Fast Lane Internet-Downloads sind seelenlos!

Fragen Sie sich manchmal auch, was eigentlich aus der guten alten Tradition geworden ist, den Samstagabend gemütlich zu Hause zu verbringen? Ich erinnere mich nicht genau, wann sich unsere Form der Samstagabendgestaltung änderte, aber es hing zu einem großen Teil damit zusammen, dass vor etwa drei Jahren in unserer Londoner Nachbarschaft zwei von drei Videotheken fast über Nacht verschwanden.

Auf einen Schlag war das ganze Samstagsritual zerstört. Auch wenn Teile des klassischen Samstagabends noch intakt sind - während die Sonne untergeht, versinke ich in die Lektüre des "Economist", schalte den BBC World Service ein, schaufle mich durch einen Stapel meiner Lieblingszeitschriften hindurch ("Spanish Architectural Digest", , , ) und sehe Mats dabei zu, wie er in der Küche eine Kleinigkeit aus Harumi Kuriharas Kochbuch zaubert und einen vollmundigen Wein entkorkt - dann vermisse ich den belebenden Ausflug zum Video-Laden schmerzhaft.

Richtig frustrierend ist die Erkenntnis, dass es durchaus Ecken auf dieser Erde gibt, an denen man noch gute Videotheken findet: Wenn ich in Manhattans West Village ziehen würde oder in eines der grünen Viertel in den östlichen Vororten von Sydney, könnte ich diese angenehme Gewohnheit wiederaufleben lassen, die nun wohl für immer verloren ist.

Aber in unserer Medienwelt mit ihren unbegrenzten Download-Möglichkeiten und Anbietern wie Love Film, die DVDs einfach per Post zuschicken, halte ich es für kein Zeichen übertriebener Nostalgie, wenn es mich in einen Laden aus Stein und Mörtel zieht, in dem ich dann ausdruckslos auf eine Reihe schlecht sortierter Silberlinge starren kann.

In der Tat war meine alte "Prime Time"-Filiale in der Wigmore Street alles andere als Werbung für die Einzelhandelsbranche. Die Videos flogen so lieblos und oft mit der Rückseite nach vorne in den Regalen herum, dass es schlicht unmöglich war, etwas zu entdecken, das es wert gewesen wäre, mit nach Hause genommen zu werden.

Die Verkäufer schienen sich weder für ihre Kunden zu interessieren, noch war ihnen irgendeine Leidenschaft für Filme anzumerken. Die Chance, hier ein paar Empfehlungen zu lohnenden Neuerscheinungen oder ein obskures koreanisches Drama als Geheimtipp für einen vernieselten Sonntagmorgen zu erhalten, war also denkbar gering.

Letztlich war es aber gar nicht wichtig, welche Filme wir uns in die Jackentaschen stopften, denn es ging vor allem darum, sich warm einzupacken und dann bei einem nächtlichen Spaziergang Londons typische Samstagabendrituale zu beobachten: die Jugendlichen aus den Vororten, die in weißen Hummer-Limousinen abhingen, die spärlich bekleideten Mädchen, die aus den Pubs auf die Straße stolperten, die syrischen Männer, die sich rund um ihre Shishas versammelten, und Studentenhorden, die überlegten, wo sie nach dem "Last Call" noch hingehen könnten.

Glücklich in dem Wissen, dass uns zu Hause eine schnuckelige warme Wohnung erwartet, und bewaffnet mit einem hoffentlich unterhaltsamen Film, kehrten wir damals zurück. Meist kamen wir allerdings gar nicht über die ersten 20 Minuten des Videos hinaus und wachten erst Stunden später wieder auf dem Sofa auf.

Weshalb Downloads einfach nichts taugen

Das Verschwinden der Videothek hat ein echtes Loch ins Viertel gerissen. London sollte eine Stadt voller Buchläden und Kioske sein, die bis weit in die Morgenstunden geöffnet haben - aber es ist alles andere als das.

Paris, New York, Tokio und Mailand haben jede Menge Geschäfte, die Kunden auch dann noch mit kulturellen Angeboten locken, wenn diese ihr Dinner beendet haben, aus dem Kino rauskommen, das Theater verlassen oder sich auf den Weg zu einem späten Kneipenbummel machen.

London hat sich in dieser Hinsicht nie hervorgetan, und der einsame kleine Videoladen war der einzige Ort, zu dem man hinstürzen konnte, wenn einen das Bedürfnis nach ein bisschen geistloser Hollywood-Action oder auch nach 127 Minuten tiefer und dunkler Gedanken aus Dänemark überkam.

Wenn Sie mir nun gerade ein Plädoyer über die Vorzüge des Downloadens halten wollten, sag ich Ihnen gerne, warum Sie falsch liegen.

Es gibt nichts Dankbareres, als eine Stunde lang in einer Buchhandlung oder einem Musikgeschäft zwischen zerfledderten Buchrücken und CD-Covern zu stöbern und dann zu beobachten, was die anderen Kunden mitnehmen. Das Gleiche gilt für DVDs.

Auf der Suche nach Filmen verschiedene Internetseiten zu durchforsten und dann warten zu müssen, bis diese ganz heruntergeladen sind, bereitet hingegen weit weniger Freude. Es ist nicht nur zeitraubend, die Prozedur hat auch etwas Seelenloses. Vielleicht ist es der Verlust des Rituals, vielleicht auch die relative Leichtigkeit des Verfahrens, die das Ganze zu so einer sterbenslangweiligen Erfahrung werden lässt.

Vielleicht sollte ich neue Rituale zu entwerfen?

Nun, ich könnte mir meinen Mantel überziehen, mir einen Schal um den Hals wickeln und während des Film-Downloads schnell mal zum Eckladen marschieren. Aber ich wage zu bezweifeln, dass das denselben Effekt hätte.

So wie beim klammheimlichen Comeback der Langspielplatte wäre vielleicht auch Spielraum für ein Revival der Videothek, allerdings in einem Format, das besser zu vermarkten wäre, klüger gestaltet ist sowie mit Sorgfalt gepflegt wird. Manche mögen einwenden, dass DVDs so günstig seien, dass man sie gar nicht mehr auszuleihen braucht - aber das Argument geht am eigentlichen Punkt vorbei. Nicht allein, dass es Verschwendung ist, rauszugehen und eine DVD zu kaufen, die man nur ein einziges Mal anschauen wird. Das Ausleihen ist auch eine ganz andere Erfahrung für den Kunden, denn es ermutigt zum Wiederholen und bedeutet stets, ein Risiko einzugehen.

Ich muss online erst noch etwas finden, das den guten alten Laden und die Chance übetrifft, dort zufällig auf überraschende Entdeckungen zu stoßen. Ein Cover mag nicht reichen, um die Qualität eines Buches, einer CD oder einer DVD zu beurteilten, aber es ist immerhin ein guter Ausgangspunkt. Ich trenne mich auf jeden Fall viel leichter bei Daunt Books in London, Tsutaya Roppongi Hills in Tokio oder La Hune in Paris von meinem Geld als bei Amazon und dessen Wettbewerbern.

Übersetzung: Andrea Fonk für MERIAN.de

Autor:
Tyler Brûlé