London Die Kirche der Royals

Wenn ein Besucher für London nur zwei Stunden Zeit hätte, so würde ich ihm sagen: Geh' geradewegs nach Westminster!" Das empfahl der englische Romancier Joyce Cary seinen Lesern schon 1957 in MERIAN. Direkt an der Themse gelegen, fänden sich dort das Parlament, Big Ben, der oberste Gerichtshof und vor allem aber "jene große Abtei, die so lebendig erzählt und beleuchtet, wie sich ein Jahrtausend hindurch die Freiheit entwickelte".

Und weiter schreibt Cary: "Für mich ist Westminster Abbey die ergreifendste Sehenswürdigkeit Londons." Sie sei zwar "künstlerisch wie historisch ein buntes Gemisch", im Kirchenschiff herrsche ein wildes Durcheinander von Standbildern, Denkmälern und Gräbern, doch darüber spanne sich die wundervollste, reine Gotik - "darin sehe ich die ganze Fülle des Daseins".

Das stilistische Kuddelmuddel im Parterre des Gotteshauses hat dem touristischen Stellenwert des um 960 gegründeten Benediktinerklosters nie etwas anhaben können. Im Gegenteil: Die "Stiftskirche von St Peter in Westminster " ist laut New York Times auch heute noch die Nummer eins der Sehenswürdigkeiten der Stadt.

Schon früh am Morgen stehen die Touristen in Schlangen vor der relativ klein wirkenden Kirche am Rande des Dean's Yard. Sie prüfen die Akkus ihrer Kameras und zählen das Eintrittsgeld ab, bis sie endlich zur Kasse vorgelassen werden. Als königlicher Eigenbesitz erhält die Abtei kein Geld von Kirche oder Staat. Die jährlich 12,5 Millionen Pfund Unterhaltskosten erwirtschaftet die Kirche selbst aus Eintrittsgeldern und Spenden.

Ebenfalls in der Frühe versammeln sich nicht weit davon die Chorknaben der Westminster Abtei zur allmorgendlichen Gesangsstunde. Die acht bis 13 Jahre alten Jungen singen zur Ehre Gottes, perfekt und klar, und wenn eine hohe königliche Feier ansteht wie eine Hochzeit oder eine Beerdigung, dann dürfen sie vorher nicht einmal ihren Eltern verraten, was sie singen werden. Dafür genießen sie das Privileg, Angehörige der vielleicht elitärsten Schule Englands zu sein, mit nur 34 Schülern und neun Lehrern.

Chef des kleinen Internats und der sechs Geistlichen der Abtei ist der Dekan, Hochwürden John Hall. Insgesamt hat er 200 Angestellte und 400 ehrenamtliche Mitarbeiter. Mitten im Lärm Londons steht er einer Gemeinschaft vor, die in ruhiger Abgeschiedenheit die Traditionen des Klosters fortführt: "Wir feiern hier jeden Tag vier Gottesdienste, sonntags sogar fünf", sagt Dr. Hall, viele davon als gesungene Liturgie. "Wir bewahren seit 1540 das Erbe der Benediktiner in unseren täglichen Gebeten - und das ist unsere wichtigste Aufgabe."

Draußen in der Welt hat Westminster Abbey allerdings ein anderes Ansehen. Die Kirche ist der Kulminationsort der britischen Monarchie, oder flapsig gesprochen: so eine Art Eventscheune des Königshauses. Seit Wilhelm dem Eroberer 1066 wurden hier 38 Monarchen gekrönt und nicht weniger als 13 Könige und 17 Königinnen beerdigt. Rund 3300 berühmte Engländer sind im Pantheon Britanniens begraben - darunter viele Dichter, Schauspieler, Politiker, Erfinder und auch ein Deutscher: Georg Friedrich Händel. Bis 1269 und wieder seit 1919 dient Westminster Abbey auch als Hochzeitskirche der Königsfamilie. Kurz: ein Gotteshaus mit allem Pipapo und neuerdings auch mit Pippas Po.

