London Das Geheimnis von Swingin' London

London bietet gute Adressen für Musik-Promis. Zum Beispiel die Brook Street 23 im Nobel-Stadtteil Mayfair. Neben dem Hauseingang erinnert eine Tafel der Denkmalschutz-Organisation English Heritage daran, dass Georg Friederich Händel von 1723 bis zu seinem Tode 1759 wohnte. Ein paar Meter weiter haben die Heritage-Bewahrer dieses Schild aufgehängt: "Jimi Hendrix, 1942-1970, Guitarist and Songwriter lived here 1968-1969".

Der Barock-Tonsetzer und der Rockgitarren-Zerfetzer sind posthum richtig gute Nachbarn geworden. Wo Händel sein "Hallelujah" komponierte, erinnern heute Gemälde und handschriftliche Aufzeichnungen an diesen Schöpfer der "Feuerwerksmusik". Die Museumsverwaltung vom Händelhaus residiert gleich nebenan in jenem Schlafzimmer, wo Jimi einst wilde Aftershow-Parties feierte.

Virtuosen, die für ein paar Konzerte in London weilten, bevorzugten Soho mit seinen Vergnügungs- und Beherbergungsbetrieben. Der neun Jahre alte Mozart machte hier Station, als ihn seine Wunderkind-Europatournee an die Themse führte. Zeitgenössische Popularmusiker ohne festen Londoner Wohnsitz steigen heute im ab. Von dort gut erreichbar ist die Denmark Street mit ihren Musikverlagen, Tonstudios und Instrumenten-Dealern. Wer keine Zeit hat, sich dort eine Fender oder Gibson zu kaufen, leiht sich an der Sanctum-Rezeption eine Gitarre und spielt im Hotelzimmer das Demo für seinen nächsten Hit ein.

Im hoteleigenen Kino führen Pop-Stars und solche, die es werden wollen, der Medienmeute ihr neuestes Video vor. Außerdem ist jedes Sanctum-Zimmer mit DVD-Player und iPod-Dockingstation ausgestattet. Zum Begrüßungspaket gehören Kondome und andere Utensilien, die ein Musiker so braucht. Und wie reagiert das Management auf etwaige Starallüren? - Der Chief-Concierge Jean da Silva verweist auf seine Erfahrung mit Showbusiness-Größen: "Mich schockt nichts mehr. Sonderwünsche werden bei uns nicht diskutiert, sondern erfüllt."

Nur auf ein Tabu wird jeder hingewiesen, der im Sanctum Soho eincheckt: Es ist verboten, andere Hotelgäste zu fotografieren oder um Autogramme zu bitten. Da machen Jean da Silva und sein Team keinen Unterschied zwischen einem Stammgast, der für 3500 Pfund pro Nacht die Garden Loft Suite gemietet hat, und dessen Fan, der für 175 Pfund in einem weniger feudalen Zimmer authentisches Glitzerwelt-Feeling genießen möchte.

Bert Brecht und Kurt Weill siedelten die Handlung ihrer "Three Penny Opera" in der einst so schmuddeligen Nachbarschaft vom Sanctum Soho Hotel an. Die 1728 in London uraufgeführte "Beggar's Opera", von der sich die zwei "Dreigroschenoper"-Macher inspirieren ließen, wird heute übertönt von den schrillfarbig bemalten Fassaden der Shops und Pubs nördlich vom Piccadilly Circus. Statt "Mackie Messer" und "Seeräuber Jenny" beherrschen der 1966 von den Kinks besungene "Dedicated Follower Of Fashion" und die Nachfahren von David Bowie's "Ziggy Stardust" das Viertel rund um die Carnaby Street.

Sie ist eigentlich nur eine Fußgängerzone. Aber jeder Fummel, der an dieser Shoppingmeile im Schaufenster hing, wird verehrt als authentisches Souvenir from Swingin' London. Die Carnaby Street ist für praktizierende Mods und Hippies jener Pilgerweg, an dem die Stones und die Who und die Small Faces sowieso ihre Arbeitsklamotten gekauft hatten.

Deren liebster Arbeitsplatz war keine fünf Minuten Fußweg von hier entfernt. Im Marquee Club hatten viele Londoner 1958 zum ersten Mal eine elektrische Gitarre live gehört. Damals kultivierten die Traditional-Jazzer zusammen mit Folk-Musikanten die Skiffle-Music und bereiteten den Boden für die Beat-Kapellen.

Den Lieben daheim beweisen: I was there.

Ende der Sixties war der Club eine Experimentierstube für Led Zeppelin und andere Bands, die später als Global-Rock'n'Roll-Players auf dieser winzigen Bühne nicht einmal mehr ihre sämtlichen Schlagzeug-Einzelteile hätten aufstellen können. In den Siebzigern waren halluzinogene Drogen bei Marquee-Konzerten oft wichtiger als die Bühnen-Show. Acid-, Progressive-, Hard-, Folk- und Heavy-Rock, Punk, New Wave und andere Spielarten mussten hier überzeugen, wenn sie außerhalb von London eine Chance auf Erfolg haben wollten.

