London Der königliche Kew Gardens

Das Personal des Botanischen Gartens Ihrer Majestät war immer schon ein bisschen speziell. Bauchfrei, in diesem Fall. Ziemlich zierlich für den schweren Motormäher, den sie vor sich herstemmt, die unbedeckten Schultern gerötet von der brüsken Sonne. Schweißperlen im Gesicht, während sie Bahn für Bahn die brüllende Maschine bändigt und das millimeterkurze Grün um einen weiteren Millimeter stutzt.

Alexandra Michalska ist zufrieden. Von dieser Mühsal dürfen andere träumen. Gestern hat sie Erde durchs Treibhaus gekarrt, dann sollte sie wucherndes Grün eigenhändig von den schlanken Metallsäulen säbeln, über denen Glaskuppeln emporwachsen wie umgestürzte Schiffsbäuche aus Kristall. Die Warschauer Agronomiestudentin macht die Kärrnerarbeit, aber sie ist hier. Hier, das heißt im Palmenhaus von Kew Gardens. Im wichtigsten Eisen- und Glas- Bauwerk der viktorianischen Epoche, im Zentrum des ersten unter allen botanischen Gärten, wo Charles Darwin forschte und Gestalter wie Lancelot "Capability" Brown dem Landschaftsdesign zum Durchbruch verhalfen. Kew Gardens ist die Referenz britischer Pflanzenverliebtheit, und alles zugleich: Paradies, Archiv und Arche.

Wie noch sieben andere angehende Landschaftsarchitekten, Gärtner und sogar Juristen schuftet die Polin drei Sommermonate - mehr um einen Mythos in sich einzupflanzen, als von den botanischen Kursen am Freitagmorgen viel mitzunehmen. Wer das Zertifikat von Kew vorweisen kann, hat es leicht mit Zukunftsplänen, sagt Alexandra.

Als die junge Frau den Gaszug zurückschiebt, haben die rotierenden Messer ein Stück geschichtsträchtige Erde rasiert. Kew war die Antwort des britischen Empires auf Versailles. Doch statt nach strenger Formalität und rationaler Bändigung des Organischen zu streben, folgte man hier einer Idee von Freiheit: Das Nützliche setzt sich von selbst durch und erschafft so Vielfalt und Schönheit.

Kew war niemals nur Zierde, sondern von Anfang an das agronomisch-botanische Fundament britischer Kolonialherrschaft. "Hier sollen alle bekannten Pflanzen der Erde wachsen", ließ Prinzessin Augusta verkünden, als sie Mitte des 18. Jahrhunderts das Gelände umgestaltete. Kew wurde das Archiv der kolonialen Agronomie, die organisatorische Schaltstelle zur Transformation der belebten Erde.

Von hier gruppierten Botaniker Nutzpflanzen dorthin, wo sie am meisten abwarfen, dirigierten Korkeichen in den indischen Punjab, sandten Tabaksamen ins afrikanische Natal, australischen Eukalyptus nach Afrika: Kews damaliger Direktor Sir Joseph Hooker rühmte die Institution als "botanischen Generalstab des Britischen Empires".

Alt geworden, stehen die Bäume immer noch wie Schüler zum Appell. Enzyklopädisch sind sie aufgereiht gleich Statuen in den Fluren eines grünen Louvre, lebendes Spalier, das den Himmel zu tragen vermöchte: Quercus ilex, Quercus robur,Quercus castaneifolia,Quercus suber ... Eichengebirge aus aller Herren Länder.Hinter ihnen flattern die Blüten des "Japanese cherry walk", drapiert nach Größe und Farbe, umgürtet von Feigen und Trompetenbäumen.

Die totale Vermischung der Gewächse, so bezaubernd anzusehen in den gestaffelten Fluchten der Parklandschaft, war Mittel, nicht nur Zweck. Systematische Naturwissenschaft und romantische Naturliebe wuchsen auf demselben Boden: Die Kathedralen aus Glas und Metall, die Alleen von duftenden Sträuchern sind die ästhetische Manifestation des Prinzips "Wissen ist Macht".

Was fängt man mit dieser Macht der heutige Direktor an? Was ist zu tun, wenn ein Viertel aller Pflanzenarten die nächsten 50 Jahre vielleicht nicht überlebt, aus ihren Biotopen gerissen auch von den Folgen jener totalen Agronomie, die Kew mit erfunden hat, um die nutzlosen Pflanzen durch die erfolgreichen zu beseitigen? "Man kann die damaligen Zeiten nicht mit heute vergleichen", wehrt Sir Peter Crane ab.

Der Direktor empfängt unter den Porträts seiner Vorgänger. Elf nur, seit Queen Victoria ihren Lustpark 1840 in den Staatsdienst entließ. Man wird alt in dem Amt, zu dem es als royalistische Reminiszenz unweigerlich den Adelstitel gibt. Sir Peter trägt gestutzten Schnurrbart, blütenweißes Hemd und Krawatte - ein Botanikprofessor, der 1974 als junger Student das Unkraut von Kew jätete und seitdem nicht von der Sehnsucht loskam, wie viele hier: Ehemalige, die sich wieder finden, lange nachdem sie die traditionsschwere Erde gehegt haben.

