Fast Lane Im West End nichts Neues

Die Straßen Londons sind an diesem Wochenende ein lebendiger und sogar äußerst unterhaltsamer Ort: Ehemalige Parkplätze und Asphaltstreifen wurden in den vergangenen Wochen zu Haltebuchten für Londons neuen "Bezahl soviel, wie du fährst"-Fahrradverleih umgebaut, offiziell "Barclays Cycle Hire" genannt. Letztes Wochenende konnte man Test-Teams dabei beobachten, wie sie kräftig in die Pedale traten, durch die Stadt flitzten und quer durch alle Gänge schalteten, um sicherzustellen, dass die Bezahlsysteme bei der Premiere am Freitag störungsfrei funktionierten.

Zur gleichen Zeit konnte der Asphalt der Stadt Bekanntschaft mit noch mehr Reifen schließen: in Form von aufheulenden, schnurrenden und brummenden Fahrzeugen aus der gesamten Golfregion. Maseratis, Rolls, Bentleys, Aston-Martins und aufgemotzte Porsche Cayennes waren nach London transportiert worden um der stechenden Sonne von Manama und Doha zu entrinnen. Mein Lieblingsauto war ein Rolls-Royce in Pink-Mauve, der vor dem Berkeley Hotel stand - komplett mit pinken Palmen-Nummernschildern und einem dazu passendem ähnlich geschmackvollem Interieur.

Die extreme Vielfalt der Wagen spiegelt das aktuelle London wider: simple, personal-powered Fahrzeuge für die Massen und individuell ausgestattete Schlösser auf Rädern für die wenigen, die dafür sorgen, dass die Kassen der Stadt klingeln, die Restaurants gefüllt und die Hotels ausgebucht sind.

Mal abgesehen von den niedrigeren Temperaturen frage ich mich aber schon, was die Menschen aus Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Oman dazu bringt, jedes Jahr aufs Neue nach London zu reisen. Sind die Einkaufsmöglichkeiten wirklich so herausragend? Ist der Service so außergewöhnlich? Ist das Leben rund um Connaught Village tatsächlich so entspannt und frei? Wie oft kann man pro Augustwoche denn durch Selfridges spazieren?

Wenn es das Shopping ist, das die größte Anziehungskraft auf Besucher aus den Golf-Regionen ausübt, dann muss London schnell reagieren, um sich seinen Zugriff auf die Ausgaben, die sich auf den Karten aus Jeddah, Sharjah und Muscat anhäufen, langfristig zu sichern. Im West End geben die Saudis laut Einkaufs- und Stadtführern wie Global Blue und Visit London durchschnittlich 1678 Pfund pro Besuch aus, die Bewohner der Emirate liegen, was die Unterstützung der lokalen Wirtschaft anbelangt, mit 1224 Pfund pro Person nicht weit dahinter.

Aber so wie die Deutschen dem Vereinigten Königreich mit ihrer besseren Technologie und saubereren Kliniken bereits einen nicht unbedeutenden Anteil des Medizintourismus' geklaut haben, könnte dasselbe auch leicht mit den Einzelhändlern der Stadt passieren, wenn diese nicht mit überzeugenderen Vorschlägen aufwarten können, mit was die Golf-Familien ihre Ankleideräume füllen könnten.

Während die östlichen Abschnitte der Oxford Street und das obere Ende der New Bond Street vor zwei Jahren lediglich schmuddelig aussahen, sind sie nun kurz davor, sich mit ihren schrammeligen Schaufenstern und Leerständen in No-Go-Zonen zu verwandeln. Sogar das etwas lebendigere westliche Ende der Oxford Street hat es nicht geschafft, auch nur annähernd zu einem Ort zu werden, an dem die Leute gerne viel Zeit verbringen möchten.

Die größte Gefahr für Londons Einkaufsszene

Der positive Aspekt: Die Menschen hinter der Agentur New West End Company, die dafür verantwortlich ist, Londons West End ein bisschen Perspektive zu verschaffen, haben erkannt, dass großer Handlungsbedarf besteht und einen Plan entworfen. Der negative Aspekt: Er greift viel zu kurz - und nicht nur für ausgabefreudige Golf-Touristen.

Unter den Vorschlägen, das West End zwischen jetzt und 2020 auf Vordermann zu bringen, befindet sich der Wunsch, ein paar der gut 20 internationalen Flagship-Stores in die Gegend zu locken, außerdem soll die Zahl der Busse reduziert werden, die die Oxford Street außerhalb der Rush Hour entlangrumpeln, entertainment zones für Events wie Modeschauen errichtet und mehr öffentliche Räume geschaffen werden, um die so genannte "Verweilzeit" zu erhöhen, sowie die Einrichtung von unterschiedlichen Kassen für schnelle und ausgiebigere Einkäufer.

Was fehlt, ist der Blick auf weiche Standortfaktoren, die den Einzelhändlern und Gastronomen höhere Umsätze garantieren, sowie eine stärkere Verbindung mit London als Ganzem. Es wäre besser, damit anzufangen, das Thema Service in den Griff zu bekommen - gefolgt von einem allgemeinen Großreinemachen.

Da Emirates und Etihad ihr Angebot kürzlich um Flüge nach Tokio erweitert haben, gibt es sicherlich immer mehr Urlauber, die an Samstagnachmittagen in Ginza und Marunouchi einkaufen - und damit auch eine wachsende Gemeinde anspruchsvoller Konsumenten, die zum ersten Mal in den Genuss eines herausragenden Services gekommen sind.

Auch das Shopping in einem der neu entstandenen oder frisch renovierten Gebäude, die Sicherheit, lange Öffnungszeiten und jede Menge Möglichkeiten zum Stöbern bieten, ist attraktiv: Marunouchi Buildings, Tokio Midtown und Roppongi Hills fallen einem als neue Favoriten für Besucher aus Abu Dhabi ein. Da die Flugfrequenzen und
-kapazitäten in Japan (und auch Korea) steigen, stellen diese Märkte die größte Gefahr für Londons Einkaufsszene dar.

Um relevant zu bleiben, würde es der New West End Company nicht schaden, eine größere der heruntergekommenen Ladenflächen in eine Akademie für Dienstleistungen zu verwandeln - inklusive einer Hochschule, die sich auf Spitzenleistungen im Servicesektor konzentriert und die Einteilung in Einkaufszonen sowie die Mischung der Einzelhändler, die sie bewerben möchte, überdenkt. Das West End muss zu einem Ort werden, in dem Dinge nicht nur konsumiert, sondern auch hergestellt werden (eine echte Savile Row mit Werkstätten für Handwerker und Schuster), und in dem die Menschen tatsächlich leben statt nur durchzulaufen.

Autor:
Tyler Brûlé