachhaltige Entwicklung des Londoner East Ends fließen, einer der ärmsten Gegenden Englands.

Wie verarmt, wie spannungsgeladen multikulturell und hart das East End ist, davon ist auf der wenig zu sehen. Hier mal eine verschleierte Frau, dort ein abgewracktes, mit Brettern zugenageltes Geschäft, gammelige Hochhäuser, in der Entfernung heulen Polizeisirenen. Man geht durch die schon sanierten Teile der Olympia-Gegend, auch der Fluss Lee, einst erste Entsorgungsoption für die ansässige Industrie, ist wieder als Gewässer zu erkennen.

Täglich um 11 Uhr startet diese knapp zwei Stunden dauernde Tour von der Underground-Station Bromley-by-Bow (Hammersmith & City und District Line), in deren Verlauf man eine Menge über Olympia in London, vor allem aber über die Einbindung der Spiele ins East End erfährt.

Historisch betrachtet ist das East End seit jeher ein Verlierer gewesen. Weil der Dreck aus den Schloten der Londoner Fabriken gen Osten zog, siedelten die Besserverdiener nach Westen um - und die Arbeiter, die im East End nah an ihren Arbeitsplätzen wohnen mussten, verloren ab den 1960er Jahren mit dem Einbruch alter Industriezweige sukzessive ihre Jobs. Hunderttausende Arbeitslose waren es schließlich, als die letzte der großen Werften in den Docklands 1981 schloss.

Olympia 2012 ist auch der Versuch, die elendige Situation des East Ends ein Stück weit zu verbessern und England in der Welt nicht länger mehr als rückständiges, sondern als nachhaltiges Land zu verkaufen. In der Gegend um Stratford wurden 2,5 Quadratkilometer verseuchtes Land abgetragen und in eine wieder bewohn- und belebbare Gegend transformiert. Unter anderem werden 20.000 neue Häuser errichtet - Teile davon bilden das Athletendorf -, und im Zentrum der Spiele, dem 250 Hektar großen Olympic Park, wird eine der größten Parkanlagen Europas entstehen, mit viel Wasser und 36 Brücken - "Ein bisschen wie Venedig", sagt unser Führer Greg und grinst. Als wir endlich das Stadion in Sichtweite haben, erklärt er: "Das ist kein Chichi wie etwa in Peking. Hier haben alle Teile ihren Sinn, sie dienen der Konstruktion."

Dieses Effizienz-Olympiastadion kann nach den Spielen von einem Fassungsvermögen von 80.000 auf 20.000 Zuschauern herunter gebaut werden - es sei denn der derzeit interessierte englische Fußball-Erstligist West Ham United entscheidet, das Stadion nach Olympia zu nutzen. Ganz abgetragen werden wird das Basketballstadion, das einer schottischen Firma gehört. Es soll andernorts wieder aufgebaut und genutzt werden - von reinen olympischen Prestigeneubauten, für die nach den Spielen keinerlei Nutzung besteht, will London 2012 nichts wissen.

Und natürlich sollen die London Games Spiele für alle werden. Und so hat kürzlich Paul Deighton, Geschäftsführer des Locog und ein vormaliger Investmentbanker, verkündet, dass 75 Prozent der insgesamt acht Millionen Tickets (plus zwei Millionen für die Paralympics) in eine große Verlosung gehen werden. Das seien mehr als bei anderen Großveranstaltungen wie etwa der Fußball- oder Rugby-Weltmeisterschaft.

Bewerben kann man sich um die schon jetzt, Preise werden gleichwohl erst im Oktober dieses Jahres veröffentlicht. Sie werden allerdings, so versprach Deighton, bezahlbar sein. Der öffentliche Zugang zu Höhepunkten, wie etwa dem 100-Meter-Finale der männlichen Leichtathleten, wird limitierter sein als bei anderen Events der Spiele. "Aber wir werden die Bevölkerung richtig behandeln", sagt Deighton, dem auch klar ist, dass der Erfolg "seiner" Spiele von der Atmosphäre um sie herum lebt. Und die schaffen nun mal weniger Sponsorengäste und Nachhaltigkeitsversprechen als zunächst einmal die wirklichen Olympia-Fans selbst.

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Autor:
Thomas Lötz