Das Haus in der Wardour Street 90 hat für seine Kultur-Förderung den höchstmöglichen Preis bezahlt: 1987 machte die zuständige Behörde den Marquee dicht. Messungen hatten ergeben, dass die mit allerhöchstem Schalldruck erzeugten good Vibrations die Bausubstanz geschädigt hatten. 2002 eröffnete der "Eurythmic"-er Dave Stewart den Club woanders neu, gab aber nach vier Monaten auf. Heute präsentiert im Original-Marquee der Floridita Club seine Material und Ohren schonende kubanische Live-Musik.

Nun die gute Nachricht: Der 1959 gegründete stellt - keine Viertelmeile vom alten Marquee entfernt - immer noch jeden Abend ein verdammt anspruchsvolles Jazz-Publikum zufrieden. Swing-, Bebop-, Avantgarde-, Weltmusik- und Blues-Größen testen vor diesen bestens geschulten Ohren abends ihr neues Programm, wenn sie Termine in London haben. Tagsüber führen sie Interviews, schließen Verträge oder arbeiten für einen gewerkschaftlich ausgehandelten Tarif als Studiomusiker.

Die Anschrift "3 Abbey Road, St. John's Wood (City of Westminster), London NW8 9AY" steht seit 1931 in den Adressbüchern von Musikern aus aller Welt. English Heritage könnte an dem inzwischen denkmalgeschützten Gebäude viele blaue Schilder anbringen mit Hinweisen wie "Hier spielte Yehudi Menuhin, Geiger und Dirigent, mehr als 200 Schallplatten ein". Oder "Hier nahmen Pink Floyd ihre erstes Album auf", "Hier nahm Glenn Miller seine letzte Platte auf", "Hier sang Shirley Bassey den Titelsong für James Bond's Goldfinger". Und vor allem: "Hier produzierte George Martin 90 Prozent aller Beatles-Tonträger".

Autofahrer fluchen deshalb heute über John, Paul, George und Ringo. Eigentlich wollten die Fab Four ihren Karriere-Höhepunkt markieren mit einem Foto, das die Pilzköpfe auf einem Himalaya-Gipfel zeigt. Aber sie waren im August 1969 dermaßen zerstritten, dass sie nach Beendigung ihrer letzten Zusammenarbeit für den Fotografen nur noch zehn Minuten lang auf dem Zebrastreifen vor den hin und her gehen wollten. Beatles-Fans behindern dort heute den Verkehr und lassen sich auf diesem Walk-of-Shame ablichten, um den Lieben daheim zu beweisen: I was there.

Bei der drei Stunden langen auf den Spuren des Quartetts ist ein Fotostopp an der Abbey Road im Preis (75 Pfund) inbegriffen. Auch der Beatles-Kenner Richard Porter schlendert bei seinen geführten Spaziergängen (pro Teilnehmer 8 Pfund) über diesen Zebrastreifen. Dabei gibt es für Musikliebhaber weitaus schönere Places to go in London.

Zum Beispiel die Royal Albert Hall. Jeden Sommer finden so genannte Promenadenkonzerte - kurz: Proms - in diesem viktorianisch plüschigen Rundbau statt. Rappelvoll wird es hier bei der "Last Night Of The Proms", mit der die Konzertreihe abgeschlossen wird. Weil sich diese Kundgebung des feinsinnigen englischen Humors dank weltweiter TV-Übertragungen zu einer Touristen-Attraktion gemausert hat, dürfen die Proms-Fans inzwischen bei Openair-Veranstaltungen im gesamten Vereinigten Königreich "Rule Britannia" und "Land Of Hope And Glory (Pomp And Circumstances)" mitgrölen.

Viele Promenaders finden dieses Public-Viewing vor allem im Hydepark attraktiver und atmosphärisch viel entspannter als das Gehopse und Fähnchenschwenken in der königlichen Albert-Halle. Trotzdem sollte das Publikum einige neu in das Mitmach-Repertoire aufgenommene Songs schon mal in der heimischen Badewanne üben: Richard Wagners Lohengrin-Brautmarsch und die Fußball-Hymne "You'll Never Walk Alone". Denn in Hörweite vom Hydepark wohnen solche Kenner wie Georg Friederich Händel und Jimi Hendrix.

Link-Tipps

Abbey Road Studios

www.abbeyroad.com

Jazz Club "Ronnie Scott's"

www.ronniescotts.co.uk

Geführte Spaziergänge auf den Spuren der Beatles

www.beatlesinlondon.com

Bus- und Taxi-Touren auf den Spuren der Beatles und anderer Pop-Stars

www.thecelebrityplanet.com/london/electric-beatles-tour.html

Das Musiker-Hotel in Soho:

www.sanctumsoho.com

Hier wohnten Hendrix und Händel:

www.handelhouse.org

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Autor:
Winfried Dulisch