Slowenien Ljubljana bleibt lässig

Der Hipness-Wettbewerb ist abgeflaut in den mittel- und osteuropäischen Städten. Vorbei die rastlose Suche der Nullerjahre nach Design und Nachtleben, nach schönen Menschen und gutem Essen. Von Prag über Budapest sprang der Funke der Neuentdeckung ins Baltikum, und weiter ging es nach Zagreb, Bukarest oder Belgrad. Den Entdeckern folgten die Billigflieger und dort, wo es erfolgreich lief, kippte das Ganze oft in Richtung Spaßterror. Mit Partygruppen auf der Suche nach billigen Longdrinks. Eine fatale Entwicklung in Richtung Ballermann. Selbst das litauische Vilnius war es irgendwann leid, immer nur mit seinem ausufernden Clubleben verbunden zu werden.

Auch die slowenische Hauptstadt Ljubljana geriet Ende der Neunziger in den Blickpunkt der Trendsetter. Die anmutige Lage am Flüsschen Ljubljanica, der städtebauliche Mix aus Barock, Jugendstil und den Schlüsselwerken des National-Architekten Joze Plecnik ließ eine Ahnung vom nächsten Hotspot aufkommen. Allein auf ein euphorisches Nachtleben ließ sich die Stadt allerdings nicht beschränken.

Stattdessen wurde ein eigenwilliges Schmuckkästchen herausgeputzt, das nun seine Rolle aus Zeiten der österreichischen K.u.k.-Monarchie neu bestimmen wollte. Selbstbewusst und nach Westen orientiert. Fernab jedenfalls vom chaotischen Balkan. So wirkten der EU-Beitritt 2004 Sloweniens und die Euro-Einführung 2007 in der Hauptstadt wie selbstverständlich. Ljubljana stand wieder für eine gewisse Gediegenheit, eingebettet in Wald- und Weingebiete, die sich mit dem Swing einer großen Universität mischte. Dabei konnte die Stadt in jenen Jahren heranreifen, ohne vom Massen- oder Partytourismus überrollt zu werden.

Und so ist eine gewisse Müßiggänger-Stimmung zu spüren, wenn man vom Hauptbahnhof den kurzen Fußweg ins Zentrum vorbei an Cafés, Imbiss-Stuben und Elektroläden nimmt. Alles scheint übersichtlich und geordnet, ohne bereits zu Tode renoviert zu sein wie eine historische Puppenstube. Pastellener Barock neben grauen Sozialismus-Resten, das verbindet sich hier zu einem anmutigen Charakter. Ein Großstadt-Dorf mit 280.000 Einwohnern, das ganz auf den Prešerenplatz mit Dichterdenkmal und der rosa schimmernden Franziskanerkirche zentriert ist. Die gute Stube der Stadt. Hier sitzen Touristen und Einheimische einträchtig unter Schirmen, und blinzeln auf die "Tromostovje" (Drei Brücken) am nahen Flussufer.

In den Einkaufsstraßen stoßen die üblichen Modeketten auf kleine Plattenläden, die für 9,90 Euro Raritäten von Lou Reed und Fleetwood Mac anbieten. Ljubljana setzt auf einen eigenen Stil, zu dem auch gehört, nicht dem pompösen Gucci- und Prada-Markenwahn russischer Prägung zu huldigen. Der Osten war gestern, auch bei der Kleidung. Auf dem zentralen Markt am Vodnik-Platz wird großen Wert auf regionale Anbieter gelegt. Abends sitzt man Generationen übergreifend in den Flanierzonen des Flussufers oder im Traditionscafe "Macek" in der Krojaška ulica. Wer durch die Gassen spaziert, sollte gelegentlich an den allgegenwärtigen Ständen ein Himbeereis kaufen. Schon eine Ecke weiter stößt man auf die älteste Philharmonie der Welt aus dem Jahre 1701, in der einst der Haydn, Beethoven oder Mahler spielten.

Dieser Rhythmus zwischen Historie und profanem Alltag stimmt milde. Dafür nimmt man sogar in Kauf, dass die berühmten eisernen Drachen von Ljubljana, die gleich vierfach die Drachenbrücke flankieren, gar nicht so erhaben sind wie auf all den Bildern. Der Streifzug führt vorbei an der slowenischen Architektur, wie bei der einstigen Genossenschaftlichen Wirtschaftsbank mit ihren bunten Ornamenten. Während ältere Herren beim Spaziergang durch den nahen Tivoli-Park ältere Herren auf den Rastplätzen stoisch Schach spielen, kommt unweigerlich das Gefühl auf, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Eine Ausgeglichenheit, die dafür sorgt, dass mancher Tourist auf der Durchreise ein paar Tage länger bleibt, um etwas auszuspannen; was auch mit kleinerem Budget angenehm möglich ist. Das Hostel in der örtlichen Kunsthochschule etwa bietet öffentliche Räume zur Übernachtung. Die Gäste schlafen für rund 20 Euro pro Nacht in Ateliers zwischen Staffeleien, Fotos und Aktbildern. Die Studenten können sich in den Semesterferien an der Rezeption etwas dazu verdienen.

Autor:
Ralf Niemczyk