London Camden Town's Musikszene

"Camden Town: Inspiration oder Höllenloch?", fragte die Times zwei Tage nachdem Amy Winehouse im Juli 2011 tot in ihrer Wohnung am Camden Square aufgefunden wurde. Die Soul-Sängerin verkörperte mit ihrer Liebe zur Musik und dem tragischen Hang zum Exzess die aufregende, nicht ganz ungefährliche Essenz des Viertels. Für das Camden New Journal war sie am Ende sogar zu "Camdens Maskottchen" geworden.

100.000 Menschen zwängen sich am Wochenende durch die Märkte und dunklen Nebenstraßen. Camden ist das kommerziellste Viertel jenseits der City und schämt sich dafür kein bisschen. Hier werden seit Jahrzehnten Trends und Bands geboren - und in Windeseile als T-Shirts und Poster weiter verkauft. Die Preise haben sich im Gegensatz zu so manchem Händler in der Regel gewaschen. Ein Foto vom Stand? "No way", sagen fast alle, genervt mit der Hand wedelnd. Man hat Angst, dass Chinesen (und auch die lokale Konkurrenz) die Ideen stehlen.

Trotz des Massenansturms lebt die Szene weitgehend unbelästigt und feiert sich Nacht für Nacht selbst. Der Trick des Untergrunds? Er versteckt sich in Ecken und Nischen, an denen zunächst nur die Gewöhnlichkeit außerordentlich erscheint. Camdens Prominenz - die alten Britpop-Rivalen von Blur und Oasis, Ozzy-Tochter Kelly Osbourne, Superstar-Model Kate Moss, Schauspielerin Kirsten Dunst ("Spider-Man") - berauschen sich an der gänzlich unprätentiösen Atmosphäre in runtergerockten Pubs wie dem "Hawley Arms" oder "The Good Mixer". Hier gibt es keine Türsteher, keine Vip-Bereiche, keine Berührungsängste, dafür aber grenzenlose Lust auf Musik, Alkohol und mitunter auch auf derbere Sachen. Ausgerechnet im grünen, bürgerlichen Nordwesten der City, umzingelt von der Schönheit von Primrose Hill, Hampstead und Regent's Park, schlägt ein harter, viel zu schneller und viel zu lauter Puls. Camden, das ist: Herzrasen.

Aber es gibt auch ein anderes, gelasseneres Camden; das der Literaten, des pittoresken Regent's Canal und der feudalen Villen. Die Wucht der Gegensätze könnte eine ganze Stadt erdrücken, doch das ehemalige Dörfchen hat sich mit seinem eigenen Wahnwitz bestens arrangiert. Die Widersprüchlichkeit ist ja tief verankert, wie die Geschichte zeigt: Der große Aufstieg des Viertels in den frühen siebziger Jahren begann mit seinem Niedergang.

Camden war im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts, als der Kanal und die Eisenbahn die Gegend erschlossen hatten, ein wichtiger Handelsplatz. Zunächst zogen Pferde die Lastboote am Kanalufer gen Westen, später siedelten sich Warenlager an. Die Industrialisierung ließ arme, irische Einwanderer nach Camden strömen, die ihre Trinkkultur mitbrachten (viel und ausdauernd). Camden wurde zum überfüllten Kiez des Londoner Nordens, ein proletarisches Vergnügungsviertel. Charlie Chaplin trat 1912 in der "Bedford Music Hall" auf, ein modernes Tanzlokal wie heute der "Electric Ballroom". Dichter und Schriftsteller wie Charles Dickens, Dylan Thomas, George Orwell, William Butler Yeats und Mary Shelley, die Autorin von "Frankenstein", küsste in Camden die Muse. Der Siegeszug des Autos aber ließ nach dem Zweiten Weltkrieg den Stadtteil links liegen. Kanalboote spielten als Verkehrsmittel keine Rolle mehr. Die Lager wurden geschlossen, Teile des alten Camden für Sozialwohnungen abgerissen.

Mitten in diesen strukturellen Abschwung platzte in den sechziger Jahren die Gegenkultur des Swinging London, die viele leerstehende Gebäude für sich entdeckte. Das "Roundhouse", ein ehemaliger Lokschuppen, bot im Oktober 1966 Pink Floyd die Bühne für "das erste Rock-'n'-Roll-Konzert Camdens", wie Ann Scanlon in ihrem Buch Those Tourists are Money: The Rock 'n' Roll Guide to Camden schreibt. Die Rolling Stones, David Bowie, Jimi Hendrix und viele andere Größen folgten; die Doors gaben hier 1968 ihre einzigen Konzerte in London.