Etwas muss in ihrem Aroma sein, das alle, die darin graben, mit einer Art Eros infiziert. Mit der, wie Sir Peter es formuliert, besonderen Verschworenheit einer Stammesgemeinschaft, die weiß, dass sie immer noch im Zentrum des Planeten agiert.Wenn nun auch nicht mehr als Jäger, sondern als Heger. "All life depends on plants" ist auf die Broschüren, die Tickets, die Plakate gedruckt. Die Fäden, die in der botanischen Metropolis von Kew zusammenlaufen, halten kein aufstrebendes Weltreich mehr zusammen, sondern das bedrohte Imperium der Pflanzen.

"Heute ist unser Ziel, die Diversität zu wahren", sagt Sir Peter. Zunächst als botanische Pinakothek: 40.000 Pflanzenarten wachsen in Kew, im Freien, unter Glas, im Steingarten, in Sümpfen und Miniaturalpen, geheizt oder gekühlt - etwa ein Zehntel der Spezies, die weltweit vermutet werden. "Viele sind anderswo längst ausgestorben", sagt der Direktor - etwa Bromus interruptus, ein Gras, das in England wild zuletzt 1963 gesichtet wurde.

Arche Noah am Stadtrand

So wird das Museum zur Zeitkapsel, wird selbst zum Samenkorn einer Epoche, in dem frühere Fülle überdauert. "Wir sollten uns alle Optionen offen halten", sagt Sir Peter - wer weiß, vielleicht spendet Bromus eines Tages einen lebensrettenden Stoff? Dass in den siebziger Jahren eine Seuche den asiatischen Reisbau nicht weit gehend vernichtete und zu einer Hungerkatastrophe führte, ist nur der Kreuzung neuer Setzlinge mit einer wilden Form zu verdanken - sie stammte aus einem winzigen Tal, das kurz darauf unter dem Wasser eines Staudamms ertrank. Um ihre Optionen zu verbessern, arbeiten Molekularbiologen in einem Labor auf dem Parkgelände daran, Verwandtschaftsverhältnisse zu klären; Sammler schicken Fundstücke ans Herbarium, wo sie auf dicke Papierbögen geklebt werden - sieben Millionen liegen bereits in Archivschränken, 98 Prozent aller bekannten Gattungen. Noch immer sind nicht alle Floren der Welt katalogisiert, und viele, die daran arbeiten, beschreiben die Details anhand der getrockneten Blätter von Kew - und geben damit nicht nur Fakten weiter, sondern botanische Fertigkeiten, die immer weniger junge Forscher beherrschen.

"Ich bin wahrscheinlich der einzige Samenmorphologe der Welt", vermutet Wolfgang Stuppy in seinem kleinen Labor, vor dessen gläserner Wand die geschwungene Landschaft des Parks von Wakehurst Place gemächlich ausrollt. Der Deutsche arbeitet in Kews ehrgeizigstem Projekt, ausgelagert in die 200 Hektar eines Tudorsitzes südlich von London. Die Millennium Seed Bank soll nicht Katalog sein, sondern Refugium - ihre atomsicheren Tresorräume werden die Samen von 24.000 Pflanzenarten bunkern.

Der für tausend Jahre Haltbarkeit gebaute Safe liegt im Keller eines hochmodernen 80 Millionen Pfund teuren Laborkomplexes. Forscher wie Stuppy versuchen zu ergründen, was ein Kern braucht, um aus seinem Dornröschenschlaf zu erwachen - eines Tages, wenn die Speicherkörner vielleicht die einzigen Überlebenden einstiger Pracht sind. Andere Kollegen, wie der Biologe Moktar aus Burkina Faso, versuchen genau dieses Szenario zu verhindern.Viele Menschen in Afrika etwa haben verlernt, wie die einheimische Akazie keimt, weil überall Eukalyptus steht, und verderben bei Aufforstungsprogrammen die Setzlinge. In Mali oder Namibia organisiert er deshalb Schulungen, denn "für manche Wildpflanzen könnte es bald zu spät sein".

Doch zu spät wofür? "Gewiss wäre eine Welt denkbar, in der nur zwei Baumarten vorkämen", sagt Sir Peter. "Aber", fügt er hinzu, "wir müssen uns auch fragen: In welcher Welt wollen wir leben?" Dann lächelt der Direktor, weil er weiß, dass sein Garten selbst die Antwort ist. Dass er die Welt zeigt, in der Menschen leben möchten, sogar nach dem Tode weiterleben, auf diesen Holzbänken mit Widmungen wie "In memory of Bob and Win Collett / 80 happy years in Kew". Diese glücklichen Jahre sehen aus wie Gemälde von John Constable, mit Lichtungen, die sich in der Stille zitternder Gräser und trockener Nesseln verlieren, in der Durchsichtigkeit eines Landfriedhofs.

So enthüllt gerade das Enzyklopädische des Parks eine Systematik des Gefühls. "Der Natur helfen", war die Devise von Queen Caroline, die am Anfang der Pflanzungen stand; aber Kew Gardens ist längst mehr.Der Park verwandelt sich in eine symbolische Arche, die nicht nur Pflanzen rettet, sondern auch bestimmte Arten, zu fühlen, zu riechen, zu schmecken: nicht Außen-, sondern Innenwelt - ein grünendes Labyrinth aller nur denkbaren Empfindungen.

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Autor:
Andreas Weber