Fast Lane England braucht Bayern!

Es ist an der Zeit, Ihren Blaumann, den Werkzeuggurt, einen Helm und Sicherheitsstiefel überzuziehen. Und nein, wir nehmen nicht an irgendeiner durchgeknallten Reality-Show teil, die sich in den Stollen einer chinesischen Mine abspielt, sondern nehmen eine viel größere und gefährlichere Herausforderung an: Wir werden einen ganz neuen Lebensstandard in Großbritannien einführen.

Meine aktuelle Tour (Helsinki-Stockholm-Genf-Frankfurt-München) hat mir auf die Sprünge geholfen. Auf der Jagd nach einer neuen Wohnung in London war ich kürzlich schon desillusioniert, bevor ich das erste Apartment überhaupt besichtigt hatte, aber jetzt, nach zwei Tagen in Bayern, berste ich förmlich vor Ideen und Energie.

Je mehr Zeit jemand im Vereinigten Königreich verbringt, desto mehr bewegt sich die Erwartungshaltung gegenüber der Art und Weise, in der eigentlich für Menschen vorgesehene Behausungen errichtet werden, gen Null. Ein kurzer Blick auf die Immobilienangebote in den Schaufenstern oder auf die Webseiten von Maklern ist bereits eine gute Übung im Senken der eigenen Ansprüche. Nach einigen Tagen des Studierens einschlägiger Medien, die hingebungsvoll minderwertige Einheiten sowohl an Ignoranten als auch an Leute, die es besser wissen sollten, verhökern, ist man von all den Weitwinkel-Fotos und zurechtgezupften Kissen einfach nur noch zermürbt. Selbst dem wankelmütigsten Wohnungssuchenden, der sich mit den allerhöchsten Ansprüchen auf diese Reise begeben haben mag, wird schnell klar, dass die meisten Angebote nicht nur überteuert, sondern auch noch qualitativ unglaublich schlecht sind.

Seit letzten Monat sind es 21 Jahre, die ich immer wieder in London lebe, und auch wenn die neu entstandenen Viertel zunehmend mit einem Blick für Wohnqualität erbaut werden, hat Großbritannien immer noch nicht den Standard der benachbarten Länder erreicht und zeigt insgesamt leider nur wenige Zeichen einer grundsätzlichen Verbesserung.

Vieles läuft in Großbritanniens Immobilienwesen falsch, aber einer der vielleicht schädlichsten Aspekte des Ganzen ist eine Kultur, die auf billige Verbesserungen setzt, um dann höhere Verkaufspreise verlangen zu können. Sicher, das ist nicht nur auf Großbritannien begrenzt, aber die unglaubliche Verschwendung dieser Strategie ist schlicht atemberaubend, da die Eigentümer Pfuscher damit bevollmächtigen, raus zu den Baumärkten zu fahren, um Küchen- oder Badezimmereinheiten und Kunststoffböden im Holz-Look zu kaufen. Diese jahrzehntelange Praxis hat nicht nur zu einer Diskussion über die Belastung von Mülldeponien geführt - da so viel frisch Eingebautes gleich wieder rausgerissen werden muss, da es nie richtig funktionierte -, sondern auch zu einer Kultur, die sich weder für gutes Handwerk noch für Gebäude, die für einen längeren Zeitraum hinaus Bestand haben sollen, interessiert.

Der klapprige Charme

Ein Sprung rüber nach Bayern und die Situation könnte sich nicht unterschiedlicher darstellen. Zunächst mal profitiert Deutschlands Bauwesen immer noch von einem hochentwickelten Ausbildungsprogramm, in dem Lehrlingen jahrelang (und nicht nur stundenlang!) beigebracht wird, Fliesen zu legen, Leitungen zu installieren und stabiles, qualitativ hochwertiges Parkett zu verlegen. Der Start ist also schon mal viel versprechend, da die Häuser und Wohnungen von Fachkräften errichtet werden. Viele deutsche Kollegen klagen zwar darüber, dass die Situation früher besser war, aber Deutschlands Ausbildungsprogramm ist Teil einer nationalen Beschäftigungskultur und zeigt, dass größerer Wert auf die Ausführung der Arbeiten gelegt wird, was zu einem besseren Endprodukt für Eigentümer wie Mieter führt.

Am Mittwoch ging ich an einem neuen Wohn- und Bürokomplex im Zentrum von München vorbei und musste Fotos von sehr einfachen (aber sehr deutschen) Dingen wie Fenstern und wunderschönen hölzernen Rolläden knipsen, die gesenkt waren, um Licht, Lärm und Eindringlinge zu blockieren. Einer der Hauseingänge verfügte über eine überzeugende, perfekte ausgerichtete Beschriftung in einem sachlichen Font und die neueste Siedle-Sprechanlage. Ich starrte in den Flur und irgendwie bestand alles aus alpinem Stein sowie soliden Geländern aus Stahl und Eichenholz. Alles in diesem Neubau stand für Qualität, Sicherheit, Effektivität, und er war - vor allem - dazu da, darin zu leben.

Bevor Sie mir jetzt mailen, um anzumerken, dass England aber viel mehr Spaß mache als Deutschland, oder dass London dynamischer als München sei, lassen Sie uns beim Thema "Haus" bleiben, statt uns in eine Diskussion über den Charme des klapprigen Englands im Gegensatz zur kühlen, effizienten Bundesrepublik zu stürzen.

Diese "England war schon immer ein bisschen runtergekommen und klapprig"-Entschuldigung ist schon lange nicht mehr zweckdienlich, beziehungsweise überhaupt vertretbar. Genauso wenig wie das seltsame Fehlen einer Ausbildungskultur und die Tatsache, dass die jungen Leute scheinbar alle in Richtung Universität geschubst werden, obwohl viele sicher besser für den Erwerb anderer Fähigkeiten geeignet wären, die das Land zudem so verzweifelt benötigt. Einige Ökonomen mögen vielleicht anbringen, dass Großbritannien qualitativ höherwertige Häuser schon bekommen würde, wenn dies wirklich notwendig wäre, da all diese Schweizer, österreichischen und deutschen Banker die Nachfrage bestimmt schaffen würden. Das mag sein, aber es ist ziemlich klar, dass all diejenigen, die gern besser wohnen würden, mit einem System konfrontiert sind, das nicht länger weiß, wie man etwas kreiert - es weiß nur noch, wie man sich verkauft.

Die gute Neuigkeit: Die Deutsche Bahn beginnt offenbar bald damit, mit ihren Zügen mehr Bundesbürger direkt nach Großbritannien zu transportieren. Und Eurostar war so angetan von der bayerischen Effizienz, dass es sich kürzlich für schnittige Züge von Siemens ausssprach, um sein müde rollendes Sortiment zu ergänzen. Sprich: Wenn ich das richtige Stückchen Grund und Boden finde, ist der Weg all dieser Handwerker und Bauarbeiter bis nach England also schnell zurückgelegt. Dann können sie an dem perfekten Apartmentblock arbeiten, der gebaut werden muss, um zu beweisen, dass man die Dinge auch anders angehen kann - und, um als einfacher Maßstab für einen neuen Lebensstil in Großbritannien zu dienen.

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Autor:
Tyler Brûlé