Drei junge, unternehmungslustige Londoner übernahmen 1971 das frühere "T.E.Dingwall's"-Holzlager gegenüber des Camden Lock, der Kanalschleuse, vermieteten Teile des Gebäudes an Künstler weiter und eröffneten einen Markt für Selbstgemachtes. Der Camden Lock Market wurde zum Fixpunkt der alternativen Szene und eine Attraktion für Londoner und Auswärtige. Eine Gesetzeslücke ermöglichte es den Händlern, auf dem Privatgelände auch sonntags ihre Waren zu verkaufen, während im Rest der Stadt die Geschäfte geschlossen bleiben mussten. Erst 1994 wurden die Ladenöffnungszeiten im Vereinigten Königreich allgemein liberalisiert.

Ein musikalisches Epizentrum - schon wieder!

Im Windschatten des Camden Lock siedelten sich im Westen sowie auf der anderen Straßenseite der Camden High Street zwei weitere Märkte an, die mit den Jahren zu einem einzigen, kunterbunten Freiluftmarkt verschmolzen. In einem Teil des "Dingwalls" eröffnete 1973 ein zweiter wichtiger Konzertsaal. Spätestens als das altehrwürdige "Camden Theatre" 1977 zur "Music Machine" umgewandelt wurde und die aufkommende Disco- und Punkszene beherbergte, war Camden als Londons Lautsprecher etabliert.

Das "Music Machine", 1982 in "Camden Palace" umbenannt, brachte Steve Stranges New-Wave-Parties und ein Jahr danach die junge Madonna zu ihrem Auftritt auf der Insel nach Camden. Wer brandneue Nischen-Genres zuerst hören wollte, egal ob Hip-Hop, Rare Groove, Acid House oder Jungle, pilgerte in den Palast, der heute "Koko" heißt.

1996, exakt dreißig Jahre, nachdem die Musik das Viertel gerettet hatte, revanchierte sich dann Camden, indem es die (britische) Musik rettete: Blur und Oasis, die ihre ersten Gigs in gepflegt versifften Pubs wie "The Monarch" und "The Dublin Castle" bestritten hatte, erfanden zusammen mit Trinkpartnern wie Elastica, Suede, Supergrass und The Black Grapes den "Brit Pop". Camden wurde abermals zum musikalischen Epizentrum.

Drogen waren natürlich stets mit von der Partie und möglicherweise ein nicht unerheblicher Bestandteil der Attraktion. "Pulp"-Sänger Jarvis Cocker setzte dem Viertel in "Sorted for E's and Wizz", einem Song über die von Ecstasy- und Amphetamin-Tabletten befeuerten Warehouse-Partys in den Neunzigern, ein kleines musikalisches Denkmal. "Der Piratensender sagte uns, wo es abging", sang er, und "ich kaufte die Tickets von einem bekloppten Typen in Camden Town".

Rund um die U-Bahn-Station dient die Gegend noch heute als Umschlagplatz für allerhand Rauschmittel; die fliegenden Haschisch-Händler werden zwar alle paar Wochen von der Polizei vertrieben, kommen aber bald wieder zurück. Sie sorgen dafür, dass Camden trotz der Busladungen von Schülerreisegruppen edgy bleibt, wie der Londoner sagt. Eine Ecke mit scharfen Kanten, die auch weniger angenehme Zeitgenossen anzieht - wie den berüchtigten "Camden Ripper", der 2002 drei Frauen ermordete.

Am Tag nach dem Tod von Amy Winehouse sind rund um den Markt zahlreiche Straßen abgesperrt, viele Touristen blieben stehen und machen ein Souvenirphoto vor dem blau-weißen Polizeiklebeband. Ein Bobby schaut leicht amüsiert zu. "Hat nichts mit Winehouse zu tun, hier war gestern Nacht nur eine ganz normale Messerstecherei", erklärt er auf Nachfrage.

Ein paar Straßen weiter, vor dem Haus mit der Nummer 31 am Camden Square: ein neuer Wallfahrtsort. Winehouse-Fans aus der ganzen Welt haben Blumen und Karten ausgelegt, aber auch Zigarettenschachteln und Bierdosen. "Camden wird ohne Amy leiser sein", schreibt Roisin Gadelrab, die Musikredakteurin des Camden New Journal. Aber das stimmt nicht ganz. Am Tag der Beerdigung fällt die Totenwache am Camden Square so heftig aus, dass spätnachts die Polizei ausrücken muss. Amy hätte die makabre, zügellose Party wahrscheinlich gefallen.

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Autor:
Raphael Honigstein