Schlechte Sicht für Promi-Gäste

Dabei ist die ursprünglich romanische Kirche für fürstliche Feiern nicht gerade die Krönung. Zwar wurde sie von Henry III im 13. Jahrhundert eigens als Krönungskirche im gotischen Stil umgestaltet. Doch um schön viel Platz für die Zeremonie zu haben, wurden die Vierung in die Kirchenmitte und die Chorschranke weit nach Westen ins Langhaus gesetzt. In der Feudalgesellschaft des Mittelalters mag das keine Rolle gespielt haben - für die kleine Schar der geladenen Gäste war der Platz ausreichend. Aber seit auch schwule Sänger, Schneider und sogar Fußballspieler samt Gattin zur königlichen Hochzeitsgesellschaft gehören dürfen, hockt der Großteil der illustren Schar ohne Sicht aufs Allerheiligste hinter einer gotischen Sandsteinmauer. Da sitzt man bei ARD und ZDF reihenmäßig definitiv besser.

Die Krönung von Elizabeth II war 1953 das erste große Fernsehereignis Englands. Damals war die Königin noch Oberhaupt vieler Commonwealth-Staaten mit mehr als 600 Millionen Menschen in aller Welt. Entsprechend viele Repräsentanten mussten in der Westminster Abbey Platz finden. Für sieben Monate wurde die Kirche geschlossen und aufwendig umgebaut. Statt 2000 passten nun 8200 Menschen hinein. Dazu hatte man zwischen den Säulen im Hauptschiff weitere Zuschauerränge und Tribünen in die Höhe gebaut, die von außen über Gangways durch die Kirchenfenster erreichbar waren.

Damit die wie Sardinen gestopften Gräfinnen und Herzöge nicht kollabierten, erhielt die Kirche eine Klimaanlage (die später wieder ausgebaut wurde). Längs in das Kirchenschiff wurde sogar ein Gleis für eine Güterbahn gelegt, mit der das Baumaterial an seinen Platz kam. 2000 Sessel mit Elizabeths Initialen mussten für den Hochadel angefertigt und aufgestellt werden, desgleichen 5701 Polsterstühle für die übrigen Gäste und Tausende Meter Teppich und Stoffe.

Lange war unklar gewesen, ob die Kameras der BBC in der Kirche überhaupt zugelassen würden. Der Dekan von Westminster, Hausherr der Kirche, hatte große Vorbehalte. Auch Premierminister Churchill war dagegen. Alle Fehler und Missgeschicke würden für die Ewigkeit dokumentiert, das würdige Ereignis entweiht. Auf keinen Fall sollte es zum Beispiel Fernsehbilder von einer Abendmahlsfeier geben.

Die junge Königin teilte die Vorbehalte. Die BBC bot einen Kompromiss an: keine Nahaufnahmen der Königin und keine Bilder ihrer Salbung. Währenddessen wurde ein Bild des Altarkreuzes eingeblendet. Auch die Segnung und die Verteilung der Abendmahlsgaben wurden zur Wahrung der Würde nicht übertragen. Viele Briten kauften sich trotzdem den ersten Fernseher ihres Lebens. So verhalf die Krönung dem neuen Medium zum Durchbruch, und die Monarchie wurde zum ersten Mal für die breite Masse im Königreich sichtbar.

Dabei waren Krönungen nicht immer so eine choreografierte, ehrwürdige Veranstaltung wie heute. Im 18. Jahrhundert ähnelte die königliche Festgesellschaft mehr dem Fanauftrieb bei Bundesligaspielen: Man aß und trank und benahm sich nicht besonders anständig. Der Hannoveraner George IV hatte bei seiner Krönung seine Gattin (und Cousine) Caroline sogar aussperren lassen, weil er ohnehin längst auf eine Scheidung aus war. Die wütende Braunschweigerin donnerte an die Pforten der Westminster Abbey. Vergebens. Rannte zur nächsten Tür und lärmte auch dort weiter.

Die Akten in der beeindruckenden Bibliothek der Abtei verzeichnen viele weitere Vorkommnisse. So verdienten sich die Bediensteten der Kirche immer wieder Geld damit, bei Krönungen Plätze auf der Orgelempore mit guter Sicht für viel Geld zu verkaufen. Das war zwar illegal, aber lukrativ. Sogar der berühmte Komponist und Organist der Abtei, Henry Purcell, wurde einmal bei einem solchen Schwarzhandel mit den besten Plätzen im Westminster ertappt. Doch dem Nachruhm des orpheus britannicus tat das keinen Abbruch. Er wurde hoch geehrt direkt neben der Orgel in der Westminster Abbey begraben, in der Hoffnung, dass "er nun zu dem einzigen Ort gelange, wo seine Harmonien übertroffen werden können".

Autor:
Andreas Hallaschka