Segelreise

Seepocken mit Salzkruste

Geschrieben am Donnerstag, Mai 17, 2012 - 10:30

Da soll niemand sagen, dass auf einer Segelreise das Geistige zu kurz käme. Zwar sind in den Fischerhäfen, an den leeren Ankerbuchten und Marinas, die wir anlaufen, nicht wirklich Museen für moderne Kunst zu finden. Auch Galerien und Bildungsabende fehlen hier in Gänze. Aber das macht nichts. Das Auge erspäht am Meer doch immer wieder Bilder, Motive, Formen, Strukturen, Muster, Farben, Reliefs, Skulpturen.

Marc Marin
Oft muss man nur ganz an die Welt und die Dinge herangehen, muss mit seinen Augen auf Makroperspektive zoomem. Schon darf man sich wunderschöne Bilder anschauen, erstaunlich abstrakte Werke, die wie moderne Kunst anmuten - aber ja doch in erster Linie Natur sind. Geformt von Wind, Wetter und Meer. Gemalt vom Salz, von den Meerespflanzen und Verwitterungsprozessen. Die vom Salz zerfressene türkise Wand einer Fischerhütte könnte von Tàpies stammen, die Salzkrusten und grünen Algen auf dem von der Ebbe freigegebenen Meeresboden von Penck.

Marc Marin
Die Seepocken und Moose auf den Steinen hätte ein Robert Motherwell malen können, ein Emil Schumacher, gar Meister Beuys, als er aquarellierte und in seiner wunderbaren Urschlitten-Phase war. Nein, kein Museum in der Nähe. Kein gelackter Buchladen, in dem Hochglanzfolianten ausliegen. Fern und spurlos verblasst sind auch die eitlen Galerien, in denen Sammler in Hut und Schnöselschal mit den Millionen hantieren. Nein, alles weg, alles fort. Und doch ist alles im Überfluss vorhanden. Hier genügt es, seinen Blick auf die Gestade zu senken. Auf die Sandbänke, Spülsäume und Meeresgründe, auf die Formen, Farben und Materialien der Küste und des Meeres.
Autor:
Marc Marin