London Heathrow - Airport des Grauens

Da war sie weg. Cancelled. Gestrichen. Die 11-Uhr-Maschine nach Berlin fliegt einfach nicht. Stattdessen steht "Please go to section E" auf den flimmernden Bildschirmen im hypermodernen Terminal 5 von London-Heathrow. Der E-Bereich ist dem Kundenservice vorbehalten, was auf dem größten Flughafen Europas eine schöne Umschreibung für "Lumpensammler" ist. Übernächtigte und Gestrandete aus aller Welt schlängeln sich hier in langen Reihen. Statt renitentem Wutbürger-Gemotze wie im ICE herrscht hier nur graugesichtige Zerknirschung. Nach dem Motto: Kann man eh nix machen. Hauptsache, wir kommen überhaupt noch hier weg. Am Ende der Warterei gibt es dann einen Gutschein im Wert von zehn Pfund, was im Preisgefüge von Terminal 5 einer Einladung zur Portion Fish and Chips gleichkommt. Das Pint Bier dazu geht bereits auf eigene Rechnung.

Nur mit Handgepäck darf ich bereits sechs Stunden vor Abflug der Ersatzmaschine ins Allerheiligste von British Airways: eine offen und stylish konzipierte Mega-Shopping- Mall, zweistöckig mit imposanten Blickachsen. Die jeweiligen Abflugbereiche gehen nahtlos in Sushi-, Öko-Sandwich- oder Starbucks-Zonen über. Konsumieren bis zum letzten Aufruf. Unter dem Druck der Billigfliegerei muss sich jeder Quadratmeter für die Betreiber rechnen. Die großen Airport-Erweiterungen in Europa - von Madrid Barajas über Amsterdam Schipol bis zu Berlin International (ab Sommer 2012) - übertreffen sich zwar mit Architektur-Päpsten und Space-Design. Doch wenn alles fertig ist, wird der schöne Schein mit Parfum-Flacons und Wodkaflaschen zugestellt.

Noch ein wenig verwundert, wie pflichtschuldig umsteigende US-Amerikaner sich vor dem zackigen Sicherheits-Check ihrer Schuhe entledigen, fällt mein Blick auf eine weiß schimmernde First-Class-Lounge, die wie ein bombastisches Adlernest über dem gemeinen Volk thront. Abgeschirmt und erhaben. Das teuerste Gut, das krisengeschüttelte Staatslinien wie British Airways anzubieten haben, ist offensichtlich die Ruhe vor dem Trubel, den sie in ihren Hi-Tech-Terminals selbst schaffen. Eine Klassengesellschaft in der Londoner Design-Kathedrale, die im James-Bond-Flair von gleich sechs VIP-Bereichen klare Abgrenzungen schaffen. Das System Superflughafen wird von Türstehern wie in der Disco regiert. Für Normalsterbliche bleibt die Infotafel: "Shopping and Eating within a minute" - Tipps zum Geldausgeben für Lauffaule.

Mich dagegen hält es nicht lange an einem Ort. Die Kugelsessel mit Blick auf die imposanten Airbus-380-Landungsbrücken verursachen Bandscheibenvorfälle. Auf den voll besetzten Wartebänken herrscht ein ständiger Geräuschpegel, den riesige Samsung-Flachbildschirme verursachen, auf denen Krawall-Sitzungen aus dem britischen Unterhaus zu bewundern sind. Wohl denen, die auf den wenigen Space-Sofas völlig entrückt ihren Jetlag wegschlafen können. Gleich nebenan bei "Sea & Food" servieren sie Amuse-Gueules auf dreieckigen Tellern. Ein atemloses Durcheinander, das eine perfekte Vorlage für ein wandgroßes Ölgemälde über den Spätkapitalismus ergäbe.

So ist es auch kein Wunder, dass der schönste Ort auf meiner Wartewanderung von Harrods zu Gucci und zurück die "free stay & play kids area" gewesen ist, in der sich ausgebildete Kindergärtner in Einheits-Polohemden mit internationalen Jetset-Kids herum schlagen müssen. Schon das Kennenlernen von Alex oder Sarah im babylonischen Sprachgewirr ist eine Show für sich. Und wenn dann kleine Inder mit Schweden und Chinesen bunte Plastikbälle durch die Hüpfburg-Landschaft pfeffern, vergisst man für einen Augenblick, dass zehn Meter weiter die nächste Fressmeile beginnt.

Mir ist es nicht gelungen, auch nur fünfzehn Seiten eines zufällig mitgenommenen Krimis zu lesen. Innere Unrast ist das Wesen moderner Terminals und nach einer Weile begegnet man auf den endlosen Fluren sogar Wartebank-Nachbarn, die wie Shopping-Zombies an den überbordenden Auslagen entlang schlendern. Wahrscheinlich gibt es für Weltflughäfen mittlerweile Spezialisten, die mit einem Konzept für ein ständig herumtigerndes Publikum sorgen.

Ohne Not, ich hatte mich längst mit diesem verlorenen Tag abgefunden, landete ich schließlich schweißgebadet im Fantasy-Pub "The Crown Rivers", in dem es in heimelig-dunkler Atmosphäre gleich sechs moderat temperierte Real Ales im Angebot gibt. Ein goldbraunes Abbot Ale für 3,65 Pfund als Tranquilizer gegen die allgemeine Unrast. Im Augenwinkel erfasse ich das Leuchtschild, das auf den "multi faith room" hinweist. Ein Gebetszimmer als letzter Zufluchtsort? Schließlich sind es noch zwei weitere Stunden bis zum Abflug.

Autor:
Ralf Niemczyk